Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Beruf, Kinder und Karriere

Garfield, Tuesday, 17.02.2004, 15:46 (vor 8025 Tagen) @ Emmalein

Als Antwort auf: Re: Beruf, Kinder und Karriere von Emmalein am 17. Februar 2004 09:34:11:

Hallo Emmalein!

Das ist ein kompliziertes Thema, das man immer von beiden Seiten betrachten muß. Zum einen hast du schon recht, wenn du schreibst, daß Unternehmen immer nur soviel soziale Verantwortung zu übernehmen bereit sind, wie sie eben unbedingt müssen. Sei es, weil sie gesetzlich gezwungen sind, diese Verantwortung zu übernehmen, sei es, weil sie hoffen, daß sie dadurch ein besseres Image bekommen und daß sich das sehr positiv auf die Umsatzzahlen und damit auf die Gewinnspanne auswirkt.

Dieses Verhalten ergibt sich nicht immer nur aus rein egoistischen Motiven heraus, sondern Unternehmen sind häufig durch das reale Geschäftsleben gezwungen, immer vor allem ihre Profite im Auge zu behalten.

Was ich im realen Leben aber auch häufig erlebe, ist folgendes: Da absolvieren Frauen gute Ausbildungen, die sie viel Energie und die Gesellschaft viel Geld kosten. Anschließend arbeiten sie ein paar Jahre, um dann schwanger zu werden und in Erziehungsurlaub zu gehen. Dieser Erziehungsurlaub wird häufig nur von den Müttern in Anspruch genommen, und zwar nicht etwa, weil die Väter daran kein Interesse hätten (wie immer wieder behauptet wird). Nein, viele Frauen sehen diesen Erziehungsurlaub als willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag an, und sie wollen nach der Geburt möglichst viel Zeit mit ihren Kindern verbringen. Damit bleibt dem Vater wie anno dazumal häufig nur die Ernährer-Funktion übrig, denn irgendwoher muß das Geld ja nun einmal kommen.

Oft sagen Frauen vor dem Erziehungsurlaub, daß sie danach wieder auf Vollzeit arbeiten möchten. Wenn es dann aber so weit ist, sieht das dann häufig wieder ganz anders aus. Dann kommt gleich das zweite Kind hinterher, und oft arbeiten die Frauen auch später nur noch maximal auf Teilzeit.

Das liegt zum einen sicher auch daran, daß die Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Deutschland, vor allem im Westen, nicht sonderlich gut ausgebaut sind. Aber es gäbe durchaus Möglichkeiten, da durch Eigeninitiative etwas nachzuhelfen. Wenn sich beispielsweise 5 Mütter zusammen tun und ihre Kinder an jeweils einem Wochentag wechselseitig beaufsichtigen würden, dann könnte jede dieser Mütter problemlos 4 Tage pro Woche arbeiten gehen.

Da das kaum getan wird, scheint das Interesse der Frauen an Vollzeitarbeit keineswegs so groß zu sein, wie immer gern behauptet wird. Das kann man auch aus der Tatsache schlußfolgern, daß die Mehrheit der befragten Frauen bei einer Umfrage des Allensbach-Institutes angegeben hat, am liebsten Hausfrau mit maximal einer Teilzeitstelle sein zu wollen.

Das ist auch durchaus verständlich. Auch Männer geben bei Umfragen häufig an, daß sie gern mehr Zeit für Kinder und Familie hätten. Das heutige Berufsleben ist mit seinen oft starr geregelten Arbeitszeiten eigentlich absolut unnatürlich. Da Männer aber im realen Leben im Gegensatz zu Frauen üblicherweise nicht die freie Wahl zwischen diversen Lebensalternativen haben und immer nur als vollzeitarbeitende Familienernährer akzeptiert werden, bleibt ihnen nichts anders übrig. Frauen haben auch da mehr Freiheiten und nutzen diese auch.

Die Gründe, aus denen viele Frauen bewußt auf Vollzeitarbeit verzichten, spielen für Unternehmen aber keine Rolle. Für sie zählt nur, was hinten herauskommt. Nämlich, daß eine Mitarbeiterin ausfällt, die man aber aufgrund des Mutterschutzgesetzes nicht einfach so durch jemand anderen ersetzen kann. Man muß also Ersatz beschaffen, kann aber niemanden fest einstellen. In der Regel holt man sich dann jemanden bei einer Zeitarbeitsfirma. Das wird allein schon teuer, dazu kommt noch, daß die Aushilfskraft erst einmal eingearbeitet werden muß. Wenn man Pech hat, stellt sich heraus, daß diese Aushilfskraft nichts taugt, man muß sich dann wieder jemand anderen schicken lassen, und die Einarbeitung geht wieder von vorne los... Dazu kommt noch, daß die Unternehmen einen Teil des Mutterschaftsgeldes übernehmen müssen, wenn die Leistungen der Krankenkasse unter dem vorherigen Nettogehalt liegen. Für kleine Unternehmen kann das alles zusammen eine sehr hohe finanzielle Belastung darstellen.

Das alles ist also für die Unternehmen höchst lästig und teuer. Wenn die Mutter irgendwann wieder auf Vollzeit arbeiten kommt, dann ist das nur ein zeitweiliges Problem. Wenn sie aber dann meint, daß ihr das Leben als Hausfrau und Mutter doch besser gefällt, dann war der ganze Aufwand für das Unternehmen vollkommen umsonst, genauso wie übrigens auch die berufliche Ausbildung dieser Frau für die Gesellschaft.

Du hast geschrieben, daß man das Mutterschaftsgeld erhöhen sollte. Wer soll das bezahlen? Bisher zahlen das die Krankenkassen, und zwar maximal 13 Euro pro Kalendertag. Müßten sie mehr zahlen, würden die Krankenkassen-Beiträge noch weiter steigen. Schon jetzt können genügend Menschen mit ihrem Lohn oder Gehalt ihre Lebenshaltungskosten kaum noch bezahlen. Und zwar nicht nur Menschen mit Kindern, sondern sehr wohl auch Menschen, die gar keine Kinder haben, und auch kinderlose Paare, bei denen beide Partner voll berufstätig sind. Die haben zwar durch Kinder keine zusätzlichen Kosten, dafür kriegen sie aber auch diverse Freibeträge nicht oder nicht im selben Umfang wie Eltern, und sie haben eine deutlich höhere Steuerbelastung. Wenn man der arbeitenden Bevölkerung über steigende Sozialbeiträge noch mehr Geld aus den Taschen zieht, dann wird es bald auch hierzulande so laufen wie in den USA, wo manche Leute noch nicht einmal mit zwei Jobs pro Kopf ihre Lebenshaltungskosten zahlen können. Und was noch schlimmer wäre: Schwarzarbeit wird dann noch weiter zunehmen. Denn je mehr Geld den Menschen aus den Taschen gezogen wird, ohne daß sie davon irgendetwas haben, umso eher werden sie dazu neigen, sich aus diesem System, das ihnen mehr Kosten als Nutzen bringt, auszuklinken. Dann wird die Finanzmisere noch schlimmer, und es wird noch weniger Geld für Kinderbetreuung, Schulen usw. vorhanden sein.

Es gäbe zwar genügend Sparpotenzial (ich denke da z.B. an die überhöhten Gehälter, Pensionen und sonstigen Privilegien für Politiker, Abgeordnete und hohe Beamte und auch an diverse Subventionen für Wirtschaft und Landwirtschaft), aber da wird erfahrungsgemäß niemals zuerst der Rotstift angesetzt...

Ich denke auch, daß das Problem mit den unzureichenden Betreuungsmöglichkeiten nicht der Hauptgrund für den Geburtenrückgang ist. Und auch das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht das wesentliche Problem. Wir leben heute in einer Kultur, die Egoismus und Selbstverwirklichung um jeden Preis propagiert, und zwar ganz besonders für Frauen. Irgendwelche Lasten und/oder Verantwortung für irgendetwas zu übernehmen ist absolut "out". Das machen Top-Manager und Spitzenpolitiker so vor, wenn sie z.B. für absolute Fehlleistungen noch hohe Abfindungen kassieren und auch immer sofort wieder neue, gutbezahlte Posten bekommen. Und das Volk eifert diesen schlechten Beispielen nach.

Im realen Leben hat eben alles sowohl Vor- als auch Nachteile. Was Kinder angeht, kann heute jede Frau mit den modernen Verhütungsmethoden für sich abwägen, ob für sie die Vor- oder die Nachteile überwiegen und davon ausgehend frei ihre eigene Entscheidung treffen. Wenn die immer häufiger gegen ein Kind ausfällt, dann liegt das vor allem daran, daß ein Kind nicht mehr viel Spielraum für die eigene Selbstverwirklichung läßt. Man kann dann nicht mehr einfach so mal schnell den Wohnort wechseln, sondern muß immer daran denken, daß das Kind dann aus seiner gewohnten Umgebung gerissen wird. Man kann nicht mehr spontan etwas unternehmen, sondern muß immer überlegen, ob man das Kind dabei mitnehmen kann oder wo man es sonst läßt...

Das sind alles Probleme, die die Menschen in der Form früher überhaupt nicht hatten. Da arbeiteten zwar häufig auch die Frauen auf Vollzeit, aber dann paßten die Großeltern oder ältere Geschwister eben auf die kleineren Kinder auf. In armen Arbeiter- oder Bauern-Familien wohnte ja häufig die gesamte Familie inklusive Großeltern auf engstem Raum zusammen. Die Kinder wurden damals auch weitaus mehr zur Selbstständigkeit erzogen als heutzutage. Sie mußten ja auch schon früh zum Lebensunterhalt der Familien beitragen, und auch deshalb galten Kinder damals als Segen. Der Begriff "Selbstverwirklichung" war in früheren Zeiten für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ein absolutes Fremdwort.

Heute ist das alles anders, und so werden der eigenen Selbstverwirklichung eben auch schon mal die Kinder geopfert. Dazu kommt noch, daß das Leben immer unsicherer wird. Nur noch wenige können heute sicher sagen, daß sie in absehbarer Zeit nicht arbeitslos werden. Die jüngeren Generationen müssen sicher davon ausgehen, daß sie im Alter keine ausreichende Rente mehr bekommen werden, andererseits werden sie aber dazu gezwungen, weiterhin in die staatliche Rentenkasse einzuzahlen, was ihre Möglichkeiten zur eigenen Vorsorge stark einschränkt. Angesichts all dieser Unsicherheiten erhöht sich auch nicht gerade der Drang, Kinder in die Welt zu setzen. Man sieht ja jetzt schon, wie Jugendliche sich abstrampeln müssen, um überhaupt noch Lehrstellen zu finden, von festen Jobs ganz zu schweigen...

Und was nun das Problem mit Jobsuche betrifft: Die Arbeitslosenstatistik weist aus, daß dieses Problem für Männer offensichtlich größer ist als für Frauen. Angesichts dessen kann man wohl kaum ernsthaft behaupten, daß die Tatsache, daß manche Unternehmen junge Frauen aufgrund einer möglichen Schwangerschaft nicht einstellen, ein sehr großes Problem ist. Und wie schon geschrieben haben junge Männer durch die nur für sie geltende Wehr- bzw. Zivildienstpflicht genau dieselben Probleme. Nur mit dem Unterschied, daß es von der Gesellschaft negativ aufgefaßt wird, wenn eine Frau aufgrund ihres Geschlechts nicht eingestellt wird. Ein Unternehmen, das so etwas praktiziert, muß also damit rechnen, durch die Medien angeprangert zu werden. Deshalb findet man solche Praktiken meist nur bei kleinen Unternehmen, und da oftmals auch nur, weil die durch das Mutterschutzgesetz diesen Unternehmen auferlegten Verpflichtungen wirklich eine enorm hohe finanzielle Belastung darstellen. Wenn dagegen ein junger Mann einen Job nicht bekommt, weil er seinen Wehr- oder Zivildienst noch nicht abgeleistet hat, dann interessiert das die Medien nicht. Deshalb hat kein Unternehmen Skrupel dabei, junge Männer in dem Fall nicht einzustellen. Bei jungen Frauen jedoch sind sie vorsichtiger.

Bei Bewerberinnen ab etwa Ende 30 gehen Personalchefs davon aus, daß die wohl keine Kinder mehr bekommen werden. Da entfällt das Problem dann also genauso wie bei Männern, die Wehr- oder Zivildienst bereits abgeleistet haben. (Nur wieder mit dem Unterschied, daß Frauen dafür kein Jahr ihres Lebens verschwenden müssen.)

Freundliche Grüße
von Garfield


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