Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Aktienplan ist Unsinn....

Rüdiger, Monday, 12.04.2004, 19:41 (vor 7970 Tagen) @ carlos

Als Antwort auf: Re: Jammern auf hohem Niveau ! von carlos am 10. April 2004 18:01:46:

*Aha. Und womit, bitteschön, soll ich die tausenden Aktien, die ich brauche, um wirklich Geld damit zu verdienen, bezahlen? Lohnsteuer, Rentenbeiträge, Sozialabgaben, "Ökosteuern" usw. lassen mir da leider nicht viel übrig.*
Okay. Einen Fernseher hast sicherlich auch du. Nimm dir das naechste Vierteljahr abends nichts vor; besser noch, wann immer du Zeit hast, setz dich hin, und schau dir konzentriert alle Boersennachrichten auf n=tv und N24 an, die Du kriegen kannst. Fuehr ueber die Indices meinetwegen auch Buch, wenn Du anfangs nicht genau weißt, wie die Zahlen korrelieren. Dazu kauf dir die monatlich erscheinenden Hefte von *Finanztest* (Stiftung Warentest Verlag), und studier die Indices und die Testergebnisse, speziell die der Aktienfonds sehr genau. Nach besagten drei Monaten bist du sicher fit genug, und hast kannst Dir einen gut getesteten Aktienfond aussuchen; dort einzusteigen kostet nicht die Welt. Du willst aber Urlaub machen? Du willst ein neues Auto? Deine Frau liegt Dir mit irgendwelchen Wuenschen in den Ohren? Dann hoer mir jetzt mal gut zu: Dann sparst Du eben verbissen, bis Du die Euro beisammen hast! Was denkst denn Du, wie es jemandem ergeht, der sich selbstaendig macht? Also jemandem, der auf lange Sicht eben auch mehr Geld haben will? Da sind die ersten Jahre Urlaube, Extra=Wuensche etc. weder zeitlich noch finanziell drin, sondern eine 60=, 70= oder 80=Stundenwoche steht auf dem Plan!
Aktienfonds haben den Vorteil, dass man neben der hohen Rendite eben auch sofort aussteigen kann, wenn man will. Deswegen musst Du auch immer dran bleiben und die Wirtschaftsnachrichten verfolgen. Ein Unternehmer muss das in seinem Unternehmen auch; er muss die wichtigsten Zahlen permanent im Kopf verfuegbar haben! Und nach ein paar Jahren wirst auch Du gutes Geld verdient haben. Glaub mir.

Also ohne hier Garfields leicht sozialistisch getönte Gedanken verteidigen zu wollen, aber: Dieser Aktienplan ist für die Masse der Verbraucher schlicht Quatsch, sorry.
Stellen wir uns mal eine Normalfamilie vor: Zwei Kinder, Vater ist Polizeiobermeister oder Sachbearbeiter in einer großen Versicherung, Mutter ist Krankenschwester und hat, weil die Kinder noch klein sind, auf Teilzeit zurückgeschaltet. Die Miete der Vierzimmerwohnung verschlingt einen immer größeren Teil des Gehalts, die Arbeitsplätze sind 20 und 30 km entfernt, da sind die beiden Kleinwagen kein Luxus, sondern ein Muß, und wahrscheinlich ärgern sich Vater und Mutter genau wie ich (und Garfield) darüber, daß die Autopreise seit Jahrzehnten stärker steigern als Löhne und Gehälter. Urlaub machen sie mit den Kindern meist bei Verwandten auf dem Lande, allenfalls alle zwei Jahre sind mal 14 Tage Pauschalurlaub an der Costa Brava drin. Da sie ihre Kinder lieben, spendieren sie ihnen auch mal was, soweit sie können, denn der Rat "10 Jahre darben, um dann was zu haben" ist ja bei Kindern schlecht anwendbar, dann ist ihre Kindheit vorbei.
Und so weiter und so fort. Jeder kann sich das Szenario vorstellen. Wenn eine solche Familie 100 Euro im Monat zurücklegen kann, ist es schon viel. Okay, damit hat sie nach 8 1/2 Jahren dann 10 000 Euro auf der hohen Kante. Und das will sie, Deinem Rat entsprechend, in Aktien anlegen. Also ICH würde denen ja sagen: Legt's in langlaufenden Staatsanleihen an, die bringen immer noch 4 bis 5 % Rendite, also 400 bis 500 Euro jährlich, und ihr könnt ruhig schlafen, ohne euch den Kopf unnötig mit diesem Finanzkram vollzustopfen.
Michael Moore: "Ihr müßt wissen, daß 1980 erst 20 Prozent der Amerikaner Aktien besaßen. Die Wall Street war ein Spiel für reiche Leute, das für Durchschnittsamerikaner verboten war. Und das mit gutem Grund: Normale Menschen betrachteten die Börse ganz realistisch als riskantes Spiel, und wer jeden Dollar spart, um seine Kinder aufs College schicken zu können, spekuliert nicht mit seinem sauer verdienten Geld." (aus "Volle Deckung, Mr. Bush!")

Bis sich dann die amerikanischen Normalverdiener in den 90er Jahren doch noch von dem ganzen Börsengerede anstecken ließen. Ich hab's noch im Ohr, die Fernseh-Börsennachrichten aus der Boomzeit, wo jeder als hinterwäldlerisch oder blöd galt, der nicht in Aktien investierte. Komisch, daß das Wort vom "Aus-der-Geschichte-lernen" immer nur auf die Nazizeit angewandt wird - als gäb's nicht so viel mehr zu lernen, z. B. daß auf jeden Boom der Crash folgt. Vergessen die Wahrheit, daß, wer Ende der 50er in Aktien investierte und um 1985 ausstieg, weniger Zugewinn hatte als einer, der sein Geld in Rentenpapiere gesteckt hatte (so las ich's wenigstens einmal), nein, jede Generation kleiner Kinder muß ihre eigenen Erfahrungen machen und selber auf die Schnauze fallen; schlimm nur, wenn dabei (etwa in einem "401 K-Pensionsplan") gleich bei einem Kursrutsch die ganze Altersvorsorge den Bach runtergeht, da sieht man dann wirklich alt aus ....

Wenn Mathematiker von ihrer Warte aus immer davon redeten, daß Aktienkurse ABSOLUT nicht vorhersagbar seien, dann rebellierte ich immer: Die haben doch was mit den realen Werten der Unternehmen zu tun, die sind doch kein Roulette. Stimmt - aber der Zusammenhang ist dermaßen vage, daß selbst die besten "Experten" oft danebenliegen:

"Börsengurus wissen nichts
Am 1. Oktober 1990 drückte der Verlag des Manager Magazin neun professionellen Vermögensverwaltern je eine Viertelmillion Mark in die Hand, mit der Maßgabe, das echte Geld unter echten Bedingungen zu vermehren. Nach zwei Jahren brachen die um ihren Einsatz besorgten Finanzmanager das Experiment ab. Sieben der neun Vermögensverwalter waren in die Miesen geraten und hatten insgesamt 210 000 Mark verjubelt. Den Erträgen der beiden übrigen hatten es die Auftraggeber zu verdanken, daß sie ihren Einsatz wieder herausbekamen. Auf die Zinsen von gut 400 000 DM allerdings, die sie beim Kauf von Bundesanleihen in dieser Zeit verdient hätten, mußten sie verzichten.
Auch ein von der Wirtschaftswoche veranstalteter Wettbewerb der Aktienprofis zeigte der staunenden Öffentlichkeit, daß die teuren Vermögensverwalter kaum bessere Ergebnisse erzielen als ein Laie. Denn auch sie vermochten nicht, den Index zu besiegen. Süffisant kommentierte die SZ: "Zumindest 4 der 5 Teams hätten ein besseres Ergebnis erzielt, wenn sie zum Tennisspielen oder ins Kino gegangen wären, als sich den Kopf über ihre asset allocation zu zermartern."" (Günther Ogger, Das Kartell der Kassierer)

Und so weiter und so fort. Und selbst wenn's unserer Musterfamilie gelänge, in einem Jahr aus 10 000 Euro 12 000 zu machen - na und? Statt über Börsenzeitschriften zu brüten (die auch Geld und Zeit kosten), hätten sie lieber einen Nebenjob aufgerissen und bei wesentlich geringeren Risiken mehr Geld zusätzlich verdient ...

So viel zum Thema Börse.

*hauwechdiescheiße* und Gruß

Rüdiger


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