Re: Lauterkeit?
Als Antwort auf: Re: Lauterkeit? von Garfield am 04. Mai 2004 15:17:58:
Lieber Garfield,
ich antworte hier mal summarisch, weil die Diskussion sich sonst zu sehr verteilt. Ich habe schon kaum noch den Überblick.
Ich danke auch dem Andreas erstmal herzlichst für die Mühe, die er sich macht! Andreas, du bist ein Fachmann auf deinem Gebiet, ich bin nur Arzt, habe nicht systematisch Philosophie studiert und möchte dir deshalb gerne das ganze Fachlich-Philosophische für 'ne Weile "überlassen", ok? Falls du möchtest...
Ich gehe jetzt nicht groß ein auf die muntere "Vermischung von allen möglichen Ebenen", die sich bei einigen Diskutanten finden. Da steht die "Nichtexistenz Gottes" (die sich so wenig beweisen läßt wie das Gegenteil und die noch dazu nicht einmal erfahrbar ist im Gegensatz zur entgegengesetzten Position) unverbunden neben irgendwelchen wahllosen, historischen Zufälligkeiten, die überhaupt nichts mit Ethik zu tun haben. Da wird der historische Prozeß in der Entstehung der Bibel überhaupt nicht beachtet (oder nicht gewußt). Da steht die Feindesliebe wahllos neben dem Schweinefleisch und der Sklavenhaltung, es wird geredet von "den" Christen und "ihrer" Wort-zum-Sonntag-Moral...
Nee, also das nenne ich doch eher "geballtes Vorurteil", genauer: selbstgerechtes Spießertum (andere Bezeichnugnen unterlasse ich bewußt, Tommy hat da ganz nette Ausdrücke dafür) und gehe darauf nicht im Einzelnen ein. Wer will, darf annehmen, daß mir die Argumente ausgegangen sind.
Nur ein einziges Beispiel greife ich zur Illustration heraus: das 10. Gebot legitimiere angeblich die Sklavenhaltung, hieß es. Eine Analogie soll zeigen, wie haltlos, unreflektiert, unhistorisch und unwissend dieser Einwand ist. Man nehme an, das massenhafte Verwenden von Verbrennungsmotoren erscheine in 100 Jahren allen als grandioses Verbrechen (nicht ganz unwahrscheinlich). Ist das heutige Verbot, ein Auto zu klauen, also eine Legitimierung des Verbrennungsmotors? Das ist genau analog! In einer Welt, deren gesamte Ökonomie auf Sklaverei beruhte, konnte es keine Frage nach der Legitimität der Sklaverei geben. Um so bemerkenswerter, daß die hebräische Bibel - und NUR die Bibel - eben doch Regeln enthält, Sklaven systematisch nach 7 Jahren freizulassen.
Ich habe mal einen getroffen, der nannte die griechische Philosophie "unethisch, weil die alten Griechen Sklaven hatten"! Das war ähnlich tiefschürfend. Ironischerweise war der Typ ein Ami. Der schwieg betreten, als ich ihn darauf hinwies, daß die Väter der amerikanischen Verfassung selbst auch Sklavenhalter waren. So geht das auch auch hier bei einigen immer munter drunter und drüber, Hauptsache man "meint" heftig genug und drückt seinen antichristlichen Abscheu aus, wo man doch einfach überhaupt gar nichts weiß, außer daß man seine Vorurteile eben kennt. Es ist eine schiere Zumutung, auf so etwas im Einzelnen einzugehen, tut mir leid, werde ich in Zukunft ganz und gar unterlassen.
Gern habe ich, wie immer, Garfield gelesen
Deine geschichtlichen Ausführungen sind im Großen und Ganzen richtig, natürlich waren die Kreuzzüge letztlich ein Irrweg. Es stimmt, daß die Folgen des Schismas mit Konstantinopel (ca. 50 Jahre zuvor) in den machtpolitischen Überlegungen Urban's II. bestimmend waren. Aber ich möchte doch kurz darauf hinweisen, daß die weitverbreitete Vorstellung von irgendwelchen "friedlichen Moslems, die von den bösen Christen völlig grundlos überfallen wurden" schon auch Unsinn ist. Die kriegerische Agression geht vom Islam aus (und hält bis heute an), nicht von den Christen, die im Orient von den Muslims seit Jahhunderten wie die Hausschweine gehalten worden waren. So völlig aus der Luft gegriffen war der Casus belli also nicht, wie die Nichtwisser immer "meinen".
Macht korrumpiert, das ist wahr - eine christliche Basisaussage. Alle Beteiligungen der Kirche an weltlicher Macht waren deshalb verkehrt, sie widersprachen dem Prinzip der Trennung von Kirche und Staat, die im Chistentum von Anfang an angelegt ist (im totalen Gegensatz zum Islam). So ist dies eine historische Abirrung von der Regel und nicht die Regel selbst. Ich denke aber, man kann das heutige Papsttum grundsätzlich nur für das verantwortlich machen, was es heute tut und unterläßt, nicht für Ereignisse, die vor 900 Jahren stattfanden.
Kurze Anmerkung zum Konkordat: er wurde im Wesentlichen in der Zeit vor Hitler ausgehandelt, am 20.7.33 ratifiziert und am 12.9.33 im Gesetzblatt veröffentlicht. Ein Konkordat ist etwas völlig Normales, er soll einfach die Lage der Katholiken in einem Land auf gesetzlich gesicherte Basis stellen. In der Phantasie vieler Ahnungsloser geistert das Ding trotzdem als "Pakt mit den Nazis" rum. Zudem erschien die Machtergreifung der Nazis, wie du richtig sagst, den Zeitgenossen eben als ein "normaler" Regierungswechsel, wo ein etwas unappetitlicher Kerl neuer Reichskanzler geworden war. Die historischen Konsequenzen waren damals in keiner Weise erkennbar.
Letzte Bemerkung speziell zu Garfield: das Ding mit dem "Abendmahl" ist keine Intoleranz gegen Andere und erst recht keine Machtfrage. Es ergibt sich schlicht aus katholischem Glaubensverständnis, daß die Eucharistie der katholischen Kirche, das Herz unseres Ritus, nun mal nicht dasselbe ist, wie das Abendmahl der Protestanten. Letzteren wird das ihre ja keineswegs "verboten" (ginge ja sowieso nicht), es wird lediglich den Katholiken die Teilnahme daran untersagt. Ich glaub, man muß mal grundsätzlich festhalten, daß die katholische Kirche ganz selbstverständlich berechtigt ist festzulegen, was Inhalt dessen ist, was man katholisch nennt. Es ist eine rein innere Angelegenheit! Wer soll es denn sonst festlegen? Emmalein und Daddeldu? Oder die Uno? Kein Mensch ist gezwungen, katholisch zu sein. Wer dem partout nicht folgen mag, der tritt eben aus, wenn es ihm ernst damit ist, mehr kann man dazu nicht sagen. Ich glaube, an dem Punkt sitzt auch du leider selbst einem gedankenlosen Vorurteil auf. Ähnliches gilt übrigens für die anderen Regelungen der katholischen Kirche für Katholiken (z.B. Verhütung): für Nicht-Katholiken im Grunde genommen ein Null-Thema, da sie ja nicht davon betroffen sind. Man kann schlicht sagen: es geht sie überhaupt nichts an. Oder geht es zum Beispiel Nichtjuden etwas an, daß orthodoxe jüdische Ehefrauen eine Perücke tragen?
Ich versuche jetzt eine summarische Darlegung, was mir zu der Hauptfrage aus meiner Sicht wichtig erscheint. Zunächst etwas ganz Banales: Ethik sagt nicht, wie der Mensch ist (oder war), sondern wie er sein soll. Kant's Kategorischer Imperativ zum Beispiel ist keine Beschreibung des Menschen, sondern ein Appell an ihn, der so nicht ist, aber so sein könnte und sollte (und es bekanntlich immer noch nicht ist)...
Historischer Ausgangspunkt und Basis all unseres ethischen Bemühens sind die zehn Gebote des Mose, die in der Bibel stehen. Es ist bis heute einsehbar (augustinische Zählung), daß der Mensch nicht morden (5), nicht stehlen (7), nicht lügen (8) und nicht zerstörerisch in die Liebe zweier Menschen eindringen soll (ehebrechen, 6.Gebot), daß er nicht Neid und Habsucht in seinem Herzen hegen und seinem Nächsten nicht das Seine streitig machen soll ("du sollst nicht begehren..." / 9. und 10. Gebot), daß er dankbar sein soll seinen Eltern gegenüber, die ihn einst zeugten und gebahren, ihn liebevoll großzogen, ihn nährten, behüteten und ihn alles lehrten, als er noch ein Kind war, dankbar auch seiner Heimat, seinem Herkommen und der Kultur, in die er hineingeboren wurde (4.Gebot). Warum ist das alles unmittelbar einsichtig? Weil jeder leidet, der ermordet, bestohlen, belogen wird, dessen Intimität und Vertrautheit zu seinem Liebespartner von einem Dritten zerstört wird, der von Neid und Habsucht anderer verfolgt wird oder gar rechtlos vegetieren muß, der von seinen Kindern im Alter vergessen, alleingelassen, kalt und grausam behandelt wird bzw. der seine Heimat, seine Geschichte, seine Identität verliert (z.B. durch Exil, Vertreibung, ethnische Säuberung etc.). Gegen diese 7 Gebote für das menschliche Zusammenleben kann keiner vernünftige Einwände erheben, denke ich, egal wann und egal wo er lebt. Es sei denn, er ist verrückt oder ein Ungeheuer.
Die ersten 3 Gebote beziehen sich exklusiv auf das Verhältnis des Menschen zu Gott. Für wen Gott eine nichtexistente Größe ist, für den sind sie natürlich nicht einsichtig. Für einen gottgläubigen Menschen hingegen sind sie die wichtigsten und die Basis für die übrigen sieben (und außerdem die schönsten
):
1. Du sollst geistig vollkommen frei sein von allen Götzen und Dämonen, von geistiger Sklaverei, von Eitelkeit und Gefallsucht, von Besitz und Habsucht, von Süchten und Obsessionen, von Ideologien, Fremdbestimmung, Depressionen und Ängsten etc., sondern nur deinem Schöpfer allein ganz frei gegenüber stehen. Du sollst ein freier und glücklicher Mensch sein!
2. Du sollst das Vertrauensverhältnis zu Gott, deinem Schöpfer, der dich aus Staub nach seinem Bild gemacht hat, nicht mutwillig mißbrauchen und seine Freundschaft nicht hinterhältig ausnutzen, denn auch Gott ist schwach und verwundbar in seiner Liebe - so wie eben jede Liebe wehrlos und verletzbar ist.
3. Du sollst dir, mit den anderen Menschen, einen Tag in der Woche nur für Gott Zeit nehmen. Du sollst dann Abstand von allem hektischen Getriebe deines gewöhnlichen Alltags gewinnen, damit du mit Gott redest, ihr euer Liebesverhältnis miteinander feiert und du Frieden in ihm findest.
Die 10 Gebote sind nicht "die christliche Ethik", wie Andreas deutlich genug erklärt hat, sondern gewissermaßen nur die elementare Mindestausstattung für Juden und Christen (welch Letztere ja mal als Juden angefangen haben) - sowie (Nr. 4-10) für alle anderen Menschen auch. Man findet diese Grundelemente nämlich im Prinzip in allen Hochreligionen und es ist meiner Ansicht nach in keiner Weise begründbar, daß sie in irgendeiner Gesellschaft oder Epoche falsch oder überflüssig sein könnten. Es ist allerdings sehr wohl wahr, daß sie in manchen Zeiten wenig oder gar nicht beachtet wurden. Das waren immer Zeiten der Finsternis gewesen. Es sieht so aus, daß wieder eine besonders düstere davon bevorsteht. Die Mehrheit will es offenbar so und läßt es sich nicht mehr ausreden. Wenn es dabei bleibt, wird es wohl dazu kommen...
In der Geschichte aller Religionen haben natürlich dauernd Weiterentwicklungen und Entfaltungen - auf Grundlage ihrer jeweiligen Geschichte - stattgefunden. Neue Umstände, neue Erfahrungen, historische Ereignisse, Erfindungen, Entdeckungen, Umbrüche usw. haben jeweils entsprechende Anpassungen notwendig gemacht; das braucht Zeit und bleibt manchmal hinter einer besonders rasanten Entwicklung eine ganze Weile lang zurück. Geistliche Erfahrungen und die Entwicklung der Menschheit, des Denkens, der Philosophie haben aber immer zu Vertiefungen, Entfaltungen (und Krisen), Blütezeiten (und Niedergängen) geführt - der religiöse Bestand jedoch blieb stets erhalten. Er blieb essentiell und wurde nie durch etwas anderes "ersetzt". So entstand im Laufe der Zeit z.B. der Talmud in der rabbinischen Tradition der Juden, oder die lebendige Überlieferung der Kirche, die beides ungeheuer große Reichtümer sind. Die dummen Ignoranten, die das heute so läppisch und leichthin mit Füßen treten, müssen sich wenigstens sagen lassen, daß auch Schäbigkeit "im Auge des Betrachters" liegt... und mit der Schande ihrer Unwissenheit selber fertig werden.
Berühmt für das Christentum - und auch bei vielen Außenstehenden wenigstens dem Naman nach bekannt - ist Jesu "Bergpredigt". Ich bring mal die ersten 8 Sätze nach Matthäus (5,1 ff):
Selig, die arm sind, aber Gott kennen, denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.
Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich.
Ist das sinnvoll - oder reiner Quatsch? Könnte das etwa gar Grundlage einer "allgemeingültige Ethik" sein? Oder doch nur eine "Spezial-Ethik" für Christen, noch dazu eine lächerliche und weltfremde? Zur Gegenprobe drehe ich die Sätze einfach mal um:
Selig, die reich und berühmt sind, denn sie leben im Überfluß und werden beneidet.
Selig, die stets gut drauf sind, denn sie sind auf keinen angewiesen, der sie tröstet.
Selig, die Gewalt anwenden, denn sie werden viele Länder unterwerfen.
Selig die Ungerechten, denn sie werden satter werden als die andern.
Selig die Unbarmherzigen, denn sie sind nicht auf das Erbarmen anderer angewiesen.
Selig, die ein trübes Herz haben, denn sie werden "interessante Zeiten" schauen.
Selig, die Unfrieden stiften, denn sie werden Söhne der Hölle genannt werden.
Selig, die um ihrer Ungerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört der Knast und sie enden am Galgen.
Erkennbar ist dies die Beschreibung einer Welt, in der, klaren Verstandes, wohl kaum ein Mensch leben möchte. Andererseits ist die reale Welt aber eben oft so. Ist das deswegen ein "Ideal"? Wirklich? Es gibt auch hier in den Foren einige, die gelegentlich so daherreden. Wohl durchdacht? Ist das eigentlich auch dann erstrebenswert, wenn man selber nicht zur kleinen Minderheit der "Sieger", sondern zur großen Mehrheit der "Verlierer" gehört? Welche Bedeutung hat es dabei, daß am Ende seines Lebens jeder von diesen "Siegern" notwendig zu den totalen Verlierern gehört? Ich habe als Arzt viele, viele Menschen sterben sehen - da gibt es gewaltige "Qualitätsunterschiede", möcht ich mal sagen, außerdem erweist sich für manche wirklich erst hier, was ihre "festen Überzeugungen" eigentlich tatsächlich taugen. Wäre der Tod bei uns nicht so lückenlos in die sterile Anonymität "entsorgt", sondern würde er konkret erfahren und erlebt, dann würde weniger oft so sagenhaft dumm dahergeplappert.
Lesen sich in der obigen Gegenüberstellung die "absurden" Sätze des Originals jetzt vielleicht doch etwas anders?
Es ist Folge eben dieser Bergpredigt (bzw. allgemeiner der christlichen Kulturentwicklung), daß es bei den meisten Menschen, seien sie auch noch so atheistisch, heute doch mehr oder weniger Konsens ist, daß eine solche Welt (Nr.2) im Grunde nicht erstrebenswert sein kann. In der politischen Debatte tauchen diese "Leitbilder" jedoch immer wieder auf, gerade in letzter Zeit wieder vermehrt. Auf welcher Basis will man eigentlich sonst dagegen argumentieren?
Noch eine Frage: wie kann einer gegen Unrecht, das er durch andere erfährt, eintreten, wenn er selbst das Begehen von Unrecht bejaht, sofern er die Gelegenheit dazu hat? Man darf so jemanden mit gutem Recht ein dreckiges Schwein nennen. Es erweist sich also, daß Nr.2 schon aus rein logischen Gründen keine Basis für irgendeine "Ethik", welcher Art auch immer, sein kann. Es ist eben unethisch. Punkt. Die Bergpredigt ist vielleicht doch nicht die "Sonderethik für Christen", die sie, wie "gemeint" wurde, angeblich sei.
So könnte man jetzt das ganze Neue Testament durchdeklinieren (und auch das "Alte" oder den Talmud) und stieße hinter manchen zeitbedingten Verhüllungen (die unseren Großeltern aber noch geläufig waren, die nur wir mehrheitlich nicht mehr verstehen) auf einen Schatz nach dem anderen. Viele, viele Jahrhunderte lang haben Menschen genau dieses mit Geduld und Hingabe getan. Wir Heutigen zehren (noch) davon und ernten die Früchte all dieser Mühen. Aber sorgen wir noch dafür, daß sie auch nachwachsen? Sind wir als Gesellschaft dazu überhaupt noch in der Lage? Die Genderdebatten, die wir hier führen, sind für mich, in Inhalt und Niveau, ein Beweis unter vielen anderen, daß wir das nicht mehr können, sondern im Grunde total degeneriert und entwurzelt sind und an zahllosen, völlig obskuren Ideologien des Egoismus hängenbleiben. Vielen fällt als Antwort doch auch nur ihr eigener Egoismus ein: eine Lösung, wirklich? Oder einfach nur Barbarei? "Feminismus" ist schließlich nur eine Spielart unter zahllosen anderen Egoismen, wenn auch die zur Zeit vorherrschende; aber das ändert sich schneller, als man denkt...
Nochmals die Frage von oben: wie kann einer gegen Unrecht, das er durch andere erfährt, eintreten, wenn er selbst das Begehen von Unrecht bejaht, sobald er nur die Gelegenheit dazu hat?
Wie verträgt sich das z.B. mit dem Krieg? Nehmen wir also als Beispiel die Feindesliebe, die angeblich "in der Praxis undurchführbar" sei. Da wurde nicht zuende gedacht. "Undurchführbar" ist es zwar gelegentlich, keine Feinde zu haben. Man hat sie eben, wenn man sie hat, und nirgends wird verlangt, auf einfältige Art "lieb zu sein" gegen diese Feinde. Das wäre verrückt. Im Gegenteil, klare Worte - und auch Handlungen - können dann notwendig werden. Konfrontieren wir also die Feindesliebe mit der Tatsache des Krieges - eine extreme Spannung, gewiß.
Selbst wenn Krieg unvermeidlich sein sollte (das kann es geben, hat es immer wieder gegeben; zum Beispiel war der Krieg gegen Hitler unvermeidlich / Thema "gerechter Krieg", ja, sowas gibt es tatsächlich...): welches Ziel verfolgt man dabei? Vernichtungskrieg? Oder (zum Beispiel) Entwaffnung? Das ist ein großer Unterschied. Muß man sich nicht die Frage stellen, welcher Weg Aussicht hat, irgendwann zum Frieden zu führen? Oder will man so lange "totalen" Krieg führen, bis man selber tot ist (wie Hitler es tat, als perfekter Antityp)?
In der Bergpredigt heißt es dazu (am Ende): "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Sünder?
Feindesliebe ist nicht schwächlich. Es ist im Gegenteil eine unüberwindliche Offensiv-Strategie. Und so ist das auch gemeint. Es bedeutet ganz schlicht, im Feind nicht den zu sehen, der er nach eigenem Willen ist, sondern den, der er sein könnte. Ein Freund und Bruder. Gerade in den fürchterlichen Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts ist dies als unabweisbare Notwendigkeit klar geworden. Es hat sich als ethische Forderung ersten Ranges erwiesen, weil sonst die Selbstvernidchtung des Menschen unausweichlich wäre. Früher war es ganz normal, daß man einen besiegten Feind möglichst grausam und langwierig quälte. Das das heute anders gesehen wird, liegt am Gebot der Feindesliebe.
Allgemein kann man sagen, daß es nicht dem Ideal vorzuwerfen ist, wenn es sich nur mühsam durchsetzt. Vielmehr ist zu loben, wer daran festhält, auch in Zeiten, in denen es verloren scheint. In meinen Augen ist genau das der Weg und die Aufgabe des Christentum.
Das bisher gesagte sollte auch für Atheisten im Prinzip einsehbar sein. Das spezifisch Christliche ist jedoch der Glaube, daß in der konkreten, historischen Person Jesu Christi Gott selbst zu uns Menschen gekommen ist, daß er einer wie wir wurde, unter uns lebte, alles Menschliche ohne "Sonderbevorzugung" erlebte und mit einer unerhörten, alles Denkbare und Undenkbare radikal übergreifenden Tat (seine Hingabe in den Tod und seine Auferstehung) einen Weg gezeigt und geöffnet hat, auf dem ihm Menschen folgen können, um dem Tod, dem verzweifelten Verlöschen im Nichts, zu entrinnen in eine zeitfreie Ewigkeit seliger Gottesnähe (deshalb ist die berühmte Frage nach dem "Leben nach dem Tod" im Grund falsch gestellt - oder sagen wir besser: nicht ganz richtig gestellt). Natürlich ist das alles keine allgemeine Empirie, es läßt sich nicht objektivieren oder extrasubjektiv verifizieren, sondern es ist gewissermaßen reine Vertrauenssache, beruht aber auf sehr realen intrasubjektiven Erfahrungen, die Glaubende v.a. in der Feier der Heiligen Eucharistie mit letzter Evidenz machen. Wer das nicht kennt, kann im Grunde nichts Sinnvolles darüber sagen (z.B. kann er nicht sagen, daß das Quatsch sei) - sowenig wie es sich umgekehrt allgemeinverständlich vermitteln läßt. Ich könnte nur (mit Christus) sagen: "Komm und sieh!" - die Gegenseite kann nur sagen: "Ich komme nicht und sehe nichts!", bzw. umgekehrt: "Ich sehe nichts und komme nicht!". Deshalb endet natürlich jede sinnvolle Diskussion darüber an diesem Punkt. Das ist für mich überhaupt kein Problem.
Das Christentum ist seinem innersten Wesen nach nicht vor allem eine Theorie, eine Lehre, eine Philosophie... sondern eine ganz unmittelbare Erfahrung. Erfahrungen kann man bekanntlich lediglich mitteilen, nicht hingegen "übertragen", das ist unmöglich. Es gibt aber "daneben" bzw. darauf gründend eine 2000 Jahre lange Tradition der Theologie mit all ihren Einzeldisziplinen, ihren historisch geprägten Entwicklungen in der Zeit, spekulative Philosophien über Transzendenz und Dieseits, politische, soziale, kulturelle, künstlerische, pädagogische, juristische, ethische, weltanschauliche, wissenschaftliche usw. usf. Systeme, ein komplexes kulturelles Kontinuum eben, es gibt eine Tradition der Wüsteneremiten, der Klöster, der Einsiedler, der Mönchs- und Bettelorden, es gibt Brauchtum, Frömmigkeit, Volksglaube, Aberglaube, Unsinn... alles Mögliche. Das ist ein gigantisches Universum, das den Reichtum unserer kulturellen und historischen abendländischen Traditionen ausmacht(e).
Alle Diskussionen mit Nicht-Christen über "das Christentum" bewegen sich notwendigerweise im geistigen Raum dieses (äußeren) Universums der historischen Formen (wenn sie sich nicht im Absurdistan der allgegenwärtig gewordenen Verblödung und Ignoranz verlieren, wie es immer mehr die Regel wird). Eine davon, und zwar die zentrale Form, ist "die Kirche" (daß es deren neben der römisch-katholischen einige weitere gibt, koptische, chaldäische, orthodoxe, protestantische, zahlreiche freikirchliche Gemeinschaften usw. lasse ich jetzt mal bewußt außer Betracht: nach Auffassung aller Christen gibt es - oder sollte es - nur EINE Kirche geben => naja, "der Mensch" halt...
) Ich rede hier stets von meiner eigenen, der römsich-katholischen Kirche, der größten und - neben der Orthodoxie - ältesten. Daß die Kirche angreifbar ist wie alles Historische, ist völlig klar. Neben einem Haufen hanebüchhenen Unsinns, der über die Kirchengeschichte in Umlauf ist, bleibt dennoch gewiß mehr als genug übrig, wo einem wirklich nur die Haare zu Berge stehen können. Nein, ihre Irrtümer, Fehler, Verbrechen... machen die Kirche keineswegs heilig - da ist sie so fragwürdig wie irgendeine beliebige andere Form, die Menschen geschaffen haben und gestalten (und so fragwürdig wie jeder ihrer Kritiker, das "vergessen" die oft). Macht korrumpiert - und viel Macht korrumpiert viel... das ist sehr wahr. Die historische Erfahrung lehrt, daß Kardinals- oder Papst-Kleidung sogar besonders dazu verleitet haben. Von daher ist es unbedingt richtig und heute von allen Katholiken zu teilende Auffassung, daß die Kirche keine weltliche (z.B. Regierungs-) Macht ausüben soll. Die Kirche hat die Trennung von Kirche und Staat, die im Christentum eigentlich von BEginn an wesentlich ist, dogmatisiert. Allerdings sagen wir freimütig, was zu sagen ist: das ist nämlich unser Bürgerrecht! Wo das in Frage gestellt wird, etwa durch die Behauptung, daß Religion "Privatsache" sei und deshalb nichts in der öffentlcihe Diskussion zu suchen habe, da wird nicht etwa die Freiheit verteidigt, sondern da redet einer der "Demagogen-Verfolgung" metternich'schen Stils das Wort: politische Ansichten waren damals auch Privatsache, öffentliches Räsonieren darüber wurde verfolgt. Manche hätten das gerne so. Manche davon heißen glaub ich Ekki.
Die Kirche hat aber, unserem Glauben nach, neben dieser weltlichen noch eine andere, ungleich viel wichtigere, transzendente Seite. Sie ist das "Gefäß", das auf Christus zurückgeht, in dem der Glaube historische Beständigkeit behalten hat, in dem er gereift ist, sich entfaltet hat, bewahrt und weitergegeben wurde. Diese Kirche ist nach unserer Auffassung "heilig" in dem Sinne, daß es das Heil nicht gäbe, wenn es dieses Gefäß nicht gäbe. Irgendjemand hat mal gesagt: "Die Kirche ist wie eine Hure: sie hat viel gesündigt, aber auch viel geliebt". Für mich trifft diese Pointierung in gewisser Weise ganz gut... Es bleibt immerhin eine Singularität, das diese "Form" Bestand hatte über 2000 Jahre hinweg, in allen sagenhaften Turbulenzen und Umbrüchen, daß sie es immer wieder geschafft hat, Fühlung zu ihrem Ursprung und ihrer heilenden Lebendigkeit zu halten. Und daß sie das auch heute ungebrochen tut. Sie ist deshalb unkaputtbar 
Ich wundere mich immer, wenn Leute, die selber absolut nichts mit der Kirche zu tun haben, sich als völlig hysterische Kirchenfeinde aufführen. Wenn heute viele Leute bei uns aus der Kirche austreten, dann hat das, auf's ganze gesehen, längst nicht die Relevanz für die Kirche, wie die Leute, die austreten, oft annehmen (nur für sie selbst hat es allerdings eine Relevanz). Es gibt über eine Milliarde Katholiken auf der Welt. Es gab Zeiten, in denen die Kirche unvergleichlich viel gefährdeter und elender dastand als heute. Heute sehe ich eher eine heilvolle Schrumpfung auf das Wesentliche, Echte, Wahre. Das begrüße ich ausdrücklich. Und zu meinen, die Kirche gäbe es "wegen der Kirchensteuer"? Es gibt nichts, was nicht von irgendwem "gemeint" wird. Ich ätte auch nichts gegen eine Kirche ohne Kirchensteuer einzuwenden, da wäre noch mehr Ballast weg. Nur die Gesellschaft allerdings würde etwas verlieren, was sie dann irgendwie selbst organisieren müßte. Also, liebe Karteileichen: tretet massenhaft aus (bzw. gar nicht erst ein), wenn ihr damit nichts anfangen könnt! Es ist wirklich das Beste, was uns geschehen kann.
Zuletzt ein "Mea culpa": Schon wieder! Mein impulsives Temperament und mein unchristlicher Zornesmut werden mir wohl weiter massenhafte und elende Scherereien bereiten, solange ich lebe. Allerdings ist es gelegentlich auch ein Vorteil, so drauf zu sein - oft aber auch nicht, das weiß ich wohl. Also, erstens, ich nehm's zurück: tretet doch lieber nicht aus...
Zweitens bitte ich mal prophylaktisch alle ganz summarisch um Vergebung, die ich in letzter Zeit beleidigt habe.
Außer diejenigen natürlich, die es sich redlich verdient haben *grmpf*
)
Man bleibt ja Mensch.
Sagt der
Nick
gesamter Thread:
- Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Nick,
29.04.2004, 18:10
- Re: Feminismus ist ... - Eugen Prinz, 29.04.2004, 21:06
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Emmalein,
30.04.2004, 14:38
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Max,
30.04.2004, 16:12
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Emmalein,
30.04.2004, 16:40
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich - Max, 30.04.2004, 23:05
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Emmalein,
30.04.2004, 16:40
- Lauterkeit? -
Nick,
02.05.2004, 02:15
- Re: Lauterkeit? -
Garfield,
04.05.2004, 18:17
- Re: Lauterkeit? -
Anti-Sexistin,
04.05.2004, 19:00
- Re: Lauterkeit? -
Garfield,
04.05.2004, 19:48
- Re: Lauterkeit? - Anti-Sexistin, 04.05.2004, 20:31
- Re: Lauterkeit? -
Garfield,
04.05.2004, 19:48
- Re: Lauterkeit? -
Nick,
05.05.2004, 16:46
- Re: Lauterkeit? -
Peter,
05.05.2004, 18:39
- Re: Lauterkeit? - Nick, 05.05.2004, 18:57
- Re: Lauterkeit? -
Garfield,
05.05.2004, 19:39
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Nick,
06.05.2004, 02:47
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Garfield,
06.05.2004, 14:12
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Nick,
06.05.2004, 15:28
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? - Garfield, 06.05.2004, 21:21
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Nick,
06.05.2004, 15:28
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Garfield,
06.05.2004, 14:12
- Re: Garfield, hast du gelesen, was ich schrieb? -
Nick,
06.05.2004, 02:47
- Demut? - Der Frankfurter, 05.05.2004, 22:14
- Von eingebildeten Göttern und eingebildeten Menschen -
Daddeldu,
07.05.2004, 05:25
- Re: Von eingebildeten Göttern und eingebildeten Menschen -
Nick,
10.05.2004, 02:08
- Re: Von eingebildeten Göttern und eingebildeten Menschen -
Jens,
10.05.2004, 02:58
- Nachtrag: -
Jens,
10.05.2004, 13:43
- Nathan, der Jude -
Nick,
11.05.2004, 18:40
- Re: Nathan, der Jude -
Eugen Prinz,
11.05.2004, 20:02
- Re: Nathan, der Jude -
Jolanda,
11.05.2004, 20:53
- Re: Nathan, der Jude -
Eugen Prinz,
11.05.2004, 21:33
- Re: @ Nathan , den Juden - und die anderen Diskutanten dieses Threads -
Max,
12.05.2004, 19:29
- Re: @ Nathan , den Juden - und die anderen... - Eugen Prinz, 12.05.2004, 20:24
- Re: @ Nathan , den Juden - und die anderen Diskutanten dieses Threads -
Max,
12.05.2004, 19:29
- Re: Nathan, der Jude -
Eugen Prinz,
11.05.2004, 21:33
- Re: Nathan, der Jude -
Nick,
12.05.2004, 12:59
- Re: Nathan, der Jude - Eugen Prinz, 12.05.2004, 16:44
- Re: Warum die Mühe? - Mirko, 12.05.2004, 20:12
- Re: Nathan, der Jude -
Jolanda,
11.05.2004, 20:53
- Re: Nathan, der Jude - Jens, 12.05.2004, 00:07
- Re: Nathan, der Jude -
Garfield,
12.05.2004, 19:33
- Re: Nathan, der Jude - Jens, 12.05.2004, 20:00
- Re: Nathan, der Jude -
Eugen Prinz,
11.05.2004, 20:02
- Nathan, der Jude -
Nick,
11.05.2004, 18:40
- Nachtrag: -
Jens,
10.05.2004, 13:43
- Re: Von eingebildeten Göttern und eingebildeten Menschen -
Jens,
10.05.2004, 02:58
- Re: Von eingebildeten Göttern und eingebildeten Menschen -
Nick,
10.05.2004, 02:08
- Widerspruch der Aussagen -
Paul,
07.05.2004, 17:01
- Re: Widerspruch der Aussagen - Nick, 07.05.2004, 20:09
- Re: Lauterkeit? -
Peter,
05.05.2004, 18:39
- Re: Lauterkeit? -
Anti-Sexistin,
04.05.2004, 19:00
- Re: Lauterkeit? -
Garfield,
04.05.2004, 18:17
- Re: Kleiner Exkurs Ethik -
Andreas (der andere),
02.05.2004, 19:37
- Christliche Ethik -
Daddeldu,
03.05.2004, 05:17
- Re: Christliche Ethik -
Andreas (der andere),
03.05.2004, 12:16
- Re: Christliche Ethik - Nick, 03.05.2004, 14:49
- Kritik der christlichen Ethik -
Daddeldu,
04.05.2004, 22:36
- Re: Kritik der Konsens-Ethik -
Anti-Sexistin,
04.05.2004, 22:52
- Re: Kritik der Konsens-Ethik -
Andreas,
04.05.2004, 23:19
- Re: Relativismustheorie -
Andreas (der andere),
05.05.2004, 00:08
- Re: Relativismustheorie - Anti-Sexistin, 05.05.2004, 11:41
- Re: Relativismustheorie -
Andreas (der andere),
05.05.2004, 00:08
- Re: Kritik der Konsens-Ethik -
Andreas,
04.05.2004, 23:19
- Re: (@ Daddeldu) Religionsgeschichte und Ethik - Andreas (der andere), 09.05.2004, 02:51
- Re: Kritik der Konsens-Ethik -
Anti-Sexistin,
04.05.2004, 22:52
- Re: Christliche Ethik -
Andreas (der andere),
03.05.2004, 12:16
- Re: Kleiner Exkurs Ethik - Emmalein, 03.05.2004, 12:51
- Re: Kleiner Exkurs Ethik - Nick, 03.05.2004, 14:47
- Christliche Ethik -
Daddeldu,
03.05.2004, 05:17
- Re: Feminismus ist "frauen-ethisch" - und deshalb menschen-feindlich -
Max,
30.04.2004, 16:12
- Noch zur Ergänzung - Emmalein, 04.05.2004, 18:57