Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Es gibt keinen Sinn - du musst ihn erfinden

Paul, Friday, 29.10.2004, 01:22 (vor 7769 Tagen) @ Nick

Als Antwort auf: Re: Es gibt keinen Sinn - du musst ihn erfinden von Nick am 28. Oktober 2004 21:47:40:

Lieber Paul,
Evolution ist eine gute Hypothese, aber nicht eine letzte "Erklärung für ALLES". Es ist richtig und in Ordnung, wenn die Biologen mit der Hypothese arbeiten, daß die Evolution keinen zielgerichteten Sinn habe, da man Wissenschaft nur mit wissenschaftlichen Hypothesen betreiben kann. Es ist aber unzulässig zu behaupten, "die Welt" sei sinnlos. Wie die Welt "ist", das ist zwar Gegenstand der Forschung, aber nicht ihr Ergebnis. Es ist offen - und muß es bleiben - wie es sich letztlich verhält. Wüßte man das nämlich wirklich, dann müßte man nicht mehr forschen. Alle früheren wissenschaftlichen Hypothesen über "die Welt" sind übrigens schon obsolet geworden (das ist der normale Gang der Wissenschaft). Es läßt sich nicht beweisen, daß ausgerechnet die heutigen dieses Schicksal nicht erleben werden.
Es gibt Leute, mich zum Beispiel, die die Frage nach dem letzten "Sinn der Welt" religiös betrachten. Für mich ist es z.B. sehr sinnvoll und hilfreich, danach zu fragen, was der Glaube über Ehe, Familie, Zeugung, Leben und Tod sagt. Die Erfahrung lehrt immerhin, daß Menschen, die nach diesen "Empfehlungen des Herstellers" fragen, viele der hier diskutierten Probleme nicht, oder nicht in der Schärfe haben, wie sie in der übrigen Gesellschaft auftreten. Auch wenn dieses Ergebnis natürlich ohne wissenschaftliche Relevanz ist, besitzt es für die Betreffenden durchaus eine enorme existentielle Relevanz.
Immer wenn auf wissenschaftliche Hypothesen gestützt behauptet wird: "XY ist nur..." - also zum Beispiel: "Denken ist nur Neuronenaktivität", oder: "Leben ist nur Stoffwechsel", "Sex ist nur Hormon-Chemie", "Liebe dient nur der Arterhaltung", oder gar: "Das Leben hat keinen Sinn", dann ist das Ideologie und nicht Wissenschaft - ein unzulässiger Übergriff: denn der Mensch ist immer zuerst Subjekt, nicht Objekt, und ist deshalb eben frei, auch ohne wissenschaftliche Tagesmeinungen den Sinn seines Lebens zu finden. Manche meinen halt, daß man ihn nicht erfinden, sondern nur finden kann.
Echte Wissenschaft sollte sich durch diese Wahrnehmung menschlicher Freiheit nicht eingeengt fühlen, oder?
Oder würdest du behaupten wollen, "die Wissenschaft" habe mit letzter Sicherheit herausgefunden, wie "die Welt" im innersten und im letzten Sinne "ist"? Ich denke, das kann keiner "mit letzter Sicherheit" sagen, schon garnicht stellvertretend für andere.
In solchen Fragen ist es wohl am besten, wenn man es hält wie Nathan, der Weise...
Gruß vom
Nick

Hi Nick,

diese Diskussion ist eine, bei der es sehr auf Feinheiten ankommt. Wenn du genau liest, schrieb ich, dass es keinen "übergeordneten" Sinn gibt. Ich habe ja ausdrücklich gesagt, daß jeder seinem Leben einen Sinn geben kann, dies ist m.E. sogar eine der größten und wichtigsten Freiheiten überhaupt. Ich verbiete dir ja nicht, deinem Leben einen Sinn durch den Glauben an einen Gott zu geben; andererseits erwarte ich aber auch, daß Du akzeptierst, daß dieser "höhere", "übergeordnete" Sinn nur innerhalb deines (religiösen) Bezugssystems existiert.

Ursprünglich ging es aber ja auch um etwas ganz anderes: Die Frage, ob einzelne Organe (hier: Fortpflanzungorgane) einem bestimmten Sinn dienen. Und aus evolutionstheoretischer Sicht - und ich habe ja nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich nur diese vertrete - tun sie das eben nicht. Fortpflanzungsorgane entstanden danach genausowenig im Hinblick auf den Zweck Fortpflanzung, wie Lungen um an Land zu atmen oder Augen um zu sehen. All dies entstand zuersteinmal zufällig, und hatte nur deshalb Bestand, weil es einen evolutionären Vorteil darstellte.

Mir ist natürlich klar, daß man als Katholik der Evolutionstheorie - und ganz besonders der daraus resultierenden Nicht-Vorherbestimmtheit des Sinns und Zwecks von menschlichen Eigenschaften und Organen - sehr kritisch gegenüber stehen muß. Denn geht man davon aus, daß es keinen Gott gibt, welcher unter anderem die Geschlechtsorgane im Hinblick auf einen Zweck "erdacht" oder geschaffen hat, dann brechen beispielsweise die scheinrationalen Begründungen für die Verdammung der Homosexualität oder der Empfängnisverhütung weg. Insofern ist die Evolutionstheorie eine permanente Gefahr für dieses Glaubenssystem, weshalb es ja nach wie vor eifrig und leidenschaftlich aus dieser Richtung angegriffen wird. Die kreationistische Bewegung in den USA ist dafür das beste Beispiel.

Wenn allerdings die Evolutionstheorie irgendwann widerlegt werden sollte, hab ich auch kein Problem damit. Ebenso wie Du glaube ich, daß der Mensch niemals mit letzter Gewissheit und bis ins Letzte die Welt wird erklären können. Nur leite ich daraus nicht ab, daß irgendjemand - oder etwas - existieren muß, der dies kann. Ich kann mit dieser Unsicherheit und dem ständigen Wandel leben. Warum können es andere nicht?

Gruss,
Paul


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