Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Und eine Therapie kommt für Dich nicht in Frage?! (oT)

Arne Hoffmann, Monday, 03.01.2005, 14:25 (vor 7702 Tagen) @ Eugen Prinz

Als Antwort auf: Re: Und eine Therapie kommt für Dich nicht in Frage?! (oT) von Eugen Prinz am 03. Januar 2005 11:35:39:

Hi Eugen,

Es muss also von niemandem so getan werden, als ob das alles völlig normal wäre.

Wie definierst du "normal", und wo ziehst du die Grenze? Sind beispielsweise Homo- und Transsexuelle noch normal oder gehören die auch in die Therapie?

Es ist vielmehr eine Gratwanderung, ganz bestimmt nichts für geistige Kleinkinder jeden Alters. Ganz zu schweigen von der finanziellen Ausbeutung der Abhängigen, die mir weder in diesem Milieu, noch in Prostitution, Drogenhandel oder Psychosekten gefällt.

Gut, aber das hast du auf etlichen Gebieten. Es gibt Leute, denen ihre Gemeinde und regelmäßige Kirchgänge seelischen Halt geben und Leute, die sich selber geißeln, sich jegliches irdischen Freuden versagen und glauben, dadurch "das Licht zu finden". Es gibt Leute, die gerne mal ein Glas Wein trinken und Alkoholiker. Es gibt Leute, die gerne mal einen erotischen Film sehen und Leute, die nur noch in ihrer Pornosammlung leben. Wenn ich bei allem, was mir persönlich ungewöhnlich oder nicht ganz koscher erscheint, Extremfälle als Beleg anführe, zeugt das nicht unbedingt von einer großen Bereitschaft zu differenzieren.

Insofern finde ich die Empörung über Andreas Frage nicht gerechtfertigt.

Ich schon. Rüdiger teilt hier mit, wie er seine Sexualität ausübt. Weder schädigt er irgendjemanden, noch hat irgendeines seiner Postings zu anderen Themen erkennen lassen, dass er mental nicht ganz auf der Reihe wäre. Im Gegenteil: Er hat deutlich zu verstehen gegeben, dass er das OWK sehr kritisch und nüchtern beurteilt. Andreas III reagiert auf Rüdigers Schilderung mit einem hingerotzten persönlichen Angriff. Er schreibt nicht "Ich finde dieses Verhalten aus folgenden Gründen bedenklich, was denkst du dazu?", sondern erklärt Rüdiger zum Therapiefall. Diese Ausgrenzungsmanöver sind es doch gerade, die dazu führen, dass die Diffamierung sexueller Minderheiten "funktioniert". Immer weniger Leute sind bereit, sich solchen Abwertungen auszusetzen, also berichten sie nicht über ihre Vorlieben, üben sie nur im Verborgenen aus (was dann wirklich psychischen Druck bedeutet) und erscheinen so immer mehr als extreme Minderheit, obwohl es so wenige gar nicht sind.

Nehmen wir mal als ein anderes Beispiel die Selbstbefriedigung. HEUTE wissen wir, dass gut über neunzig Prozent aller Männer dieser Beschäftigung zeitweise frönen oder gefrönt haben. Im 18. Jahrhundert wurde das noch weit stärker tabuisiert. Folglich kam es zu "wissenschaftlichen" Schriften, in denen die "Sünde der Selbstbefleckung" als eine Gesundheitsgefährdung bis hin zu Schwindsucht, Epilepsie, Erektionsschwächen, feuchten Träume und Unfruchtbarkeit erschien. Etliche Mediziner veröffentlichten Traktate dieser Art. So hieß es bald von ärztlicher Seite, Onanie würde das Gehirn derart austrocknen, dass man "es in der Hirnschale rasseln hörte". Von einem achtjährigen Jungen als Fallbeispiel hieß es, er onaniere seit mehreren Jahren, hätte fast pausenlos Erektionen und diese Gewohnheit habe seine Kopfform dermaßen verändert, dass seine Mutter allmählich Mühe hatte, noch einen passenden Hut zu finden. Das Gehirn eines anderen Jungen, eines dreizehnjährigen, soll zu zwei Dritteln mit Eiter bedeckt gewesen sein. Ende des achtzehnten Jahrhunderts galt die Ansicht, dass Masturbation körperliche, geistige oder seelische Schädigungen hervorrief bei sämtlichen führenden Ärzten und Psychiatern als allgemeiner Kenntisstand.

Verängstigte Eltern im neunzehnten Jahrhundert taten ihr Möglichstes, um insbesondere ihre Söhne vor diesem Übel zu bewahren. Dabei legten sie den Jungen Keuschheitsgürtel mit Innendornen an, so dass jede Gliedversteifung sehr schmerzhaft werden würde, sie banden ihnen nachts die Hände in Säcke, befestigten Kieselsäckchen auf ihrem Rücken, damit sie sich im Bett nicht gerade ausstrecken konnten oder installierten Apparaturen, die im elterlichen Schlafzimmer eine Glocke klingeln ließen, wenn der Junge eine Erektion hatte. Der nächste Schritt waren chirurgische Operationen wie das Aufschlitzen der Vorhaut, das Durchtrennen von Nervensträngen, das Einspritzen von Silbernitratlösungen (es sei erstaunlich, was eine Harnröhre so alles aushalte, befand der Erfinder dieser sogenannten Lallemand-Methode), das Einführen von Stahlsonden in den Penis und vielerlei Einfälle mehr.

Heute ist jedem klar, dass "Gesundheitsgefährdng durch Onanie" ein Mythos ist, sonst wären wir fast alle irre. Bei anderen Formen einst "anrüchiger" Sexualität entwickelt es sich ähnlich: 1973 hat das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) die Homosexualität aus der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen, die International Classification of Disease (ICD) hat immerhin 1993 dasselbe geschafft. Was mit den Homosexuellen in Deutschland passierte, weil man sie für Krankheitsfälle hielt, brauche ich wohl nicht auszuführen. Sadomasochismus gilt im DSM seit 1994 nicht mehr als seelische Störung, was das ICD angeht, dürfte das nur noch eine Frage der Zeit sein.

Die Therapiefrage wurde hier gestellt, nicht weil Rüdiger Anzeichen machte, dass er mit seiner Sexualität nicht zurecht käme, sondern weil Andreas III mit Rüdigers Sexualität Probleme hat. Ich habe Andreas Frage nicht als freundschaftlichen Lebensratschlag verstanden, sondern als herabsetzend. Eine Klarstellung, die in eine andere Richtung weist, habe ich bislang nicht erhalten. Angenommen, Rüdiger würde wirklich zu den Leuten gehören, die durch ihre Sexualität seelisch und körperlich gefährdet wären oder andere gefährden, wäre ihm durch Andreas Reaktion denn irgendwie geholfen?

Arne


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