Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Re: volle Zustimmung

Anti-Sexistin, Friday, 04.06.2004, 18:39 (vor 7917 Tagen) @ Arne Hoffmann

Als Antwort auf: Re: volle Zustimmung von Arne Hoffmann am 04. Juni 2004 14:40:14:

Hi Arne,

Von daher wäre mal sinnvoll hier zu differenzieren: welche Frauen, welche Feministinnen etc. statt Globalgespenster aufzubauen. Das ist mein Kritikpunkt. Allerdings nehme ich Arne hier noch aus. Der ist da besser informiert als die meisten User hier.

Schön, dass du das anerkennst. Ich erwähne es schon im Vorwort meines Buches und als einige der wenigen Stellen im Fließtext fett gedruckt, dass die Frauenbewegung nicht grundsätzlich des Teufels ist und dass es verschiedene Strömungen von Feminismus gibt. Selbst Tommy zitiert ja immer wieder mal gerne Wendy McElroy, eine Vertreterin der "indivdual feminists". Wobei ich da in Deutschland die Lage aber sehr unbefriedigend finde: Welche bekannten Gegenstücke zu den "individual feminists" oder anderen Strömungen dieser Art gibt es denn hierzulande? Hier existiert doch nur das radikalfeministische Trüppchen unter Alice Schwarzer. (Schwarzer selbst lehnt ihre Zuschreibung als Radikalfeministin nicht ab.)

Die USA sind meistens heterogener als Deutschland, nicht nur in Sachen Maskulismus/Feminismus. Wenn Alice Schwarzer grundsätzlich nicht den Patriarchatswahn hätte, dann wäre sie eine Radikalfeministin und dann klänge das so:

"Die feministische Theorie ist zum größten Teil davon ausgegangen, daß eine vorgegebene Identität existiert, die durch die Kategorie 'Frau(en)' bezeichnet wird. Diese Identität soll nicht nur die feministischen Interessen und Zielsetzungen in der Welt des Diskurses anleiten, sondern auch das Subjekt bidlen, dessen politische Repräsentation angestrebt wird. [...]
Die politische Annahme, daß der Feminismus eine universale Grundlage haben müsse, die zu einer quer durch die Kulturen existierenden Identität zu finden sei, geht häufig mit der Vorstellung einher, daß die Unterdrückung der Frauen eine einzigartige Form besitzt, die in der universalen und hegemonialen Strutur des Patriarchats bzw. der männlichen Herrschaft auszumachen sei. Allerdings ist die Vorstellung von einem universalen Patriarchat in den letzten Jahren auf breite Kritik gestoßen, weil sie unfähig ist, den spezifischen Vorgehensweisen der Geschlechter-Unterdrückung in den konkreten kulturellen Zusammenhängen REchnung zu tragen." [...]

Jetzt die Kritik:

"Zweifellos verleiht der Feminismus dem Patriarchat einen universalen Status, um den Anschein des eigenen Anspruchs, repräsentativ zu sein, zu stützen."

"Tatsächlich verweist der Bruch zwischen dem Feminismus und der paradoxen Oppoaition von Frauen gegen ihn - die der Feminismus doch zu repräsentieren beansprucht - auf die notwendigen Grenzen einer Identitätspolitik. Die Unterstellung, daß der Feminismus für ein Subjekt, das er selbst konstruiert, eine breitere Repräsentation erreichen kann, hat ironischerweise die Konsequenz, daß feministische Zielseztungen zu scheitern drohen, weil sie sich weigern, der konstitutiven Macht ihrer eigenen Repräsentationsansprüche Rechnung zu tragen."

Das heißt im Klartext: der Feminismus schafft überhaupt erst die Frau als ein zu befreiendes Subjekt.

Oben steht etwas von Geschlechterunterdrückung (Plural!). In der Folge läßt sich der Text auch darüber aus. Als Gegenkonzept werden nicht mehr universalistische, sondern diverse Machtkonfigurationen untersucht, in denen Gechlecht jeweils unterdrückt wird. Diese haben keine universalistischen oder identifikatorischen Ansprüche mehr.

Die gleiche Gefahr ist jedoch hier im Umkehrschluß gegeben: Frauen als Abzockerinnen können nicht universal behandelt werden. Der Staat gibt mit der Bevorrechtigung von Frauen auf einigen Gebieten strukturell eine Bevorzugung vor. Diese muß von der empirischen Ebene und von den Einzelfällen differenziert diskutiert werden. Ansonsten ist der Maskulismus ruckzuck beim universalen Matriarchat.

Ebenso der Diskurs über häusliche Gewalt an Männern. Hier wurden einige Artikel zitiert, die den Gewaltbegriff allzusehr ausdehnen: Sexentzug und Gekeife ist noch nicht dasselbe wie seinen Partner oder seine Partnerin krankenhausreif zu schlagen. Artikel wie "weibliche Gewalt ist anders" ist eine Verwässerung der Gewaltbegriffs, um möglichst mehr Opfer unter den Männern zu generieren. Damit streite ich nicht ab, daß es auch Frauen gibt, die richtig hart auf ihre Männer losgehen. Ich möchte hier viel mehr kritische Differenzierung.

Alice Schwarzer ist nun denkbar ungeeignet für Frauen als Gutmenschen einzustehen.

Jain. Einerseits gibt es von ihr öffentliche Bekundungen wie "Frauen sind nicht die besseren Menschen, sie hatten nur weniger Gelegenheit, Unheil anzurichten." Schwarzer zufolge sei sie für solche Ansichten von manchen "Schwestern" harsch angefeindet worden. Andererseits bedeutet in ihrem Heft häusliche Gewalt noch immer automatisch und grundsätzlich und durchgehend Gewalt gegen Frauen, und in einem ihrer aktuelleren Bücher, "Der große Unterschied", rechnet sie weibliche Missbrauchstäter fast gegen null.

Das ist eindeutig falsch.

Das entspricht einfach nicht dem neuesten Erkenntnisstand, und so vorzugehen ist einfach dumm. Ich würde es übrigens auch dann dumm finden, wenn ich überzeugte Feministin wäre. Für Schwarzer ist insbesondere Sexualgewalt noch immer "das schwarze Herz der Männlichkeit". Das ist für DIE deutsche Vorzeigefeministin einfach zu platt, zu sexistisch und zu wenig informiert.
Na ja, sie ist nicht weniger sexistisch als manche Posts hier, die Gewalt gegen Frauen zu Unrecht bagatellisieren, um Gewalt gegen Männer aufzuwerten. Vielleicht sollten diese Diskussionen gar nicht auf per se feministischer/maskulistischer Basis diskutiert werden, da hierbei die Gefahr zu groß ist, in beiden Lagern zu einseitig zu verlaufen, da nun mal andere geschlechtsspezifische Schwerpunkte gesetzt sind. Gewalt sollte allgemeiner diskutiert werden und dabei auch u.v.a. geschlechtsspezifische Gewalten thematisieren.

Gruß

Anti-Sexistin


gesamter Thread:

 

powered by my little forum