Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Voilà

Der Bachelor, Friday, 02.01.2004, 23:25 (vor 8070 Tagen) @ susu

Als Antwort auf: Ahja von susu am 02. Januar 2004 18:57:55:

Also zunächst mal Danke für Deinen Beitrag. Er regt zum Nachdenken an. Und das tut immer gut ;-)
Viele feministische Autorinnen widersprachen der Annahme, Mann und Frau seien entgegengesetzte Pole und Geschlechtsunterschiede seien sozusagen angeboren. Sie beschäftigten sich mit Androgynie und redeten von der sozialen Fiktion des Geschlechts. Man muss nicht gleich ein Sexist sein, wenn man an Unterschieden zwischen den Geschlechtern festhält, auch wenn diese Unterschiede oft künstlich übertrieben werden. Schließlich ist man auch kein Rassist, wenn man die Vielfalt der verschiedenen Rassen feststellt. Wissenschaftlern zufolge sind einige menschliche Verhaltensweisen hormonell bedingt, auch wenn noch eine Menge Unstimmigkeiten geklärt werden müssen. Daß das männliche Hormon Testosteron beispielsweise aggressives Verhalten steuert, ist belegt; doch Studien zufolge nehmen beim Mann die Produktion des Hormons und die Aggressivität mit zunehmendem Alter ab, während bei Frauen beides zunimmt. Andererseits zeigen Studien, daß pflegerische Verantwortung bei Männern ein Verhalten fördert, das nach traditionellem Verständnis typisch weiblich ist.
Indem der weibliche Wille nach Macht und die dunklen Seiten der Frauen geflissentlich übersehen werden, entsteht ein Mythos von guten und bösen Kräften, eine selbstgerechte Ideologie, die "den anderen" - in diesem Fall den Mann - entmenschlicht und seiner Ausbeutung Tür und Tor öffnet. Dabei war doch gerade der Feminismus mit dem Anspruch aufgetreten, solche Herrschaftsverhältnisse aus der Welt zu schaffen. Stimmen wie die von Sally Gearhart sind zwar Extreme, doch fügen sie sich in ein Spektrum von Ansichten ein, die auf denselben Voraussetzungen beruhen.
Mit anderen Worten: Die extremen Feministinnen haben das Sagen, die Frauen profitieren in ihrer Gesamtheit davon, die Männer sind die Deppen.

Das Problem ist, dass es nicht den EINEN Feminismus gibt, sondern zahlreiche Strömungen, die sich zum Teil diametral widersprechen. Gerade dieser Pluralismus macht eine Bekämpfung schwierig. Da gibt es einmal den Opfer-Feminismus, der kurz gefasst die Idee von der Reinheit und Vollkommenheit der Frau hat und selbstgerecht ist, glaubt dass Frauen der Natur näher sind als Männer, kritisiert Sexualität und Auftreten anderer Frauen; glaubt sich im Besitz der alleinigen Wahrheit und zeigt entsprechenden missionarischen Eifer; schreibt Aggression, Konkurrenzdenken und Gewalt nur den Männern und dem Patriarchat zu, leugnet entsprechende Regungen der Frauen etc. pp.
Der Power-Feminismus erkennt, dass Frauen und Männer Stärken haben; seine Kritik richtet sich nicht gegen Männer als solche, sondern gegen die Übermacht der Männer und eine Gesellschaft, die Männer über Frauen stellt;
schränkt die Meinungsfreiheit anderer Frauen nicht ein; erstrebt die Verbindung der besten traditionell weiblichen und der besten traditionell männlichen Eigenschaften und Zielsetzungen etc. pp.
Wie man schnell erkennt, sind die Anliegen des Power-Feminismus gar nicht so verkehrt, das Problem ist nur, dass es vor allem der Opfer-Feminismus ist, der politisch korrekt ist und auch weitgehend gesellschaftlich verankert ist. Auf den Mann indes prasseln unglaubliche Forderungen ein: er hat ein Macho zu sein, ein gefühlvoller Hausmann, ein wasweissichnoch.
Für Männer hat das verheerende Auswirkungen. Ihnen wird nicht nur das Leben schwer gemacht wo es nur geht, es wird ihnen auch unter dem Deckmantel einer verqueren Ideologie das lezte Hemd ausgezogen. Und das beste daran: Sie nehmen es einfach so hin!

Der radikale Feminismus, nach dessen Auffassung eine Frau auf jeden Fall jedes Amt besser besetzen kann als ein Mann und dies durch Zwangsquoten in Betrieben, Vorständen und Parlamenten untermauert werden soll, und der seinem Wesen nach eben kein Feminismus der Gleichberechtigung, sondern ein Feminismus des spiegelverkehrten Chauvinismus ist, scheint sich in weiten Teilen der Bundesrepublik durchgesetzt zu haben. War 1999 Schipanski noch der Notnagel, der half, die Union besser aussehen zu lassen in einem Kampf, den sie eh nicht gewinnen konnte, so hat sich im Regierungslager plötzlich ein Konsens eingeschlichen:"Eine Frau muß es machen!" Warum ausgerechnet eine Frau, und nicht etwa ein Schwuler, oder eine schwarze Lesbe im Rollstuhl, oder ein Rheumakranker, oder ein Pensionär, oder eine Kindergärtnerin, oder ein Asthmatiker, oder all die anderen *Minderheiten*, die in unserem gesellschaftlichen Bewußtsein bislang viel zu kurz gekommen sind? Warum diese Erkenntnis, daß eine Frau in der Zeitspanne von 2005 bis 2010 es auf jeden Fall besser macht als jeder erdenkliche Mann, sei es Wolfgang Schäuble oder Oskar Lafontaine, Daniel Kübelböck oder Ralph Giordano, Wolfang Thierse oder Franz Schönhuber. Warum? Man weiß es nicht, es ist ein Mysterium, eines jener Geheimnisse, die sich einem Nicht-68er wohl niemals erschließen werden. Das nennt man wohl die Gnade der späten Geburt.

Der Bachelor


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