Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Jammern auf hohem Niveau !

Garfield, Tuesday, 06.04.2004, 19:27 (vor 7976 Tagen) @ Emmalein

Als Antwort auf: Re: Jammern auf hohem Niveau ! von Emmalein am 06. April 2004 13:39:03:

Hallo Emmalein!

KDF war nur eine Sache, die in der Nazi-Zeit zugunsten der einfachen Bevölkerung eingeführt wurde. Der 1. Mai beispielsweise wurde erst durch die Nazis zum Feiertag erklärt. Es wurde auch viel dafür getan, daß auch Menschen aus dem einfachen Volk studieren können. Es gab auch diverse Unterstützung für kinderreiche Familien (das ging teilweise soweit, daß solche Familien kostenlos nagelneue Häuser samt Einrichtung zu Verfügung gestellt bekamen). Man mußte dem Begriff "sozialistisch" im Parteinamen ja schon irgendwie gerecht werden, und gerade zu Anfang konnte man es sich nicht leisten, die Hoffnungen zuvieler Menschen zu enttäuschen.

Außerdem wurde die NSDAP ja von Anfang an sehr durch Hitler geprägt. Schon kurz nach seinem Eintritt in die DAP (wie die Partei damals noch hieß), führte er dort das Führer-Prinzip ein und schaffte damit demokratische Entscheidungen weitgehend ab. Von da an bestimmte vor allem er, wo es lang ging. Hitler stammte aber selbst aus dem einfachen Volk und so waren ihm die Sorgen der normalen Durchschnittsmenschen durchaus vertraut. In einem seiner Monologe, die im Auftrag Bormanns aufgezeichnet wurden, äußerte er beispielsweise mal die Idee, Normgrößen für Fenster einzuführen, damit man beim Umzug keine neuen Gardinen kaufen muß, sondern die Gardinen aus der alten Wohnung weiter verwenden kann. Auf so eine Idee wäre jemand wie z.B. Wilhelm II. niemals gekommen.

Wie Hitler selbst war denn auch die nationalsozialistische Bewegung sehr widersprüchlich. Einerseits war da der krankhafte Haß gegen Juden, Kommunisten und andere Rassen, eine ständige Gewaltbereitschaft und das Bestreben, jeden Menschen bedingungslos den Zielen der Führung unterzuordnen, andererseits aber eben auch einige Maßnahmen, die für das normale Volk durchaus positiv waren.

Der 8-Stunden-Arbeitstag wurde schon 1918 in Deutschland eingeführt. Und diverse Sozialgesetze gehen ja auch auf die Bismarck-Ära zurück. Aber ich denke, wenn es in Deutschland die Nazi-Diktatur nicht gegeben hätte, dann hätten zumindest die westlichen Alliierten nach der Besetzung Deutschlands alles das abgeschafft und den Deutschen ihr System übergestülpt.

"Englische Gewerkschaften waren überigens viele Jahre lang im Vergleich zu deutschen verdammt streikfreudig und haben das Land viele Jahre lang gelähmt."

Ja, aber warum denn? Weil es den Menschen dort eben nie so gut ging wie uns Deutschen. Deshalb gibt es ja heute auch in Frankreich und Italien große Protestdemos und Streiks bei Sozialkürzungen, während in Deutschland nicht sehr viel passiert. Vielen Deutschen geht es eben noch zu gut.

"Die eiserne Lady, deren Namen sicherlich wir beide kennen, hat die Macht der Gewerkschaften in den 1980ern enorm beschnitten und viele Einschnitte in das von labour hervorragend ausgestatttete soziale Netz getätigt."

Das konnte sie sich leisten, weil Großbritannien vom Kalten Krieg nicht so direkt betroffen war wie Deutschland. Durch Großbritannien zog sich keine Grenze, und man mußte nicht befürchten, daß die Menschen aufgrund der nichtvorhandenen Sprachbarriere womöglich bald scharenweise ins andere Lager überlaufen, weil es dort eine bessere soziale Absicherung gibt.

In Großbritannien war auch die Kaufkraft der breiten Masse der Bevölkerung nie so hoch wie in Deutschland. Da konnte die Wirtschaft nicht jahrzehntelang auf dem Binnenmarkt Lohnerhöhungen locker durch Preissteigerungen abfangen und dabei immer noch mehr Gewinn einfahren. Das hat dann eben auch dazu beigetragen, daß der Sozialabbau dort schon sehr viel eher kam. Zumal die britische Regierung auch nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr Geld für die Rüstung ausgegeben hat als die deutsche.

Jetzt, wo der deutsche Binnenmarkt immer schwächer wird, kommt das alles auch auf uns zu.

"Ein Nachfrageproblem im Bereich der Binnennachfrage haben wir in der Tat. Siehst Du irgendwelche Lösungsmöglichkeiten für dieses Problem? Meines Erachtens wäre es dazu am wichtigsten, neue Arbeitsplätze entstehen zu lassen; wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, werden auch die Teile der Bevölkerung wieder Geld ausgeben, die noch ein bisschen haben. Vielleicht könnte eine Erleichterung bei Betriebsgründungen zu einer Senkung der Arbeitslosigkeit führen. Ich bin mir da aber nicht sicher. Was meinst Du dazu?"

Erleichterungen bei Betriebsgründungen halte ich auch für sinnvoll, aber das allein reicht nicht. Das Problem besteht ja auch darin, Kunden für neue Produkte und Dienstleistungen zu finden. Zwar schaffen mehr Betriebe mehr Arbeitsplätze und damit auch mehr Kunden - das Problem besteht nur darin, daß die Kunden vorher schon da sein müssen...

Zunächst einmal muß man sich von der Vorstellung lösen, daß die Krise vorübergehend wäre und daß irgendwann ein Aufschwung kommen würde, der mit einem Schlag Millionen neuer Arbeitsplätze bringt. Das wird so nicht passieren.

Es wird weiterhin in allen Bereichen Rationalisierung und damit Personaleinsparungen geben. Auch Lohnsenkungen werden daran nichts wesentliches ändern, denn es geht dabei nicht nur um Lohneinsparungen. Noch viel mehr geht es darum, flexibler arbeiten zu können. Ein Mensch kann nun einmal beim besten Willen nicht 24 Stunden am Tag durcharbeiten, und das 7 Tage pro Woche und 52 Wochen pro Jahr. Viele Maschinen können das aber. Obendrein sind Maschinen häufig sogar noch präziser als Menschen und machen weniger Fehler.

Auch die Verlagerung der Produktion ins Ausland wird weitergehen. Auch dabei geht es keineswegs nur um die niedrigeren Lohnkosten. Aufgrund der hohen Wachstumsraten in Indien zahlt man beispielsweise für ein Softwarehaus dort ein Vielfaches des Preises, der für ein vergleichbares deutsches Softwarehaus fällig wäre. Da braucht man dann einige Zeit, um diese hohen Investitionen wieder herein zu bekommen. Das lohnt sich nur durch diese hohe Wachstumsrate. Und genau das ist der wesentliche Grund für die Produktionsverlagerung. Denn bei hohen Wachstumsraten wachsen eben auch die Profite sehr schnell, während sie in einem Land mit geringem Wachstum wie Deutschland, auch entsprechend langsam wachsen. Das schnelle Geld zählt aber mehr als alles andere. Deshalb wollen und müssen große Unternehmen auf Märkten mit hohem Wachstum präsent sein, und deshalb verlagern sie auch ihre Produktion zunehmend dorthin.

Das alles sind Vorgänge, die man vielleicht bremsen, aber nicht wirklich aufhalten kann. So ist es wichtig, daß wir uns möglichst schnell darauf einstellen.

Wir haben das Problem, daß für immer mehr Menschen keine Erwerbsmöglichkeiten vorhanden sind. Dieses Problem läßt sich nur lösen, indem man die vorhandenen Erwerbsmöglichkeiten auf die arbeitsfähigen Menschen verteilt.

Das läßt sich nur durch Arbeitszeitverkürzungen erreichen. Dann haben wir aber das Problem, daß viele Menschen mit dem dadurch niedrigeren Einkommen ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr zahlen können.

Also muß man sicherstellen, daß für jeden Menschen die Grundversorgung mit allem Lebensnotwendigen gesichert ist. Ein System wie in der DDR, wo alles Lebensnotwenige staatlich subventioniert wurde, hat verschiedene Mängel. Vor allem führt das zu Verschwendung. Der Wasserverbrauch war in der DDR beispielsweise gut doppelt so hoch wie im Westen. Denn weil die Wasserpreise sehr niedrig waren, hat so mancher Gartenbesitzer seinen Garten einfach mit Leitungswasser gegossen.

Wir brauchen also eine andere Lösung. Man muß das gesamte Sozialsystem so umbauen, daß jeder Mensch - unabhängig vom Einkommen - eine monatliche Geldsumme vom Staat zur Verfügung gestellt bekommt, die dem durchschnittlichen Bedarf einer Person an lebenswichtigen Gütern entspricht. Dann kann es sich nämlich jeder Mensch leisten, beruflich kürzer zu treten oder auch für Kinder mal zu Hause zu bleiben.

Dann bräuchten wir eigentlich das gesamte jetzige Sozialsystem nicht mehr. Wir bräuchten auch keine staatliche Rentenkasse mehr, und auch keine Arbeitslosenversicherung. Nur Krankenversicherung wäre weiterhin sinnvoll.

Sogar Gewerkschaften und Tarifverträge wären dann überflüssig. Denn wenn niemand mehr nur für die bloße Existenz arbeiten müßte, wäre auch niemand gezwungen, irgendeinen miesen Job für schlechte Bezahlung anzunehmen. Man würde dann ja nur noch für Luxusgüter arbeiten, also z.B. für ein Auto usw. Es gäbe dann wirklich einen freien Arbeitsmarkt, auf dem also Unternehmer und Bewerber das Gehalt frei aushandeln könnten. Neoliberale fordern das ja immer freie Märkte - also sollte man ihnen diese Forderung eben hier erfüllen. :-)

Ich sehe dazu keine Alternative. Das Festhalten am jetzigen System wird ohne Eintritt eines Wunders (von dem ich nicht weiß, woher es kommen sollte) unweigerlich zum Chaos führen. Denn je höher die Arbeitslosenzahlen steigen, umso weniger ist das Sozialsystem finanzierbar, umso höher wird die Steuerbelastung für diejenigen, die noch Arbeit haben, steigen, umso mehr wird die Kaufkraft sinken und umso schneller wird sich die Abwärtsspirale drehen. Und so wird dann bald der Punkt erreicht sein, an dem das alles nicht mehr finanzierbar ist. Es ist gut möglich, daß es uns in 20 Jahren noch weitaus schlimmer gehen wird als beispielsweise den Menschen in Frankreich oder gar in den USA. Weil komplizierte Prozesse häufig eine Eigendynamik entwickeln, und wenn es erstmal abwärts geht, dann stoppt diese Entwicklung auch nicht mehr so schnell.

"Im Normalfall wird bei den meisten Paaren die Entscheidung Kind oder nicht Kind, wer verhütet wie doch sehr genau abgesprochen."

Das mag ja sein. Die Frage ist nur, ob alle Frauen sich dann an diese Absprachen halten. Man hört so häufig von Pillen, die versagt haben, und das, obwohl die Wirksamkeit meist bei mindestens 97 % liegt. Also ist es doch offensichtlich, daß in vielen dieser Fälle die Schwangerschaften von den Frauen sehr wohl gewollt waren. Nur wollten offenbar die Partner keine Kinder, und dann hilft frau eben schon mal etwas nach.

"Kondome sind im übrigen auch sehr sicher und ein Verhütungsmittel, das Männer heute schon relativ unproblematisch anwenden können."

Nein, das ist definitiv nicht so. Für die meisten Menschen - sowohl für Männer als auch Frauen - ist es eher nervig und abregend, zwischendurch mit einem Kondom herumfummeln zu müssen, und es fühlt sich (auch für Frauen) nicht so gut an. Man nimmt das bei häufig wechselnden Partnern für den Schutz vor AIDS und Geschlechtskrankheiten in Kauf, aber in einer festen Partnerschaft lassen die meisten Menschen Kondome nach Möglichkeit weg.

Obendrein gab es schon Fälle, in denen Frauen die Kondome ihrer Partner angestochen haben, um von ihnen schwanger zu werden.

Es ist also trotz Kondom bei vielen Paaren so, daß die Frauen allein bestimmen können, ob sie schwanger werden oder nicht. Auch ohne den Partner überhaupt nur zu fragen. Das heißt nicht, daß das jede Frau tut - aber viele Frauen könnten es tun, wenn sie das wollten.

Es gibt momentan nur eine Möglichkeit für Männer, um davor sicher zu sein: Wenn die Partnerin mit einem Implanon-Stäbchen verhütet. Solch ein Stäbchen ist sehr sicher (in Tests über 99%), es hält 3 Jahre, man(n) kann es deutlich fühlen, und die Frau hat keine Möglichkeit, es einfach mal rauszunehmen.

Freundliche Grüße
von Garfield


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