Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Relativismustheorie

Andreas (der andere), Wednesday, 05.05.2004, 00:08 (vor 7945 Tagen) @ Andreas

Als Antwort auf: Re: Kritik der Konsens-Ethik von Andreas am 04. Mai 2004 20:19:31:

Hi Andreas!

>Herder ist an allem Schuld [...]

Wieso? Ethischen Relativismus gibt es doch schon seit Anbeginn der abendländischen Philosophiegeschichte.[/i]

Genau. Der erste (mir bekannte) Philosoph, der versuchte, eine Relativismusthese theoretisch zu formulieren, war Protagoras, und das bereits im 5. vorchristlichen Jahrhundert. Er stellte drei Thesen auf, die etwa sinngemäß lauteten:

(1) Die ethischen Urteile verschiedener Individuen oder Gruppen unterscheiden und widersprechen sich häufig in grundlegender Weise. (kultureller oder deskriptiver Relativismus).
(2) Wenn die Urteile verschiedener Individuen oder Gruppen voneinander abweichen, ist es nicht immer möglich, einige von ihnen (methodisch) als richtig zu erweisen; im Gegenteil, manchmal sind einander widersprechende Prinzipien gleichermaßen gültig oder richtig ((1)+(2) ethischer bzw. metaethischer Relativismus).
(3) Die Menschen sollten nach jenen moralischen Prinzipien leben oder zu leben versuchen, denen sie jeweils anhängen.

Es wäre zu beachten, daß der ethische Relativismus ein Anerkennen von These 1 & 2 bedeutet, These 1 kann hingegen allein anerkannt werden (und wird dann als kultureller Relativismus bezeichnet). Allerdings sind diese Punkte mehr als problematisch (wie ich irgendwo weiter oben ausführte - ich komm langsam durcheinander): These 1 hat das Problem, zu erweisen, daß es sich in unterschiedlichen Kulturen um den selben Gegenstand mit der selben Deutung handelt; These 2 hat hingegen das Problem, daß sie die Möglichkeit einer ethischen Methode ablehnt, gewissermaßen den Begriff, von dem sie reden möchte, selbst dekonstruiert. Die daraus resultirende Position ist dann der sog. "ethische Skeptizismus" bzw. "methodologische Relativismus" (näheres zu diesem Problem bei Richard B. Brandt).

Die These, die die Anti-Sexistin hier vertritt (falls man es eine These nennen kann), würde sich in der nonkognitivistischen Debatte bewegen. Daß sie das nicht wissentlich tut, ließe sich z.B. daraus schlußfolgern, daß ihr die intuitionistischen Kontrapunkte dazu offenbar fremd sind (oder verdrängt?). Anhand des ersten Satzes ließe sich auch sehr nett demonstrieren, wie die Vermischung der Ebenen eine intendierte Religionskritik verunmöglicht. - Ich lass das jetzt aber. Eigentlich wollte ich Daddeldu noch antworten, aber da brauche ich mehr Zeit für (sorry).

Freundliche Grüße, Andreas (der andere)


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