Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: OT: Der Sinn des Bankensystems, Kartell- und Wettbewerbsrecht

Garfield, Thursday, 29.01.2004, 14:39 (vor 8043 Tagen) @ Daddeldu

Als Antwort auf: OT: Der Sinn des Bankensystems, Kartell- und Wettbewerbsrecht von Daddeldu am 28. Januar 2004 19:13:30:

Hallo Daddeldu!

Also, bei einigem, was du da geschrieben hast, mußte ich echt lachen. Vor allem, als du behauptet hast, Preisabsprachen würde es gar nicht geben. Fährst du kein Auto?

Wenn doch, verstehe ich nicht so ganz, wie du darauf kommst, daß es keine Preisabsprachen gibt. Hältst du es tatsächlich für Zufall, daß sämtliche Tankstellen immer etwa gleichzeitig die Preise erhöhen?

Preisabsprachen mögen zwar strafbar sein, aber vieles ist strafbar und wird trotzdem gemacht.

Bei den Tankstellen könnte man nun ja darauf verweisen, daß es doch auch freie Tankstellen gibt, die sich bei Preisabsprachen schlecht allesamt mit einbeziehen lassen. Aber woher kriegen denn diese freien Tankstellen ihr Benzin? Das können sie schlecht selbst produzieren. Sie beziehen es also auch von den großen Mineralölkonzernen, die ihnen so immer einen gewissen Mindestpreis diktieren können. So sind dann auch die freien Tankstellen automatisch gezwungen, die Preise zu erhöhen, wann immer die großen Mineralölkonzerne das möchten.

Und nun versetze dich mal in die Situation des Chefs eines sehr großen Unternehmens. Du hast eine starke Position am Markt und du kannst dir teure Werbekampagnen leisten, um diese Position zu sichern, zumal du die Kosten dafür ja auch wieder von der Steuer absetzen kannst. Natürlich kannst du jetzt knallharten Konkurrenzkampf betreiben und andere große Unternehmen vom Markt drängen. Dann wirst du aber irgendwann in eine ähnliche Situation wie Microsoft geraten. Du wirst überall Ärger mit den Kartellämtern bekommen. Also ist es für dich eigentlich doch gar nicht schlecht, wenn du noch Konkurrenz hast. Dann kann dir nämlich kein Kartellamt etwas ans Zeug flicken. Obendrein können Dumping-Preis-Aktionen auch voll nach hinten losgehen. Kleinen Unternehmen mit geringem Eigenkapital gegenüber kann man sich so einen Preiskrieg leisten. Da kann man sicher davon ausgehen, daß man als Sieger daraus hervorgehen wird, vor allem, weil man allein aufgrund der eigenen Größe sehr viel mehr Umsatz macht und allein deshalb auch niedrigere Preise ansetzen kann. Wenn der Konkurrent aber ebenfalls eine starke Position am Markt hat, dann ist der Ausgang eines solchen Preiskrieges sehr ungewiß. Man muß dann durchaus einkalkulieren, daß man am Ende gewaltige Verluste einfährt und selbst vom Markt verdrängt wird. Kleine und mittlerwe Unternehmen gehen zuweilen dieses Risiko ein, wenn sie mehr zu gewinnen als zu verlieren haben. Großunternehmen haben aber sehr viel zu verlieren, und es gibt dort auch oft mehr Entscheidungsträger. Deshalb scheuen sie meist vor einem solchen Risiko zurück.

So kommt es, daß Großunternehmen oft bestrebt sind, einen erreichten Status Quo zu erhalten. Dann kriegt keines der Unternehmen Probleme mit dem Kartellamt und man vermeidet teure Preiskämpfe. Man paßt sich im Preis- und Qualitätsniveau einfach der Konkurrenz an.

Nur wenn ein Unternehmen dann plötzlich in die roten Zahlen rutscht, kann es passieren, daß es aus dieser Notlage heraus zu drastischeren Maßnahmen greift. Im Moment sieht man das bei Opel. Die bieten mittlerweile ja auch schon Auto-Finanzierung mit 0% Zinsen an. Die Preise selbst hat Opel bislang allerdings trotzdem nicht deutlich gesenkt.

Ich glaube nicht, daß Preise sehr oft direkt abgesprochen werden. Es ergibt sich eben automatisch so, daß jedes Großunternehmen seine Preise an die Preise der Konkurrenz anpaßt. Abweichungen davon können sehr wohl auch strafbar sein. Es gibt genügend Präzedenzfälle dafür, daß Unternehmen wegen "wettbewerbswidrigem Verhalten" verurteilt wurden, weil sie sehr niedrige Preise hatten oder zu hohe Rabatte gegeben haben. Da waren dann auch Geldstrafen fällig. Mir ist allerdings aus den letzten Jahren kein einziger Fall bekannt, in dem ein Unternehmen wegen Preisabsprachen verurteilt worden ist. Nicht mal bei Mineralölkonzernen, obwohl es dort ja wirklich offensichtlich ist.

Und der Verkauf der ostdeutschen Zigarettenmarke f6 ist im Westen wirklich verboten.

In Portugal und Griechenland soll es Sozialismus gegeben haben? Wie kommst du denn darauf? Kann es sein, daß für dich alles, was irgendwie negativ ist, pauschal unter Sozialismus fällt? Dann schreiben wir hier sowieso völlig aneinander vorbei.

Du glaubst tatsächlich nicht an Euro-Preiserhöhungen? Dann gebe ich dir mal ein paar Beispiele:

Milka-Schokolade kostete früher 1,09 DM. Jetzt kostet sie 0,65 Euro, das sind etwa 1,30 DM.

Endrine-Nasentropfen kosteten früher 3,82 DM. Nach der Euro-Einführung kosteten sie plötzlich 2,03 Euro, also etwa 4,06 DM.

Teurer geworden sind mit dem Euro auch z.B. Rama-Magarine und diverse Zeitschriften (z.B. "Fernsehwoche"). Dafür habe ich jetzt keine genauen Zahlen im Kopf, könnte sie dir aber besorgen. Wenn es dich wirklich interessiert, kann ich dir gern mal eine Liste mit diversen Euro-Preiserhöhungen machen.

Das hat aber vor kurzem schon jemand anderer getan, und dabei hat er herausgefunden, daß die Lebensmittelpreise durch den Euro im Durchschnitt um 58% gestiegen sind.

Ich könnte jetzt alles andere, was du hier geschrieben hast, genauso zerpflücken. Aber dazu fehlt mir erstens die Zeit und zweitens bewegen wir uns ja schon die ganze Zeit außerhalb des Forenthemas.

Um also auf das Forenthema zurück zu kommen: Was meinst du, wieso viele Menschen heute die Benachteiligungen für Männer in unserer Gesellschaft ignorieren?

Klar - Frauen interessiert das meist wenig, weil sie a) nicht betroffen sind und b) teilweise sogar Vorteile dadurch haben.

Aber wieso wollen auch viele Männer diese Benachteiligungen weiterhin nicht sehen? Weil es einfach nicht so toll ist, sich als Gelackmeierter zu fühlen. Da ist es doch viel angenehmer, sich auch negative Dinge schön zu reden. Man sagt sich dann, das man als Mann doch gar nicht benachteiligt ist. Wehrdienst brauchte man ja auch gar nicht leisten - stattdessen hat man ja Zivildienst gemacht. Okay - Frauen müssen auch keinen Zivildienst leisten, aber dafür ziehen sie ja Kinder groß. Hm, viele Frauen ziehen heute keine Kinder mehr groß, aber jeder weiß doch, wie benachteiligt Frauen auch heute noch sind, daß man sie z.B. nicht auf Führungspositionen läßt, sie immer noch schlechter bezahlt, daß hinter jeder Ecke finstere Räuber und Vergewaltiger auf sie lauern, obendrein bekommen sie auch noch Regelblutungen... Verglichen damit ist man als Mann doch echt prima dran, und was macht es da schon aus, wenn man ein Jahr Zivildienst leisten muß oder mal einen Job aufgrund seines Geschlechts nicht bekommt... Es ist doch trotzdem alles prima und super. Bis man dann eines Tages z.B. schuldlos geschieden wird, hohe Unterhaltszahlungen leisten muß und seine Kinder nicht mehr zu sehen bekommt. Und dann auf einmal feststellt, daß man nur noch rechtloser Zahlsklave ist. Da wachen viele dann endlich auf.

Und genau sieht das auch bezogen auf die wirtschaftliche Lage in Deutschland und das Problem mit der Arbeitslosigkeit aus. Wieso stört es offensichtlich viele Leute immer noch nicht, daß die Arbeitslosenzahlen seit Jahrzehnten nach und nach immer höher steigen? Und daß immer weniger Menschen immer reicher werden, während immer mehr Menschen immer ärmer werden? Wieso glauben seit Jahrzehnten sehr viele Menschen fest daran, daß sich das bald wieder ändern wird und daß der freie Markt das schon alles von ganz allein regeln wird?

Klar - die Leute, denen es heute noch gut geht oder die sogar sehr gut am jetzigen System verdienen, interessiert das meist wenig, weil sie a) nicht betroffen sind und b) teilweise sogar Vorteile dadurch haben.

Aber wieso wollen auch viele Menschen, die keine hohen Einkommen haben, die Probleme weiterhin nicht sehen? Weil es einfach nicht so toll ist, sich als Gelackmeierter zu fühlen. Da ist es doch viel angenehmer, sich auch negative Dinge schön zu reden. Man sagt sich dann, das man doch in keiner Weise benachteiligt wäre. Schließlich hätte doch jeder dieselben Chancen. Jeder könne doch auch Manager werden, oder ein eigenes Unternehmen gründen... Okay - für ersteres braucht man Beziehungen, und oft wird auch ein Studium und ein Doktor-Titel vorausgesetzt. Letzteren kann man sich kaufen oder an einer Universität selbst erwerben. Gut, beides kostet Geld, das man nicht hat, aber man könnte sich das Geld ja irgendwie erarbeiten oder im Lotto gewinnen... Zur Gründung eines Unternehmen braucht man noch mehr Geld. Aber dafür gibt es ja Kredite. Okay, nicht jeder kriegt so einen hohen Kredit, und es wird heute immer schwieriger, sich selbstständig zu machen, vor allem in Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit, wo sich dann kaum jemand die Produkte oder Dienstleistungen des neuen Unternehmens leisten kann... Theoretisch könnte das aber jeder. Und man hat ja selbst noch einen Job oder vielleicht sogar ein kleines Unternehmen, und man möchte doch schon gern optimistisch in die Zukunft sehen. Da ist es nicht gut, sich zuviel Sorgen zu machen. Und zu überlegen, was wohl passiert, wenn weiterhin nichts gegen die steigende Arbeitslosigkeit unternommen wird. Wie lange es dann wohl noch dauert, bis man selbst dran ist und gefeuert wird oder bis die Kunden ganz wegbleiben und man sein kleines Unternehmen dicht machen kann... Also redet man sich ein, daß doch alles prima ist. Korruption, Euro-Preiserhöhung und sonstige Mißwirtschaft gibt es gar nicht. Alles ist super und bestens. Bis man dann eines Tages plötzlich doch auch selbst betroffen ist, indem man z.B. arbeitslos wird und dann feststellen muß, daß man keineswegs so einfach wieder einen neuen Job findet, wie man vorher geglaubt hat. Wenn man nach einem Jahr in die Sozialhilfe abgedrängt wird und plötzlich merkt, daß man seine hohen Beiträge zur Arbeitslosenversicherung womöglich schon jahrzehntelang fast umsonst gezahlt hat. Oder wenn man sein Unternehmen dicht machen muß, weil einfach kaum noch jemand Geld hat, um es dort auszugeben. Und wenn man dann gleich in die Sozialhilfe abrutscht, weil man ja gar nichts in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat...

Du solltest dir mal den Film "Das Leben stinkt" ansehen. Das ist zwar teilweise eine Komödie, aber mit durchaus ernstem Hintergrund. Für alle, die den Film nicht kennen: Da behauptet ein steinreicher Milliardär im Gespräch mit einem Geschäftspartner, daß er in jeder Situation schnell wieder reich werden würde, auch wenn man ihn völlig mittellos irgendwo aussetzt. Sein Geschäftspartner dagegen behauptet, daß er allein ohne sein Geld und seine Macht auf der Straße noch nicht einmal überleben würde. Sie schließen eine Wette ab, dieser Milliardär gibt seinen Anwälten sämtliche Vollmachten für seine Unternehmen und begibt sich dann auf die Straße, wo er nun unter Obdachlosen leben muß. Er hat eine elektronische Sicherung an einem Bein, mit der über Satellitennavigation sichergestellt wird, daß er einen bestimmten Bereich der Stadt nicht verlassen kann. Tut er es doch, wird ein Alarm ausgelöst, und er hat die Wette verloren. Er kann also nicht einfach zur Bank gehen und sich dort Geld holen oder ähnliches. Er muß wirklich wie ein Obdachloser leben, natürlich auch ohne Kreditkarten usw. Dabei stellt er schnell fest, daß das doch nicht so einfach ist, wie er sich das vorgestellt hat. Daß er nämlich nicht so einfach wieder reich wird. Am Ende muß er sich sein Essen genauso zusammen stehlen und betteln wie die anderen Obdachlosen auch. Und als er die festgelegte Zeit dank der Hilfe anderer Obdachloser überlebt hat und seinen Wett-Gewinn haben will, muß er leider feststellen, daß seine Anwälte mit seinem Geschäftspartner gemeinsame Sache gemacht haben. Sie haben ihn für unmündig erklären lassen, mit der Begründung, daß er plötzlich verrückt geworden wäre und deshalb jetzt als Obdachloser auf der Straße leben würde. Der letzte Teil des Films wird dann natürlich unrealistisch, denn selbstverständlich erobert er sich mit Hilfe seiner neuen Freunde aus dem Obdachlosen-Millieu seinen Besitz zurück, und am Ende sind alle glücklich...

Dieser Film ist für den Anfang als Lehrmaterial für Neoliberale prima geeignet. Allerdings muß man ihn dann auch mit der richtigen Einstellung sehen, und daran hapert es leider oft.

Freundliche Grüße
von Garfield


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