Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Christliche Ethik

Andreas (der andere), Monday, 03.05.2004, 12:16 (vor 7947 Tagen) @ Daddeldu

Als Antwort auf: Christliche Ethik von Daddeldu am 03. Mai 2004 02:17:00:

Hallo Daddeldu

Man kann eine Reihe von Textstellen der Bibel anführen, mit denen sich die meisten Menschen einverstanden erklären dürften. Ebenso Dinge aus den sonstigen Auffassungen der Christen. Aber es gibt eben auch viele Dinge, die einer modernen ethischen Betrachtung nicht standhalten.

Zweifelsohne. ... Was Dich - oder jeden anderen - nicht davon entbinden würde, Deine ethischen Auffassungen zu begründen. Wenn Du sagst, "viele Dinge [...] würden einer modernen ethischen Betrachtung nicht standhalten", könnte man es so verstehen, als würden moralische Normen heute anderes zu stande kommen als früher, oder in anderen Kulturen. Das würde Dich dazu nötigen, eine ethische Methode darzustellen, anhand derer man dann auch prüfen könnte, in wie weit sie auf andere Kulturen eben nicht zu trifft.

Das Problem mit dem ethischen Relativismus ist, daß Du erst einmal nachweisen müßtest, daß sich die verschiedenen kulturellen Urteile wirklich auf den selben Gegenstand (mit der selben Deutung) beziehen. Das wäre notwendig, um überhaupt vergleichen zu können. Denn abhängig von der Bestätigung dieser These könnte man dann auch erst entscheiden, ob es sich tatsächlich um fundamentale ethische Normen handelte oder um eine abgeleitete. Abgeleitete Normen sind prinzipiell diskutier- und angleichbar, weil sie sich auf das selbe Fundament beziehen und lediglich andere Lebensumstände oder einen anderen Wissensstand aufweisen. Fundamentale Normen wären hingegen, selbst bei völlig identischer Faktenlage und Wissensstand, nicht in Einklang zu bringen. Es ist hier aber an den Verfechtern der Relativismustheorie, Beweise dafür zu erbringen, daß unterschiedlichen moralischen Praxen auch tatsächlich unterschiedliche fundamentale Normen zu Grunde liegen. Das ist nämlich mehr als nur schwer.

Zum Beispiel war der Vatermord für die Römer das Kardinalverbrechen schlechthin. Du kannst Dir jetzt z.B. eine kleine indigene Südsee-Kultur suchen, und feststellen, daß in ihr der Vatermord an dessen 60. Geburtstag für den Sohn als oberste Pflicht angesehen wird. Ist das jetzt der selbe Gegenstand? Zumindest nur solange, wie wir nicht berücksichtigen, daß für die kleine Stammeskultur der Glaube an ein Nachleben relevant ist, und daß es sich im Hinblick auf dieses Nachleben empfiehlt, möglichst bei bester Gesundheit den Löffel abzugeben, um entsprechend wiedergeboren zu werden. - Solche Dinge muß man aber klären, um sagen zu können, ob es sich wirklich um den selben Gegenstand handelt.

Das andere Problem ist, handelt es sich um einen grundsätzlichen Wert oder nur um eine Ableitung, die im Alltag relevant wird? Nimm beispielsweise eine Kultur in der afrikanischen Wüste, in der der Wasserverbrauch auf das Minimum an Trinkwasser, was zum Kochen oder Waschen gebraucht wird, festgesetzt wird. Dann nimm zum Vergleich eine Mitteleuropäische Kultur, die diese strenge Begrenzung nicht hat. - Beide Verhaltensweisen können Ausdrucksformen des selben moralischen Prinzips sein, eben sorgsam mit knappen Naturressourcen umzugehen. Der Unterschied ist die äußere Situation, und daher sehen die abgeleiteten Normen anders aus. Würde sich die Alltagspraxis in diesen beiden Kulturen gleichen, würde das sogar noch eher für verschiedene moralische Prinzipien sprechen.

Relativität ist sicher keine Illusion, aber man sollte immer sehr genau darauf achten, in welchem Sinne man Begriffe verwendet, um auszuschließen, daß man von etwas unterschiedlichem spricht. Die Relativismustheorie wird meiner Meinung nach auch viel zu schnell bejaht.

Das 10. Gebot zum Beispiel [...]
Häufig wird es so zitiert: „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib.“ Das wird dann auch noch in sexueller Hinsicht interpretiert, was völlig unhaltbar ist.

Das stimmt, und diese zehn Gebote finden sich im AT sogar zweimal: In Mose 5.21, der späteren Erneuerung des Gesetzes, findet sich dann auch die Stelle "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau" als separates Gebot. Es wäre aber an der realen Praxis vorbei, die gesammte jüdische und christliche Ethik auf die ZEhn Gebote zurückführen zu wollen, oder gar auf die Bibel allein (die nur das Fundament darstellt). Wenn es Dir z.B. um Normen bzgl. des Ehebruchs geht, findest Du im NT, das für Christen sicherlich noch relevanter ist als die Zehn Gebote, verschiedentlich sehr klare Aussagen dazu, die auch prägnanter formuliert sind als diese knappen Gebote, z.B. Mt. 5.27-32, Mt. 19.1-12, Mk. 10.1-12 und andere ... Aber selbst mit Verweis auf diese Stellen entgeht einem noch etwas wichtiges, nämlich, daß es immer auch eine Auseinandersetzung mit den Normen gegeben hat. Du hast das, bezogen auf die Juden, in den Überlegungen der Rabbis im Talmud, und Jesus selbst war ebenfalls ein Kritiker (in eben jenen Stellen z.B.). Diese Auseinandersetzung ist auch notwendig, wenn man bedenkt, daß sich Zeiten und Umstände wandeln. Die Kirchengeschichte ist auch voll von Figuren, die probiert haben, moralische Regeln zeitgemäß zu interpretieren (Augustinus, Thomas von Aquin, etc.). D.h., auch die Geschichte der christlichen Ethik verläuft nicht statisch, sondern sie entwickelt sich(und die Philosophen, die ab der Aufklärung Religionskritik betreiben, stützen sich ironischerweise auf ein weitestgehend christliches Fundament ;-). In keinem Fall sollte man aber versuchen, christliche Ethik allein auf das Buch beschränken zu wollen, denn das greift zu kurz.

Meines Erachtens liegt die gesamte Reputation der christlichen Ethik in einer solchen selektiven Wahrnehmung begründet.

Was an dieser Einstellung ein wenig stört, ist das damit verbundene Urteil über die Menschen vergangener Zeit. Du unterstellst, daß ethische Prinzipien sich allein aufgrund unhinterfragten und allzu bereitwilligen Glaubens gehalten hätten. Es wäre vielleicht nicht schlecht, die Hierarchien zu klären: Wäre es für Dich nicht auch denkbar, daß sich auch damals ethische Normen aufgrund intensiver Reflexion - natürlich aus einer anderen Perspektive als unserer naturwissenschaftlich geprägten heutigen Sicht - entstanden wären, und daß sich Religion bzw. Gott/ Götter als nachträglicher metaethischer Garant dafür entwickelte, bzw. der Kult sich um die Werte konstituierte?

metaethischer Natur
Was ist das denn? (Kann man es essen?)

Metaethik bezieht sich auf die Rechtfertigung der Normen, nicht die Normen selbst. Kann man nicht essen.

Vor allem, dass es sich um eine Sonderethik handelt, die eben nicht für alle verbindlich sein kann, sondern nur für Christen. Je mehr die Allgemeinverbindlichkeit angestrebt wird, um so weniger darf sie auf ihre christlichen Wurzeln rekurrieren ("Euthyphron-Dilemma").

Fundamentale Normen proklamieren immer allgemeine Gültigkeit. Ich verstehe auch nicht ganz, was Du mit "Sonderethik" meinst. Es hat den Anschein, als richte sich das gegen die Normen. Dein Verweis auf Platons "Euthyphron-Dilemma" aber spricht ja dafür, daß es sich um ein metaethisches Problem handelt. Auf welcher Ebene argumentierst Du? Geht es gegen die Normen, dann müßtest Du darlegen, worin der Unterschied - in Auffassung und Praxis, fundamentaler Ansicht oder abgeleiteter Norm - besteht (s.o.). Geht es Dir um die Metaethik, also die Rechtfertigung, die Du ablehnst, weil Du z.B. nicht an einen Gott glaubst, dann kannst Du das tun, aber das greift die Normen selbst ja noch nicht an. (Ich frage mich auch, ob ein Negieren der christlichen Ethik, wenn sie keinen realen Gott als konstituierendes Fundament aufwiese, nicht eigentlich eine theologische Perspektive ist ;o)

Ich glaube, das Problem ist bedeutend komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Man sollte zumindest das, was man verwirft, genauer kennen.

My two cents.
Freundliche Grüße, Andreas

(P.S.: Bedeutet der Nickname eigentlich was in einem Dialekt, den ich nicht kenne?)


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