Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Beruf, Kinder und Karriere

Garfield, Thursday, 19.02.2004, 19:20 (vor 8022 Tagen) @ Emmalein

Als Antwort auf: Re: Beruf, Kinder und Karriere von Emmalein am 19. Februar 2004 14:40:31:

Hallo Emmalein!

"Witzig, Du glaubst unserer Regierung?"

Nein, der habe ich noch nie geglaubt. Mir wurde schon in der DDR ein gesundes Mißtrauen gegen Regierende anerzogen.

"Männer können genauso gut oder genauso schlecht demonstrieren wie Frauen. Da ist kein Unterschied."

Doch, Emmalein, da gibt es zwei ganz wesentliche Unterschiede:

Erst einmal braucht man zum Demonstrieren Zeit. Wer auf Vollzeit arbeitet, hat diese Zeit zumindest von Montag und Freitag nicht. Höchstens am Wochenende kann man dann mal zu einer Demo fahren, da ist man dann aber auch froh, wenn man mal seine Ruhe hat.

Es gibt dann aber noch den zweiten, viel wesentlicheren Grund: Es gibt zwar mittlerweile schon Männerorganisationen, aber die bekommen keinerlei Unterstützung vom Staat. Frauenorganisationen dagegen bekommen jede Menge Unterstützung in jeglicher Form, und es gibt unzählige Berufsfeministinnen, die teilweise mit Steuergeldern bezahlt werden und sich über jede Gelegenheit freuen, ihre berufliche Existenzberechtigung nachzuweisen. Die haben den ganzen Tag über manchmal tatsächlich gar nichts anderes zu tun, als irgendwelche Demos oder sonstige Protestaktionen zu organisieren. Hauptberufliche Maskulisten gibt es de facto nicht, und somit gibt es in der Männerbewegung maximal noch ein paar Erwerbslose, die etwas organisieren können. Denen fehlen dann aber auch wieder die finanziellen Mittel, und sie bekommen von der Öffentlichkeit auch bei weitem nicht die Aufmerksamkeit, die die Frauenbewegung bekommt.

Tatsächlich hat es auch schon Demos von Männern gegeben, z.B. für das Recht, ihre Kinder zu sehen. Solche Demos werden von den Medien häufig ins Lächerliche gezogen. Da ist dann die Rede davon, daß da ein paar Weicheier herumjammern würden usw.

Für Frauen gilt Jammern nämlich nicht nur als legitim, sondern es ist eine uralte weibliche Strategie. Bei Männern dagegen wird alles, was irgendwie nach Jammern und Klagen klingt, von vielen Menschen grundsätzlich nicht akzeptiert. Auch das schreckt viele Männer ab, so daß sie sich dann nicht trauen, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen. Einfach aus Angst, dann als Schlaffis und Weicheier betrachtet zu werden.

"Männer haben ebenfalls Unterstützung bekommen, durch Männerbünde, die ihnen halfen, Jobs zu kriegen,"

Es gibt Männerbünde, die Männern Jobs zuschanzen? Welche? Das ist mir ja ganz neu. Wie kommt es nur, daß ich keinen einzigen Mann kenne, der seinen Job durch irgendeinen Männerbund bekommen hat?

"durch Arbeitsmöglichkeiten, die Frauen nicht offenstanden"

Ja, z.B. im Bergbau oder überall sonst, wo körperlich schwere und/oder gefährliche Arbeiten anlagen. Merkwürdig ist nur, daß man Frauen in solchen Jobs auch heute noch kaum findet - obwohl ihnen heute alle Türen weit offen stehen...

"und durch Bildungsmöglichkeiten, die Frauen nie bekommen konnten (Studium, Lehre in vielen Zunftberufen)"

Das stimmt so auch nicht ganz. Erstmal zum Studium: Ein Studium hatte früher nicht die Bedeutung wie heute. Kinder sehr reicher Eltern haben früher in der Regel nicht studiert, sondern sie wurden durch Privatlehrer unterrichtet. Sehr arme Leute konnten es sich oft noch nicht einmal leisten, ihre Kinder auf einfache Schulen zu schicken. Ein Studium war da erst recht nicht drin. Zwischen Männern und Frauen gab es da de facto keinen Unterschied. Das betraf so meist die Mehrheit der Bevölkerung.

Studenten stammten meist aus der Mittelschicht. Das waren Leute, die nicht direkt arm waren, aber nicht reich genug, um sich Privatlehrer leisten zu können. Es hat schon im 17./18. Jahrhundert auch Frauen an Universitäten gegeben. Dorothea Erxleben (die übrigens selbst auch studiert hat) hat 1742 ein interessantes Buch darüber geschrieben, wieso Frauen nur selten studierten. Als Gründe machte sie gesellschaftliche Vorurteile aus, die von Männern und Frauen gleichermaßen ausgingen, dazu noch Neid und Mißgunst ungebildeter Frauen gegenüber ihren gebildeten Geschlechtsgenossinnen und auch die Trägheit der Frauen ihrer Zeit. Sie rief sie in ihrem Buch dazu auf, sich weniger um Mode und Kosmetik und dafür mehr um ihre Bildung zu kümmern. Da kaum Frauen diesem Aufruf gefolgt sind, blieben Frauen noch bis ins 20. Jahrhundert hinein Ausnahmen an den Universitäten.

Ganz allgemein konnte man in früheren Zeiten auch als Autodidakt in diversen Wissenschaften anerkannt werden. Es hat auch immer Männer gegeben, die nie eine Universität besucht, aber trotzdem Großes in Wissenschaft, Technik oder sonstwo geleistet haben. Heute wäre das so nicht mehr möglich. Aber heute studieren ja auch sehr viele Frauen - und trotzdem sind es nach wie vor mehrheitlich Männer, die Neues erfinden.

Zunftberufe sind auch ein gutes Stichwort. Es hat im Mittelalter Zünfte gegeben, die überhaupt nur Frauen aufnahmen. Es gab auch Zünfte, die nur Männer aufnahmen. Die meisten Zünfte nahmen aber sowohl Männer als auch Frauen auf. Üblicherweise war es so, daß Frauen die leichteren Arbeiten zugewiesen wurden und daß sie deshalb auch weniger Lohn bekamen. Auch auf dem Bau arbeiteten im Mittelalter Frauen. Sogar im Bergbau waren Frauen tätig, dann aber üblicherweise nicht unter Tage.

Wenn ein Mann Zunftmeister werden wollte, mußte er zunächst eine Ausbildung absolviert haben. Dann mußte er üblicherweise eine Aufnahmegebühr entrichten, was für die meisten Menschen schon mal eine enorme Hürde darstellte.

Eine Frau konnte das viel einfacher erreichen. Sie brauchte nur einen Zunftmeister heiraten. Dann konnte sie offiziell auch in seinem Unternehmen mitarbeiten, und wenn er starb, wurde sie automatisch Zunftmitglied. Ganz egal, welche Ausbildung sie hatte und ohne dafür irgendeine Gebühr entrichten zu müssen. Manchmal mußte sie mindestens einen ausgebildeten Gesellen beschäftigen, aber oft gab es überhaupt keine Bedingungen, sie erbte also dann automatisch alle Rechte ihres verstorbenen Mannes in der jeweiligen Zunft.

"Dass die Witwen unterstützt wurden, lag auch daran, dass es ihnen gar nicht ERLAUBT war, zu arbeiten oder dass die Gesellschaft die arbeitenden Witwen nicht vorsah."

Da weiß ich nun nicht, auf welche Zeit sich das bezieht. Meist war es nicht so. Selbstverständlich arbeiteten im Mittelalter auch Witwen, und auch verheiratete Frauen. In manchen Berufen (z.B. bei Zöllnern oder Metzgern) was es üblich, grundsätzlich Ehepaare gemeinsam zu vereidigen, weil ganz selbstverständlich davon ausgegangen wurde, daß Mann und Frau diesen Beruf gemeinsam ausüben.

Angehörige der Mittel- und Oberschicht heirateten oft zielgerichtet so, daß sich die Berufe von Mann und Frau ideal ergänzten. So kam es vor, daß ein Tuchfabrikant eine Großhändlerin heiratete, die dann seine Tücher verkaufte (oder auch umgekehrt).

In Krisenzeiten erließ man zuweilen Gesetze, durch die Frauen in der Ausübung ihrer Berufe massiv bevorzugt wurden. Beispielsweise wurden in England Schlachter zeitweilig per Gesetz dazu verpflichtet, Wolle von geschlachteten Schafen nur noch an Frauen zu verkaufen. Männer, die solche Wolle zur Ausübung ihrer Berufe benötigten, hatten das Nachsehen. Da ging man einfach davon aus, daß die sich ja einfach einen anderen Job suchen können, während man das von Frauen natürlich nicht verlangen wollte...

"Ich sprach nicht davon, die 4,5 Mio. Arbeitslosen wegdiskutieren zu wollen, aber zu sagen, dass Frauen nur arbeiten sollen, wenn man keine Arbeitslosen hat, der trötet in Clements Horn,"

Das habe ich nicht geschrieben. Es ist aber nun einmal so, daß es für die Eltern, die jetzt vielleicht wirklich wegen der schlechten Kinderbetreuungsmöglichkeiten nicht arbeiten können, de facto keine Arbeitsplätze gibt bzw. daß, wenn sie doch einen Arbeitsplatz finden, dafür dann eben jemand anderer arbeitslos bleibt. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob die Eltern männlich oder weiblich sind. Das Problem der steigenden Arbeitslosigkeit ist das große, primäre Problem, von dem die Lösung diverser anderer Probleme abhängt.

Wenn die Wirtschaft nämlich Arbeitskräfte suchen würde, dann gäbe es ganz schnell überall Betriebskindergärten. Und dann würde auf einmal auch der Staat mehr in die Kinderbetreuung investieren. Aber solange das nicht so ist, ändert sich daran nichts. Und selbst wenn man da trotzdem bessere Maßnahmen durchsetzen würde, dann würde das im Endeffekt nichts ändern. Dann könnten die Eltern halt zu Hause als Arbeitslose Stellenanzeigen suchen oder auch die Beine hochlegen, während ihre Kinder im Kindergarten sind. So sieht das nun einmal aus, ob uns das nun gefällt oder nicht.

"Wenn es Dich wirklich interessiert, kann ich Dir einen Aufsatz zukommen lassen, von Christa Müller, die über die Situation im Erziehungswesen geschrieben hat."

Ja, diesen Aufsatz fände ich interessant!

"Wer besser qualifiziert ist, bekommt leichter einen Ausbildungsplatz, zumindest in vielen Grossbetrieben. Mädchen haben eher das Abitur, Jungen eher den Hauptschulabschluss."

Da sollte man sich nun aber auch wieder fragen, woran das liegt.

"Das Abitur ist eine höhere Qualifikation als der Hauptschulabschluss."

Ja ja, das kann in Deutschland aber auch zum Problem werden. In Deutschland kann man nämlich auch überqualifiziert sein. Viele Handwerker oder sonstige Klein-Unternehmer stellen grundsätzlich nur Haupt- oder maximal noch Realschüler ein. Und die achten dann sehr wohl darauf, ob jemand noch Wehrdienst leisten muß. Da ist dann zwar kein Zuschuß zum Mutterschaftsgeld fällig, aber der Job muß auch freigehalten werden. Und das ist denen dann auch oft schon zu lästig.

"Ob der seinen Wehrdienst abgeleistet hat oder nicht, wäre mir da eher egal."

Vielen Personalchefs ist das aber nicht egal. Ich wurde danach auch schon gefragt. Und ich habe übrigens Abitur.

"Im Übrigen haben sich viele Menschen für ein soziales Jahr beworben, die keine Stelle bekommen haben. Das ist also gar nicht so einfach, da dran zu kommen! Deswegen bin ich ja auch gegen den Zivildienst: Es würden sich bestimmt genug Freiwillige finden, die einen solchen Dienst machen würden, und die wären besser motiviert als die Zivildienstleistenden."

Ja, das Problem haben Zivildienstleistende eben teilweise auch. So kommen dann die langen Wartezeiten zustande, und die damit verbundenen beruflichen Nachteile. Im übrigen sehe ich das genau wie du, nämlich daß man die Wehrpflicht und damit auch den Zivildienst abschaffen sollte. Durch das freiwillige soziale Jahr könnte der Unsinn locker ersetzt werden.

"Aber auch genügend Unternehmen, die Frauen nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch einladen, weil sie FRAUEN sind, und schwanger werden KÖNNTEN (Siehe Expatriates Posting!). Wo werden MÄNNER nicht eingestellt, weil sie MÄNNER sind, und aus keinem anderen Grund?"

Z.B. im Öffentlichen Dienst, sofern sich auch Frauen beworben haben. Es gibt auch Unternehmen mit weiblichen Chefs, die grundsätzlich nur Frauen einstellen und das auch offen sagen.

"Sobald der Wehr- oder Zivildienst abgeleistet ist, ist er abgeleistet. Aber Frau bleibst Du ein ganzes Leben. Und bis ungefähr 40 kannst Du locker Kinder kriegen."

Danach kommen aber auch immer noch 25 Jahre. Nun könnte man ja einwenden, daß eine Frau, die mit Ende 40 noch keine Berufserfahrung sammeln konnte, dann wohl auch keine Chance mehr bekommt. Aber bei Männern ist das prinzipiell auch nicht anders. Wer da mit Ende 30 noch keine Berufserfahrung hat, hat es dann auch sehr viel schwerer auf dem Arbeitsmarkt.

Außerdem gibt es ja genügend Unternehmen, die Frauen keine solchen Hindernisse in den Weg legen. Wo sind denn die Millionen arbeitslosen jungen Frauen, die keine Jobs kriegen, weil sie ja schwanger werden könnten? Ich sehe sie nirgends, Emmalein.

Freundliche Grüße
von Garfield


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