Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: volle Zustimmung

susu, Saturday, 05.06.2004, 23:43 (vor 7916 Tagen) @ Anti-Sexistin

Als Antwort auf: Re: volle Zustimmung von Anti-Sexistin am 05. Juni 2004 11:32:38:

Hallo Anti-Sexistin

Poststrukturalismus ist Quatsch. Klar, Elementarteilchenforschung ist vor dem Hintergrund der Festkörperphysik auch Quatsch.

Kommt mir in meiner Festkörperphysikvorlesung nicht so vor. Da würde klassische Mechanik besser passen.

Das Schlimme an Journalisten und Kolumnisten ist oft, daß sie meinen, für ihre Leser wissenschaftliche Ergebnisse beurteilen zu müssen. Dies traue ich nur einem langjährigen und gut spezialisierten Fachjournalisten zu.

Sehe ich nicht unbedingt so. Z.B. sind weder Gero von Randow noch Rangar Yogeshwar Spezialisten in vielen der Fachgebiete, über die sie schreiben (dafür sind sie zu generalistisch). Dennoch sind beide IMO Beispiele für exemplarischen seriösen Wissenschaftsjournalismus. Um die Methodik von Studien zu verstehen reicht ein Grundverständnis der wissenschaftlichen Erkenntnistheorie und der Statistik aus. Diese dann verständlich zu vermitteln erfordert vor allen didaktische Fähigkeiten und das Augenmaß die Rezipienten weder zu unter- noch zu überschätzen.

Schwarzer war immer - gibt sie auch zu - Autodidaktin. Eine wissenschaftliche Ausbildung hat sie nie genossen. In die Theorien Sartres und Beauvoirs hat sie sich so durchgelesen, was ja auch okay ist, obwohl Franzosen dabei das Kotzen bekämen, da der Philosophieunterricht in Frankreich nur was für harte Nerven ist, während in Deutschland fast an allen Universitäten ebenfalls autodidaktisch vorgegangen wird. Also nicht anders als Schwarzer. Sie hat ebenfalls Sartre und Beauvoir interviewt, hatte auch Kontakt zu Monique Wittig. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie jemals den "Lesbischen Phallus" gelesen hat.

Ich auch nicht. Ich gehe an die Philosophie ja auch autodidaktisch heran, oder besser gesagt: Ich philosophiere entlang meiner Rezeption anderer Texte. Ich lese gerade Deleuze/Guattari und aus meiner von Deleuze abweichenden Spinoza-Rezeption formuliere ich bei dieser Lektüre immer einen parallel gedachten Strang mit. Ich fasse einen philosophischen Text nicht als etwas bereits gedachtes auf, sondern als von mir (potentiell deutlich anders als von der verfassenden Person) zu denkendes. Das ist natürlich sehr eng an Foucaults Überlegungen zur Philosophie in "Sexualität und Wahrheit - Teil 1" dran. Also jeden Satz als Brandsatz zu denken.

Ich schließe mich susu an. Schwarzer ist nun völlig überholt, genauso wie der alte Feminismus. Allerdings habe ich letztlich mal wieder in Beauvoirs "Anderes Geschlecht hineingelesen". Mir scheint, selbst für Gender-Theorie ist es nicht vollständig überholt.

Butler arbeitet sich ja an de Beauvoir ähnlich ab, wie es Foucault an Satre tat. Letztendlich geht es darum, daß bei Beauvoir immer noch ein essentialistisch gedachtes Subjekt existiert. Selbst wenn eine Frau "Gemacht" ist, gibt es bei SdB doch noch das Endprodukt. Und im Kapitel 1 wird quasi ein vordiskursiver Körper entworfen. Dabei steht zwar außer Frage, daß ohne "Das andere Geschlecht" "gender trouble" gar nicht hätte gedacht werden können, allerdings sehe ich hier immer noch eine sehr breite Kluft.

Die EMMA lese ich nur beim Frauenarzt. Aber auch nur, weil ich nicht auf das "Goldene Blatt" stehe, das da sonst noch herumliegt.
Daß es keine guten Nachwuchs-Feministinnen gibt, ist allerdings nicht allein die Schuld von Alice Schwarzer. Der Journalismus ist nicht die einzige Instanz, in der Feminismus und Maskulismus auftauchen können. Ein Blick in die Universitäten zeigt da noch mehr. Klar, es gibt feministische Lehrstühle in Deutschland. Auffällig ist hierbei, daß sie oft mit Frauen besetzt sind, die über Lessings Nathan oder die Droste eine zahme Habil geschrieben haben. Sozial-verträglich verträglich, nett, lieb, fernab jeder feministischen Theorie oder solcher Kenntnisse in diesem Bereich. Dies hat nicht unbedingt damit was zu tun, daß unsere Männerdomäne Geisteswissenschaften keine Feministin auf einem feministischen Lehrstuhl ertragen könnte. Keineswegs! Die Gründe liegen vielmehr - wenn ich es richtig sehe - darin, daß die meisten neueren feministischen und postfeministischen Theorien sehr stark von der Dekonstruktion beeinflußt sind (Derrida lehnt das Wort "Poststrukturalismus" für sich ab, er spricht ausschließlich von Dekonstruktion.

Butler tut genau das Gegenteil. In "Feminists theorize the political" lehnt sie den Dekonstruktivismus scharf ab und bezeichnet sich als Poststrukturalistin. Die Argumentation ist sowohl lesenswert in ihrer für Butler ja eigentlich untypischen Klarheit und Präzision, als auch einleuchtend.

Ismen sind zutiefst metaphysisch und jemand, der Metaphysik dekonstruiert - hierfür steht Derridas gesamtes Frühwerk - sieht in einem solchen Begriff das absolute Gegenteil dessen, was er tut und damit will), kriegen hier die Profs, die fast alle gewendete und vom Establishment bestochene Alt-68er sind (deshalb mögen sie Goethe, der war im Grunde auch so einer:-)) die Krise mit der Dekonstruktion. Erst mal ist sie schwer verständlich. Sie liegt weitab dessen, was in Deutschland zum geisteswissenschaftlichen Kanon gehört(e) (z.B. die Schrifttheorie). Dann kommen diese Philosophen alle aus der französischen 68er-Bewegung, sind allerdings theoretisch anders gestrickt: keine sinnsuchende hermeneutische Lektüre mehr von Texten, sondern - die Linguistik einbeziehend - eine Dekonstruktion aufgrund der "Flüssigkeit" des Signifikanten. Als Lektüre ist Dekontruktion etwas, was die Adern der Sinnstiftung im linguistischen Feld aufspürt, indem sie Texte gegen den Strich liest. Die Ergebnisse - soweit man sie versteht - waren völlig kritische und hochinnovative Interpretationen von Texten, doch keineswegs deren Zerstörung (dummerweise verwechseln viele, die sich nie gründlich damit befaßt haben, Dekonstruktion mit Destruktion, auch wenn Derrida zweifellos jede Form der Analyse/Interpretation für einen Akt der Gewalt und Vergewaltigung hält, aber dies ist noch anders gemeint, als seine Nicht-Versteher es gerne haben wollen).

Wobei dieser Gedanke Derridas praktisch identisch mit Enzensberger ist... ICh würde dem noch hinzufügen, daß gerade Brecht hier entschiedend ist, mit seiner Forderung kein Satz dürfe so geschrieben sein, daß er vom Gegner verwendet werden könne. Demgegenüber stellen Foucault und Deleuze Texte, die dafür geschrieben sind, gebraucht zu werden. Gerade bei Foucault ist jeder Satz prima zitierbar und benötigt meist keinen Kontext. Und da kommt die Hermeneutik, der Text der PoststrukturalistInnen ist offen, der der Kritischen Theorie, oder der Frankfurter Schule ist geschlossen. Um Adorno zu gebrauchen muß Adorno erst mal dekonstruiert und rekonstruiert werden. Um die PS zu gebrauchen, können deren Bücher fast schon nach dem Zufallsprinzip geöffnet werden und dem Text Sätze entrissen werden. (Allen gemein ist übrigens auch das ungekennzeichnete Zitat, bei den meistzitierten Texten. Foucault zitiert z.B. Nitsche, Marx und Heidgger nie kenntlich, sondern immer nur als homogen in den eigenen Text gefügte Fragmente).

Nun, haben hier deutsche Professoren ein gewaltiges Problem a) mit ihrer 68er Vergangenheit b) mit der Dekonstruktion.
Dekonstruteure sind auch Alt-68er. Sie wollen nicht die Revolution, sie wollen die Subversion. Sie haben einen Machtbegriff, den Marx so nie gekannt hat. Das alles läuft auf die Frage hinaus: wie revoltiert man gegen gescheiterte Ex-Revoluzzer? Hierin sehe ich das Hauptproblem, daß es in Deutschland keinen guten feministischen Nachwuchs gibt. Ein Problem, daß sich sicherlich auch mal dem Maskulismus stellen wird, sobald auch die Basis besseren Kontakt mit den Akademikern hat.

Besser wäre die Frage: Wie schafft man es, daß die gescheiterten Ex-Revoluzzer es nicht schaffen in der Öffentlichkeit jeglichen Angriff als rechts zu brandmarken - oder andernfalls als Kulturindustrie. In der gender-debatte lese ich zu Butler in amerikanischen Texten i.d.R. die Bezeichnung "feminist" in Deutschland fast durchgehend "Post-Feministin". Und die Vorsilbe "Post" wird hier gern so verwendet, wie "anti" (und das gilt für fast alles was mit Post anfängt. Und das gerade von den Hermeneutikern, die es eigentlich besser wissen müßten...).

Und was mich noch vielmehr wundert ist: ich kenne zig Profs aus den Naturwissenschaften, den Ingenieurwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Gleiche Altersstruktur, doch nur den Geisteswissenschaftlern gelingt es nicht, auf dem aktuellen Forschungsstand zu bleiben. Sehr sehr seltsam. Diese Fachbereiche sind ausgesprochen reformbedürftig. Erst dann wäre der Boden geschaffen, für akademischen Maskulismus und Feminismus.

Es gibt ihn ja. Z.B. in Form der Textcard Nr.8. Oder auch die Zeit, in der Connell in Bochum gelehrt hat. Und schließlich hat Butler in Heidelberg studiert.
Das Problem scheint mir vielmehr darin zu bestehen, daß dafür keine Öffentlichkeit besteht. Das Thema wirkt leider sehr kryptisch (ich bin da mit Sicherheit kein positives Gegenbeispiel...) und referenziell. Und das führt dazu, daß - im Gegensatz zu beispielsweise Satre, der seine Gadnken immer gut durch literarische Werke promotete - diese Gedanken selbst unter den Intellektuellen keinen so großen Verbreitungsgrad haben. Ich glaube das Problem existiert in den Naturwissenschaften nicht in dem Ausmaß, weil es nur sehr selten zu wirklich großen Wechseln kommt und diese meist von einer einzelnen Publikation ausgehen. In den Geisteswissenschaften laufen immer verschiedene Ansätze parallel und was im Rückblick relevant ist, ist eben jetzt nicht als aktuell zu erkennen.


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