Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Kritik der christlichen Ethik

Daddeldu, Tuesday, 04.05.2004, 22:36 (vor 7945 Tagen) @ Andreas (der andere)

Als Antwort auf: Re: Christliche Ethik von Andreas (der andere) am 03. Mai 2004 09:16:07:

Hallo Andreas,

Fundamentale Normen proklamieren immer allgemeine Gültigkeit… Das Problem mit dem ethischen Relativismus ist … Was Dich nicht davon entbinden würde, Deine ethischen Auffassungen zu begründen.

In all dem bin ich ganz Deiner Meinung, Emmaleins sogenannter Konsens-Ethik trete ich auch keineswegs bei, stellt sie sich mir doch eher als eine gleichgültige „laissez faire-Ethik“ dar. Ethik kann für mich auch nicht relativistisch sein, sie muss absolut sein.

Ich verstehe auch nicht ganz, was Du mit "Sonderethik" meinst.

Mit Sonderethik meine ich, dass sich die christliche Ethik zu ihrer Begründung auf christliche Auffassungen stützt, und darum nur Gültigkeit für Christen beanspruchen kann. Eine Ethik für eine besondere Gruppe.

Es hat den Anschein, als richte sich das gegen die Normen. Dein Verweis auf Platons "Euthyphron-Dilemma" aber spricht ja dafür, daß es sich um ein metaethisches Problem handelt. Auf welcher Ebene argumentierst Du?

Am Anfang meines Beitrages argumentierte ich gegen den Inhalt gewisser christlicher Normen. Am Ende gegen die zugrundeliegende Systematik.

Meine Ablehnung einer christlichen Ethik fußt auf drei Argumenten:

1.
Ableitung der Regeln von Gott / dem Heiligen Geist.

a. Dieser existiert nicht.
b. Dies beschränkt den Kreis der Normadressaten auf die Gläubigen. Eine Ethik muss aber Allgemeingültigkeit beanspruchen.
c. Erzeugt eine ungerechtfertigte moralische Autorität des Personenkreises, der von sich behauptet, in Kontakt mit Gott zu stehen oder vom Heiligen Geist inspiriert zu sein oder den göttlichen Willen besser aus den angeblichen Überlieferungen des Wortes Gottes entnehmen zu können.
d. Euthyphron-Dilemma.
e. Die Jesuanische Ethik beruht auf der sicheren Erwartung des BALDIGEN Weltunterganges und des Jüngsten Gerichtes. Noch zu Lebzeiten von Jesu Zeitgenossen. Daraus folgen für ihn Forderungen, die in ihrer Radikalität nur angemessen gewesen wären, wenn es so gekommen wäre.

2.
Die Normen (also der Inhalt), wie sie sich nach meiner Auffassung objektiv aus der Bibel ergeben.

a. Zunächst ist die Bibel in vielerlei Hinsicht völlig unklar und widersprüchlich. Meist kann man ein Gebot herauslesen und auch dessen genaues Gegenteil.
b. Selbst da, wo die Bibel klar zu sein scheint, wirft sie mehr Fragen auf, als sie beantwortet: „Du sollst nicht töten.“ wirkt sehr klar. Aber auch nicht in Notwehr? Verteidigung gegen einen Angriffskrieg? Humanitäre Intervention gegen einen grausamen Tyrannen? Muss ich vegetarisch leben? Ist Todesstrafe verboten? (Die Katholische Kirche erlaubt sie in ihrem Katechismus unter bestimmten Voraussetzungen ausdrücklich.) Abtreibung? PID? Aktive / passive Sterbehilfe? Die Details bleiben völlig im Dunkeln, und auf die kommt es hier an.
c. Einige der zentralen Normen erweisen sich als in der Praxis undurchführbar: „Liebe deine Feinde!“
d. Einige klare göttliche Gebote sind überflüssig: „Iss kein Schweinefleisch!“
e. Einige Moralvorstellungen, die sich deutlich aus der Bibel ergeben, sind mittlerweile als zutiefst unmoralisch erkannt und anerkannt: „Sklavenhaltung ist erlaubt.“

3. In der Geschichte bis heute waren die nach außen gezeigten christlichen Auffassungen und die Praxis gar nicht biblisch begründet.

a. Die christliche Ethik, wie sie sich nach außen darstellt, die Kirchentags- und Wort zum Sonntag-Moral, lässt keine echte Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Bibel erkennen. Vielmehr machen sich die Christen im Großen und Ganzen die Moralvorstellungen ihrer Zeit und Umgebung zu Eigen, sind dabei allenfalls ein wenig konservativer, und behaupten dann, diese Vorstellungen würden ihrem christlichen Glauben entspringen.
b. Das Verhalten der Christen und ihrer Kirchen war kein Deut besser als das ihrer Zeitgenossen, oft sogar schlechter. Christsein macht den Menschen nicht besser.

Fazit: Die christlichen Moralvorstellungen erweisen sich als unbegründet, unsystematisch, ungenügend und flexibel bis zur völligen Beliebigkeit.

Wenn Du sagst, "viele Dinge [...] würden einer modernen ethischen Betrachtung nicht standhalten", könnte man es so verstehen, als würden moralische Normen heute anderes zu stande kommen als früher

Ich meinte damit, dass vieles, was früher selbstverständlich war, mittlerweile als falsch erkannt und anerkannt wurde. Eine ethische Norm muss, da sind wir uns glaube ich einig, von Ewigkeit zu Ewigkeit und allüberall gelten.

[quote]Das 10. Gebot zum Beispiel [...][/quote]
Wenn es Dir z.B. um Normen bzgl. des Ehebruchs geht,

Es ist interessant, dass Du Dich gleich auf die falsche Interpretation mit dem Ehebruch gestürzt hast. Was ich schrieb, zielte in eine ganz andere Richtung, nämlich darauf, dass das 10. Gebot eindeutig die Sklaverei schützt. Es gibt noch einige andere Stellen, die das gleiche sagen, das 10. Gebot zitiere ich nur immer, weil es eben eine der ganz zentralen Stellen der Bibel ist – soweit ich weiß ist der Dekalog der einzige Text, der laut Bibel selbst unmittelbar und schriftlich von Gott kommt.
Die (für die christliche Ethik desaströse) Folgerung: Sklavenhaltung ist gottgefällig.

Du unterstellst, daß ethische Prinzipien sich allein aufgrund unhinterfragten und allzu bereitwilligen Glaubens gehalten hätten. […] Wäre es für Dich nicht auch denkbar, daß sich auch damals ethische Normen aufgrund intensiver Reflexion […] entstanden wären, und daß sich Religion bzw. Gott/ Götter als nachträglicher metaethischer Garant dafür entwickelte …

Ich bin sogar explizit dieser Meinung. Na ja, fast, die Normen wurden nicht intensiv reflektiert, das würde auch öffentliche Diskussion voraussetzen, sondern entwickelten sich unsystematisch, irrational und stark von den Interessen der jeweiligen mächtigen Gruppen beeinflusst. Und die Religion wurde dann, ebenfalls von diesen Gruppen, als Begründung benutzt.

Metaethik bezieht sich auf die Rechtfertigung der Normen, nicht die Normen selbst.

Aha, genau wie ich dachte.

Kann man nicht essen.

Ja, schade. Macht aber nix.

Bedeutet der Nickname eigentlich was in einem Dialekt, den ich nicht kenne?

Der Nick hängt mit dem Gedichtband „Kuttel Daddeldus Seemannsgedichte“ von Joachim Ringelnatz zusammen. Lauter Gedichte, die Ringelnatz über oder aus der Sicht von Kuttel Daddeldu geschrieben hat. Ich hielt den Namen dieser literarischen Figur lange Zeit für ein reines Phantasieprodukt von Ringelnatz. Erst vor einiger Zeit lernte ich, dass Daddeldu in der Seemannssprache auch Nachtwache heißt.

Gruß,

Daddeldu


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