Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Emanzipation als orwell'sches Ausbeutungs-Werkzeug

Rüdiger, Tuesday, 01.02.2005, 17:45 (vor 7673 Tagen) @ ein weiterer Andreas

Als Antwort auf: Re: Emanzipation als orwell'sches Ausbeutungs-Werkzeug von ein weiterer Andreas am 01. Februar 2005 09:38:55:

OK, den Vorwurf des Keynesianismus nehme ich bei Dir zurück. Du bist ein Marxist.
Der ökonomische Unverstand und das anhängen an Erklärungsansätze, die sich nun doch wirklich überlebt haben sollten, ist geradezu obskur.
Was die gegenwärtige Strukturkrise des "rheinischen Kapitalismus" auf geistigem Gebiet an Rückfällen auslöst, kaum daß die jahrzehntelange Schönwetterphase sich ein bißchen eintrübt, das stimmt schon nachdenklich.

Bloß daß diese "gegenwärtige Strukturkrise" (Arbeitslosigkeit) nun schon - mit sich verstärkender Tendenz - seit 30 Jahren andauert, und es ist weder ein Ende noch auch nur Linderung in Sicht. Auch ist es ja nicht nur Deutschland so, sondern auch in Ländern, die nicht durch "rheinischen Kapitalismus" geprägt sind, sondern den Neoliberalen als Muster gelten, etwa Thatcher-England. Die Arbeitslosenstatistik dort weist zwar offiziell nur 6 % Arbeitslose aus, aber sie ist weit stärker frisiert als die Deutschlands. Langzeitsarbeitslose - die eigentliche Problemgruppe - werden gar nicht mehr mitgezählt, und wer auch nur 1 Stunde pro Woche arbeitet, fällt auch heraus. Jeder Freizeitauftritt einer Rockband wird zum "Job", doch ohne daß die Leute davon leben könnten ... Mehrere Dutzend Änderungen hat's dort an der Art und Weise der Erfassung der Zahl der Arbeitslosen gegeben, alles mit dem Ziel, die Zahl kleinzurechnen. Erhöbe man die Zahl auf deutsche Weise, läge die Quote bei 9 bis 10 %, also ähnlich hoch wie in Westdeutschland. (Die gesamtdeutsche Quote ist durch den Sonderfaktor Ostdeutschland, den die anderen großen westlichen Industrieländer nicht kennen, getrübt). Ähnliches gilt für die Statistik der USA. In Dänemark gibt es die "Sabbatjahre", was auch nur verdeckte Erwerbslosigkeit ist, in Holland schickte man Hunderttausende in die Frührente oder in die "Invalidität" (wobei das Pendel jetzt umzuschlagen beginnt: Kürzlich klagte eine Holländerin in einer Radioreportage, obwohl sie einen kranken Rücken habe und täglich Schmerzen bei der Arbeit, schreibe man sie nicht arbeitsunfähig), und die Teilzeitquote ist sehr hoch, wobei ich nicht den Eindruck habe, alle Teilzeitarbeitenden verzichteten wirklich freiwillig auf einen Vollzeitjob. Rechnet man das alles heraus, landet man bei einer Quote von rund 6 %, also dieselbe wie in Baden-Württemberg oder Bayern. Wobei man eine Arbeitslosenquote von 6 % noch um 1970 als sehr hoch empfunden hätte - nur Armutsgebiete wie Irland oder Neapel hatten solche Quoten. Bundeskanzler Schmidt: "5 % Inflation sind mir lieber als 5 % Arbeitslosigkeit" (wenig später hatten wir beides).

Wie wir sehen, sind offenbar weder die neoliberale Ideologie noch der vielgeschmähte "rheinische Kapitalismus" in der Lage, die Probleme in den Griff zu kriegen. Die offensichtliche Unfähigkeit der neoliberalen Ideologie, die Probleme in den Griff zu kriegen, sind für mich Grund genug, um skeptisch zu sein, auch wenn ich mich eher als einen Konservativen denn als einen Linken verstehe. "Konservativ" zu sein bedeutet für mich eben auch, bei aller Wertschätzung von Markt und Wettbewerb auf Distanz zu - sorry - durchgeknallten ultraliberalen Ideologen zu gehen, die alles, auch den Menschen und die Familie, nur noch als Wirtschaftssub- und -objekte sehen.

Gruß, Rüdiger


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