Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Generationenvertrag

Garfield, Wednesday, 28.01.2004, 14:34 (vor 8045 Tagen) @ Tran

Als Antwort auf: Re: Generationenvertrag von Tran am 28. Januar 2004 10:55:42:

Hallo Tran!

Ich glaube, so langsam verzetteln wir uns zu sehr.

Es geht mir nicht direkt darum, Kredite und Zinsen komplett abzuschaffen. Es ist aber eben so, daß hohe Zinsen in Zeiten schwacher Konjunktur die Situation noch verschärfen.

Wenn alles wächst und die Löhne und Preise steigen, hat man meist genügend Spielraum, um Zinsen locker abzuzahlen. Im Moment schrumpfen die Märkte aber eher, und da die meisten Menschen immer weniger Geld zum Ausgeben haben, kann man Preiserhöhungen nicht mehr so einfach durchziehen. Viele Unternehmen haben zwar mit der Euroeinführung still und heimlich ihre Preise erhöht, aber das hat dann auch Umsatzeinbrüche bewirkt. Durchhalten können sowas auf Dauer nur große Unternehmen, die eine starke Position am Markt haben und sich teure Werbekampagnen leisten können. Und selbst für die wird es immer schwerer.

So müssen viele kleine und mittlere und auch immer mehr große Unternehmen mittlerweile die Preise senken, und da wird es dann immer schwieriger, die hohen Kredit-Zinsen noch abzuzahlen. Man muß dann mit allen Mitteln die Preise senken oder zumindest stabil halten, eben auch durch Produktion im Ausland, natürlich verbunden mit Personalabbau im Inland. So wird der Binnenmarkt dann noch mehr geschwächt, man muß die Preise noch mehr senken, und diese Abwärts-Spirale läuft immer weiter.

Jemand schrieb zu dem Thema, daß das doch gar kein Problem wäre, da sich Lebensstandard und Lohnniveau sowieso angleichen würden. Es ist aber sehr wohl ein Problem, weil das ja nicht von heute auf morgen geschieht, sondern sehr langsam über mehrere Jahrzehnte hinweg. Auch ist es keineswegs so, daß dann die Menschen im Ausland bald unseren Lebensstandard und unser Lohnniveau haben. Nein, es geht bei denen zwar aufwärts, bei uns geht es aber abwärts. Bis sich alles in der Mitte einpegelt. Und solange es im Ausland aufwärts geht, sind die dortigen Märkte für global tätige Unternehmen natürlich viel interessanter als der deutsche Markt, wo das Wachstum immer langsamer wird oder sogar rückläufig ist.

Zinsen sind natürlich nicht die hauptsächliche Ursache dafür, aber sie tragen zu den Problemen bei, und zwar auf mehrfache Weise:

Erstens weil sie für Unternehmen und auch für private Haushalte eine große Belastung darstellen.

Zweitens weil durch Zinsen große Vermögen immer größer werden und so schnell enorm hohe Werte entstehen, ohne daß deren Besitzer dafür auch nur einen Handschlag tun. Diese Werte werden also praktisch aus der deutschen Volkswirtschaft abgezweigt, und zwar in zunehmendem Maße. Teilweise fließen sie über Investitionen oder über Konsum wieder zurück, aber eben nur teilweise. Ein guter Teil dieses Vermögens fließt ins Ausland oder verschwindet im Scheinwirtschafts-Kreislauf, in dem für irgendwelche Wertpapiere ja auch Zinsen fällig werden, denen ebenfalls keine reale Wertschöpfung gegenübersteht.

Nehmen wir z.B. mal Aktien. In den 90er Jahren fragte man sich, wieso die Investitionen der Wirtschaft im Osten weitgehend ausblieben. Immerhin ist das Lohnniveau dort bis heute niedriger. Als eine Ursache dafür erkannte man schließlich, daß es für viele Unternehmen lukrativer war, ihre Gewinne z.B. in Aktien anzulegen als in neue Produktionsanlagen.

Nun könnte man ja einwenden, daß Aktien doch eine Beteiligung an einem Unternehmen sind, daß man so sein Geld also produktiv anlegt. Das stimmt aber nur, wenn man die Aktie direkt vom dazugehörigen Unternehmen kauft. Danach kann sie ja fast an jedermann weiter verkauft werden. Und damit wandert sie dann in diesen Scheinwirtschafts-Kreislauf hinein, in dem einfach nur Wertpapiere hin und her verkauft werden. Dort ist jede Menge Kapital gebunden, und der Grund dafür liegt einfach darin, daß man dafür eben hohe Zinsen bekommt und mit weitaus weniger Mühe Geld verdienen kann als wenn man sein Geld direkt in einem Unternehmen anlegt.

Übel ist auch, daß Banken über Aktien eine große Macht über die übrige Wirtschaft bekommen, und zwar auch wenn ihnen diese Aktien gar nicht gehören. Als Besitzer von Aktien kann man ja der Bank die dazu gehörigen Vollmachten übertragen. Oft geschieht das auch, weil viele Kleinaktionäre einfach nur die Dividenden oder Gewinne durch Kurssteigerungen abfassen möchten und kein Interesse daran haben, an irgendwelchen Aktionärsversammlungen teilzunehmen. Sie übertragen ihrer Bank dann das Stimmrecht, und so erhält die Bank eben diese Macht, mit der sie nach Belieben in die Wirtschaft eingreifen kann, und zwar nicht immer zum Vorteil der betroffenen Unternehmen.

Es gibt schon lange angesehene Finanzexperten, die sich sehr besorgt über das internationale Finanzwesen äußern und Reformen dringendst anraten. Wenn es so weitergeht wie bisher, kann es jederzeit wieder Finanz-Krisen wie die in Südamerika oder in Asien geben. Auch hier bei uns.

Aber wieder zu Zinsen: Du hast dieses Beispiel gebracht, also daß jemand hungert und sich 100 Euro mit 10 % Zinsen leiht. Er muß also 110 Euro zurückzahlen. Er lebt dann zwar weiter, aber ihm fehlen 10 Euro. Wenn er vorher noch nicht mal die 100 Euro zum Leben hatte - wie soll er nun 110 Euro zurück zahlen? Vielleicht hat er Glück, und jemand schenkt ihm 110 Euro. Das wird aber wohl nicht geschehen. Also wird er Probleme mit der Rückzahlung der 110 Euro bekommen. Er kratzt vielleicht 50 Euro zusammen und hungert dabei immer noch. Dann fragt er den Geldverleiher, ob er die übrigen 60 Euro nicht später zurück zahlen kann. Der Geldverleiher sagt ihm dann, daß er auch einen neuen Kredit aufnehmen könne. Wieder über 100 Euro. Dafür müsse er ihm aber nun 15% Zinsen berechnen, da das Risiko ja offenbar groß ist. Der der Mann hungrig ist und gar kein Geld mehr hat, willigt er ein. Er bekommt wieder einen Kredit über 100 Euro. Davon werden seine Schulden in Höhe von 60 Euro abgezogen, er bekommt also 40 Euro ausgezahlt. 15 Euro Zinsen fallen natürlich trotzdem an, und natürlich muß er auch den Kredit in voller Höhe, also 100 Euro, zurück zahlen. So hat er nun schon 115 Euro Schulden beim Geldverleiher. Mit 40 Euro kommt er aber natürlich nicht weit. Irgendwie schafft er es trotzdem, noch 30 Euro zusammen zu kratzen, die er sich schon teilweise von Verwandten und Bekannten leiht und an den Geldverleiher zurück zahlt. Mehr geht nicht, es bleibt also eine Restschuld von nunmehr 85 Euro. Wieder erklärt sich der Geldverleiher bereit, noch einen Kredit zu gewähren. Aber eben nur 100 Euro, weil ihm sonst das Risiko zu hoch ist. Dafür will er aber wieder "nur" 15% Zinsen sehen. Der Mann rechnet sich das durch, und erkennt, daß er nach Abzug seiner Restschuld für den alten Kredit nur 15 Euro ausgezahlt bekommt. Davon kann er aber nicht leben, und seine Verwandten und Bekannten hat er schon alle angepumpt... Er fragt also, ob er nicht einen höheren Kredit kriegen könnte. Der Geldverleiher ist schließlich bereit, ihm 150 Euro zu geben, aber nur mit 20% Zinsen... Der Mann hat Hunger und willigt ein, da er hofft, demnächst einen neuen Job zu finden. Er kriegt also 150 Euro, davon wird seine Restschuld für den vorherigen Kredit in Höhe von 85 Euro abgezogen, bleiben also noch 65 Euro. Und er hat nun schon 180 Euro Schulden...

Wie sieht die Bilanz bis dahin aus? Der Geldverleiher hat die ersten Kredite durch Verrechnung mit den folgenden immer voll zurück gezahlt bekommen. Momentan hat der Kreditnehmer offiziell 150 Euro seines Geldes.

Der Kreditnehmer hat real insgesamt bereits 80 Euro an den Geldverleiher gezahlt. Seine Schulden liegen aber schon bei 180 Euro. Das kannst du nun noch weiterrechnen, um herauszufinden, wie lange es dauert, bis der Kreditnehmer den eigentlichen Kredit gar nicht mehr zurück zahlt, sondern nur noch die Zinsen dafür. Wenn nicht ein Wunder geschieht, zahlt er ewig weiter, der Geldverleiher hat sein Geld de facto längst zurück und macht nur noch plus. Ohne irgendetwas dafür tun zu müssen.

Sehr ähnlich ist das Problem mit der Staatsverschuldung. Da hat der Staat ja auch immer mehr damit zu tun, überhaupt nur die Zinsen abzuzahlen.

Du hast gefragt, was passieren würde, wenn jeder sein überschüssiges Geld anlegen würde, indem er Teilhaber eines Unternehmens wird. Dann würde jeder auch von Maschinen-Arbeit profitieren. Jetzt haben wir nämlich die Situation, daß immer mehr menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wird. Es gibt also immer mehr Arbeitslose, und die Unternehmen erhöhen ihre Gewinne durch effektivere Produktion, sofern diese Gewinn-Erhöhung nicht durch nötige Preissenkungen aufgefressen wird. Die entlassenen Menschen aber sehen in die Röhre. Nur die Besitzer der Unternehmen profitieren von der Maschinenarbeit. Wenn nun jeder Teilhaber an Unternehmen wäre, würde auch jeder ein wenig von Maschinenarbeit profitieren. Dann wäre das Problem der Arbeitslosigkeit gar nicht mehr so groß.

Problematisch ist dabei nur wieder, daß 0,4 % der Haushalte in Deutschland mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens besitzen. So haben leider sehr viele Menschen gar keine Möglichkeit, Beteiligungen an Unternehmen zu erwerben.

Interessant ist in dem Zusammenhang, daß in manchen Ostblockstaaten - z.B. in Lettland - nach der Wende Aktien am Volksvermögen gleichmäßig an die Bevölkerung ausgegeben wurden. Diese Aktien konnte man dann natürlich auch verkaufen. Selbstverständlich hat man das hier bei der Eingliederung der DDR in die Bundesrepublik nicht für nötig gehalten...

Dann noch zum Thema "Bevorzugung von Geburt an": Wenn jemand ohne eigene Leistung bevorzugt wird, dann ist das in meinen Augen ungerecht. Wer das anders sieht, muß genaugenommen auch mit den Frauenquoten völlig einverstanden sein.

Du hättest nichts gegen eine Monarchie. Nun, wieso machen wir dann nicht gleich Nägeln mit Köpfen, führen die Privilegien des Adels wieder ein und errichten ein Kastensystem wie in manchen asiatischen Staaten? Alle Berufe werden dann in Kasten unterteilt (z.B. Arbeiter, Angestellte, Beamte usw.), und es wird gesetzlich festgelegt, daß niemand außerhalb der Kaste, der seine Eltern angehören, tätig sein darf. Ein Arbeiterkind darf also immer nur Arbeiter sein usw. Fändest du das auch noch fair und gerecht?

Freundliche Grüße
von Garfield


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