Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Männliche Sexualität?

Garfield, Tuesday, 07.09.2004, 14:48 (vor 7822 Tagen) @ Nick

Als Antwort auf: Re: Männliche Sexualität? von Nick am 06. September 2004 21:22:09:

Hallo Nick!

"Prüderie ist eine ganz sakrale, bürgerliche(!) "Erfindung", keine religiöse."

Da bin ich mir nicht so sicher. Aus dem Mittelalter sind vor allem von Mönchen, kirchlichen Würdenträgern und anderen sehr religiösen Menschen Schriften überliefert, die freizügige Verhaltensweisen kritisieren.

Wahrscheinlich kamen auch dadurch so viele Menschen zu der Ansicht, daß es im Mittelalter sehr prüde zuging. Wenn man sich aber mal ansieht, was da kritisiert wurde, dann erhält man ein ganz anderes Bild.

Da wurden beispielsweise öffentliche Badehäuser kritisiert, weil dort Männer und Frauen oft nicht getrennt und zuweilen sogar gemeinsam in einer Wanne badeten. In manchen Badehäusern gab es sogar Prostituierte, die auf Wunsch gegen einen zusätzlichen Obolus gern mit in die Wanne stiegen.

Und es wurde kritisiert, daß manche Männer nur mit einer knappen Hose bekleidet und manche Frauen völlig nackt ins Badehaus gingen. Kinder gingen ebenfalls oft nackt ins Badehaus, oft auch noch um Alter von 14/15 Jahren.

Kritisiert wurde auch die oft übliche Praxis, nackt in Flüssen zu baden, wobei es dann auch keine Trennung zwischen den Geschlechtern gab.

Das alles wurde ja nur deshalb kritisiert, weil es offenbar nicht selten vorkam. Auch deshalb verschwanden öffentliche Badehäuser später.

Bei diesen schriftlichen Überlieferungen muß man allerdings auch bedenken, daß viele Menschen im Mittelalter entweder gar nicht schreiben konnten oder aber ihre diesbezüglichen Kenntnisse nur im Alltag verwendeten, uns also so gut wie keine schriftlichen Überlieferungen hinterließen. Da Mönche oft schreiben konnten und ihre Aufzeichnungen in den Klöstern teilweise bis heute aufbewahrt werden, stammen heute viele Schriften aus dem Mittelalter von Mönchen. Dadurch relativiert sich das alles wieder etwas.

Fakt ist jedenfalls, daß es im frühen Mittelalter auch in vielen Klöstern keineswegs prüde zuging. Schon damals fiel auf, daß in der Nähe eines Nonnenklosters häufig ein Mönchskloster stand. Die Bezeichnung "Mönch und Nonne" für zwei übereinander liegende Dachziegel kommt auch nicht von ungefähr. Nonnen betätigten sich in früheren Zeiten auch zuweilen als Zuhälterinnen für reiche Ehefrauen in der Umgebung, die diskrete Liebhaber suchten. Viele Menschen gingen ja keineswegs aus religiösen Überzeugungen ins Kloster, sondern einfach deshalb, weil sie im weltlichen Leben keinen Platz mehr fanden. Das konnten Witwen sein, oder auch zweitgeborene Adelssöhne, deren erstgeborene Brüder Titel und Besitz geerbt hatten.

Die Mönche, die nicht prüde waren, werden dies aber kaum für die Nachwelt schriftlich dokumentiert haben. Und wenn doch, dann wurden diese Überlieferungen später von prüden Zeitgenossen vernichtet.

Überhaupt setzte sich ja gegen Ende des Mittelalters Prüderie allgemein durch. Interessant ist allerdings, daß Maler gerade bei religiösen Motiven weiterhin auch nackte Menschen darstellten. Das war dann über Jahrhunderte hinweg fast die einzige Möglichkeit, solche Darstellungen überhaupt noch veröffentlichen zu können.

Im Mittelalter hatte es auch viele Alltagsgegenstände mit sexuellen Motiven gegeben. Geschirr wurde beispielsweise gern so verziert. Gegen Ende des Mittelalters verschwand das.

Es kann durchaus sein, daß die Reformationsbewegung diesen Trend noch verstärkt hat. Er war aber vorher schon da.

Freundliche Grüße
von Garfield


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