Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Dekadenz als Vorstufe des Untergangs

Garfield, Thursday, 28.10.2004, 12:52 (vor 7769 Tagen) @ Max

Als Antwort auf: Dekadenz als Vorstufe des Untergangs von Max am 28. Oktober 2004 08:43:19:

Hallo Max!

In gewisser Weise gebe ich dir recht. Die Gutmenschen sind hierzulande nur entstanden, weil wir eine lange Periode des Wohlstands hatten. Die endet jetzt langsam aber sicher, und so werden auch die Gutmenschen langsam aber sicher wieder verschwinden.

"In anderen Weltgegenden finden wir junge, hochmotivierte Nationen, die fast explosionsartig wachsen, die uns in nicht allzu ferner Zukunft enorm unter Druck setzen werden, sowohl wirtschaftlich als auch politisch."

Dabei muß man aber auch bedenken, daß diese Nationen oftmals noch vor wenigen Jahrzehnten in jeder Hinsicht absolut rückständig waren. Da konnte es kaum noch schlimmer werden, und so gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder Stagnation oder aber Wachstum.

Beispiel Japan: Noch vor 20 Jahren hieß es überall, daß die Japaner ja sooo viel besser wären als wir, daß Japan sich viel schneller entwickelt und uns bald auf jedem Gebiet weit zurück lassen würde. Bald war dann aber auch in Japan der Gipfelpunkt erreicht - und dann ging es genau wie bei uns plötzlich wieder abwärts. Auch dort begann das damit, daß man feststellte, daß sich die Gewinne nicht unendlich steigern lassen, daß man dann begann, die Löhne der Mitarbeiter zu drücken, gleichzeitig aber die Preise fröhlich weiter erhöhte, wo immer das möglich erschien, was dann wiederum den Binnenmarkt zunehmend schwächte...

Genauso wird sich das in allen heutigen Wachstumsregionen auch entwickeln. Auch in China. China hat momentan natürlich noch den Vorteil, daß es dort durch die hohe Bevölkerungszahl riesige Märkte gibt. Das erhöht das Wachstumspotenzial. Andererseits wird dort aber mittlerweile de facto ein ungehemmter Kapitalismus betrieben. Das führt zwar dazu, daß die Unternehmen gute Gewinne einfahren - aber so wird der Gipfelpunkt noch schneller erreicht werden, und dann wird es genau wie in Japan und wie bei uns auch wieder abwärts gehen.

"Frauenrechte, Kündigungsschutz, Arbeitszeitregelungen, Tarifverträge, Sozialstaatsdenke: Das alles kann sich leisten, wer dafür vorgesorgt hat, daß es eine nennenswerte Zahl von Nachkommen gibt, die diese "Errungenschaften" verteidigen wird."

Tarifverträge, Arbeitszeitregelungen und Sozialgesetze haben aber nicht den Geburtenrückgang in Deutschland bewirkt.

Nehmen wir nur mal Tarifverträge:

Ich selbst arbeite im außertariflichen Bereich. Deshalb kann ich sehr gut beurteilen, welche Vor- und Nachteile es hat, ohne Tarifvertrag zu arbeiten. Der Vorteil besteht darin, daß jemand, der für die Firma wichtig ist, eine gute Verhandlungsposition hat und so gute Gehaltserhöhungen aushandeln kann. Dieser Vorteil existiert aber nur, solange die Firma Schwierigkeiten dabei hat, gutes Personal zu bekommen. Sobald das Angebot auf dem Arbeitsmarkt groß genug ist, hat sie diese Schwierigkeiten nicht mehr, und dann haben es auch gute Leute entsprechend schwerer, noch gute Gehaltserhöhungen auszuhandeln.

Überhaupt funktioniert das so nur bei kleinen und mittleren Unternehmen. Bei großen Unternehmen läuft das nämlich üblicherweise so, daß die Personalvorgesetzten von oben einen Maximalwert für Gehaltserhöhungen vorgeschrieben bekommen. Selbst in guten Zeiten kann so auch der beste Mitarbeiter also keine enorm hohe Gehaltserhöhung aushandeln. Und in schlechten Zeiten erst recht nicht.

Konkret lief das in meiner Firma so ab: Noch bis vor 3 Jahren wurden händeringend Leute gesucht. Diejenigen, die schon lange dabei waren und sich so fast unentbehrlich gemacht hatten, hatten so bei Gehaltsverhandlungen eine gute Position. Und es gab auch am Jahresende immer eine satte Prämie.

Dann gingen aber viele Unternehmen in der Branche pleite, das Arbeitsamt hatte in der Zeit davor viele Leute für Jobs in der Branche umgeschult, und so war es nun auf einmal gar kein Problem mehr, gutes Personal zu bekommen. Obendrein liefen auch die Geschäfte bei uns nicht mehr so gut wie früher, so daß man viele Zeitarbeiter nach Hause schickte und auch gar kein neues Personal mehr brauchte.

Jetzt änderte man auch die Gehaltspolitik sofort. Plötzlich gab es keine Prämie mehr, und auf einmal wurden die Gehaltserhöhungen auf 1-2 % limitiert. So hatte man manchmal noch nicht einmal einen Inflationsausgleich, hat unterm Strich also minus gemacht.

Wenn die Lebenshaltungskosten nun schneller steigen als die Löhne und Gehälter, dann muß sich das zwangsläufig negativ auf die Kaufkraft auswirken. Und so haben wir folgerichtig auch schon seit Jahren das Problem, daß der deutsche Binnenmarkt schwächelt. Und für viele kleine und mittlere Unternehmen ist genau das das Hauptproblem, wie eine Umfrage vor 1-2 Jahren ergeben hat. Da wurde nämlich als größtes Problem nicht die Steuerlast, die Lohnnebenkosten oder überhaupt das Lohnniveau genannt, sondern die nachlassende Kaufkraft der Kunden. Was nützt es denn, wenn man keine Steuern mehr zahlen muß, Billigarbeiter für 1 Euro pro Stunde beschäftigen kann, aber keine Kunden mehr findet?

Wenn man nun Tarifverträge komplett abschaffen würde, dann wäre das der Startschuß für eine bisher nicht erlebte Lohndrückerei. Die dadurch gesparten Kosten würden aber nur zum Teil über niedrigere Preise an die Kunden weiter gegeben werden. Vor allem würde man sie zur Profitmaximierung verwenden, es würde also noch mehr Geld zu wenigen reichen Personen fließen. Für die breite Masse würde die Schere zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten dagegen immer weiter auseinander klaffen.

Wenn man dann auch noch Arbeitszeitregelungen abschafft, dann wäre das der Startschuß für eine neue, große Entlassungswelle in allen Bereichen. Es gäbe dann noch viel mehr Arbeitslose, die wenig Geld zum Ausgeben zur Verfügung haben. Und diejenigen, die noch Arbeit haben, müßten 12 Stunden täglich knüppeln. Von ihren sinkenden Einkommen würde man ihnen dann obendrein noch steigende Sozialabgaben und Steuern abziehen, weil das zunehmende Elend ja irgendwie finanziert werden muß.

Aber Sozialausgaben willst du ja auch abschaffen - dann verwandelt sich das wachsende Heer der Arbeitslosen schnell in ein Heer von Kriminellen. Denn wenn man legal nur noch die Möglichkeit hat, sich chancenlos unter eine Brücke zu setzen und dort zu verhungern oder zu erfrieren, dann holt man sich doch lieber mit Gewalt, was man anders nicht bekommt.

Die Märkte würden also durch diese Maßnahmen noch schneller weg brechen, und das würde noch mehr kleine und mittlere Unternehmen in den Ruin treiben. Übrig bleiben würden nur Großunternehmen, die in Billiglohnländern produzieren lassen und diese Produkte dann hier verkaufen. Aber das wäre dann bald nicht mehr nötig, weil Deutschland dann sehr schnell ebenfalls ein Billiglohnland mit entsprechend niedrigem Lebensstandard wäre. Auf dieser Grundlage könnte es dann wieder Wachstum geben, aber vorher müßte der größte Teil der Bevölkerung jahrzehntelang unter sehr schlechten Bedingungen leben. Außerdem würde das Wachstum dann auch nicht mehr so hoch ausfallen wie in der "Wirtschaftswunderzeit". Dafür würden schon diverse Computer, Automaten und Roboter sorgen.

In den 1950er und 1960er Jahren, als die deutsche Wirtschaft schnell wuchs und man überall händeringend Arbeitskräfte brauchte, waren Tarifverträge tatsächlich unnötig. Da hatte jeder Stellenbewerber durch die günstigen Umstände eine gute Verhandlungsposition. Heute aber sind Tarifverträge und Gewerkschaften nötiger denn je. Auch für die Wirtschaft. Damit sie nämlich nicht so schnell den Ast absägt, auf dem wir alle noch gut sitzen.

Freundliche Grüße
von Garfield



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