Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Voilà

susu, Saturday, 03.01.2004, 22:04 (vor 8069 Tagen) @ Der Bachelor

Als Antwort auf: Voilà von Der Bachelor am 02. Januar 2004 21:25:27:

Also zunächst mal Danke für Deinen Beitrag. Er regt zum Nachdenken an. Und das tut immer gut ;-)

Tnx

Viele feministische Autorinnen widersprachen der Annahme, Mann und Frau seien entgegengesetzte Pole und Geschlechtsunterschiede seien sozusagen angeboren. Sie beschäftigten sich mit Androgynie und redeten von der sozialen Fiktion des Geschlechts. Man muss nicht gleich ein Sexist sein, wenn man an Unterschieden zwischen den Geschlechtern festhält, auch wenn diese Unterschiede oft künstlich übertrieben werden. Schließlich ist man auch kein Rassist, wenn man die Vielfalt der verschiedenen Rassen feststellt. Wissenschaftlern zufolge sind einige menschliche Verhaltensweisen hormonell bedingt, auch wenn noch eine Menge Unstimmigkeiten geklärt werden müssen.

Es gibt soziobiologische Sachverhalte, die am Menschen belegt sind. Allerdings sind darunter (siehe anderes Posting) keine Geschlechtsdimorphismen. Als Beispiel für eine genetisch weitergegebene Verhaltensweise sei das Lächeln genannt: Auch taubstumm und blind geborene Säuglinge lächeln schon, wenn sie gestreichelt werden. Auf der anderen Seite gibt es das bejahende Nicken und verneinende Kopfschütteln, zwei Verhaltensweisen, die bei allen beobachteten Primatenarten zu finden sind. Beim Menschen gibt es jedoch Kulturen, in denen diese beiden Gesten genau entgegengesetzt benutzt werden, also Kopfschütteln für ja und Nicken für nein. Daraus ergeben sich zunächst zwei mögliche Thesen:
a) diese Gesten sind genetisch, ein kultureller Einfluß kann aber stark genug sein, sie mit dem Gegenteil zu besetzen.
und
b) diese Gesten sind kulturell geschaffen und sehr alt. Schon die Grupierungen der Species of Origin sämmtlicher Primatenarten benutzten sie.

Wenn wir jetzt wieder taubstumm und blind Geborene untersuchen können wir These a ausschließen. Damit stimmt These b.

Es gibt also durchaus gut durchdachte und durchgeführte Papers in diesem Bereich, allerdings eben keine die einen Geschlechtsdimorphismus im Verhalten nahelegen, der nicht kulturell so stark deformierbar wäre, daß er sich nicht auch egalitär oder gar revers antagonistisch beobachtbar wäre.

Daß das männliche Hormon Testosteron beispielsweise aggressives Verhalten steuert, ist belegt; doch Studien zufolge nehmen beim Mann die Produktion des Hormons und die Aggressivität mit zunehmendem Alter ab, während bei Frauen beides zunimmt. Andererseits zeigen Studien, daß pflegerische Verantwortung bei Männern ein Verhalten fördert, das nach traditionellem Verständnis typisch weiblich ist.

Annektdote: Heute biß mich eine der Frauen die ich pflegerisch betreue in die Hand. Sie meinte ich sei "Satan"...

Bei Menschen ist mir zwar eine Korellation zwischen T-Spiegel und Agressivität bekannt, aber bishar nur Studien, die eindeutig zeigen, daß agressives Verhalten den T-Spiegel steigert, nicht umgekehrt. Allerdings gilt das gleiche auch für jede Art sportlicher Betätigung (Testosteron wirkt am Muskelaufbau mit, der steigende T-Spiegel bei sportlicher Betätigung ist elementar an der darauffolgenden Steigerung der Fitness beteiligt).

Indem der weibliche Wille nach Macht und die dunklen Seiten der Frauen geflissentlich übersehen werden, entsteht ein Mythos von guten und bösen Kräften, eine selbstgerechte Ideologie, die "den anderen" - in diesem Fall den Mann - entmenschlicht und seiner Ausbeutung Tür und Tor öffnet. Dabei war doch gerade der Feminismus mit dem Anspruch aufgetreten, solche Herrschaftsverhältnisse aus der Welt zu schaffen. Stimmen wie die von Sally Gearhart sind zwar Extreme, doch fügen sie sich in ein Spektrum von Ansichten ein, die auf denselben Voraussetzungen beruhen.

Wozu Butler sinngemäß sagte, es sei auch Aufgabe des Feminismus die eigenen Totalisierungen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. In diesem Punkt würde ich dir zustimmen, immer mit dem Verweiß darauf, daß Feminismus keine politische Haltung, sondern eine politische Problemstellung ist. Also Frage, nicht Antwort.

Mit anderen Worten: Die extremen Feministinnen haben das Sagen, die Frauen profitieren in ihrer Gesamtheit davon, die Männer sind die Deppen.

Stimmt so nicht. Bestimmte Feminismen wirkten sich negativ auf Teilgruppen der Frauen aus, zum Teil sehr negativ. Hier könnte ich jetzt Beispiele ohne Ende bringen: Feminismen waren und sind teilweise rassistisch, homophob, kulturell oder religiös supremazistisch, ageistisch, abledistisch und transphob.

Das Problem ist, dass es nicht den EINEN Feminismus gibt, sondern zahlreiche Strömungen, die sich zum Teil diametral widersprechen. Gerade dieser Pluralismus macht eine Bekämpfung schwierig.

Sie macht die Bekämpfung als Ganzheit vor allem unnötig. Es ist unklug, die zu bekämpfen, deren Meinung mensch teilt.

Da gibt es einmal den Opfer-Feminismus, der kurz gefasst die Idee von der Reinheit und Vollkommenheit der Frau hat und selbstgerecht ist, glaubt dass Frauen der Natur näher sind als Männer, kritisiert Sexualität und Auftreten anderer Frauen; glaubt sich im Besitz der alleinigen Wahrheit und zeigt entsprechenden missionarischen Eifer; schreibt Aggression, Konkurrenzdenken und Gewalt nur den Männern und dem Patriarchat zu, leugnet entsprechende Regungen der Frauen etc. pp.

Statt Opfer-Feminismus kann hier auch essentialistisch stehen. Ein Terminus der eine generelle Haltung beschreibt, die Frauen ein weibliches und Männern ein männliches Wesen unterstellt. Einige deiner Aussagen sind davon nicht so weit entfernt.

Der Power-Feminismus erkennt, dass Frauen und Männer Stärken haben; seine Kritik richtet sich nicht gegen Männer als solche, sondern gegen die Übermacht der Männer und eine Gesellschaft, die Männer über Frauen stellt;
schränkt die Meinungsfreiheit anderer Frauen nicht ein; erstrebt die Verbindung der besten traditionell weiblichen und der besten traditionell männlichen Eigenschaften und Zielsetzungen etc. pp.
Wie man schnell erkennt, sind die Anliegen des Power-Feminismus gar nicht so verkehrt,

OK.

das Problem ist nur, dass es vor allem der Opfer-Feminismus ist, der politisch korrekt ist und auch weitgehend gesellschaftlich verankert ist. Auf den Mann indes prasseln unglaubliche Forderungen ein: er hat ein Macho zu sein, ein gefühlvoller Hausmann, ein wasweissichnoch.

Auf Frauen ebenso... Aber nenn mir ein Politikgebiet, auf dem verflachte Gedanken nicht die Zustimmung der Mehrheit hätten. Die Kunst des Populismus ist es, den Leuten zu sagen, was sie ohnehin schon denken und ihnen zu sagen, die Lösung komplexer Probleme sei einfach. Dafür brauchts charismatische Leader. Komplexen Problemen adequate Lösungen zuzuweisen ist immer schwer zu verkaufen.

susu


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