Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: (@ Daddeldu) Religionsgeschichte und Ethik

Andreas (der andere), Sunday, 09.05.2004, 02:51 (vor 7941 Tagen) @ Daddeldu

Als Antwort auf: Kritik der christlichen Ethik von Daddeldu am 04. Mai 2004 19:36:07:

Hallo Daddeldu,

leider komme ich erst jetzt dazu, auf Deinen Beitrag zu antworten. Die Diskussion bisher hat sich doch sehr stark von dem entfernt, worum es zumindest mir ursprünglich ging, aber um das alles zu kommentieren fehlt mir die Zeit (und irgendwie auch die Lust). Außerdem überdehnt es den Forenrahmen doch ganz gewaltig. Allerdings wollte ich noch auf Dein Posting antworten; vielleicht kann das noch ein oder zwei Mißverständnisse aus der Welt schaffen, oder zumindest darlegen, worin die Verbindung von Ethik mit der Religionsgeschichte liegt. Allerdings kann ich das nicht so punktuell; ich hoffe, Du hast ein wenig Zeit, weil ich doch ein bißchen weiter ausholen muß. (Nebenbei noch eine Entschuldigung an Andreas, da ich mir durchaus bewußt bin, daß diese Diskussion das Forenthema deutlich überstrapaziert. Ich werd aber versuchen, das miteinander in Verbindung zu setzen.)

Zuerst etwas Grundlegendes zu meiner Position: Dem Selbstverständnis der drei großen sogenannten monotheistischen Religionen nach sind die beiden zentralen Aspekte der Modalität Gottes seine Unabhängigkeit vom menschlichen Bewußtsein und seine Transzendenz. Würde er nicht über die erstere Eigenschaft verfügen, wäre er nur eine Phantasie, ein Fehlen der zweiten Qualität würde ihn zu einem innerweltlichen Ding machen. — Diese Bestimmung voranzustellen erscheint mir notwendig, um zu zeigen, daß es absolut unmöglich ist, in irgendeiner Art wissenschaftliche Aussagen über Gott zu machen, bzw. ihn wissenschaftlich beweisen zu wollen. Um ihn der Empirie zuzuführen, müßte man ihn nämlich einer Idee unterordnen und zu einem begrenzten Ding machen, könnte dann aber eigentlich nicht mehr von Gott reden.

Ich muß diese Aussage an den Anfang stellen, um meine Position genauer zu definieren: Selbst wenn ich von der Existenz Gottes überzeugt wäre (ich bin es nicht), wäre es mir unmöglich, sie wissenschaftlich zu beweisen. Die Frage, ob Gott existiert, wird und muß letztlich immer eine Frage des Glaubens bleiben. Wenn ich also argumentiere, dann tue ich das ausschließlich aus religionshistorischer Sicht. Für eine sinnvolle Diskussion ist es unabdingbar, die Ebene der Diskussion konsequent beizubehalten. Ich muß das auch voranstellen, weil Religionskritik sehr oft den methodischen Fehler begeht, sich vorübergehend in eine theologische Position zu begeben, um die "Unmöglichkeit" oder den "Irrtum" Gottes nachzuweisen. Damit sieht sie sich jedoch dem gleichen Problem ausgesetzt wie die Theologie, wenn diese versuchen würde, Gott wissenschaftlich zu "beweisen". Ich denke, in gewissem Sinne begehst auch Du diesen Fehler mit der Frage nach der göttlichen Legitimation der Sklaverei; ich gehe später darauf noch ausführlicher ein. — Ich muß hier auch noch mal die Differenz meiner Position zu der von Nick betonen: Auch wenn unsere Ansichten in großen Teilen übereinzustimmen scheinen, argumentieren wir beide von völlig verschiedenen Perspektiven aus. Vielleicht wird das durch diesen Beitrag etwas klarer.

Gut, also — schauen wir also auf den Anfang: die Begründung der jüdischen Religion durch Mose im Buch Exodus (das Buch Genesis ist redaktionell jüngeren Datums). Jeder hat diese Geschichte irgendwann schon einmal gehört, daher können wir sie in ein paar kurzen Worten nacherzählen: Nach ihrem Auszug aus Ägypten irren die Juden unter Führung von Mose einige Zeit durch die Wüste. Auf Geheiß Gottes steigt Mose auf den Berg Sinai und empfängt dort von diesem die Gebote für sein Volk. Als er wieder hinabsteigt, sieht er seine Leute wie rasend in einem ekstatischen Kult um das Bild eines goldenen Kalbes tanzen. Wutentbrannt zerschlägt er die Gesetzestafeln, steigt jedoch auf erneutes Geheiß Gottes ein zweites Mal hinauf und kehrt dann mit dem erneuerten Gesetz zu seinen Leuten zurück. Gibt es für uns heute jetzt irgendeinen Grund, uns mit diesem Ereignis näher zu beschäftigen? Ist das nicht einfach nur ein weiterer unter zahllosen Gründungsmythen, die in allen Religionen anzufinden sind? Hat diese Geschichte für uns, die wir außerhalb dieser Religion stehen, irgendeine Bedeutung?

Dieses Ereignis besitzt in der Tat menschheitsgeschichtliche Relevanz, hinweg über die Grenzen der Religion und bis in heutige Zeit. Untersuchen wir die Sache etwas genauer: Was ist die Situation der Juden? Sie befinden sich in Ägypten; sie sind ein Sklavenvolk, werden ausgebeutet, und wenn sie zuviele werden und man eine Rebellion befürchten muß, dann dezimiert man sie einfach. Das ist der Ausgangspunkt dieses Konflikts; Mose selbst ist Überlebender eines dieser Massaker an jüdischen Jungen. Es gibt harte Auseinandersetzungen; der Pharao will sie nicht freiwillig ziehen lassen, und wie immer sich der letztendliche Auszug aus Ägypten für die Juden auch gestaltet haben mag — wir dürfen davon ausgehen, das er nicht ohne Widerstände stattfand.

Worin besteht jetzt die revolutionäre Vision des Mose? Und welche Bedeutung kommt der Episode mit dem goldenen Kalb zu, das diese Vision beinahe zerstört?

Wollen wir die Bedeutung der "mosaischen Revolution" auch für den Rest der Welt im weiteren Verlauf verstehen, müssen wir uns anschauen, in welcher Beziehung die jüdische Religion einen Bruch mit Herkömmlichem darstellt. Das Bedeutsamste an dieser Veränderung ist sicher nicht der Wechsel vom Polytheismus zum Monotheismus, wie das z.B. Jan Assman vermutet. Die jüdische Religion ist originär nicht mono-, sondern henotheistisch, d.h. nur die Verehrung eines Gottes ist erlaubt, aber es gibt durchaus andere. (Am Anfang der jüdischen Bibel findet man z.B. die Worte: "bereschit bara elohim", zu übersetzen mit "Bereschit schuf Elohim (Gott)"; "Am Anfang schuf Gott ..." ist hier grammatikalisch aber unmöglich.)

Die eigentliche Revolution ist keine Glaubensfrage, sondern struktureller Natur. Religionen waren bis zu diesem Zeitpunkt das, was der sicher berühmteste Religionswissenschaftler des 20. Jh., Mircea Eliade, als archaische Religionen bezeichnet: ihr Weltmodell ist zyklisch; ihr Pantheon wird bevölkert von einer Vielzahl archetypischer Gottheiten, die als ewige Prinzipien eine feste Ordnung der Dinge begründen. Das Weltbild einer solchen Religion ist in sich starr; alle Ereignisse stellen nur eine ewige Wiederholung einer göttlichen Ordnung dar. Die gesellschaftliche Ordnung ist hier nichts aus der Welt herausgenommenes, sondern unterliegt ebenso unveränderlichen Gesetzmäßigkeiten: Nach dem einen Pharao kommt der nächste, er wird seine kultischen Pflichten erfüllen, die Feinde des Reichs bezwingen und die Aufrechterhaltung der Ordnung gewährleisten usw. — Der "Vorteil" eines solchen Weltentwurfs besteht laut Eliade vor allem darin, daß es den "Schrecken der Geschichte" abhält und durch seine zyklische Natur Sicherheit und den Eindruck von Eindeutigkeit verleiht.

Diesem zyklischen Modell gegenüber steht jetzt die Religion Moses, ein lineares Modell, in dem der Mensch keinen Platz mehr in einem sich immer wiederholenden Kreislauf einnimmt, sondern zu einem einzigartigen und geschichtlichen Individuum wird. "Geschichte beginnt mit Sumer" heißt es bei S. N. Kramer, und natürlich gibt es sie auch schon die ganze Zeit davor. Ein geschichtliches Bewußtsein des Menschen aber beginnt mit Mose. Und dieses geschichtliche Bewußtsein ist es, was den Kern des Judentums ausmacht: Mose sieht genau, was seine Leute da versuchen, als sie sich in einen archaischen Fruchtbarkeitskult flüchten. Doch er weiß, daß sein Volk nicht vergessen darf, was ihm da geschehen ist, oder es wird selbst in der Geschichte untergehen. Mose begründet eine historische Tradition: Im Gegensatz zu den archaischen Religionen sind die Feste des Judentums keine einfachen Fruchtbarkeitskulte, sondern sie weisen eine sehr stark historische Färbung auf (z.B. Chanukka, Purim, das Passah-Fest etc.). Dieser fundamentale Unterschied zeigt sich auch besonders in den geheiligten Schriften der Juden: Im Gegensatz z.B. zu den ägyptischen oder mesopotamischen Anrufungen sind sie Geschichtsbücher (natürlich nicht mit dem selben Anspruch, den wir heute an historische Werke haben). Für die Juden ist ihre Geschichte selbst heilig.

Dieser fundamentale Wandel entgeht den meisten Religionskritikern, die einen Widerspruch in der Historizität der Religion aufzuzeigen versuchen. Dabei entgeht ihnen aber, daß sie ihre eigenen Vorstellungen davon, was und wie Religion sein sollte, zum Ausgangspunkt nehmen und dann den Juden (oder Christen) den Vorwurf machen, sich nicht daran zu halten. Die biblischen Gebote sind Forderungen, wie das Leben in der Welt zu gestalten sei; sie sind keine Beschreibung unveränderlicher, ewiger Tatsachen.

Vielleicht befriedigt das Deine Frage nach dem Passus mit den Sklaven: Das Gebot besagt, daß der Besitz des Nächsten — zu dem in einer Sklavenhaltergesellschaft, in der das Buch entstand, eben auch Sklaven gehören konnten — zu respektieren sei. Mit der Frage "Warum hat Gott nicht ...?" würdest Du die Diskussion auf eine theologische Ebene verschieben. Als Antwort darauf könnte man dann zurückfragen, warum Gott sein Volk mit anachronistischen Forderungen verwirren sollte. — Ich denke nicht, daß wir das tun sollten (s.o.). Es ging ja originär um Ethik, und dafür ist es notwendig, den historischen Blickwinkel einzuhalten. — Genauer gesagt ist es unabdingbar, denn Ethik kann sich tatsächlich nur in einer historischen Perspektive entwickeln. Man kann aus den Fehlern der Geschichte nur dann lernen, wenn man eine Geschichte hat. In archaischen Kulturen ist jede Regel und Form hingegen dogmatisch (da sie ja eine "ewige" Ordnung darstellt).

Diese Veränderung machte die Juden tatsächlich zu etwas Besonderem (einem Volk mit einer Geschichte), brachte sie jedoch in permanenten Konflikt mit den Auffassungen anderer Kulturen, aber auch der Praxis der eigenen Leute. Die "Propheten" genannten Freigeister treten immer dann in Erscheinung, wenn das Volk oder ein Herrscher seine ethischen Traditionen vernachlässigt, und üben Kritik - oft mit fatalem Ausgang (für sie selbst). Es ist bezeichnend, daß die Bibel die jüdische Geschichte nicht glorifiziert, sondern auch Geschichten ethischer Verfehlungen und schamvoller Ereignisse festhält (z.B. David, Ahab, Jehu etc.). Die Ethik, an der sich Volk und Führer messen lassen müssen, wird mit der Vergangenheit immer länger und ausdifferenzierter; ethische Normen werden anspruchsvoller. Gleichzeitig ist es vielleicht universell menschlich, sich von solchen Forderungen freimachen zu wollen, die Schmach der Geschichte abzuwerfen und sich sein eigenes, bequemes Weltbild zurechtzuzimmern. Der Konflikt dieses Wunsches mit der Erfordernis, die Geschichte lebendig zu halten, wenn man nicht in barbarische Zustände zurückfallen möchte, betrifft sowohl Juden als auch Nicht-Juden.

In dieser Tradition der jüdischen Propheten steht nun Jesus: Auch er prangert den Verfall der Sitten an, fordert eine Veränderungen im Denken, setzt Innerlichkeit gegen zur bloßen Form erstarrten Ritualismus und übt Kritik an der bestehenden Ordnung. Sein Schicksal ist bekannt. Es mag aus einer christlichen Perspektive vernünftig erscheinen, bei Jesus eine Zäsur setzen zu wollen, aber ich sagte bereits, daß mein Standpunkt ein anderer ist, und möchte statt dessen die ideengeschichtliche Kontinuität betonen. (Die eigentliche Zäsur stellt eher die zweite Zerstörung des Tempels 70 und die allmählich daraus resultierende Trennung zwischen Judentum und Christentum dar.) Jesus selbst steht in einer Tradition, die auch nach seinem Tod noch eine Weile weiterbesteht. Das Christentum beruft sich zwar auf Jesus, gestiftet in dem Sinne wird es aber erst nach seinem Tod (Jesus selbst sieht seine Mission als eine Revolutionierung des Judentums). Aus dem selben Grund geht eine "Verfallstheorie", wie sie Garfield anscheinend vertritt, ebenfalls an der tatsächlichen Sache vorbei, weil sie erneut den historischen Prozeß zugunsten einer statischen Auffassung ausblendet. Die Urchristen (eigentlich noch Juden) waren sich über ihre Ziele und Werte keineswegs einig (Konflikte sieht man bereits zwischen Petrus und Paulus). Sie wurden von den Römern auch nicht wegen ihres Glaubens oder ihrer Werte verfolgt. Für die römische Religion ist der Glaube absolut irrelevant; die römische Religion war eine Orthopraxie: Was alleinige Bedeutung hatte, war der korrekte Vollzug des Kults. Wie wenig die innerliche Beteiligung dabei zählt, sieht man daran, daß die Durchführung auch an Sklaven delegiert werden konnte; oder daß es, wenn man keinen für das Jupiteropfer erforderlichen weißen Stier finden konnte, durchaus legitim war, einen anderen weiß anzumalen. Der korrekte Vollzug des Kults sicherte die bestehende Ordnung. Der Kult war öffentlich. — Die Christen hingegen verweigerten sich der Ordnung; sie feierten heimlich seltsame und für die römische Öffentlichkeit unsichtbare Kulte und entzogen sich weitgehend der Kontrolle. Zudem muß man sagen, daß sie eine ausgesprochen eschatologische Haltung vertraten. Es gibt wohl gute Gründe anzunehmen, daß der Brand Roms 64 auf ihr Konto ging, um das Weltgericht nun vielleicht doch einzuleiten.

Worauf ich hinaus will, ist die Perspektive einer fortschreitenden Geschichte. Nur aus ihr heraus kann man das Werk Jesus' sowie die spätere Entstehung des Christentums richtig verstehen. Diese Perspektive müssen wir unbedingt auch beibehalten, wenn wir die weitere Geschichte zum Aufstieg zur Staatsreligion, über das Mittelalter bis in die Gegenwart betrachten. Man findet bei Religionskritikern z.B. immer wieder den "Vorwurf", die Kirche hätte sich von der weltlichen Politik nicht soweit ferngehalten, wie es ihre Pflicht gewesen wäre (gemessen an welchen Maßstäben auch immer). Dieser Vorwurf ist nicht sehr durchdacht und verkennt zudem erneut das eigentliche Wesen der jüdisch-christlichen Tradition. In ihm offenbart sich auch eine Auffassung von Religion, die in etwa der eines Yoga-Kurses oder eines schamanistischen Seminars auf dem esoterischen Supermarkt von heute gleichkommt. Halten wir hier einen kurzen Moment inne und fragen uns, welche Relevanz einer so durch und durch an Außerweltlichem orientierten Religion zukäme ... Die Antwort ist: Keine. Eine Religion, die nicht die Macht hat, im realen gesellschaftlichen Kontext etwas wie Verbindlichkeit zu erzeugen, wäre pure Philosophie, ohne jeden Bezug zum realen Leben. — Anscheinend ist aber dies genau die Position, die resolute Christentumskritiker dieser Religion zugestehen wollen. Schauen wir uns also kurz deren Begründung an!

Eine Auffassung, die auf historisch keinen Fall haltbar ist, ist das Bild einer mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirche als in sich geschlossene Organisationsstruktur, die mit erstarrter Dogmatik und Glaubensvorstellungen das Volk unterdrückt, bis sich dieses endlich von seinen Ketten befreit. Da Kirchengeschichte nicht von weltlicher Geschichte zu trennen ist, mußten notwendigerweise von außen kommende Entwicklungen und Veränderungen auch im innerkirchlichen Kontext diskutiert, bewertet und schließlich darauf reagiert werden. Ebenso oft bildeten innerkirchliche Diskussionen den Anstoß für äußere Entwicklungen. Weltliche Entscheidungen der Kirche wurden diskutiert und auch kritisiert. Auf keinen Fall läßt sich am Bild von der einheitlichen kirchlichen Meinung festhalten, auch wenn selbstverständlich ein übergreifender Konsens angestrebt war. Die Behauptung, "das Verhalten der Christen und ihrer Kirchen [sei] kein Deut besser als das ihrer Zeitgenossen, oft sogar schlechter" gewesen, ist sicher ein wenig polemisch formuliert, insgesamt aber nicht zu bezweifeln: Ebenso, wie es Leute gab, die das Prädikat "Heilige" durchaus verdienten, gab es dagegen andere, die von der christlichen Idee nicht weiter hätten entfernt sein können, und (naturgemäß?) die Macht erreichten, die sie zu deren Mißbrauch ermächtigte. Ist die Bedeutung der Kirche damit aber nun schon erschöpfend dargelegt?

Nein. — Wäre die Kirche nur eine weltliche Macht neben anderen gewesen, hätte sie auch zweifellos deren Schicksal ereilt, andererseits aber die Bedeutung vermissen lassen, die ihr heute in den Augen einiger so oft zur Kritik gereicht. Der größte Verdienst der Kirche besteht meines Erachtens darin, während einer Epoche der sich einander ohne Unterlaß und erkennbares System bekriegender Mächte für einen staatenübergreifenden Konsens gesorgt zu haben, der trotz aller Kriege und Meinungsverschiedenheiten das Bild Europas als einer Zivilisation, mit einer Geschichte prägte. Besonders diesen letzten Aspekt möchte ich betonen, denn wie wir weiter oben schon gesehen haben, ist es unmöglich, aus den Fehlern der Geschichte zu lernen, wenn man sich diese nicht gegenwärtig hält. Ethik kann sich also nur aus Tradition entwickeln. In diesem Zusammenhang wäre vielleicht auch darauf hinzuweisen, daß viele unserer modernen Werturteile und Anschauungen auf christliche Überlegungen zurückgehen, oder doch zumindest durch diese vorbereitet sind.

Als Beispiel für unseren moralisch eher selektiven Umgang mit dem Thema mag das mittlerweile vielleicht schon nicht mehr ganz so einseitig betrachtete Thema der Hexenverfolgung gelten. Dabei ist das Phänomen Hexerei kein durch die Kirche geschaffenes; im Gegenteil kennt man derartige Vorstellungen überall auf der Welt, ebenso wie mehr oder weniger humane Methoden, damit umzugehen. Von der katholischen Inquisition, deren Image unwiderruflich ruiniert scheint, wissen wir heute gerade noch, daß durch sie eine größere Anzahl Hexer, Hexen und Ketzer/innen zu Tode gekommen sind. Weniger bekannt ist schon, daß von den durch weltliche und geistliche Gerichtsbarkeit zum Tode Verurteilten zusammen lediglich etwa 4% auf Kosten der Letzteren gingen, oder daß die Hexenverfolgung ursprünglich nicht durch die Kirche, sondern durch die weltliche Gerichtsbarkeit initiiert wurde. — Zu einem wirklichen Verständnis gelangt man allerdings erst dann, wenn man sich mit den inner- und außerkirchlichen Debatten auseinandersetzt, die über die Jahrhunderte zu diesem Problem geführt wurden. Der Canon episcopi, eine Sammlung kirchlicher Rechtssätze aus dem 9. Jh., unterscheidet beispielsweise bereits vorsichtig zwischen "Behauptung" und "Realität" und war für die Überlegungen der weiteren Praxis bestimmend. Und auch wenn es schwer zu akzeptieren scheint, stellte die Einrichtung der Inquisition eine Verbesserung der Zustände dar. Bis zu ihrer Entstehung galt die Denunziation bereits als Anklage und Beweis: Behauptete nur eine genügend große Anzahl das gleiche, ließ man den Angeklagten noch auf einem glühenden Pflug reiten oder unterzog ihn der "Wasserprobe" (was beides keine besonders guten Aussichten waren). Die Inquisition bemühte sich, Verhörmethoden zu entwickeln, nicht-suggestive Fragetechniken zu erstellen, führte das Recht eines Angeklagten auf einen juristischen Beistand ein, betonte z.B. im Todesfall das Primat der untersuchenden Ärzte gegenüber den Hexerei-Anklägern und entwickelte ein Sortiment an Methoden, die man heute als proto-kriminalistisch sehen könnte (z.B. in der "Instructio" des "Sanctum Officium" [um 1600]). Die Verhörmethoden schlossen als letzten Schritt auch die Folter mit ein, was aus damaliger Sicht legitim war. — Natürlich ist so etwas unethisch. Das Problem der Kritiker dabei ist häufig, daß sie sich bei der Beurteilung eine Perspektive zu eigen machen, die die Angelegenheiten der damaligen Zeit nach heutigen Maßstäben beurteilen wollen. Dabei wird verkannt, daß es erst die Auseinandersetzung mit diesen Handlungsweisen war, die uns zum Finden unserer moderneren ethischen Prinzipien in diesem Bereich ermächtigte.

Die Möglichkeiten der Kritik an der Geschichte sind reichlich gegeben. Kritik gab es immer; sie hat die Geschichte schließlich vorangetrieben, auch und besonders im Sinne der Entwicklung der Ethik. Wie ich hoffentlich zu Zeigen imstande war, bedingen moralische Urteile jedoch immer einer historischen Perspektive, sowie dem Wunsch, etwas besser zu machen. Es ist hierbei jedoch von äußerster Wichtigkeit, sich zu vergegenwärtigen, daß dieser Wunsch, es besser zu machen, nicht die alleinige Möglichkeit ist, mit Geschichte umzugehen. Stärker noch scheint jener Wunsch, sich von der Geschichte und ihrer "Last" zu befreien. Gerade weil Ethik auf eine Entwicklung angewiesen ist, baut jedes ethische Urteil auf einer Geschichte von Fehlern, Unrecht, Mißdeutungen, Schande und Leid auf. Oder anders ausgedrückt: Nur, weil unsere Vorfahren schmerzliche Erfahrungen mit einem bestimmten Thema gemacht haben, die sie uns weitergegeben haben, sind wir heute in der Lage, unsere ethischen Normen entsprechend zu präzisieren, zumindest solange, wie wir uns unserer Geschichte bewußt sind.

Aber der Wunsch, diesen schmerzlichen Erfahrungen zu entkommen, führt auch zu einer Gegenbewegung, und niemand ist davon je stärker betroffen gewesen als die Juden, die im Gegensatz zum Christentum oder dem Islam nie eine (zumindest teilweise) Allianz mit dem herrschenden System eingegangen sind. Erinnern wir uns noch einmal an den Anfang: das, wofür die jüdische Religion steht, was sie ausmacht. Ihrem historischen Blickwinkel entgegen stehen die archaischen Religionen; Vorstellungen, die sich archetypische Gottheiten zum Modell nehmen, um eine "ewige Ordnung der Dinge" zu konstruieren, ohne den Ballast einer schmerzvollen Geschichte, und mit der Möglichkeit, die eigene Ordnung hemmungslos zu idealisieren ...

Ich habe eine lange Zeit darüber nachgedacht, und mittlerweile bin ich der Überzeugung, daß ich damit Recht haben könnte (was natürlich problematisch ist; als Student sollte man sich ja mit dem Aufstellen von Theorien besser etwas zurückhalten). Aber wenn man zur Frage dieses grenzenlosen Hasses auf die Juden im Dritten Reich kommt, findet man stets nur Erklärungen, die völlig unbefriedigend sind: Die "Juden als Henker Christus" will nicht überzeugen — so "christlich" waren die Nazis nicht, als daß diese Empörung echt sein könnte. Und psychologische Erklärungen? "Hitlers Kindermädchen war eine brutale Jüdin", daher frühkindliche Ressentiments etc. bla bla — aber ein ganzes Volk damit infizieren? Man findet diese ganzen Vorurteile, aber sind die nicht erst Symptom einer tieferliegenden Feindseligkeit? Und dann ist da noch dieser Volkskult der Nazis, das "Wiedererwecken der alten germanischen Religion", Wotan und Donar, glorreicher Siegfried ... mythische Gestalten, und ohne jeglichen Bezug zur traumatischen Geschichte der jüngsten Vergangenheit. — Ich finde diese Theorie ausgesprochen überzeugend, daß der Judenhaß der Nazis den perversen Versuch darstellt, sich der eigenen Geschichtlichkeit zu entledigen. Und für die Juden ist es die Schlimmste Herausforderung ihrer Geschichte — das zu integrieren, was eigentlich niemand ertragen kann.

Einen Vergleich zwischen Juden und Christentum kann man nur sehr vorsichtig ziehen: Die Christen waren nie denselben Verfolgungen ausgesetzt wie die Juden. Aber ihre Traditionen ähneln sich in bestimmten Punkten und gehen ja auch zum Teil auch auseinander hervor. Das wichtigste Moment ist die Vergegenwärtigung der Geschichte, da Geschichte als "heilig" empfunden wird, und — im Gegensatz zu einer rein historisch-restaurativen Perspektive — daß diese Geschichte als Grundlage für ethisch verbindliche Entscheidungen genommen wird (zumindest von den Anhängern der Religion als verbindlich genommen).

Kommen wir nun nochmal zur Ausgangsfrage dieser Diskussion zurück: Worauf soll sich Ethik stützen, wenn nicht auf die Auseinandersetzung mit einer Geschichte? Und welche Relevanz hätte Ethik, wenn sie keine Verbindlichkeit entwickeln würde?

Wenn wir von "christlicher Ethik" sprechen, meinen wir im Prinzip einen Punkt in der argumentativen Begründung von Ethik, an dem jemand auf Gott als ultimativen Grund verweist. Nun ist die Existenz Gottes, wie ich eingangs darlegte, nicht beweisbar, was uns jedoch nicht davon entbindet, uns mit den einzelnen Aussagen selbst auseinanderzusetzen. Bekanntlich ist für Christen Gott auch der Schöpfer des Universums; würden wir uns also allein den Glauben an einen Gott als Kriterium nehmen, müßten wir uns mit keiner Aussage, die ein Christ, Jude oder Moslem über die Welt macht, auseinandersetzen ...? Nein, natürlich nicht, denn die Argumentation kann durchaus nach von einer theologischen Position unabhängigen Begründungen geführt worden sein (und wenn wir Ethik universelle Gültigkeit zusprechen wollen, müßte sie das auch). Ich glaube, das ist in einer ganzen Anzahl von Fragen der Fall, was natürlich auch der Auseinandersetzung mit Nichtreligiösen geschuldet ist. — Wenn der Glaube an Gott allerdings nicht das Hauptargument bei der Begründung allgemeiner ethischer Urteile ist, sollte man vielleicht auch die nach wie vor vehemente Kirchenkritik etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Zumindest sollte die Frage erlaubt sein, was sie konkret verlangt. Die Argumente der Gegner bewegen sich meiner Meinung nach viel häufiger auf einer anti-institutionellen Ebene als auf der Sachebene. In simpler Reinform verdeutlicht an der "Argumentation" unseres allerliebsten Forentrolls: Die Auseinandersetzung mit der Person ersetzt die Auseinandersetzung mit deren Argumenten ("Wer sich zur Kirche zählt, kann ja nur fundamentalistisch argumentieren. - Nee danke! Es grüßt, das ..."). Eine andere Position ist die Ablehnung der Kirche wegen ihrer teilweise unmoralischen Vergangenheit. Ich hoffe, daß mein Beitrag klar machen konnte, das diese Position nicht gerade gut durchdacht ist, da diese unmoralische Vergangenheit uns erst unser heutiges Urteil über sie erlaubt. Diese Ablehnung verwundert noch mehr, als daß sich diese Ansichten auch in Kirchenkreisen selbst überholt haben (ich halte es für unwahrscheinlich, Christen zu finden, die für Hexenverbrennungen oder Wiedereinführung der Sklaverei wären — zumindest keine, die es nicht auch dann wären, wenn sie keine Christen wären ;-). Es ist dem aktuellen Papst anzurechnen, daß er öffentlich dazu Stellung bezog; daß Berlusconi eine Entschuldigung für die Greuel der alten Römer abgeben oder Schröder sich für die mittelalterlichen Kriege gegen Italien entschuldigen wird, hält man hingegen berechtigterweise für unwahrscheinlich. Warum eigentlich? Und jene ewig auf das Mittelalter fixierten Kritiker sind es dann, die vehement fordern, es "müsse endlich Schluß sein mit den Holocaustdenkmälern und Reparaturzahlungen an Israel", man "müsse die Vergangenheit ruhen lassen",denn die läge doch schließlich "schon so weit zurück".

Ein anderes Argument zielt auf den Einfluß des Papstes, dessen größter Fehler zu sein scheint, daß er doch offenbar völlig unberechtigterweise bei Menschen Autorität genieße, ja eigentlich schon ein Mißbrauch an sich. — Dem wäre zuerst entgegenzuhalten, daß der Papst heute allein deswegen Autorität und Amts-Charisma genießt, weil es ihm Katholiken zusprechen; Luxus der Religionsfreiheit. Selbstverständlich sind nicht alle Positionen, die die Kirche bezieht, auf der Höhe der Zeit, und einige klar kritikwürdig. Andererseits bewahrt diese Strategie auch in manchen anderen Fällen davor, allzu leichtfertig bestimmte ethische Errungenschaften wieder zu verwerfen. Ethik hat aber eben nur dann Bedeutung, wenn sie sich (a) auf Geschichte bezieht und (b) Verbindlichkeit entwickeln kann. — Ich denke, es ist dieser Punkt, von dem aus wir uns fragen sollten, warum die radikale Kirchenkritik einen Bruch mit der Vergangenheit bzw. am liebsten eine Auflösung der Institution fordert und dem Papst alle Autorität absprechen möchte. Anders ausgedrückt sähe die radikale Kirchenkritik den Papst vielleicht gerne in der Position eines Schriftstellers, oder vielleicht eines Historikers. Welchen realen Einfluß könnte nun der Papst auf die Geschichte nehmen, wenn er lediglich ein netter alter Schriftsteller wäre? Genau: Überhaupt keinen. (Nur am Rande, und um vielleicht wenigstens noch ein bißchen mit dem Forenthema zu tun zu haben, sei darauf verwiesen, daß päpstliches Christentum und Judentum als häufig unreflektiertes Synonym für "das Patriarchat" schlechthin gebraucht werden, mit dem man dann am liebsten gar nichts zu tun haben will. Als Alternative für die unrühmliche Geschichte finden sich dann nordische Heroen oder ein seltsam strukturloses Urmatriarchat. — Aber die Versuche, sich der Geschichtlichkeit zu entledigen, sind eigentlich zu universell, um sie jetzt für den "Geschlechterkampf" zu instrumentalisieren.)

Die Religionskritik ist älter als deren wissenschaftliche Erforschung. Erst, seit man dieses Phänomen auch aus soziologischen, psychologischen, kulturvergleichend-ethnologischen, anthropologischen etc. Perspektiven zu untersuchen begann, ließ sich erkennen, daß Religionen durchaus auch funktionelle und konstitutive Aspekte haben, die positiv zu bewerten sind. Der Soziologe Emilé Durkheim äußerte als seine (soziologische) Theorie, daß sich "die Gesellschaft in der Religion in idealisierter Form selbst anbete". Zumindest sollten wir die Bedeutung dieses Satzes in Berücksichtigung ziehen, wenn wir überlegen, ob Nietzsches Feststellung, "Gott sei tot" nun tatsächlich ein Grund zum Feiern ist.

Bezüglich der Religion stehen wir nun vielleicht vor einem ähnlichen Dilemma wie Cicero, der — selbst Augur — den Glauben an Götter zwar für obsolet erachtete, sich jedoch deren essentieller Bedeutung für den Zusammenhalt der Gesellschaft durchaus bewußt war. Ethik ist ein Geschenk unserer lebendig gehaltenen Vergangenheit, wenn wir deren Verbindlichkeit anerkennen. Es ist jetzt die Frage, wie eine Gesellschaft aussehen wird, die an oberste Stelle den Menschen statt eines ethischen Prinzips setzt.

(Im Bewußtsein, vermutlich vielmehr angestoßen als beantwortet zu haben, trotz allem)

Herzlichen Gruß, Andreas (im Koma bis Mitte Juli)

P.S.: Ringelnatz ist cool - hab hier was von ihm gefunden: http://home.t-online.de/home/ringelnatz/index.htm#Themenauswahl


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