Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Generationenvertrag

Garfield, Monday, 26.01.2004, 18:35 (vor 8046 Tagen) @ Tran

Als Antwort auf: Re: Generationenvertrag von Tran am 26. Januar 2004 11:42:25:

Hallo Tran!

"Das ganze dürfte ohne eine Revolution nicht machbar sein, ist somit illusorisch."

Eine Revolution muß nicht unbedingt immer gewalttätig verlaufen. Siehe DDR oder Ukraine. Wenn es irgendeine andere Möglichkeit gäbe, das System zu reformieren, wäre das natürlich gut. Leider sehe ich keine.

"Nein, es liegt nicht daran das ich dieses Thema an sich nicht mag. Mir fehlt es einfach an Hintergrundwissen."

Ich meinte das nicht auf dich bezogen, sondern eben bezogen darauf, daß es insbesondere den Leuten in den Chefetagen der Wirtschaft nicht so recht ist, wenn das Thema der begrenzten natürlichen Ressourcen zu intensiv diskutiert wird. Eine Fernseh-Sendung, in der es darum geht, stellt nicht gerade den idealen Rahmen für Werbespots dar, die die Kunden ja gerade dazu animieren sollen, ohne Rücksicht auf Verluste zu konsumieren und auch Produkte zu kaufen, die sie eigentlich gar nicht brauchen. Da zumindest private Fernsehsender ihr Geld aber hauptsächlich durch Werbung verdienen, werden sie sich folglich schwer davor hüten, zu intensiv über dieses Thema zu berichten.

"Und genau deshalb ist es einfach - wie das meiste worüber wir beide hier schreiben - nicht machbar."

Bist du dir da sicher? Es soll in Deutschland sogar schon Experimente mit einem Finanzsystem ohne Zinsen gegeben haben. Das habe ich auch erst vor kurzem zufällig in einem anderen Forum gelesen. Leider hatte ich noch nicht die Zeit, um mich genauer damit zu befassen.

Daß etwas nicht getan wird, heißt noch lange nicht, daß es nicht möglich ist. So wie bisher geht es jedenfalls definitiv nicht endlos weiter. Die Regierungen versuchen ja auch, etwas gegen den Zinswahnsinn zu unternehmen. Z.B. indem sie hohe Einkommen höher besteuern. Aber dann weichen die Super-Reichen in Länder mit niedrigeren Steuersätzen aus.

Positiv ist auch, daß die EZB die Zinsen gesenkt hat und daß man darüber nachdenkt, sie weiter zu senken. Leider haben die privaten Banken diese Zinssenkungen aber nicht in vollem Maße oder gar nicht weiter gegeben...

"Herr A leiht sich von Herrn B Geld um dieses zu vermehren, zum Beispiel indem er sich dafür Maschinen kauft um etwas produzieren zu können. So vermehrt er also sein Geld aufgrund des geliehenen Geldes und ist später in der Lage Herrn B das Geld plus einen kleinen Bonus (Zinsen genannt) zurückzuzahlen.

Ist dieses Prinzip der Verzinsung in etwa so gedacht bzw. entstanden?

Falls ja ist doch alles in Ordnung."

Dieses Model ist noch nicht vollständig. Es gibt nämlich noch Herrn C, der ein enorm hohes Vermögen hat, dieses teilweise bei Herrn B anlegt und dafür Zinsen erhält. Diese Zinsen bekommt er, ohne dafür einen Finger zu rühren. Herr B wiederum möchte natürlich auch gut verdienen. Also schlägt er auf die Zinsen nochmal etwas drauf, und daraus ergibt sich dann der Zinssatz, den Herr A für den Kredit zu zahlen hat.

Herr A ist ein kleiner Unternehmer, der mit seiner Familie im Unternehmen arbeitet und außerdem noch zwei Mitarbeiter beschäftigt. Er kauft sich von dem Kredit neue Maschinen, was ihn in die Lage versetzt, einen seiner Mitarbeiter zu entlassen. Dafür kann er nun aber rationeller produzieren. Theoretisch könnte er nun seine Preise senken. Nur leider muß er ja nun jeden Monat die hohen Zinsen für seinen Kredit zahlen, von denen die Herren C und B gut leben möchten. Also kann er die Preise nicht senken.

Nun ist es aber so, daß nicht nur Herr A so verfährt, sondern viele andere Unternehmer auch. Alle setzen sie Leute auf die Straße, um billiger produzieren zu können, da sie aber alle auch Zinsen an Herrn B und seine Kollegen zu zahlen haben, können sie ihre Preise trotzdem kaum oder gar nicht senken. Und da immer mehr Menschen so ohne Erwerbsmöglichkeiten dastehen, es also immer mehr Menschen mit niedrigem Einkommen gibt, bleiben die Kunden zunehmend aus.

Was kann Herr A nun tun? Er und seine Familie müssen den Gürtel enger schnallen. Urlaubsreisen werden gestrichen, ein neues Auto wird auch nicht angeschafft usw. Aber auch der verbliebene Mitarbeiter muß Abstriche in Kauf nehmen. Er bekommt kein Weihnachts- und kein Urlaubsgeld mehr, und auch keine Lohnerhöhung, so daß er inflationsbedingt praktisch spürbare Lohnkürzungen hinnehmen muß.

Herr A, seine Familie und sein angestellter Mitarbeiter erarbeiten dann also die Zinsen, von denen Herr B und Herr C einen Teil ihres Einkommens beziehen. Herr B tut dafür wenigstens noch etwas, wenngleich er nicht direkt produktiv tätig ist. Herr C dagegen rührt dafür keinen Finger und verdient dieses Geld buchstäblich auch in Schlaf.

Herr A hat, wenn er den Kredit denn endlich mal abgezahlt hat, wenigstens eine einigermaßen moderne Betriebsausrüstung (wenn sie dann nicht schon wieder veraltet ist.) Die gehört ihm dann. Sein Mitarbeiter dagegen hat dann immer noch gar nichts. Zwar hat er die Kreditzinsen mit erarbeitet, aber die Maschinen gehören am Ende nicht ihm. Und wenn Herr A mit seinem Unternehmen pleite geht, kann er wenigstens noch die Maschinen verkaufen, und vielleicht behält er danach sogar noch etwas übrig. Sein Mitarbeiter dagegen ist dann arbeitslos und sieht auf jeden Fall in die Röhre. Sein Verzicht war dann völlig umsonst.

Ich will damit nicht behaupten, daß Zinsen die Wurzel allen Übels sind. In Zeiten mit starkem Wachstum fallen ihre negativen Auswirkungen weniger ins Gewicht. Wenn es aber bergab geht, tragen Zinsen dazu bei, alles noch zu verschlimmern.

Denn Herr C kriegt durch die Zinsen immer mehr und mehr Geld, ohne irgendetwas dafür zu tun. Das Geld legt er wieder an, und so müssen immer mehr Zinsen für ihn erarbeitet werden...

"Entschuldige, aber irgendwie habe ich den Eindruck das Du "reich" mit "böse" gleichsetzt."

Das habe ich nicht geschrieben, sondern das hast du assoziiert. Denk mal darüber nach, wieso!

"Vermutlich denkst Du da etwas anders darüber, aber ich kann es doch keinem verübeln das er mehr Geld hat als andere. Warum auch? Es liesse sich höchstens etwas dagegen sagen WIE manch einer sein Geld macht. Finde ich jedenfalls."

Genau das ist ja das Problem. Wenn jemand wirklich für sein Geld hart arbeitet, dann sei es ihm gegönnt. Zinsen sind aber Geld, für das man nicht arbeitet. Und je mehr Vermögen jemand hat, umso mehr profitiert er von Zinsen.

"Warum sollten sie sich auch ändern solange alles gut ist?"

Ist denn alles gut?

"Das was Du meinst ist nicht die Sache des Unternehmers, sondern die des Staates. Der Staat hat unter anderem eine regulierende Funktion, welcher er sich etwas besser annehmen könnte. Aber die Schuld an der Arbeitslosigkeit (im allgemeinen) irgendwelchen Unternehmern zu geben finde ich falsch. Da hat eher der Staat versagt."

Je, eben. Den Unternehmen kann man das nicht ankreiden. Die handeln aus Gewinninteressen heraus, und das müssen sie auch. Der Staat muß dafür sorgen, daß das Gleichgewicht zwischen den Interessen der Wirtschaft und den Interessen der Bevölkerung stets gewahrt bleibt. Solange es aber so ist, daß viele Politiker selbst Unternehmer oder sonstwie mit der Wirtschaft verbunden sind, ist klar, für wen die sich vorrangig einsetzen.

"Aber diesen Punkt zu beseitigen läge in den Händen eben jener Politiker, da beisst sich also der Hund in den Schwanz."

Ja, eben. Deshalb können wir auch lange darauf warten, daß unsere Politiker sich von allein bewegen.

"Moment mal - jetzt meinst Du vermutlich Spendengelder für irgendwelche Parteien, richtig? Das ist (eigentlich) kein Schmiergeld! Zumindest sollte es das nicht sein."

Glaubst du ernsthaft, die Wirtschaft investiert hohe Summen in politische Parteien, ohne dafür irgendeine Gegenleistung zu erwarten?

"Unter anderem auch dank des Euro."

Da hat es in Frankreich wenigstens noch eine Kommission gegeben, die darüber gewacht hat, daß innerhalb einer bestimmten Frist keine Preiserhöhungen erfolgen durften. Die wurden dort sogar per Gesetz verboten. In Deutschland hat man das natürlich wieder nicht für nötig gehalten, mit dem bekannten Ergebnis... Mir stellt sich da wieder mal die Frage: Sind unsere Politiker wirklich so unfähig, oder stellen sie sich nur so?

"Da bin ich eher der Meinung das die Planwirtschaft die meiste Schuld an der schlecht laufenden Wirtschaft der DDR hatte."

Die Planwirtschaft war nur ein Grund von vielen. Man muß dabei auch noch bedenken, daß die Sowjets im Osten weit mehr demontiert haben als die Siegermächte im Westen. Im Westen wurde einige Werften und ein paar Rüstungsbetriebe demontiert. Das war's dann schon. Bei Volkswagen in Wolfsburg wurde unter alliierter Regie gleich weiter produziert, und die MAN-Werke konnten auch auf bedeutende Produktionskapazitäten aus der Kriegszeit zurück greifen. So konnte man im Westen nach dem Krieg oft praktisch nahtlos weiter produzieren. Im Osten dagegen haben die Sowjets wirklich alles mitgenommen. Es gab im Südosten ein großes Panzerwerk, das man nach dem Krieg auf zivile Produktion hätte umstellen können. Gegen Kriegsende wurde dort der größte Teil der deutschen Panzer gebaut. Das haben die Sowjets sofort demontiert. Die haben Eisenbahngleise aus dem Boden gerissen, und da sie in der Sowjetunion eine andere Spurweite haben, haben sie Lokomotiven und Waggons auch gleich mitgenommen. In öffentlichen Gebäuden haben sie die sanitären Einrichtungen abgebaut und sogar Rohre aus den Wänden gerissen.

Und während der Bundesrepublik die Reparationen bald erlassen wurden, zahlte die DDR weiter. So kam es, daß die Ostdeutschen 97% der gesamten deutschen Kriegsreparationen gezahlt haben.

Dann kam noch dazu, daß es in Mitteldeutschland zwar (vor den sowjetischen Demontagen) viel verarbeitende Industrie gab, jedoch kaum Bodenschätze. Die gab es vor allem im Westen und im Südosten. Der Südosten ging aber an Polen, und der Westen blockierte die vereinbarten Rohstofflieferungen dann im Kalten Krieg. Man war dann in der DDR gezwungen, sich möglichst auf eigene Rohstoffquellen zu konzentrieren. Man mußte teilweise wirklich unrentablen Bergbau betreiben, weil man anders an die Rohstoffe nicht herankam. Das betraf z.B. Rohstoffe wie Schwefel.

Dann gab es noch ein Problem: Die DDR war in manchen technologischen Bereichen im Ostblock führend. Z.B. auch in der Mikroelektronik. Das klingt erstmal gut, war es aber nicht unbedingt. Durch das westliche Embargo kam die DDR an westliche Technik kaum heran. In anderen Ostblockländern konnte man aber häufig auch nicht einkaufen, weil die keine entsprechenden Produkte herstellten. So mußte jede Kleinigkeit selbst entwickelt werden. Immer wieder mußte man Geld in Projekte investieren, die dann am Ende nur zu Kleinserien-Produktion führten. Der Westen kaufte in der DDR keine mikroelektronischen Produkte, und die meisten Ostblock-Länder hatten daran keinen Bedarf. So baute man in der DDR z.B. Hafenkräne, die auch in diverse Ostblockländer exportiert wurden. Man entwickelte dafür auch elektronische Steuerungen - aber die wollte im Ausland niemand haben. Die Sowjetunion als Hauptabnehmer beispielsweise zog einfache, mechanische Technik vor, weil man davon ausging, daß man damit auch unter extremen Bedingungen wie z.B. in Sibirien die wenigsten Probleme hatte. Letztendlich verwendete man diese Steuerungen dann nur in Kränen für die ostdeutschen Häfen.

Mitte der 80er Jahre wurde in der DDR dann der weltweit erste 1-MB-Speicherchip entwickelt. Das blieb auch ein reines Prestige-Projekt, das der DDR mehr Kosten als Nutzen brachte. Denn im Westen kaufte wieder niemand den Chip, und im Osten hatte wieder mal niemand Bedarf daran.

Die Planwirtschaft war also keineswegs der einzige Grund für den schlechten Zustand der ostdeutschen Wirtschaft. Es war noch nicht einmal der wesentlichste Grund. Denn auch in Ländern wie Frankreich oder Deutschland gibt es planwirtschaftliche Elemente und teilweise sogar auch Behörden, die Wirtschaftspläne aufstellen, um die Wirtschaft so zu lenken. Sowas ist auch nötig, weil der freie Markt keineswegs alles reguliert. Schon gar nicht dann, wenn es durch die Präsenz von Großkonzernen keinen wirklich freien Markt mehr gibt.

"War vor meiner Zeit - aber anfangs soll es denen im Osten eine Zeitlang sogar besser gegangen sein als denen im Westen."

Nein, eigentlich nicht. Der Osten war durch die Demontage-Praxis der Sowjets sehr gehandicapt, und natürlich auch durch die Reparationszahlungen. Somit mußte der Lebensstandard zwangsläufig schlechter sein als im Westen. Die SED-Führung versuchte, trotzdem Höchstleistungen überall zu erreichen und drückte die Normen immer höher, was dann zu den berühmten Protesten vom 17. Juni 1953 führte.

Solange es im Westen keine nennenswerte Arbeitslosigkeit gab, lebte man dort in jeder Hinsicht besser. Das war dann ja auch der wesentlichste Grund für den Mauerbau.

In den 70er Jahren pendelte sich der ostdeutsche Lebensstandard auf mittlerem Niveau ein. Als dann im Westen die Arbeitslosigkeit stieg, lebte man im Osten auf jeden Fall sicherer. Luxusgüter wie Farbfernseher, Kassettenrecorder usw. waren zwar sehr teuer, aber alles Lebensnotwendige war sehr billig. Das wurde durch staatliche Subventionen erreicht, die als
"zweite Lohntüte" bezeichnet, von der Bevölkerung aber nicht als solche angesehen wurden. Diese Subventionen verschlangen enorme Mittel, die man zur Modernisierung der ostdeutschen Wirtschaft dringend benötigt hätte. Schon Mitte der 80er Jahre legten ostdeutsche Wirtschaftsexperten Pläne vor, die vorsahen, diese Subventionen nach und nach und nach zurück zu fahren und dafür die Löhne zu erhöhen. So hätte man mehr Arbeitsanreize geschaffen und die Produktivität allein dadurch schon etwas erhöht. Und man wollte so auch Mittel zur Modernisierung der Wirtschaft freisetzen. Honecker hat jedoch alle diese Pläne abgeschmettert.

"Ich weiss nicht ob ich Dir da in allem so recht geben kann."

Meinst du das in Bezug auf die Geschäfte der Bundesrepublik mit der DDR? Da gab es z.B. die Öl-Krise. Zufällig hatte die DDR zu der Zeit einen recht günstigen Vertrag mit der Sowjetunion über Öl-Lieferungen laufen. Nun verkaufte man einen Teil dieses Öls einfach an die Bundesrepublik. Die konnte so ihre schwindenden Ölvorräte auffüllen, und die DDR konnte durch die so zusätzlich eingenommenen Devisen ihre Haushaltslage wesentlich verbessern.

Die DDR lieferte auch z.B. Produkte an C&A und auch an westliche Versandhäuser. Die Menschen im Westen merkten davon nichts, da auf die Produkte üblicherweise westliche Markennamen gedruckt wurden. Ruhla-Uhren aus ostdeutscher Produktion verkaufte man dann z.B. unter der Marke Anker. In Rostock gab es eine Fabrik, die Jeans-Bekleidung fast nur für den Export in den Westen produzierte.

Als die Bundesrepublik der DDR dann den berühmten Milliardenkredit gab, ging es keineswegs nur darum, dann im Gegenzug Erleichterungen für den innerdeutschen Reiseverkehr und den Abbau von Selbstschußanlagen an der Grenze zu erreichen. Es ging dabei weit mehr um wirtschaftliche Vereinbarungen. Die DDR war der weltgrößte Kalisalz-Produzent und so eine echte Konkurrenz für westliche Kali-Produzenten. Man legte dann z.B. vertraglich fest, daß die DDR kein Kalisalz in den Westen liefern durfte. Es wird mit Sicherheit noch weitere, ähnliche Vereinbarungen gegeben haben.

"Und siehe - es geht tatsächlich immer weiter. Ich glaub nicht dran das jetzt wirklich alles den Bach runtergeht."

Bist du dir sicher, daß es so weitergeht? Wie erklärst du dir dann, daß die Arbeitslosen-Zahlen seit 30 Jahren kontinuierlich immer weiter steigen? Findest du es nicht bedenklich, daß, wenn man wirklich sämtliche Erwerbslosen einbezieht (also auch Vorruheständler, Umschüler usw., die jetzt statistisch nicht erfaßt werden), die Arbeitslosenzahlen schon weit höher sind als jemals sonst in der deutschen Geschichte? Was meinst du, wie lange das noch so weiter gehen kann, ohne daß unser Sozialsystem entweder völlig zusammen bricht oder weitgehend demontiert wird? Und was meinst du wohl, was die Millionen Menschen, die dann keinerlei Einkommen mehr haben werden, dann tun?

"Oder die dritte, wahrscheinlichere Möglichkeit: Sie würde sich einfach dennoch als demokratisch legitim bezeichnen."

Ja, aber wer glaubt das dann noch?

"Zum anderen müssten sehr sehr viele so kompromisslos reagieren wie ich es mache."

Und weil das viel nicht tun, bin ich bisher noch immer wählen gegangen.

"Ich finde eine Wahl via Internet nicht gut."

In den USA werden sie das nun wohl ausprobieren. Und dann werden wir ja sehen, ob es funktioniert oder nicht. Man kann mittlerweile ja immerhin auch schon Bankgeschäfte über's Internet abwickeln.

"Was ist TCPA?"

TCPA steht für "Trusted Computing Platform Alliance". Angeblich dient das Projekt dazu, Computer besser gegen Viren abzusichern und Raubkopien zu verhindern. Tatsächlich geht es aber viel mehr darum, kleine, innovative Unternehmen und vor allem die Open-Source-Projekte vom Software-Markt zu verdrängen. Vor allem Microsoft treibt das voran, denn denen ist längst klar, daß sie mit ihrer überteuerten, fehlerhaften Software auf Dauer nicht mit Linux und Open-Source-Projekten konkurrieren können.

Das Ganze soll so ablaufen: Bereits jetzt werden in viele Hauptplatinen TCP-Chips eingebaut. In Zukunft sollen solche Chips auch in einzelne Bauteile eines PC's integriert werden. Die nächste Ausgabe von Windows wird diese Chips voll unterstützen, und am Ende soll es dann so laufen, daß dieser Chip entscheidet, was du auf deinem PC installieren darfst und was nicht. Er nimmt dazu (natürlich auf deine Kosten) Verbindung mit der TCPA-Datenbank auf. Dort können Unternehmen ihre Software registrieren lassen, natürlich gegen Zahlung hoher Gebühren, die du dann beim Kauf der Software auch noch mit bezahlen darfst. Stellt der Chip fest, daß das Programm eine Raubkopie ist, verweigert er die Installation. Das wäre soweit ja noch nachvollziehbar. Dasselbe wird aber auch passieren, wenn du ein Programm eines Herstellers installieren möchtest, der nicht in der Datenbank registriert ist.

Zusätzlich kann jeder PC über diesen Chip einfach identifiziert werden. Mit der Anonymität im Internet ist es dann also vorbei. In den USA will man solche Chips zur Pflicht machen. Dann ist zu erwarten, daß diverse Geheimdienste sich dort Hintertüren einbauen lassen, um so Zugriff auf jeden Rechner zu erhalten, der solch einen Chip eingebaut hat. Der Chip wirkt dann quasi als Trojaner. Natürlich können sich dann im Laufe der Zeit auch Kriminelle die entsprechenden Infos beschaffen und so dann Daten auf fremden Rechnern einsehen, was die Behauptung, TCPA diene einer besseren Sicherheit, ad absurdum führt.

Da jeder PC dann eindeutig zu identifizieren ist, könnte auch die GEMA neuen Auftrieb bekommen. Die wittert schon lange neue Geldquellen im Internet und hat deshalb schon vor Jahren mal gefordert, daß Internetseiten auch als geistiges Eigentum betrachtet und entsprechend geschützt werden müßten. Das klingt erstmal gut, kann aber im Extremfall bedeuten, daß SÄMTLICHE Internet-Seiten dann darunter fallen. Dann müßte jeder, der eine Seite ins Internet stellt, an die GEMA Gebühren bezahlen. Die GEMA wiederum würde von den Leuten, die auf Internetseiten surfen, dafür Gebühren eintreiben und die an die Ersteller der Seiten weiterleiten. Jetzt geht das nicht, weil ein PC im Internet nicht eindeutig identifiziert werden kann. Mit TCP-Chip würde das gehen, und das könnte das Ende des Internet bedeuten, wie wir es jetzt kennen, da dann nicht jeder einfach so aus Spaß eine Seite ins Netz stellen könnte.

Wenn TCP-Chips zur Pflicht werden, würde man sicherlich auch nach einer gewissen Übergangsperiode Internet-Provider dazu verdonnern, Internet-Nutzer, deren PC's keinen TCP-Chip haben, den Zugang zum Netz zu verweigern.

"Aber in diesem Fall: wozu, wenn es doch ohnehin keine Lösung gibt?"

Bist du dir sicher, daß es keine Lösung gibt?

"Jeder von uns ist zunächsteinmal nur er selbst. Jeder steht auch für sich selbst."

Ja? Dann kauf dir doch ein kleines Stück Land und gründe darauf deinen eigenen Staat! Dann wird dir sehr schnell klar werden, wie eigenständig du wirklich bist.

"Jeder hat die Möglichkeit voranzukommen im Leben, womit ich jetzt nicht nur die Kariere meine sondern auch alles was das Leben eines Mannes heute ausmacht, wie zum Beispiel Familie, Freunde, Ehre und so weiter."

Auch das stimmt so nicht ganz. Was willst du z.B. machen, wenn deine Frau dich für einen anderen verläßt, und zwar ohne daß du dir irgendetwas vorzuwerfen hast? Was willst du machen, wenn deine Kinder dann deiner Ex-Frau zugesprochen werden und du für sie und die Kinder Unterhaltszahlungen zu leisten hast, die dir kaum noch etwas zum Leben lassen? Wie willst du dann eine neue Familie gründen? Wo sind dann deine Möglichkeiten?

"Innerhalb dieses Rahmens kann ein jeder vorwärtskommen."

Der Rahmen wird aber immer enger. Wenn du jetzt arbeitslos wirst, wirst du nach einem Jahr in die Sozialhilfe abgeschoben. Dann mußt du dein Auto verkaufen, wenn du Geld zur Altersvorsorge angelegt hast, mußt du den Vertrag dafür mit Verlust auflösen und wenn du ein Haus hast, mußt du das - oft auch mit Verlust - verkaufen. Sonst siehst du keinen Cent. Ohne Auto findest du schon mal schwerer einen neuen Job. Ohne eigenes Haus mußt du Miete zahlen. Das Geld aus dem Verkauf des Hauses ist dann schnell aufgebraucht, und danach lebst du vom Sozialamt, das dann auch noch die Miete für dich übernehmen muß. Wenn du dann mal ins Rentenalter kommst, kriegst du noch die mickrige staatliche Grundrente, aber alles andere hat man dir genommen. Sozialhilfe gibt's dann irgendwann auch nicht mehr, und dann kannst du zusehen, wie du ein trockenes Plätzchen unter der nächsten Brücke ergatterst. Welcher Rahmen bleibt dir dann noch?

"Nein - wir sind kein kleines Rädchen im grossen Getriebe, kein kleiner Baustein im System. Wir sind eine Ansammlung von lauter Individuen."

Die im System leben und ihm leider nicht entkommen können. So ist das nun einmal. Selbst wenn du 50 Millionen Euro im Lotto gewinnst und dir dafür irgendwo eine einsame Insel kaufst, wird da sehr schnell jemand erscheinen, der Schutzgeld von dir fordert. Dieses Schutzgeld heißt dann zwar Grundsteuer oder so ähnlich, aber das ändert nichts daran, daß es Schutzgeld ist.

"Jeder ist seines Glückes Schmied."

Oder seines Peches Amboß. Je nachdem, ob er Glück oder Pech hat. Das Leben ist ein Glücksspiel. Wie in einem Glücksspiel gibt es Systeme, mit denen man seine Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen kann. Eine Garantie aber gibt es immer weniger. Vor allem dann nicht, wenn man das Glücksspiel nur mit geringem Einsatz starten kann.

Es hat dazu übrigens auch schon eine Studie gegeben, über die der "stern" auch berichtet hat. Man hat sich da die Führungskräfte der wichtigstens deutschen Unternehmen angesehen. Dabei stellte sich heraus, daß die fast ausnahmslos vermögende Eltern hatten. Zufall? Ich glaube nicht.

Freundliche Grüße
von Garfield


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