Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Beruf, Kinder und Karriere

Garfield, Thursday, 19.02.2004, 15:59 (vor 8022 Tagen) @ Emmalein

Als Antwort auf: Re: Beruf, Kinder und Karriere von Emmalein am 19. Februar 2004 11:58:05:

Hallo Emmalein!

"Dass dies in den seltensten Fällen klappt, zeigt sich ja schon daran, dass es sehr selten stattfindet."

Wenn etwas selten stattfindet, heißt das nicht, daß es nicht möglich ist! Jemand hier im Forum schrieb zu dem Thema mal, daß seine Ex-Frau mit anderen Frauen auch so eine wechselseitige Kinderbetreuung organisiert hatte. Den so erzeugten zusätzlichen zeitlichen Freiraum hat sie dann aber nicht dazu verwendet, um arbeiten zu gehen, sondern für Einkaufs-Touren und andere Freizeitaktivitäten...

"Wir sind einer der ganz,ganz wenigen Staaten ohne flächendeckendes Ganztagsschulangebot in Europa!"

Angeblich soll sich das ja nun ändern.

"Hm, die scheinen aber eher eine verschwindend geringe Minderheit zu sein. Ich hatte von denen z. B. noch nichts gehört."

Dann solltest du öfter mal z.B. das Rote Männer Info lesen! Hier im Forum wurde auch schon Werbung für eine Aktion von Männern gegen Arbeitszeitverlängerung gemacht. Diese Aktion wurde u.a. damit begründet, daß sich auch Männer mehr Zeit für ihre Familien wünschen und Arbeitszeitverlängerungen aber das genaue Gegenteil bedeuten.

"Kannst du mir da eine Organisation oder eine Demo nennen, die da stattgefunden hat?"

Nein. Das liegt aber vor allem daran, daß die Funktion des Familienernährers nach wie vor an den Männern hängen bleibt, und zwar nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre Partnerinnen das so wünschen.

"Und wenn Frauen Bücher über ihren Wiedereinstieg veröffentlichen würden, stünde da mit Sicherheit auch nicht nur eitel Sonnenschein drin."

Das mag sein. Es gibt immer Vor- und Nachteile. Aber Müttern wird nun einmal von der Gesellschaft weitaus mehr Unterstützung gewährt als Vätern. Das ist übrigens keine feministische Errungenschaft, sondern das war schon immer so. Schon vor Jahrhunderten kamen mildtätige Gaben vor allem Müttern, Witwen und Frauen ganz allgemein zugute, während Männer üblicherweise keine Unterstützung bekamen, und zwar auch dann nicht, wenn sie allein 10 Kinder zu ernähren hatten.

"Aber daraus dann ableiten zu wollen, dass die Situation für frauenfördernde Massnahmen besonders günstig ist, ist kurzsichtig."

Wieso frauenfördernde Maßnahmen? Es geht mir nicht um Frauen, sondern um Eltern allgemein. Und da wirkt es nun einmal positiv, wenn die Unternehmen eher bereit sind, kürzere Arbeitszeiten zu akzeptieren.

"Frauenfördernde Massnahmen für die Vereinbarkeit von KInd und Karriere hatten immer besonders grosse Chancen, wenn ARbeitskräfte FEHLTEN, nicht wenn man schon genug hat."

Das stimmt. Bei Arbeitskräftemangel sind Unternehmen eher bereit, z.B. Betriebskindergärten einzurichten oder zumindest ihren Mitarbeitern die Kindergartenkosten abzunehmen.

"Ich befürchte, dass deswegen trotz PISA-Ergebnis Verbesserungen hinsichtlich der Ausstattung der Bundesrepublik mit Ganztagsschulen und mit Grundschulen mit festen Zeiten noch lange auf sich warten lassen wird. Die Begründung wird sein: Es ist kein Geld da. (Dass das Geld für andere Ding allerdings da ist, wird verschwiegen werden.)"

Das sehe ich genauso. Dabei haben unsere Schulen Reformen dringendst nötig.

"So, so, Emanzipation also nur, wenn es den Leuten gut geht! Toll, Deine Einstellung! Frauen sollen in wirtschaftlich schlechten Zeiten mal wieder schön zurück an den Herd. Typisch Masku! Tu Dich mit Clement zusammen, Ihr wärt ein tolles Gespann!"

Was soll das denn? Emmalein, glaubst du, böse Maskulisten haben sich die über 4,5 Millionen Arbeitslosen nur ausgedacht, um Frauen so an den Herd zurück zu bringen? Diese 4,5 Millionnen Arbeitslosen gibt es wirklich. Klar sind einige darunter, die gar keinen Bock zum Arbeiten haben. Aber das Schlimmste daran ist: Diejenigen, die wirklich arbeiten wollen, haben allen Grund, diesen Gammlern sogar noch dankbar dafür zu sein, daß sie nicht auch noch mit denen um die fehlenden Erwerbsmöglichkeiten konkurrieren müssen.

Wo sollten also all die Eltern arbeiten, die durch ideale Kinderbetreuungsmöglichkeiten für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen würden?

Im Übrigen sind es gar nicht die bösen Maskulisten, die die Frauen an den Herd zwingen wollen. Nein, die Frauen scheint es schon von ganz allein an den Herd zu drängen, und zwar massenweise. Jedenfalls geben sie das regelmäßig bei Umfragen an. Das sind dann bestimmt alles Maskulistinnen, oder? :-)

"Es ging doch um etwas ganz anderes : Nämlich darum, warum MÄnner in den allerseltensten Fällen Erziehungsurlaub nehmen. Hast Du mich da missverstanden?"

Nein. Mir geht es aber darum, wieso Männer so selten Erziehungsurlaub nehmen.

"Und bei Männern, die aus Bequemlichkeit oder Wunsch nach tollem, ungebundenen Leben keine Kinder haben, ist der Egoismus-Vorwurf in Deinen Augen unangebracht?"

Das habe ich nirgends geschrieben. Sicher gibt es Männer, die keine Kinder möchten. Und die das häufig damit begründen, daß sie so weniger Verpflichtungen haben. Ob das aber wirklich immer der einzige Grund ist, möchte ich mal bezweifeln. Solange Väter im Falle einer Trennung oder Scheidung de facto nur noch das Zahlrecht haben, darf man sich nicht darüber wundern, wenn manche Männer daraus logischerweise die Konsequenz ziehen, keine Väter sein zu wollen.

"Zusätzlich waren Frauen von den Entlassungen viel stärker betroffen als Männer!"

Das stimmt so nicht. Tatsächlich ist es so, daß nahezu jeder berufstätige DDR-Bürger in den Jahren nach der Wiedervereinigung seinen Job verloren hat. Ich lebte damals im Osten, und ich kenne persönlich niemanden, der oder die den Job aus DDR-Zeiten behalten hat. Nur ein Onkel und eine Tante von mir arbeiten heute praktisch wieder im selben Job, aber auch die beiden waren zeitweilig arbeitslos, bis das Volkseigene Gut, in dem sie zu DDR-Zeiten gearbeitet haben, dann von einem großen Pharma-Konzern aufgekauft wurde, der es jetzt als Steuerabschreibungsmöglichkeit weiter betreibt.

"Aber es gibt eine Menge Ausnahemregelungen ,weswegen ein Mann in einer bestimmten Situation nicht eingezogen werden darf: Er ist im Studium, er ist in der Lehre etc. Ich kenne genug Männer, die so argumentiert haben und dann damit durchkamen. Die 10 Jahre müssen nicht ungenutzt verstreichen! Viele Männer, die ich kenne, haben nach der Lehre erst ihren Wehrdienst abgeleistet."

Ja, wenn ein Unternehmen Azubis nur als billige Arbeitskräfte betrachtet, für die man Fördergelder vom Staat kassiert und die man nach der Ausbildung eh wieder auf die Straße setzt, dann stört es natürlich nicht, wenn ein junger Mann seinen Wehr- oder Zivildienst noch nicht abgeleistet hat.

Werden aber Azubis für die spätere Übernahme gesucht, dann stört das sehr wohl. Und wenn es direkt um einen Job geht, auch. Da stellt man dann lieber Mädchen ein. Und das ist auch ein wesentlicher Grund dafür, daß männliche Jugendliche stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind als weibliche.

Trotzdem war es noch vor wenigen Jahren so, daß der Staat den Unternehmen für weibliche Azubis höhere Fördermittel zahlte als für männliche. Es würde mich sehr wundern, wenn das heute nicht mehr so wäre.

"Da kommt es wieder darauf an, was Du aus Deiner Zivildienststelle machst. Du kannst sie z. B. wenn Du Pädagoge wirst, für praktische pädagogische Arbeit nutzen. Du kannst sie, wenn Du Arzt wirst, für Arbeit in Krankenhäusern nutzen. Du kannst in Non-Profit-Organisationen Erfahrungen im Fundraising usw. machen, wenn Du Wirtschaft studieren oder etwas Kaufmännisches lernen willst. Es muss kein Nachteil sein und keine verlorene Zeit."

Wow - wenn Zivildienst so etwas Tolles und so förderlich für die Karriere ist, dann frage ich mich doch, wieso Frauen sich nicht darum reißen! Wieso absolvieren Frauen nicht massenhaft ein freiwilliges soziales Jahr oder fordern, daß die Wehr- bzw. Zivildienstpflicht auch auf sie ausgedehnt wird, wenn das doch so eine gute Sache ist?

"Ja, aber dann kommen die Fragen: Ich sehe sie haben Kinder, wer betreut die,wenn die mal krank sind? Wenn die Antwort dem Unternehmer nicht gefällt, kriegt die Frau keine Stelle. Diesen Fragen muss sich kein Mann stellen, egal, wie alt das Kind ist!"

Wenn mehr Männer den Erziehungsurlaub in Anspruch nehmen könnten, wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie genau dieselben Handicaps haben. Die Wehrpflicht haben sie dann aber womöglich zusätzlich immer noch auf dem Hals.

Außerdem gibt es genügend Unternehmen, die es aus Prestige-Gründen gar nicht wagen, Bewerberinnen so zu behandeln.

Freundliche Grüße
von Garfield


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