Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Lauterkeit?

Anti-Sexistin, Tuesday, 04.05.2004, 20:31 (vor 7946 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: Lauterkeit? von Garfield am 04. Mai 2004 16:48:04:

Hallo Anti-Sexistin!
Sehr interessant, was du hier schreibst. Als Atheist verfolge ich die Verlautbarungen des Papstes und der katholischen Kirche allgemein nicht so intensiv.
In unserer modernen Welt empfinde ich die Aufforderung zur ungehemmten Fortpflanzung jedenfalls nicht mehr als zeitgemäß. Zwar würde es uns Deutschen gut tun, wenn es wieder mehr Kinder gäbe, aber in Ländern wie China sieht das anders aus.
Die Menschheit muß schließlich auch ernährt werden, und mit der heutigen Technologie können nun einmal nicht unbegrenzt viele Menschen die Erde bevölkern. In früheren Zeiten war das meist kein Problem. Damals starben die Menschen früher, die Kinder- und Müttersterblichkeit war auch deutlich höher, und so brauchte man viele Geburten, um die Art zumindest zu erhalten.
Heute werden die Menschen immer älter, es sterben weniger Kinder und Mütter, und diesen Tatsachen sollte sich auch die katholische Kirche endlich anpassen. Immerhin hat sie es auch geschafft, sich von der Vorstellung zu lösen, daß die Erde eine Scheibe wäre, und sogar von dem Irrglauben, daß die Erde als Mittelpunkt der göttlichen Schöpfung von allen anderen Himmelskörpern umkreist wird. Da sollte der Papst sich nun auch einen Ruck geben und die Realitäten endlich anerkennen. Ansonsten müßte man - vorausgesetzt, die Technologie ist nicht in naher Zukunft in der Lage, eine unbegrenzte Zahl von Menschen zu ernähren und es gibt auch in naher Zukunft nicht die Möglichkeit, andere Planeten zu besiedeln - irgendwann dazu übergehen, Menschen zum 40. Geburtstag grundsätzlich zu töten. Wäre das im Sinne der katholischen Kirche? Ich glaube es nicht, denn damit würden sie einige gute Kirchensteuerzahler verlieren. Aber vielleicht liegt im Vatikan ja schon ein Gesetzentwurf in der Schublade, den der Papst dann, wenn wir durch Überbevölkerung die weltweite Hungersnot und enorme Probleme durch Umweltverschmutzung haben, den Regierungen der christlichen Welt vorschlagen wird und der vorsieht, nur Atheisten und Angehörige anderer Religionen mit 40 zu töten... Noch bequemer wäre es natürlich, das Problem einfach durch das altbewährte Faustrecht lösen zu lassen. Dann überleben eben wie in früheren Zeiten nur die Starken, und die Schwächeren werden ausselektiert.
Wenn das die Zukunftsvision des Papstes ist, kann ich noch leichter darauf verzichten.
Freundliche Grüße
von Garfield

Hallo Garfield,

Deine Argumentation klingt ein wenig nach Malthus und nach der berühmten Falle. Ich sehe die keineswegs so krass, da durchaus schon in der Vergangenheit (sei es Dreifelderwirtschaft, Intensivierung der Landwirtschaft etc.) zunehmend mehr Ertrag für mehr Menschen geschaffen wurde. Ich sehe das Problem eher in der Verteilung, denn auch heute noch ist in den Entwicklungsländern die Kindersterblichkeit sehr hoch.

Dennoch: wenn man es radikal weiterdenkt, was da steht, dann müßte man durchaus fremde Planeten besiedeln. Allerdings haben auch von Seite der Kurie her Frauen auch noch eine Top-Alternative: nämlich das jungfräuliche Leben als Braut Christi. Insofern wäre ein endloses Wachstum unter beschränkten Ressourcen durchaus auch ein möglicher Programmpunkt. Da man dank Genesis von der Gleichheit der Geschlechter ausgeht, haben Männer selbstverständlich in einem solchen Falle auch das Recht auf ein enthaltsames Leben.

Ich lese diese Schriften vielleicht etwas arg liberal und zu modern, aber wenn ich beispielsweise das mit dem Gnadengeschenk der Liebe und Hingabe, ohne das keine Ehe Bestand hat, da sie nicht in Gott stattfindet, mal weiterinterpretiere, kann dies auch bedeuten, daß ich ohne dieses Gnadengeschenk gar nicht heiraten muß. Insofern wären Männer und Frauen auch vom Kinderkriegen "befreit". Allerdings auch mit entsprechenden Konsequenzen: Sex ohne Ehe wäre sündhaft, nicht gebilligt, auch nicht recht verboten, aber Sünde. Ohne diese Gnade ist der Mensch, so wie der Schöpfungsbericht interpretiert wird, auch zur Einsamkeit verdammt und hat keine Nähe und Hilfe von einem nahen Partner.

Einen Ehezwang kann ich also aus den Texten nicht herauslesen. Ich würde aber auch nicht so weit gehen zu behaupten, daß die katholische Position allzu viele Tests zuläßt, so nach dem Motto: Huch, ich dachte, ich hätte die Gnade und nach der Hochzeitsnacht waren es doch nur die Hormone. Das hieße dann Scheidung. Das ist nicht so unbedingt katholisch.

Ich würde vielmehr ein gesundheitliches Problem im Verhütungsverbot sehen wollen. Im Zeitalter von HIV könnte man nun mal sagen, ist das völlig absurd. Doch aus das entspricht kaum dem katholischen Eheverständnis. Die Hingabe schließt eben auch die Keuschheit mit ein. Keuschheit meint in dem Zusammenhang nicht etwa, keine körperliche Liebe zu haben (die wird im Gegenteil gerade als Ausdrucksdimension der Liebe zueinander verstanden, die wiederum Hingabe, d.i. Gnadengeschenk Gottes ist), sondern Treue, die Abwesenheit von Ehebruch und Versuchung zum Ehebruch. Nach katholischem Verständnis ist Keuschheit nur möglich, weil eben Gottes Gnade die Menschen füreinander bestimmt. Erst dadurch wird eine Ehe in Keuschheit möglich. Eine gewisser ikonodulischer Zug, ebenfalls aus der älteren Schöpfungsgeschichte abgeleitet, ist hierbei ebenfalls wichtig: sowohl Mann als auch Frau sind gleiche Abbilder Gottes. Sie erkennen somit durch die Gnade sich auch ineinander als diese Abbilder. Die Offenheit für ein Kind hat wiederum eine Abbildfunktion: die Dreifaltigkeit wird in der Familie abgebildet. Radikal gelesen heißt das: durch den Gnadenakt ist erst die wahre Ehe mit nur einem Partner, nämlich dem Richtigen möglich. Wenn Dein Glaube stark ist, gerätst Du nicht vorher schon auf Abwege, sondern trittst erst wirklich mit der richtigen Person in den "heiligen Bund". Das HIV-Risiko dürfte dann äußerst gering sein und zur Not tut es vielleicht auch ein Test (frei interpretiert).

Daß dieses Ideal nicht unbedingt die pure Empirie war, war übrigens schon bei dem gallischen Bischof Caesarius von Arles im 6. Jahrhundert bekannt, der darüber klagte, daß so "unermeßlich viele" seiner Schäfchen vor der Ehe im Konkubinat lebten, daß er doch unmöglich seine ganze Gemeinde exkommunizieren könne. Das aber nur als humorvolle Anekdote aus der Kirchengeschichte.

Ich will Dich ja jetzt nicht enttäuschen, aber mir bleibt höchstens der Universalanspruch dahinter als kritischer Punkt. Für den Rest haben die eine recht logische Lösung, wenn sie auch wie im Falle der Gnade auf Glaubenssätzen basiert.

Freundliche Grüße zurück

Anti-Sexistin


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