Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Emanzipation als orwell'sches Ausbeutungs-Werkzeug

Garfield, Tuesday, 01.02.2005, 18:46 (vor 7673 Tagen) @ ein weiterer Andreas

Als Antwort auf: Re: Emanzipation als orwell'sches Ausbeutungs-Werkzeug von ein weiterer Andreas am 01. Februar 2005 08:53:27:

Hallo Andreas!

"Eure Denke basiert auf Annahmen, die nur bei Zugrundelegung eines kurzen Betrachtungszeitraumes realistisch sind. Bei langfristiger haben die Klassiker Recht, und das bedeutet: die Ausweitung des Faktorangebots führt über mehr Wachstum zu einem höherem Sozialprodukt, d.h. mehr Wohlstand."

Das kommt darauf an, was du unter einem "kurzen Betrachtungszeitraum" verstehst.

Bisher lief das immer so ab:

Es gab Wachstum, bei diesem Wachstum fiel auch für viele kleine Leute etwas ab, das stärkte die Märkte, was das Wachstum noch verstärkte... Unendliches Wachstum ist aber nicht möglich. So kommt die Entwicklung zwangsläufig immer wieder an einen Punkt, von dem aus es dann wieder abwärts geht.

Dann ging es vielen Menschen langsam immer schlechter. "Gelöst" wurde dieses Problem üblicherweise durch irgendeine Katastrophe, meist durch einen verheerenden Krieg. Diese Katastrophe setzte die Wirtschaft quasi wieder auf 0 zurück, und von diesem Stand aus war dann neues Wachstum möglich, wenn es dafür genügend Potenzial (z.B. durch gut ausgebildete Fachkräfte oder reichlich vorhande Bodenschätze) gab.

Legt man nun Anfangs- und Endpunkt der zeitlichen Betrachtung an die gerade genehmen Stellen, dann kann man natürlich problemlos "nachweisen", daß es den Menschen doch immer besser gehen würde.

Den Menschen heute nützt das aber nichts. Und ihnen nützt es auch nicht, daß es langfristig, also in vielleicht 50 Jahren, wenn sie längst aus dem Erwerbsleben raus sind und von einer Hungerrente dahin vegetieren müssen, vielleicht wieder aufwärts gehen wird.

So bleibt eben nichts anderes übrig, als weitgehend oder ganz auf Kinder zu verzichten. Es gibt schon lange Menschen, deren Einkommen trotz Wochenendarbeit und Überstunden gerade mal ausreicht, um die Miete für eine durchschnittliche Wohnung zu zahlen. Wenn man dann keinen Partner hat, der deutlich mehr verdient, dann sind Kinder finanziell einfach nicht drin, angesichts der hohen Kosten, die sie allein schon durch die ewig langen Ausbildungszeiten hierzulande verursachen. Es ist hier eben nicht wie in vielen armen Ländern, wo Kinder schon früh mitarbeiten und so zum Familieneinkommen beitragen.

Aber vielleicht ändert sich das ja auch bald...

Ich denke, Carl hat Recht, wenn er schreibt, daß es der Wirtschaft sehr recht war, daß auch Frauen zunehmend ins Erwerbsleben drängten. Bis in die 1960er Jahre hinein gab es ja in Deutschland tatsächlich noch Arbeitskräftemangel. Es ist kein Zufall, daß in dieser Zeit die Märkte wuchsen und daß dann seit den 1970er Jahren, als die Arbeitslosenzahlen wieder anstiegen, der Abwärtstrend in Gang kam.

In den 1950er und 1960er Jahren waren die Unternehmen gezwungen, gut zu zahlen, um gute Mitarbeiter zu bekommen (oder um überhaupt Mitarbeiter zu kriegen). Damals schrieben Unternehmen Schüler in den letzten Schuljahren an und baten sie, doch eventuell eine Lehre bei ihnen in Erwägung zu ziehen. Als die DDR 1961 die Grenze schloß, war das für viele westliche Großunternehmen, z.B. für VW, ein echtes Problem, weil damit die Zuwanderung von gut ausgebildeten Facharbeitern aus dem Osten versiegte (genau das war ja auch der wesentlichste Grund für den Mauerbau).

Neben Einwanderern waren mehr Frauen auf dem Arbeitsmarkt natürlich eine Lösung des Problems. Es ging aber keineswegs nur darum, einfach nur Arbeitskräfte zu bekommen. Nein, wie Carl schon geschrieben hat, ging es auch darum, gute Leute für möglichst wenig Geld zu bekommen. Das klappt nur bei hohen Arbeitslosenzahlen.

Und wieso wohl hat die Wirtschaft schon immer Senkung von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe gefordert? Es ging dabei einzig und allein darum, Erwerbslose dazu zu zwingen, jeden noch so miesen Job für jede noch so schlechte Bezahlung anzunehmen. Ob ein Beschäftigter von seinem Gehalt die fröhlich weiter steigenden Lebenshaltungskosten noch zahlen kann, interessiert ja niemanden.

Zwar stiegen die Löhne und Gehälter zunächst durchaus noch weiter. Die Arbeitslosigkeit wirkte sich ja nicht sofort auf breiter Front aus. Die Zuwanderer hatten oft keine gute Qualifikation, und auch viele Frauen haben es in früheren Zeiten nicht für nötig gehalten, eine gute oder überhaupt eine Berufsausbildung zu absolvieren.

Das ist nämlich auch der Grund dafür, wieso Jobs, die heute noch überwiegend von Zuwanderern und von Frauen erledigt werden, so schlecht bezahlt werden. Das liegt nicht, wie immer wieder behauptet wird, daran, daß diese Gruppen so sehr diskriminiert werden würden, sondern es liegt einfach daran, daß es in diesen Gruppen besonders viele schlecht qualifizierte Personen gibt, die sich dann um diese Jobs drängeln, weil sie aufgrund ihrer schlechten Qualifikation keine Chance auf andere Jobs haben. Das treibt das Arbeitskräfte-Angebot für solche "niederen" Jobs hoch, und da bewirkt das Gesetz von Angebot und Nachfrage dann, daß die Bezahlung entsprechend mies ausfällt.

Gut ausgebildete Facharbeiter oder gar Akademiker konnte man zunächst noch nicht so einfach mit einem Appel und einem Ei abspeisen. Da mußte man noch warten, bis die Automatisierung auch immer mehr Jobs für diese Gruppen vernichtete. Und bis auch immer mehr Frauen gut qualifiziert auf den Arbeitsmarkt drängten. Und als es in immer mehr Billiglohnländern einigermaßen gut qualifiziertes Personal gab, nutzte man zusätzlich noch die Möglichkeit der Produktionsverlagerung dorthin.

So stieg die Arbeitslosigkeit immer weiter an, und in immer mehr Branchen sanken die Real-Einkommen. Zwar sanken auch manche Preise. Das ging auch nicht anders, weil es nun immer mehr Menschen mit niedrigen Einkommen gab, die sich hohe Preise nicht mehr leisten konnten. Aber das bewirkte in der Wirtschaft nun noch zusätzlichen Preisdruck, worauf man mit noch mehr Automatisierung, noch mehr Produktionsverlagerungen ins Ausland und damit einhergehend mit noch mehr Entlassungen in Deutschland reagierte. Und insgesamt stiegen und steigen die Lebenshaltungskosten nun stärker als die Real-Einkommen. Dafür sorgt nicht nur die Wirtschaft über Lohn-Dumping, sondern auch der Staat, den die steigende Arbeitslosigkeit immer teurer zu stehen kommt und der deshalb die Steuern und Abgaben munter immer weiter erhöht.

Wie stellen sich Politik und Wirtschaft nun die Lösung dieses Problems vor? Ganz typisch dazu äußert sich der Herr Hartz.

Er hat bekanntlich die "Reformen" vorgeschlagen, die dann nach ihm "Hartz IV" genannt worden sind. Das Ganze zielt darauf ab, eine neue Runde im Lohn-Dumping einzuleiten, in der Hoffnung, daß viele Menschen so naiv sind, ernsthaft zu glauben, daß das mehr Arbeitsplätze schaffen könnte.

Vor kurzem las ich dann mal ein Interview mit diesem Herrn Hartz. Da beklagte er sich darüber, daß die Kunden ja so sehr auf den Preis achten würden. Die Autohersteller müßten heute sooo große Rabatte geben, und das wäre doch auch für die Kunden schädlich, weil so immer weniger Geld für Neuentwicklungen übrig wäre...

Das ist ganz typisch für die allermeisten unserer etablierten Wirtschaftslenker: Einerseits soll die Bevölkerung für immer weniger Geld immer mehr arbeiten. Andererseits soll sie aber auch mit immer weniger Geld immer höhere Preise bezahlen. Daß das so nicht funktionieren kann, sollte eigentlich jedem Erstklässler klar sein.

Aber das ist eben Wunschdenken. Jeder Unternehmer sieht natürlich immer nur das eigene Unternehmen und nie die gesamte Wirtschaft. Und natürlich ist kein Unternehmer freiwillig bereit, höhere Löhne zu zahlen, um so seinen Gewinn zu schmälern und damit anderen Unternehmen Märkte zu sichern. "Was geht mich fremdes Elend an" ist da das große Motto.

Nun hört man immer wieder die Aussage, daß mehr Kinder die Wirtschaft allein durch den durch sie erzeugten höheren Konsum ankurbeln würden, und daß so für zusätzliche Kinder auch schon ganz automatisch neue Arbeitsplätze entstehen würden.

Das ist eine Milchmädchenrechnung, die nur dann aufgehen würde, wenn jedes Kind als Nachgeburt noch einen Koffer mit einer satten Geldsumme drin dazu bekommen würde, die die Eltern dann verkonsumieren könnten.

So ist das aber leider nicht. Natürlich verursachen mehr Kinder einen erhöhten Bedarf an bestimmten Produkten wie Babynahrung, Windeln, Spielzeug usw. Das Geld dafür fällt aber nicht vom Himmel, sondern es muß von den Eltern aufgebracht werden. Sie nehmen es teilweise aus ihrem eigenen Einkommen. So können sie für ihre eigenen Bedürfnisse weniger verkonsumieren. Was an einer Stelle dem Markt an Geld zufließt, bleibt dann an anderer Stelle eben aus.

Zusätzlich bekommen Eltern für Kinder aber noch Geld vom Staat. Das fällt aber auch nicht vom Himmel. Der Staat nimmt es aus dem Steuertopf, und da fehlt es dann für andere staatliche Ausgaben. Und wenn es wieder mal nicht reicht, dann werden Steuern erhöht. Das trifft mehr oder weniger viele Menschen, je nachdem, welche Steuer erhöht wurde. Diesen Menschen fehlt dann das zusätzlich für Steuern gezahlte Geld auch zum Verkonsumieren.

So würden mehr Kinder zunächst einmal nur den Unternehmen nützen, die Produkte für Kinder herstellen. Die würden vielleicht sogar neues Personal einstellen. Alle anderen Unternehmen würden im Durchschnitt Umsatzrückgänge verzeichnen und deshalb auch weiterhin Personal abbauen.

Wenn die Kinder dann herangewachsen sind, werden die Arbeitslosenzahlen also noch höher sein. Somit haben die Jugendlichen dann auch entsprechend schlechtere Chancen, um überhaupt ins Berufsleben hinein zu kommen. Viele von ihnen werden also das Heer der Arbeitslosen verstärken.

Zwar müssen sie zwangsläufig zumindest lebensnotwendige Güter konsumieren, aber das wird durch Sozialleistungen finanziert, die durch diejenigen, die noch erwerbstätig sind, aufgebracht werden müssen und denen dann wieder zum Verkonsumieren fehlen...

Eine Erhöhung der Bevölkerungszahl bewirkt also keineswegs automatisch einen Wirtschaftsaufschwung! Effektiv wird der Binnenmarkt nur durch Zunahme von Erwerbstätigen gestärkt. Diese Zunahme kann nur durch Einstellung zusätzlichen Personals realisiert werden, und zusätzliches Personal wird nur eingestellt, wenn es am Markt genug Kaufkraft gibt. Da beißt sich die Katze dann in den Schwanz, denn Kunden ohne Kaufkraft sind keine Kunden, sondern womöglich noch Ladendiebe.

Bedenken muß man auch, daß sich die Einkommen umgekehrt proportional zu den Arbeitslosenzahlen verhalten. Das schwächt den Binnenmarkt dann also noch weiter, weil entsprechend dem Gesetz von Angebot und Nachfrage bei hohen Arbeitslosenzahlen auch viele der Menschen, die noch erwerbstätig sind, weniger verdienen.

Wenn man in so einer Situation nicht bereit ist, da regulierend einzugreifen, dann gibt es kaum Auswege aus dieser Situation. Eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten, um den schwächelnden Binnenmarkt auszugleichen:

1. Eine erhöhte Nachfrage aus dem Ausland. Die haben wir allerdings im Moment, beispielsweise durch die wachsenden Märkte in China. Da läßt sich also gar nicht mehr so viel steigern. Und sobald eine Weltwirtschaftskrise ausbricht und die Nachfrage aus dem Ausland wieder nachläßt, wird uns das ziemlich übel treffen. Dann erst bricht die Krise so richtig aus.

2. Eine zeitlich befristete erhöhte Nachfrage von staatlicher Seite. Dazu braucht der Staat aber Geld, das er nicht hat, auch weil immer mehr Erwerbslose finanziert werden müssen.

Also läuft alles so weiter wie bisher, und so können sich eben auch immer weniger Menschen Kinder leisten. Das ist die logische Konsequenz der deutschen Politik.

"Die Kindergrippen-FDJ-Generation im Osten bildet heute den Nährboden für den dortigen Rechtsextremismus."

Das hat ganz andere Gründe:

In der DDR wurde "Freundschaft zu sozialistischen Brudervölkern" von oben verordnet. Obendrein versuchte man, auf Ausländer einen möglichst guten Eindruck zu machen. Die DDR sollte auf sie möglichst positiv wirken. Man sah es auch gern, wenn Menschen aus dem Ausland in die DDR übersiedelten. Wenn das tatsächlich auch mal jemand aus dem westlichen Ausland tat, wurde auch prompt in den Medien darüber berichtet. Rußland-Deutsche bekamen in der DDR sofort eine Wohnung und ein Auto. Ein normaler DDR-Bürger konnte darauf jahrelang warten. Das führte natürlich zu Frust in der Bevölkerung, zumal viele Rußland-Deutsche gar nicht die Absicht hatten, dauerhaft in der DDR zu bleiben. Sie sahen die DDR nur als Sprungbrett für ein Leben in der Bundesrepublik. Deshalb hatten sie auch keine Eile damit, die Staatsbürgerschaft der DDR zu bekommen. Sie warteten ein paar Jahre, bis sie gut Deutsch sprachen, und dann wanderten sie ganz offiziell in den Westen aus, was für sie im Gegensatz zum normalen DDR-Bürger durch die fehlende DDR-Staatsbürgerschaft auch kein Problem war.

Es gab in der DDR immer auch Gastarbeiter aus Afrika, Asien oder sonstwoher. Mein Vater arbeitete mal auf einer Großbaustelle, wo auch einige Gastarbeiter aus Afrika arbeiteten. Die wurden dann in der Kantine grundsätzlich bevorzugt bedient, brauchten sich also nie anstellen.

Es waren solche Sachen, die schon zu DDR-Zeiten eine heimliche Ausländerfeindlichkeit schürten. Mit Kinderkrippen hatte das nichts zu tun.

Nach der Wiedervereinigung wurde das verstärkt durch die hohe Arbeitslosigkeit. Anfang der 1990er Jahre gab es dann auch noch einen Ansturm von Asylbewerbern aus Rumänien. Das waren fast ausnahmslos Zigeuner, die zum großen Teil hochgradig kriminell waren und sich entsprechend benommen haben. Ich weiß nicht, wieso die in der Zeit so massenhaft nach Deutschland kamen. Vielleicht ist die rumänische Regierung mit irgendeinem Gesetz gegen sie vorgegangen. Aber wie dem auch sei: Das hat dann auch sehr dazu beigetragen, rechtsextremistische Tendenzen im Osten zu verstärken.

Dazu kam noch, daß im Allgemeinen im Osten der Ausländeranteil nie sehr hoch war. Das fördert natürlich Vorurteile.

Im Westen gab es schon immer eher die Tendenz zum Linksextremismus. Ich denke, das liegt auch mit daran, daß vor allem Jugendliche dazu neigen, sich extremistischen Gruppen anzuschließen. Und Jugendliche neigen nun einmal immer zur Opposition gegen die Erwachsenen. So war es logisch, daß in der DDR, wo die offizielle Politik eher links war, die Jugendlichen sich zum rechten Spektrum hingezogen fühlten, während es im Westen genau umgekehrt war.

Freundliche Grüße
von Garfield


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