Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Generationenvertrag

Garfield, Friday, 23.01.2004, 18:37 (vor 8049 Tagen) @ Tran

Als Antwort auf: Re: Generationenvertrag von Tran am 22. Januar 2004 20:29:51:

Hallo Tran!

"Gerade in der Politik scheint doch der Spruch "Viele Köche verderben den Brei" seine Berechtigung zu haben."

Ja, es wird wohl nötig sein, für eine Übergangsperiode eine Art Diktatur zu schaffen, um den ganzen verfilzten, korrupten Saustall mal so richtig auszumisten. Eine andere Möglichkeit sehe ich da jedenfalls nicht.

"An einer Diskussion über das Thema Umwelt, verbleibende Ressourcen usw. kann ich mich leider nicht beteiligen, da fehlt mir sogar ein Mindestmass an Wissen."

Ja, einige Leute haben es nicht so gern, wenn dieses Thema zu häufig diskutiert wird. Dann könnte ja jemand auf die Idee kommen, daß es vielleicht doch nicht so toll ist, immer unbedingt jedem neuen Modeartikel hinterher zu laufen und "unmoderne" Sachen achtlos wegzuwerfen.

Aber es ist nun einmal so, daß viele Rohstoffe nur begrenzt existieren. Vielleicht werden wir irgendwann mal in der Lage sein, Atome beliebig umzuwandeln und so jeglichen Abfall perfekt zu recyceln. Aber viel getan wird dafür leider nicht... Dafür wäre ja langwierige, teure Grundlagenforschung zu leisten, die keinen schnellen Gewinn verspricht.

Also wurschtelt man weiter wie bisher und tut so, als wäre alles in endlosen Mengen vorhanden. So ist das aber nicht, und schon in wenigen Jahrzehnten wird uns das schmerzlich klar werden.

"Auch da gibt es wieder ein Problem: Schafft man die Zinsen nur in Deutschland ab investieren alle im Ausland, denn da kriegt man sein Geld noch verzinst, da "arbeitet das Geld" noch."

Richtig - das ist das große Problem dabei, zumal wir ja nun auch über den Euro mit fast ganz Europa verbunden sind.

"Blöder Ausdruck - arbeitendes Geld."

Genau das ist das Problem. Geld arbeitet nämlich nicht. Also muß irgendjemand anderer die Zinsen erarbeiten, von denen Groß-Anleger und Banken so gut leben. Neoliberale pflegen hier immer einzuwenden, daß doch jedem selbst überlassen sein müsse, was er mit seinem Geld tut. Es geht dabei aber gar nicht um das angelegte Geld, sondern um die dafür kassierten Zinsen. Die werden nun einmal definitiv nicht von den Geldscheinen erarbeitet.

Jemand hat mal ausgerechnet, daß, wenn Jesus 1 Cent mit durchschnittlicher Verzinsung angelegte hätte, aus diesem einen Cent bereits im Jahre 1400 durch Zins und Zinseszins ein Vermögen entstanden wäre, das dem Gewicht der Erde in Gold entsprochen hätte. Daran zeigt sich schon, wie schwachsinnig das System ist.

Und so wird auch klar, wieso es immer wieder Kriege, Bürgerkriege oder extreme Krisen geben muß: Damit nämlich durch die damit oft einhergehende Geld-Entwertung und schließlich durchgeführte Währungsreformen künstlich durch Zinsen aufgeblähtes Vermögen vernichtet wird.

Geschieht das nicht, dann haben wir genau das Problem, das wir jetzt in Deutschland immer deutlicher sehen, nämlich daß sich immer mehr Reichtum im Besitz von immer weniger Personen sammelt, und zwar ganz ohne daß diese Personen etwas dafür tun müssen. Wenn 1 Cent 1400 Jahre braucht, um auf einen Wert dem Gewicht der Erde in Gold entsprechend anzuwachsen, dann kann man sich vorstellen, wieviel weniger Zeit ein zweistelliges Milliardenvermögen eines Typen wie Bill Gates dafür benötigen wird...

Wenn dann auch noch durch Rationalisierungen immer weniger Erwerbsmöglichkeiten da sind, ergibt sich zwangsläufig das Problem, daß immer weniger Erwerbstätige immer höhere Zinseinkünfte erarbeiten müssen. Okay - einen immer größeren Teil der Wertschöpfung übernehmen Maschinen. Aber es gibt immer noch genügend menschliche Arbeitskräfte, bei denen man den Rotstift dann fleißig ansetzt, weil man an den Maschinen nämlich kaum noch sparen kann.

Die Besitzer dieser Maschinen werden allerdings nur in geringem Maße zur Finanzierung der steigenden Sozialkosten herangezogen. Die Steuerbelastung für Lohn- und Gehaltsempfänger ist jedenfalls von Anfang der 1980er Jahre bis Ende der 1990er Jahre von ca. 30% auf fast 50% gestiegen. Die Steuerbelastung von Selbstständigen, also auch der Wirtschaft, sank im selben Zeitraum von knapp über 20% auf etwas über 7%. Ein mittlerweile auch für Experten undurchschaubares Wirrwarr aus Steuerabschreibungsmöglichkeiten, von dem meist nur Großkonzerne so richtig profitieren, hat das möglich gemacht. Und das trägt bis heute noch zusätzlich zu den Zinsen dazu bei, Vermögen von unten nach oben zu bewegen. Die Haupteinnahmequelle des deutschen Staates ist dann auch folgerichtig die Lohnsteuer.

"Willst Du damit sagen die Annahme von Schmiergeld wäre legal?
Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen."

Klingt komisch, is aber so. In Deutschland jedenfalls. Bis in die 1960er Jahre hinein machten sich auch Politiker mit Annahme von Schmiergeld strafbar. Das haben sie dann schnell geändert. Beamte machen sich heute immer noch strafbar, soviel ich weiß. Unternehmer, die Schmiergeld zahlen, ebenfalls. Politiker aber nicht mehr.

Zu dem Thema kann ich dir die Bücher von Hans Herbert von Arnim empfehlen. Da wirst du beim Lesen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kommen.

Übrigens können Unternehmen in Deutschland Schmiergeld auch von der Steuer absetzen. Als Werbungskosten.

"Ich bin mir nicht sicher ob Protesaktionen etwas ändern können."

Wenn nur 20 Leute da stehen, mit Sicherheit nicht. Aber in anderen Ländern lassen sich die Menschen weniger gefallen. Denk mal an die Proteste, die es in Frankreich schon gegeben hat. Da haben LKW-Fahrer und Bauern Straßen blockiert. Da lief überhaupt nichts mehr. Das liegt wohl daran, daß in Frankreich der durchschnittliche Lebensstandard noch etwas niedriger ist als hier. Aber wir sind auf dem besten Wege, uns dem mindestens anzugleichen.

Viele Menschen machen den Fehler, zu glauben, daß unser heutiger Lebensstandard in Deutschland selbstverständlich ist. Das ist er aber nicht. Ohne den Zweiten Weltkrieg würde es uns heute nicht so gut gehen. Da sind mehrere Faktoren zusammen gekommen:

1. Haben die Nazis durchaus auch einige positive Sachen eingeführt, die nach dem Krieg nicht so einfach wieder rückgängig gemacht werden konnten. Beispielsweise wurde der 1. Mai während der Nazi-Zeit zum Feiertag erklärt - das hatten Gewerkschaften vorher lange gefordert, aber nie durchsetzen können. Und die Nazis haben auch die Möglichkeiten dafür geschaffen, daß auch Menschen aus dem einfachen Volk studieren konnten. Das war vorher nicht so einfach möglich. Hätte man das alles nach dem Krieg wieder gekippt, dann wäre zu befürchten gewesen, daß die Deutschen Hitler schnell nachtrauern. Genau das wollte man aber unbedingt vermeiden. So kam es, daß die negativen Seiten des Nazi-Regimes nach dem Krieg beseitigt wurden, viele positive Seiten aber erhalten blieben.

2. Brauchten die Siegermächte dann im nachfolgenden Kalten Krieg die beiden deutschen Staaten als Verbündete. Deshalb waren sie daran interessiert, Deutschland nicht nur nicht komplett auszusaugen, sondern schließlich sogar beim Wiederaufbau zu unterstützen. Der Westen Deutschlands profitierte davon ganz besonders. In den USA waren während des Krieges gewaltige industrielle Kapazitäten aufgebaut worden, und die Besitzer dieser Fabriken versuchten natürlich, die Produktion jetzt für den zivilen Sektor weiter zu führen. Der Marshallplan diente keineswegs nur dazu, Europa wieder aufzubauen, sondern er war auch eine große Hilfe für US-Unternehmen, die so ihre Rüstungs-Produktion auf zivile Güter umstellen konnten. Dem Westen Deutschlands wurden dann auch bald die Reparationen erlassen. Die Bedingungen für die Bundesrepublik waren dadurch bald so gut, daß sie sogar Siegermächte wie England oder Frankreich wirtschaftlich schnell überflügelte. Das war kein wirkliches Wunder. Die Sowjets zeigten sich Ostdeutschland gegenüber weniger großzügig, sahen aber im Kalten Krieg auch schnell ein, daß sie dort nicht endlos demontieren konnten, ohne die ostdeutsche Wirtschaft komplett zu zerstören. Ohne den Kalten Krieg hätten die Siegermächte Deutschland rücksichtslos zerstückelt und ausgeplündert. Wir würden jetzt als arme Bauern in Kleinstaaten leben und immer noch Kriegs-Reparationen zahlen.

3. Gab es in den Jahrzehnten nach dem Krieg Arbeitskräfte-Mangel, und so konnten Unternehmen es sich gar nicht leisten, ihre Mitarbeiter zu schlecht zu behandeln. Man mußte ihnen regelmäßige Lohnerhöhungen geben, um gutes Personal zu bekommen und zu halten. Das änderte sich erst seit Anfang der 70er Jahre.

4. Entstand während des Kalten Krieges eine Art Wettbewerbssituation zwischen den beiden Gesellschaftssystemen und ganz besonders zwischen den beiden deutschen Staaten. Da die DDR nach dem Krieg wirtschaftlich nicht so gute Bedingungen vorfand wie die Bundesrepublik, entwickelte sie sich in der Hinsicht etwas bescheidener. Das versuchte man dann durch bessere soziale Absicherung auszugleichen. Der Westen mußte dem etwas entgegen setzen. Es war damals nicht angebracht, Profitinteressen zu offen den Vorrang zu geben, weil man so der ostdeutschen Propaganda nur neue Munition lieferte. Und anfangs war keineswegs klar, daß die DDR bald wieder Geschichte sein würde. Man mußte im Westen durchaus befürchten, daß sich das System der DDR womöglich doch als das bessere erweist. Anfangs war auch die Wirtschaft bereit, sich aus Propaganda-Gründen der Politik mehr unterzuordnen. Immerhin hoffte man noch auf eine baldige deutsche Wiedervereinigung, die den Konzernen dann ihre enteigneten Werke im Osten wieder bringen sollte. Als die DDR dann aber weiter bestand, gab man so nach und nach die Hoffnung darauf auf, bis man sich dann in den 70er Jahren gut mit der DDR arrangierte und sogar gute Geschäfte mit ihr machte.

Das alles hat den Deutschen viel genutzt, aber die Zeiten sind längst vorbei. Nun geht es wieder bergab mit dem Lebensstandard. Die Unternehmen glauben jetzt keine Rücksichten mehr nehmen zu müssen und nutzen die für sie gute Lage auf dem Arbeitsmarkt zunehmend voll aus. Und wer das nicht tut und Löhne und Gehälter nicht drückt, der gerät im Konkurrenzkampf schnell ins Hintertreffen.

Problematisch ist dabei eben nur, daß das System auf ständiges Wachstum angewiesen ist und sonst nicht funktioniert. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung aber immer weniger Geld hat, dann wird immer weniger konsumiert, und dann schrumpfen die Märkte, anstatt zu wachsen. Mittlerweile hat man das auch in der Wirtschaft begriffen und fordert deshalb zwecks Profitmaximierung nicht mehr direkt Lohnsenkungen, sondern Mehrarbeit ohne Lohnerhöhung. Das wird natürlich das generelle Problem nicht lösen. Aber irgendwie versucht man halt, das bisherige System zu erhalten, in der Hoffnung, daß es schon irgendwie immer so weiter gehen wird...

"Und wählen gehen ohnehin (wie man so hört) immer weniger Leute."

Es sind aber immer noch zuviele. Stell dir mal vor, die Wahlbeteiligung läge nur noch bei 10%. Wie könnte sich eine Regierung da noch als demokratisch legitimiert bezeichnen? Es gäbe dann nur zwei Möglichkeiten: Entweder die demokratische Fassade vollends fallen zu lassen oder aber der Bevölkerung etwas entgegen zu kommen.

"Warum soll man wählen wenn in der Auswahl nichts vernünftiges dabei ist?"

Ja, das Problem habe ich auch immer. Bisher habe ich mich dann immer für das kleinere Übel entschieden. Aber was ich bei der nächsten Wahl tue, weiß ich noch nicht genau.

"Die Menschen hierzulande begreifen es schon nach und nach."

Sie begreifen viel zu langsam.

"Ich muss schonwieder dazwischenmeckern, entschuldige bitte: aber was ist mit den Alten? Oder den Computermuffeln? Nein, von einer Wahl via Internet halte ich nicht besonders viel."

Für die könnte man leicht bedienbare öffentliche Internet-Terminals in öffentlichen Gebäuden einrichten. In den USA wollen sie das jetzt wohl wirklich einführen. Aber wohl nicht ausschließlich. Man kann sicher weiterhin auch persönlich zur Urne gehen. Ich habe da eher Bedenken, was Datensicherheit und Schutz vor Manipulationen betrifft. Wir werden ja sehen, wie das läuft.

In Zukunft werden immer mehr Menschen zu Hause Internetanschluß haben (es sei denn, TCPA blockiert auch da).

"Nennt man das nicht irgendwie betrügerischen Bankrott oder so? Wird er wohl nicht allzu oft durchziehen können."

Klar ist das illegal und sogar strafbar. Es wird aber häufig so gemacht. Das kann man mit immer neuen Strohmännern unendlich oft abziehen.

"Wenn sich einer was aufbaut hängt er normalerweise sein Herzblut dran, so kenn ich das jedenfalls. So einer würde doch eher alles tun das die Firma nicht den Bach runtergeht."

Ja, wenn man an der Firma hängt, engagiert man sich dafür. Wenn man aber nur Geld verdienen will, dann steht das natürlich an erster Stelle und die Firma selbst ist zweitrangig.

"Nicht ganz. Angst vor Strafen haben nur die unsicheren und die (halbwegs) ehrlichen. Wer vorsätzlich ein Gesetz brechen will macht sich weniger Gedanken darum was mit ihm passiert wenn man ihn erwischen sollte, sondern eher darum was er tun kann um nicht erwischt zu werden."

Aber ein drastisches Strafmaß gibt auch vorsätzlichen Gesetzesbrechern zu denken, vor allem, wenn man auch noch Schlupflöcher weitgehend beseitigt. Wenn beispielsweise der Halter jedes LKW, bei dem die Polizei erhebliche Mängel feststellt, dafür 100.000 Euro Strafe zahlen müßte, dann würden die Spediteure es sich gründlicher überlegen, ob sie ihre Fahrer dazu zwingen, mit Schrott-LKWs durch die Gegend zu fahren und so ihr Leben und die Leben anderer Verkehrsteilnehmer zu riskieren. Da aber die Fahrer die Strafgelder berappen dürfen, interessiert das die Spediteure nicht. Wenn ein Fahrer darauf besteht, daß sein LKW ordnungsgemäß repariert wird, fliegt er halt raus. Auf dem Arbeitsamt sitzen schon genügend Nachfolger...

"Also mir persönlich erscheint ein Arbeitslager als etwas ZU drastisch. Darf ich Dich auf die Möglichkeit einer ganz normalen Gefängnisstrafe wegen Korruption herunterhandeln?"

Was bringt das? Dann würden die ein paar Jahre Knast absitzen und danach ihre auf unsere Kosten ergaunerten Millionen in Florida verjubeln. Man könnte natürlich auch sehr hohe Gefängnisstrafen festlegen - aber das würde auch nicht unbedingt dazu motivieren, das Geld wieder rauszurücken.

Außerdem sehe ich keinen Grund, wieso Betrüger nicht auch mal richtig arbeiten sollten. Die könnten beispielsweise Müll sortieren - davon haben wir doch genug.

"Aber ich glaube wir spekulieren zu viel."

Ich spekuliere lieber zuviel als zuwenig.

"Zu einer vernünftigen Lösung UND deren Möglichkeit zur Umsetzung zu kommen ist eine Aufgabe für die wir beide zu klein sein dürften."

Ja, aber jeder von uns ist ein kleiner Baustein im System. Keiner kann dem entkommen. Auch z.B. Punks, die immer gern so tun, als wären sie aus dem System ausgestiegen, machen sich da nur etwas vor. Man entkommt dem ganzen Scheiß nicht so einfach. Das muß man sich vor Augen führen, bevor man überhaupt darüber nachdenken kann, irgendetwas zu ändern.

Freundliche Grüße
von Garfield


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