Nathan, der Jude
Als Antwort auf: Nachtrag: von Jens am 10. Mai 2004 10:43:53:
Hallo Jens,
ich gebe zu bedenken, daß die Beurteilung der geschichtlichen Rolle der Kirche nur eine historische Beurteilung sein kann. Sie ist und bleibt nun einmal die "Wirbelsäule" unserer geistigen und kulturellen Entwicklung, man mag zu ihr stehen, wie man will.
Herzstück und Mitte der Kirche ist nach wie vor, auch nach 2000 Jahren, dieser Jesus Christus, den du gewissermaßen "gegen" sie ins Feld führen willst. Diese Tatsache allein rechtfertigt die Kirche (ihre Existenz, nicht alle ihre Irrtümer und Fehler, wobei aber neben denen, die sie wirklich beging, ein Vielfaches davon "hinzukommt", die man ihr zu Unrecht vorhält, "weil es bekanntlich jeder weiß"...). Von Christus wüßte heute keiner irgend etwas, wenn es diese Kirche nicht gegeben hätte - oder wenn es sie nicht mehr gäbe.
Kritik an der Kirche gab es immer, auch innerhalb der Kirche, zu allen Zeiten. Kern dieser Kritik war es immer, sie erneut auf ihren Ursprung zu verpflichten. Dies war wieder und wieder und wieder erfolgreich, sonst gäbe es sie nicht mehr.
Eine Kritik indes, die die Vernichtung der Kirche zum Ziel hat, zielt auf die Verwüstung des Bodens, auf dem wir alle stehen. Es gibt eine Art Reflex, der immer dieselben Pauschalurteile reproduziert, undiffernziert und unwissend, der ähnlich resistent gegen Vernunft ist, wie alle anderen ideologischen Bornierungen. Und wie immer fällt es demjenigen nicht auf, der davon befallen ist. Du erlebst das gerade bei manchen Antworten von ai-Gutmenschen, nicht wahr?
Ich frage dich mal, was der folgende Satz wert ist: "Habe mal gelesen, dass lediglich 8% der Spendeneinnahmen für gemeinnützige Zwecke von der Katholischen Kirche verwendet werden." Punkt.
Wenn ich jetzt hier schriebe: "Jens ist ein Päderast!" (oder ähnlichen Blödsinn), dann könnte jeder sagen: "Habe mal gelesen, daß Jens ein Päderast ist." Wenn sich das dann zu einem allgemeinen "Wissen" verdichtete, welche Chance hätte dann die Wirklichkeit deiner Existenz? Welche Chance hättest du, deine Würde zu verteidigen? Gäbe es einen anderen Weg, als jeden einzelnen, Mann für Mann, von seinem Irrtum zu überzeugen? Besser gefragt: wäre das denn überhaupt ein "Weg"?
Das ist das, was ich immer mit "meinen" bezeichne: "Habe mal gelesen..."
Die geschichtliche Wirklichkeit (noch dazu eine ungebrochene 2000-jährigen Geschichte) ist hochkompliziert, widersprüchlich, verworren und keinesfalls nach einem einfäligen "Gut-Böse"-Schema zu begreifen (wobei die Steinewerfer immer die "Guten" sind, logo). Wer die Kirche von innen kennt, der weiß, wie sehr das an der Wahrheit vorbeigeht, wie aufrichtig man sich darum bemüht, trotz der eigenen Mängel und Grenzen, deren man sich nur zu gut bewußt ist, eine Wahrheit zu bewahren und zu verteidigen, die man eben nicht "besitzt", die aber der letzte und einzige Garant dafür ist, daß wir nicht in den kollektiven Wahnsinn stürzen.
Die Kirche "herrscht" nicht! Es ist jedem ein leichtes, sich ihrer "Herrschaft" zu entziehen, es genügt ein simpler Gang zum Einwohnermeldeamt, und schon ist man frei. Sie ist auch nicht totalitär, nicht nur, weil ihr die Macht dazu (gottseidank) fehlt, sondern weil sie etwas verteidigt, was nicht eben nicht in der Verfügung des Menschen steht. Es steht jedem frei, dieses Gut abzulehnen, aber nicht, es nach "demokratischem Volkswillen" zu verändern. Ein Glaube, der "beschlossen" würde und veränderbar wäre, wäre keiner. Er wäre nichts wert und würde vergehen, wie alles andere auch.
Deshalb werden die selbstgerechten, ahistorischen "Meinungen" über die Kirche kein Ende nehmen. Und die Kirche auch nicht. Damit kann ich leben 
Das Thomas-Evangelium hat eine eigene Schönheit, das stimmt, ich mag es auch sehr. Aber es wurde eben erst kürzlich entdeckt. Bis das einmal eventuell "kanonisiert" würde, wären, bei der notorischen Vorsicht in Rom, mindestens 1000 Jahre vergangen. Das ist im Prinzip gut so. Sonst wäre die Ufologie, bei besonders ungünstigen historischen Bedingungen, evtl. auch einmal Teil der Heiligen Schrift. Der einzige Schutz vor historischen Irrtümern ist Erfahrung, Vorsicht, Geduld und Vertrauen in die Tradition. Man weiß eben, daß man "alle Zeit der Welt" hat. Das ist auch ein Wert, ein Wert in sich, der sich selbst rechtfertigt. "Irgndwen" muß es geben, der nicht ununterbrochen nur nach dem "Neuen" greift und das Alte in die Tonne tritt. Dafür sorgen schon alle anderen (und niemand hindert sie ja real daran). Man kann das Thomas-Evangelium derweil ja "einfach so" lesen - wie ich es tue, und Kardinal Ratzinger und der Papst und jeder andere auch. Das ist nämlich nicht verboten 
Ich bin jedenfalls heilfroh, daß ich es nicht mit Milliarden "Eigeninterpretationen von der Verkörperung Jesu" zu tun haben muß. Mag es sie geben! Aber es ist evident, das die "Verkörperung Jesu" sofort in Millionen Fetzen zerflöge, gäbe es nicht die "Norm", die knochentrocken auf dem beharrt, was die Tradition als wahr erwiesen hat. Also mich interessiert es nicht so sehr, was Jesus bei den Kelten für tiefsinnige Einweihungen hatte, was er von den Druiden auf den britischen Inseln erfuhr und was er auf seinem Flug zur Wega gemacht und gesagt hat. Diese Geschichten gibt es alle, als Meterware. Verstehst du, was ich sagen will?
John Locke hatte seine Ideen, weil er in der Kultur des Christentums aufwuchs und lebte. In Mekka hätte es jedenfalls keinen Abu John ben Locke geben können. Die Geschichte ist widersprüchlich, komplex, niemals zuende, bevor nicht die Zeit zuende ist. Und auch John Locke ist nur eine vergängliche Form. Es gibt kein "Ende der Geschichte". Denn wir leben in der Zeit - und deshalb in der Geschichte, in unserer Geschichte, mittendrin, die wir alle zu verantworten haben. Wir haben keinen, an den wir das delegieren können. Keinen Gott, der seinen Job etwa darin sähe, uns zu "unserem" Glück zu zwingen (denn dann wäre es nicht unser Glück: wegen dem Zwang, nicht wegen dem Urheber). Wir können es auch nicht an die "Bösen" delegieren, an die Anderen, die nicht so wollen, wie wir wollen. Das Elend unserer Geschichte rührt ja gerade daher, daß wir dies versuchen, je und je...
Ganz kurz zu Israel: der Staat ist keine "religiöse" Gründung, sondern eine politische. Nachdem die Juden 2000 Jahre lang (als einzige!) kein "Tätervolk" waren (aber trotzdem für alles und jedes als Täter verantwortlich gamacht wurden), haben sie nun einen Ort von der Größe Hessens, wo es mal "nur jüdisch zugehen soll". Ich kann das verstehen. Ich kann auch verstehen, daß das mit viel neuem Unrecht verbunden ist. Ich weiß auch, daß dem viel Unrecht vorausging. Ich weiß, daß dort immer auch Juden lebten (davon 1400 Jahre lang, wie die orientalischen Christen, als unterdrückte Underdogs der Moslems). Nun wurde diese Phase durch menschlichen Beschluß beendet. Fromme, orthodoxe Juden lehnen den Staat Israel deswegen rundheraus als Gotteslästerung ab (das wissen viele nicht). Die Geschichte ist, wie gesagt, ungemein kompliziert. Aus dem Wahnsinn dort unten wird die Menschheit wieder ein wenig mehr lernen, sich nicht wahnsinnig zu verhalten. Anders geht es nicht. Wir selbst wollten und wollen es so. Deshalb ist es so. Nur deshalb.
Denn wir hängen alle mittendrin, keiner kann uns hier rausholen. Wir müssen uns also bewähren, auf eigene Verantwortung, jeder so gut er kann, trotz aller Widesprüche, im Bewußtsein der Irrtümer und Schmerzen, die wir einander und uns selbst dabei zufügen. Wir könnten es zwar lassen. Aber wir tun es eben nicht. Keiner tut es. Deshalb ist es so, wie es ist...
Das - genau DAS - ist die Basis unserer Freiheit und unserer Würde als Menschen. Denn was wäre die Alternative? Willenlose Marionetten einer Mechanik des "Guten"? Das wäre eben nicht gut, dann wären wir keine Menschen, sondern eben Marionetten. Zu begreifen, daß dies wiederum eben kein Freibrief zum "Anything goes" ist, sondern im Gegenteil eine ungeheure Verantwortung bedeutet, die wir tragen, für uns und unsere Welt, das setzt sich eben nur ganz allmählich durch, das dauert Jahrtausende, wie man sieht. Aber es ist ohne Alternative.
Von dieser Perspektive her gesehen ist nichts von größerer Bedeutung, als die gesammelte Erfahrung von eben diesen taudsenden Jahren elender(!) Geschichte - und dem glimmenden Licht, das durch diesen Irrsinn hindurch bewahrt wird, das der einzige Garant unserer Hoffnung ist und bleibt. Genau dafür - und zwar für beides (und nicht für's "herrschen") - ist die Kirche da. Es gibt keinen "Ersatz" dafür. Nur Narren "meinen" das. Aber die "meinen" viel. Und es ist niemals wahr gewesen.
Wenn dann wieder einmal etwas Unersetzliches für immer entzwei gegangen ist, dann heißt es wieder entweder: "Tschulliung, wußten wir nicht" oder: "Wir warn's nicht, die andern warn's".
So[/u] sind wir.
Sagt
der Nick
P.S.: "Nathan der Weise" ist im christlichen Europa geschrieben worden. Moslems werden ihn, aus diesem Grund, meist ablehnen. Aber auch hier, bei uns, hat der alte Weise inzwischen wieder einen schweren Stand...
gesamter Thread:
- Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Nick,
29.04.2004, 18:10
- Re: Feminismus ist ... - Eugen Prinz, 29.04.2004, 21:06
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Emmalein,
30.04.2004, 14:38
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Max,
30.04.2004, 16:12
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Emmalein,
30.04.2004, 16:40
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich - Max, 30.04.2004, 23:05
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Emmalein,
30.04.2004, 16:40
- Lauterkeit? -
Nick,
02.05.2004, 02:15
- Re: Lauterkeit? -
Garfield,
04.05.2004, 18:17
- Re: Lauterkeit? -
Anti-Sexistin,
04.05.2004, 19:00
- Re: Lauterkeit? -
Garfield,
04.05.2004, 19:48
- Re: Lauterkeit? - Anti-Sexistin, 04.05.2004, 20:31
- Re: Lauterkeit? -
Garfield,
04.05.2004, 19:48
- Re: Lauterkeit? -
Nick,
05.05.2004, 16:46
- Re: Lauterkeit? -
Peter,
05.05.2004, 18:39
- Re: Lauterkeit? - Nick, 05.05.2004, 18:57
- Re: Lauterkeit? -
Garfield,
05.05.2004, 19:39
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Nick,
06.05.2004, 02:47
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Garfield,
06.05.2004, 14:12
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Nick,
06.05.2004, 15:28
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? - Garfield, 06.05.2004, 21:21
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Nick,
06.05.2004, 15:28
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Garfield,
06.05.2004, 14:12
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Nick,
06.05.2004, 02:47
- Demut? - Der Frankfurter, 05.05.2004, 22:14
- Von eingebildeten Göttern und eingebildeten Menschen -
Daddeldu,
07.05.2004, 05:25
- Re: Von eingebildeten Göttern und eingebildeten Menschen -
Nick,
10.05.2004, 02:08
- Re: Von eingebildeten Göttern und eingebildeten Menschen -
Jens,
10.05.2004, 02:58
- Nachtrag: -
Jens,
10.05.2004, 13:43
- Nathan, der Jude -
Nick,
11.05.2004, 18:40
- Re: Nathan, der Jude -
Eugen Prinz,
11.05.2004, 20:02
- Re: Nathan, der Jude -
Jolanda,
11.05.2004, 20:53
- Re: Nathan, der Jude -
Eugen Prinz,
11.05.2004, 21:33
- Re: @ Nathan , den Juden - und die anderen Diskutanten dieses Threads -
Max,
12.05.2004, 19:29
- Re: @ Nathan , den Juden - und die anderen... - Eugen Prinz, 12.05.2004, 20:24
- Re: @ Nathan , den Juden - und die anderen Diskutanten dieses Threads -
Max,
12.05.2004, 19:29
- Re: Nathan, der Jude -
Eugen Prinz,
11.05.2004, 21:33
- Re: Nathan, der Jude -
Nick,
12.05.2004, 12:59
- Re: Nathan, der Jude - Eugen Prinz, 12.05.2004, 16:44
- Re: Warum die Mühe? - Mirko, 12.05.2004, 20:12
- Re: Nathan, der Jude -
Jolanda,
11.05.2004, 20:53
- Re: Nathan, der Jude - Jens, 12.05.2004, 00:07
- Re: Nathan, der Jude -
Garfield,
12.05.2004, 19:33
- Re: Nathan, der Jude - Jens, 12.05.2004, 20:00
- Re: Nathan, der Jude -
Eugen Prinz,
11.05.2004, 20:02
- Nathan, der Jude -
Nick,
11.05.2004, 18:40
- Nachtrag: -
Jens,
10.05.2004, 13:43
- Re: Von eingebildeten Göttern und eingebildeten Menschen -
Jens,
10.05.2004, 02:58
- Re: Von eingebildeten Göttern und eingebildeten Menschen -
Nick,
10.05.2004, 02:08
- Widerspruch der Aussagen -
Paul,
07.05.2004, 17:01
- Re: Widerspruch der Aussagen - Nick, 07.05.2004, 20:09
- Re: Lauterkeit? -
Peter,
05.05.2004, 18:39
- Re: Lauterkeit? -
Anti-Sexistin,
04.05.2004, 19:00
- Re: Lauterkeit? -
Garfield,
04.05.2004, 18:17
- Re: Kleiner Exkurs Ethik -
Andreas (der andere),
02.05.2004, 19:37
- Christliche Ethik -
Daddeldu,
03.05.2004, 05:17
- Re: Christliche Ethik -
Andreas (der andere),
03.05.2004, 12:16
- Re: Christliche Ethik - Nick, 03.05.2004, 14:49
- Kritik der christlichen Ethik -
Daddeldu,
04.05.2004, 22:36
- Re: Kritik der Konsens-Ethik -
Anti-Sexistin,
04.05.2004, 22:52
- Re: Kritik der Konsens-Ethik -
Andreas,
04.05.2004, 23:19
- Re: Relativismustheorie -
Andreas (der andere),
05.05.2004, 00:08
- Re: Relativismustheorie - Anti-Sexistin, 05.05.2004, 11:41
- Re: Relativismustheorie -
Andreas (der andere),
05.05.2004, 00:08
- Re: Kritik der Konsens-Ethik -
Andreas,
04.05.2004, 23:19
- Re: (@ Daddeldu) Religionsgeschichte und Ethik - Andreas (der andere), 09.05.2004, 02:51
- Re: Kritik der Konsens-Ethik -
Anti-Sexistin,
04.05.2004, 22:52
- Re: Christliche Ethik -
Andreas (der andere),
03.05.2004, 12:16
- Re: Kleiner Exkurs Ethik - Emmalein, 03.05.2004, 12:51
- Re: Kleiner Exkurs Ethik - Nick, 03.05.2004, 14:47
- Christliche Ethik -
Daddeldu,
03.05.2004, 05:17
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Max,
30.04.2004, 16:12
- Noch zur Ergänzung - Emmalein, 04.05.2004, 18:57