Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Ressourcen gehen nicht aus, Marktwirtschaft ist supi

Garfield, Tuesday, 27.01.2004, 13:56 (vor 8045 Tagen) @ Daddeldu

Als Antwort auf: Ressourcen gehen nicht aus, Marktwirtschaft ist supi von Daddeldu am 27. Januar 2004 00:35:01:

Hallo Daddeldu!

"Schon seit über 200 Jahren gibt es die Unkenrufe, die Ressourcen würden bald ausgehen. Diese beruhen immer auf falschen Annahmen."

Nun, Daddeldu, es ist aber nun einmal eine Tatsache, daß Rohstoffe wie Erdöl nur begrenzt vorhanden sind! Sicher wird es irgendwann mal möglich sein, Erdöl durch erneuerbare Ressourcen zu ersetzen. Dann sollte man aber langsam damit anfangen.

"Die Zinsen werden am Markt gemacht, wie alle Preise sonst. Wer nur von Zinsen lebt kann auch nicht höhere Zinsen für seine Kredite verlangen, sonst holt sich unser Unternehmer A sein Geld woanders."

Erstens spielt es überhaupt keine Rolle, wer die Zinsen festlegt. In Zeiten, wenn das Wachstum sehr schwach ist oder wenn die Märkte sogar schrumpfen, tragen Zinsen immer dazu bei, die Krise noch zu verstärken. Wenn sie hoch sind, tragen sie mehr dazu bei, wenn sie niedrig sind, eben entsprechend weniger.

Zweitens werden auch die Finanzmärkte mittlerweile von Großkonzernen beherrscht. Und die neigen dazu, zu große Risiken zu vermeiden. Da läßt man sich dann auch selten auf Preiskämpfe mit der Konkurrenz ein, sondern orientiert sich einfach am Preis- (bzw. in diesem Fall am Zins-)Niveau der Konkurrenz. Teilweise gibt es sogar Absprachen unter den Unternehmen. Und wenn irgendein Unternehmen aus der Reihe schert und die Konkurrenz durch extrem niedrige Preise unterbietet, hat es ganz schnell ein Gerichtsverfahren wegen unlauterem Wettbewerb am Hals. Üblicherweise sind solche Verfahren auch erfolgreich. Den von Neoliberalen immer wieder beschworenen freien Markt gibt es also im realen Leben gar nicht. So erklärt sich auch, daß keine Bank die Zinssenkungen der EZB voll an die Verbraucher weiter gegeben hat.

"Leider ist A ein schlechter Unternehmer: Er hat sich nämlich verkalkuliert. Die Maschine kommt ihn mit den Finanzierungskosten teurer als der Mitarbeiter. Er hat sich (in Deinem Beispiel) schlicht verrechnet!"

Ja, er hat sich verrechnet. Aber nicht, weil die Maschinen zu teuer sind. Er ist davon ausgegangen, daß die Nachfrage stabil bleibt, wenn er seine Preise nicht ändert. Die Kreditrückzahlungen hätte er dann durch billigere Produktion, also im Wesentlichen durch Einsparung der Lohnkosten für einen Mitarbeiter, finanzieren können. Übersehen hat er lediglich, daß viele andere Unternehmen genau dasselbe machen und daß so überall Leute entlassen werden, die dann natürlich weitaus weniger Geld zum Ausgeben haben. So sank die Nachfrage nach seinen Produkten, trotzdem er seine Preise nicht erhöht hat. Da er sie aber durch die Kreditbelastung nicht senken kann, bringt ihn das in eine schwierige Situation.

In einer Wachstumsphase wäre das kein Problem gewesen. Da hätte auch ein entlassener Mitarbeiter schnell wieder einen neuen Job gefunden und hätte weiterhin genügend Geld zum Ausgeben gehabt. Die Nachfrage hätte sich nicht durch steigende Arbeitslosigkeit verringert, und so wären die Zinsen auch kein großes Problem gewesen. Nur leider wächst gerade nichts mehr...

"Die allermeisten Unternehmer sind cleverer als Herr A und produzieren wirklich billiger."

Ja. Im Ausland. Das schwächt die Märkte hierzulande noch mehr.

"Also, den Eindruck habe ich auch."

Daß ich "reich" mit "böse" gleich setze? Dann denke mal darüber nach, wie du zu diesem Eindruck gekommen bist!

"Die derzeitige Stagnation liegt m. E. daran, dass bei uns die letzten 50 Jahre die Sozialpolitik der Wirtschaftspolitik vorgegangen ist. Deshalb erdrücken die Sozialabgaben auf die Löhne die wirtschaftliche Entwicklung."

Das stimmt so nicht. Sicher sind die steigenden Sozialabgaben ein Problem, und zwar für Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen. Aber wieso kann man sie nicht senken? Das liegt zum einen daran, daß ein guter Teil des Geldes in dunklen Kanälen versickert. Dieses Geld landet letztendlich in den Taschen der Politiker und in den Kassen der Wirtschaft, beispielsweise wenn gegen Schmiergeld überhöhte Preise gezahlt oder überdimensionierte Gebäude und Anlagen gebaut werden. Und ein anderer, noch schwerwiegenderer Grund ist die steigende Arbeitslosigkeit. Deshalb gibt es nämlich immer mehr Sozialfälle, und das alles belastet die Sozialkassen immer mehr.

Sicher klingt es für diejenigen, denen es noch gut geht, sehr verlockend, einfach keine Sozialbeiträge mehr zu zahlen, und diejenigen, denen es weniger gut geht, einfach ohne Einkommen zu lassen. Aber was glaubst du, wird die wachsende Armee der Erwerbslosen dann tun?

"Der Euro ist eine fantastische Erfolgsgeschichte und gute Idee. Ohne ihn ginge es uns schlechter."

Aha. Gehörst du auch zu denjenigen, die der Meinung sind, es hätte gar keine Preissteigerungen durch den Euro gegeben? Das kann ich mir nur damit erklären, daß du wahrscheinlich nicht selbst einkaufst.

Gegen den Euro habe ich gar nichts - nur gegen die Art und Weise, wie er in Deutschland eingeführt wurde.

"Die Planwirtschaft war der Grund dafür."

Dann solltest du dich mal mit der Geschichte der DDR befassen. Davon hast du nämlich offensichtlich keine Ahnung.

"Überall auf der Welt, wo die Planwirtschaft regiert, geht es den Menschen schlecht, überall wo Marktwirtschaft eingeführt wird geht es den Menschen bald besser."

Die DDR gehörte zu den Ländern mit dem weltweit höchsten Lebensstandard. Ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ist schwierig zu berechnen. Weil man ihr Wirtschaftssystem nicht so einfach mit dem kapitalistischer Staaten vergleichen kann. Trotzdem wurde sie üblicherweise zu den 20 führenden Industrienationen gerechnet, nach manchen Berechnungen kam sie sogar auf Platz 8. Sie übertraf marktwirtschaftlich orientierte Länder wie Griechenland oder Portugal. Wie ist das möglich, wenn die Planwirtschaft doch der Marktwirtschaft angeblich grundsätzlich unterlegen ist?

"Ehrlich gesagt kann ich gar nicht verstehen, wie jemand heutzutage noch an der Marktwirtschaft zweifeln und die Planwirtschaft und den Sozialismus hochhalten kann. Man sieht es an jeder Behörde und staatlichen Unternehmung, dass der freie Markt besseres billiger anbietet."

Es gibt in Deutschland keinen freien Markt. Und es gibt in allen führenden Industriestaaten auch planwirtschaftliche Elemente. Frankreich hat dafür sogar eine spezielle Behörde.

"Der wurde auch nur entwickelt, die DDR hatte nicht die Technologie um ihn in Serie kostengünstig zu produzieren. Ein Beispiel für die katastrophalen Folgen der Planwirtschaft: Hohe Entwicklungskosten für etwas was niemand kauft. Die Entscheidungsprozesse in der Marktwirtschaft führen weitaus seltener zu solchen Fehlern."

Oje, Daddeldu... Das Problem hatte mit der Planwirtschaft nun wirklich überhaupt gar nichts zu tun. Natürlich hätte man sich in der Bundesrepublik diese Mühe kaum gemacht. Man hätte einfach den neuesten Chip aus Japan importiert. Die DDR konnte das aber nicht, weil westliche Länder ihr bestimmte Produkte, darunter auch mikroelektronische Produkte grundsätzlich nicht verkauften. Dafür gab es ein Embargo. Da die übrigen Ostblockländer technologisch nicht soweit waren, blieb der DDR oft gar nichts anderes übrig, als jede Kleinigkeit mit hohem Aufwand selbst zu entwickeln.

"Kannst Du mal in kurzen Worten schildern, was Du meinst? Ich kenne nur Elemente von Sozialismus, die zu wirtschaftlich sehr negativen Folgen führen (garantierte Abnahmepreise in der Landwirtschaft z. B.)"

Du solltest dich von deinem Tunnelblick lösen und dich auch mal darüber informieren, was in marktwirtschaftlichen Systemen so alles schiefläuft. Z.B. durch die diversen Subventionen für die Landwirtschaft. Da läuft absoluter Schwachsinn ab, der volkswirtschaftlich völlig unsinnig ist. Man subventioniert landwirtschaftliche Produktion, bachliegende Fläche und Vernichtung landwirtschaftlicher Produkte gleichermaßen. Alles mit unseren Steuergeldern.

Und zum Thema DDR empfehle ich dir das Buch "Was war die DDR wert?" von Siegfried Wenzel. Das enhält auch noch diverse Literatur-Empfehlungen zu den Themen Planwirtschaft und Marktwirtschaft.

"Es fällt mir sehr schwer das zu glauben. Wo hast Du das her?"

Das mit dem Abkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR, mit dem sich die DDR dazu verpflichtete, kein Kali-Salz in den Westen zu liefern, kam Mitte der 90er Jahre anläßlich der Abwicklung der DDR-Kali-Förderung hoch. Das ist überhaupt ein gutes Beispiel für Mißwirtschaft in marktwirtschaftlichen Systemen:

Die Treuhand suchte einen Käufer für die großen ostdeutschen Kaligruben. U.a. bewarb sich ein kanadischer Investor, der so in Europa Fuß fassen wollte. Nun gab es aber auch im Westen Deutschlands Kali-Produzenten, vor allem ein Unternehmen, das zur BASF gehört. Das wirtschaftete schon lange unrentabel vor sich hin, was die BASF aber nicht störte, da sie das Unternehmen als Steuerabschreibungsmöglichkeit nutzte. Die Verpflichtung der DDR, kein Kalisalz an den Westen zu liefern, wurde wohl vor allem zugunsten dieses westdeutschen Unternehmens gefordert. So konnte die BASF es weiterhin zur Steuerabschreibung nutzen, die Verluste hielten sich mangels Konkurrenz aber noch in vernünftigen Grenzen. Mit der Auflösung der DDR wurde auch dieses Abkommen hinfällig. Als nun auch noch der kanadische Investor auftauchte, der wirklich vorhatte, die Kailförderung im Osten weiter zu führen, bekam man das große Hosenflattern. Aber die BASF war ja reich und konnte problemlos diverse Treuhandmitarbeiter schmieren. Ganz zufällig wurde dann eine Führungskraft aus diesem westdeutschen Kali-Werk der BASF mit der Abwickelung der ostdeutschen Kali-Förderung beauftragt. Genauso zufällig gab man die ostdeutschen Kali-Gruben dann letztendlich auch nicht den Kanadiern, sondern diesem westdeutschen Unternehmen. Das kassierte damit noch jede Menge Fördergelder (in dreistelliger Millionenhöhe, wenn ich mich recht erinnere), warf die Mitarbeiter nach und nach raus und machte die Gruben schließlich dicht, um nicht durch zu hohe Produktion womöglich die Preise zu drücken.

So sieht das reale Leben aus, und zwar auch in der angeblichen Marktwirtschaft. Übrigens ist es unter Großkonzernen nicht unüblich, sich Märkte aufzuteilen. In der DDR gab es eine Zigarettenmarke namens F6. Die gibt es immer noch, allerdings kann man sie nur im Osten Deutschlands kaufen. Das liegt daran, daß der Investor, der diese Marke übernommen hat, sich vertraglich dazu verpflichten mußte, sicherzustellen, daß sie im Westen Deutschlands nicht verkauft wird.

Wir haben also kaum noch wirklich freie Märkte.

Freundliche Grüße
von Garfield


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