Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Jammern auf hohem Niveau !

Garfield, Thursday, 08.04.2004, 13:44 (vor 7974 Tagen) @ carlos

Als Antwort auf: Re: Jammern auf hohem Niveau ! von carlos am 07. April 2004 18:29:03:

Hallo Carlos!

Du wirfst hier ganz verschiedene Sachen in einen Topf. Um schon mal ein Mißverständnis aufzuklären: Das System der DDR halte ich keineswegs für perfekt. Das System der Bundesrepublik allerdings auch nicht. Einige der Gründe dafür hast du hier gerade selbst genannt.

"Der Zusammenbruch des Sozialismus war ein Segen..."

Er hätte ein Segen sein können, wenn danach etwas Besseres entstanden wäre. Leider haben wir aber nun die Situation, daß der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers dazu genutzt wird, nicht nur nichts Besseres zu schaffen, sondern auch noch das System der Bundesrepublik weiter zu verschlechtern.

"Vor allem all die ueberfluessigen, schoenen Behoerden samt ihren verbeamteten Insassen: Die lachen sich was! Beamten sind nicht kuendbar!"

Das sollte man eben auch ändern.

"Und du willst doch gerade die Arbeitslosgkeit senken, Garfield, oder habe ich das falsch verstanden?"

Ja ja, aber ich sehe dazu keine andere Möglichkeit als die vorhanden Erwerbsmöglichkeiten auf alle arbeitsfähigen Menschen zu verteilen. Es wird keine 4 Millionen neuen Jobs geben. Selbst wenn die Konjunktur mal wieder anzieht, wird sich das auf den Arbeitsmarkt niemals so gravierend auswirken. Im Moment haben wir ja sogar die Situation, daß deutsche Unternehmen im Export durchaus sehr erfolgreich sind, trotz starkem Euro und trotz der angeblich so hohen Lohnkosten in Deutschland. Für 2004 haben Experten auch positive Prognosen abgegeben. An den Arbeitslosenzahlen ändert das alles aber nichts.

"Das gab es nicht einmal in der DDR..."

Ja, eben.

"Mit einer 30-Stundenwoche ist das halt nicht hinzukriegen."

Wer arbeitet denn nur 30 Stunden pro Woche? Also, ich kenne niemanden. Ich selbst habe 40-Stunden-Woche. Mein Bruder hatte vor kurzem einen Job mit 9 Arbeits-Stunden täglich. Ab und zu durfte er auch am Wochenende arbeiten, selbstverständlich ohne Zuschläge. Als Lohn bekam er so etwa 3,50 Euro pro Stunde und dazu noch 17 Euro täglich vom Arbeitsamt. Einige Polen haben den Job nach einigen Tagen schon wieder hingeworfen, weil ihnen die Bezahlung zu schlecht war. So sieht das reale Leben aus, Carlos.

"Dann kauf Dir Aktien, und Dir gehoert solch ein Riesenunternehemn mit! Wenn du es gut anstellst, dann kannst du gutes Geld verdienen."

Aha. Und womit, bitteschön, soll ich die tausenden Aktien, die ich brauche, um wirklich Geld damit zu verdienen, bezahlen? Lohnsteuer, Rentenbeiträge, Sozialabgaben, "Ökosteuern" usw. lassen mir da leider nicht viel übrig.

"Dagegen spricht nix. Bis auf die betroffenen Unternehmen. Auch die machen halt pleite oder gehen nach China."

Jetzt jammern die Unternehmen doch immer über die ach so hohen Lohnkosten in Deutschland. Wenn sie keine menschlichen Arbeitskräfte mehr beschäftigen, entfällt dieser Kostenfaktor. Wieso sollten sie dann pleite gehen, wenn es eine Steuer auf vollautomatische Produktionsanlagen gäbe, die niedriger angesetzt wird als die jetzigen Lohnkosten?

"Wer soll diese *vollautomatischen Betriebe* denn aufbauen? Wer leiten?"

Carlos, wer leitet denn jetzt die allermeisten großen Unternehmen? Die werden nur noch ganz selten von ihren Besitzern geführt, und selbst dann brauchen diese angestellte Führungskräfte, die ihnen viel abnehmen. Aber die allermeisten Großunternehmen werden ausschließlich von angestellten Managern geführt. Die Besitzer halten meist nur noch die Hände auf, um den Gewinn zu kassieren und kümmern sich ansonsten um nichts mehr. So einem Manager ist es vollkommen egal, ob das Unternehmen, das er leitet, sich in privatem oder in staatlichem Besitz befindet. Volkswagen wurde im Übrigen nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Staatsbesitz überführt, und das hat dem Unternehmen in keiner Weise geschadet.

"Brauchen wir zu deren Ueberwachung auch nur eine klitzekleine staatliche Behoerde oder eine bisserl groessere?"

Das wäre ein Punkt, der mir auch Sorgen macht. Allerdings weniger, wenn es um die Überwachung der Unternehmen geht. Du hast die Frage aufgeworfen, wie man solche staatlichen Betriebe aufbauen sollte.

Jetzt läuft es so, daß immer wieder große Geldsummen praktisch als Geschenk vom Staat an die Wirtschaft gezahlt werden. Allein im Rahmen des sogenannten "Aufbau Ost" sind Milliarden an die Wirtschaft geflossen.

Ich erinnere mich da beispielsweise an den Fall eines Spanplattenwerkes in Mecklenburg-Vorpommern. Das geriet so etwa Mitte der 1990er Jahre in finanzielle Schwierigkeiten. Im Werk arbeiteten über 100 Menschen, was man als Anlaß nahm, um dort insgesamt eine dreistellige Summe aus Bundes- und Landesmitteln reinzupumpen. Eines Tages war der Geschäftsführer verschwunden und mit ihm ganz zufällig auch das Geld. Ich weiß nicht, ob sie ihn später geschnappt haben. Vermutlich macht er sich heute mit den ergaunerten Millionen ein schönes Leben auf den Bahamas. Das Werk wurde dann natürlich geschlossen.

Diese staatlichen Fördermittel wurden damit begründet, daß man ja Arbeitsplätze sichern wolle. Tatsächlich wäre es billiger gewesen, jedem dort beschäftigten eine Million DM auszuzahlen. Das hätte dann obendrein auch noch den Vorteil gehabt, daß ein großer Teil dieses Geldes dann auch hier in Deutschland ausgegeben worden wäre und nicht auf den Bahamas oder sonstwo.

Sinnvoller wäre es, Unternehmen staatliche Gelder nur gegen entsprechende staatliche Beteiligung am Unternehmen zukommen zu lassen. So würde es sich automatisch ergeben, daß sich mehr Unternehmen in Staatsbesitz befinden, und zwar ohne daß dafür zusätzliche Steuergelder verwendet werden müßten.

Da sehe ich dann aber die Gefahr, die du beschrieben hast. Die Mißwirtschaft der sogenannten Treuhand-Anstalt hat ja gezeigt, wie anfällig solche Behörden für Korruption sind. Aber wenn man die Strafen für Annahme von Vergünstigungen verschärft und dafür sorgt, daß sich auch Politiker bei Annahme solcher Vergünstigungen wieder strafbar machen, und wenn man das Ganze auch noch strenger überwacht, sollte sich da einiges erreichen lassen.

"Wer setzt die Preise fuer deren Produkte oder Dienstleistungen fest, vor allem dann, wen man sich bei den Kosten verkalkuliert hat?"

Das tun dann genau die Leute, die es jetzt auch tun. Natürlich können die sich mal verkalkulieren, aber das passiert jetzt auch.

"Was macht man, wenn die Sachen jetzt keiner will oder bezahlen kann?"

Dasselbe, was ein privater Unternehmer in der Situation auch tut.

"Was macht man, wenn die Geschichte so einigen Leuten zu dumm wird und sie in die USA abwandern?"

Wenn sich genügend Unternehmen in Staatsbesitz befinden, ist das auch kein Problem. Der Staat wird nicht in die USA auswandern.

"Die Kacke hattet ihr schon einmal hinter der Mauer; zum mindesten der alte carlos hier im Westen will sie nicht haben."

Carlos, du verstehst mich völlig falsch. Es geht mir nicht darum, die DDR wiederauferstehen zu lassen. Staatliche Betriebe gibt es in den entwickelsten kapitalistischen Staaten schon lange. Umgekehrt gab es in der DDR übrigens bis in die 60er Jahre hinein auch viele kleine und mittlere Unternehmen in Privatbesitz. Die fügten sich nahtlos in die DDR-Wirtschaft ein. Ihre Besitzer wurden nur aus rein ideologischen Gründen dazu gedrängt, diese Unternehmen an den Staat zu verkaufen, was ich für einen großen Fehler halte.

Übrigens werden wir staatliche Unternehmen in Zukunft auch aus anderen Gründen brauchen. Nämlich um den freien Markt zu erhalten. Denn je mehr der Konzentrationsprozeß in der Wirtschaft voranschreitet, umso weniger frei ist der Markt.

Beispiel Mineralölbranche: Da steigen die Benzinpreise munter immer weiter. Begründet wird das in der Regel mit Erhöhung des Rohölpreises. Nur merkwürdigerweise steigen die Benzinpreise häufig auch, wenn sich der Rohölpreis gar nicht erhöht. Z.B. vor Feiertagen. Merkwürdigerweise steigt auch der Preis für Bio-Diesel immer schön mit. Es ist auch ganz offensichtlich, daß die Preiserhöhungen immer reihum gehen, also daß es da auch gewisse Absprachen geben muß.

Mit einer großen Portion Naivität könnte man nun darauf verweisen, daß es doch auch freie Tankstellen gibt, die als Konkurrenz zu den großen Konzernen auftreten. Tatsächlich können diese freien Tankstellen aber keine wirksame Konkurrenz sein, weil sie nämlich keine eigenen Raffinerien haben, ihr Benzin also zwangsläufig auch von den großen Konzernen kaufen, die ihnen somit immer Mindestpreise diktieren können.

In der DDR gab es eine Tankstellenkette namens Minol. Die wurde nach der Wiedervereinigung inklusive Raffinerien von der Treuhand übernommen. Wenn die in Staatsbesitz geblieben wäre, hätte der Staat so die Möglichkeit gehabt, eine echte Konkurrenz zum den großen Konzernen aufzubauen und so den Markt freier zu gestalten. Dann könnten die Mineralölkonzerne sich grundlose Preiserhöhungen heute nicht so einfach leisten.

"Waehrend die Maschinen in Deinen vollautomatischen Staatsbetrieben also von ganz alleine die Gelder fuer die Geldverteilungsbehoerde und unseren Lebensunterhalt erwirtschaften, haben wir alle mehr Zeit fuer Ehrenaemter..."

Carlos, die Automatisierung wird zunehmen, ob wir das wollen oder nicht. Wir können es uns nicht mehr lange leisten, davor die Augen zu verschließen und mit der Illusion zu leben, daß alles schon irgendwie immer so weitergehen wird wie bisher.

"Ich lasse mir von keinem vorschreiben, wieviel ich arbeiten darf und wieviel nicht. Das entscheide ich selbst."

Könntest du dann ja auch. Ich gehe davon aus, daß viele Menschen beruflich kürzer treten würden, wenn sie nicht mehr nur für die blanke Existenz arbeiten müßten. Es würde dann sehr bald sogar Arbeitskräfte-Mangel geben, und es gäbe für längere Zeit immer noch genügend Jobs für Menschen, die auf Vollzeit arbeiten möchten. Die hätten dann eben mehr Geld für Luxusgüter, würden dafür aber auch größeren beruflichen Streß in Kauf nehmen. Reglementieren müßte man da nichts, denke ich.

"Der jetzige Kurs laeuft schon lange, schon seit ueber 30 Jahren darauf hinaus, dass immer mehr Leute ihr eigenstaendiges Denken an den Nagel neben der Eingangstuer zu diesem Staat abgehaengt haben"

Wie meinst du das denn? Du glaubst doch nicht ernsthaft, daß die über 4 Millionen Arbeitslosen, die wir momentan in Deutschland haben, allesamt freiwillig arbeitslos sind? Dann wird es für dich aber höchste Zeit, endlich aufzuwachen und dir mal das reale Leben anzusehen.

"Nicht ein Arbeitsplatz wird geschaffen, wenn man glaubt, man muesse dem boesen Besserverdienenden von nebenan was wegnehmen."

Wie schon geschrieben - du verstehst mich vollkommen falsch. Außerdem wird andererseits auch kein Arbeitsplatz geschaffen, wenn man einem Besserverdienenden noch etwas dazu gibt.

"Der Smart war und ist ein ueberteuerter, technischer Rohrkrepierer"

Richtig. Er hätte aber ein neuer Käfer werden können, wenn man ihn als billiges Auto ohne teure Ausstattung angeboten hätte. Das wollte man aber auf gar keinen Fall, um die Profitspanne hoch zu halten.

"Du kannst so viel verkaufen, wie Du willst, aber trotzdem keine Gewinne machen und pleite gehen, wenn Dich die Kosten erdruecken."

Ja, und? Was hat das damit zu tun, daß man nun einmal mit aufwändigen Produkten mehr Gewinn erzielt? Ich sehe da keinen Zusammenhang.

Wenn du meinst, daß die Produktionskosten in Deutschland so hoch wären, dann erkläre mir doch mal, wieso ein und dasselbe Auto aus ein und derselben deutschen Fabrik im Ausland einige tausend Euro billiger ist! Vermindern sich die Produktionskosten etwa auf wundersame Weise, sobald ein Auto die deutsche Grenze überschritten hat?

Aber dieser Effekt scheint nicht nur an der Grenze aufzutreten, sondern merkwürdigerweise auch an Eingängen zu ALDI, Lidl usw. Auch da kostet so manches Produkt auf einmal nur noch die Hälfte. Aber das liegt dann wohl daran, daß kein Markenname aufgedruckt wird. So ein paar Milligramm Farbe können offenbar richtig ins Geld gehen...

"In China gibt es mittlerweile mehr Millionaere als in Deutschland (ohne jetzt in Bezug auf die 1,xy Milliarden Leute zu rechnen)"

Ja ja, eben. Man muß das schon bezogen auf die Bevölkerung sehen. Und wo viel Licht ist, ist im Allgemeinen auch viel Schatten. Wenn es viele Reiche gibt, dann liegt das üblicherweise daran, daß noch viel mehr Menschen eben nicht reich sind.

"Chinas Staedte sind voll von hochwertigen Autos."

Das habe ich auch nie bestritten. Trotzdem werden in China auch Autos für 5000 Euro verkauft. Außerdem kannst du die Verhältnisse in Großstädten, wo sich natürlich die Reichen konzentrieren, nicht mit den Verhältnissen in der chinesischen Provinz vergleichen.

"Bevor ich gar nichts verkaufen koennte oder gar in die Pleite muesste, wuerde ich auch billige Produkte verkaufen."

Ja ja, aber in vielen Bereichen läuft in Deutschland der Absatz von Produkten der mittleren und hohen Preisklasse noch recht gut. Also konzentriert sich die Wirtschaft immer noch darauf und bietet ganz bewußt keine Produkte der niedrigen Preisklasse an, um sich damit keine Konkurrenz zu den eigenen Produkten der mittleren und hohen Preisklasse zu schaffen. Was meinst du wohl, wieso viele Unternehmen ihre Produkte nur heimlich und unter anderem oder ganz ohne Markennamen an ALDI liefern? Wenn man sofort sieht, daß dasselbe Produkt beim Edeka 1,39, beim ALDI aber nur 0,39 Euro kostet, kauft man's natürlich beim ALDI. Mit Joghurt klappt das ganz gut, mit Autos dagegen wird's schon schwieriger.

Mag sein, daß die Unternehmen ihre Strategie ändern, wenn es noch viel mehr Deutschen schlecht geht. Aber zumindest die Großkonzerne werden dann lieber nach China auswandern, wo dann wahrscheinlich tatsächlich schon der von dir beschriebene allgemeine Wohlstand ausgebrochen ist.

"Erst dann, wenn ein Unternehmer ein gutes Umfeld hat, kann er auch investieren."

Das wird er aber nicht tun, wenn der Markt kein ausreichendes Wachstumspotenzial hat.

"Investiert wird vorrangig, um Gewinne zu erwirtschaften; erst spaeter kommen Arbeitsplaetze dazu."

Eben. Genau das schreibe ich ja auch schon die ganze Zeit. Marx war übrigens derselben Meinung.

Aber mal grundsätzlich:

Ich stimme dir durchaus zu, daß die von dir erwähnten Mißstände in Deutschland existieren und auch zum jetzigen Dilemma beitragen. Sie sind aber nicht die Ursache des Dilemmas.

Die Probleme sind folgendermaßen entstanden:

Nach dem Zweiten Weltkrieg fingen viele Menschen bei 0 an. Die Wirtschaft stellte sich darauf ein und bot zunächst billige Produkte an. Es gab dann z.B. zweisitzige Kabinenroller als Billig-Autos für Menschen, denen selbst der Käfer noch zu teuer war. Durch Marshall-Plan und andere günstige Umstände kam die deutsche Wirtschaft schnell wieder in Schwung, und da viele Männer (und auch einige Frauen) in Kriegsgefangenschaft oder sogar im Krieg gefallen waren, gab es zunächst Arbeitskräftemangel. Das zwang die Wirtschaft dazu, den Arbeitern und Angestellten mehr Zugeständnisse zu machen, sie also auch besser zu bezahlen. Das wiederum stärkte die Kaufkraft und den Binnenmarkt. Auf dieser Grundlage kamen dann auch die deutschen Exporte wieder ins Rollen, was die Situation noch weiter verbesserte. Die Löhne und Gehälter stiegen also an, aber das konnten die Unternehmen locker durch Preiserhöhungen ausgleichen. Der wachsende Markt gab das her. Die Menschen hatten immer mehr Geld, damit stiegen ihre Ansprüche, und Produkte wie diese zweisitzigen Kabinenroller verschwanden bald vom Markt.

Allein schon, um dem Arbeitskräftemangel Herr zu werden, aber auch aus prinzipiellen Gründen trieb die deutsche Wirtschaft die Automatisierung ständig voran. Zunächst war es noch so, daß viele Jobs schlecht durch Maschinen erledigt werden konnten. Aber mit zunehmendem technischen Fortschritt wurde auch immer mehr möglich, und Ende der 60er Jahre war der Punkt erreicht, an dem es in Deutschland mehr Arbeitssuchende als freie Stellen gab.

Man verringerte die Einfuhr ausländischer Arbeitskräfte, aber die Arbeitslosenzahlen stiegen von nun an kontinuierlich an. Das verunsicherte die Menschen zunehmend und brachte sie dazu, politisch mehr dem linken bzw. dem mittel-linken Lager zuzuneigen. Politiker waren von nun an darum bemüht, den Menschen Sozial-Geschenke zu machen, um gewählt zu werden. Außerdem schlachtete die DDR-Propaganda die steigende Arbeitslosigkeit im Westen natürlich gründlich für ihre Zwecke aus, und es war zu befürchten, daß die Westdeutschen womöglich den sogenannten "Kommunisten" hinterher laufen würden. Auch deshalb erschienen Zugeständnisse im Sozialbereich als dringend erforderlich, um auch in der Hinsicht möglichst besser dazustehen als die DDR.

Es war also nicht so, daß die Sozialleistungen die Arbeitslosigkeit verursacht haben, sondern ganz im Gegenteil hat die Arbeitslosigkeit bewirkt, daß mehr in den Sozialbereich investiert wurde. Auch weil es erst durch die Arbeitslosigkeit ja überhaupt immer mehr Sozialfälle gab.

Weil es also bedingt durch die steigenden Arbeitslosenzahlen immer mehr Menschen mit niedrigen Einkommen gab, stieg vor allem im Bereich der Güter des täglichen Bedarfs die Nachfrage nach billigen Produkten an. So entstanden die ersten Supermarktketten, die Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs sehr billig anboten.

In diesen billigen Supermärkten kauften dann aber nicht nur einkommensschwache Menschen ein, sondern durchaus auch Menschen, die genügend Geld hatten. Die konnten so noch die eine oder andere Mark sparen.

Das wirkte sich auf die Wirtschaft unterschiedlich aus. Für kleine Lebensmittelgeschäfte war das eine Katastrophe. Die verschwanden nun nach und nach, weil sie nicht so billig verkaufen konnten wie die großen Supermarktketten. Der Marktanteil der Supermärkte wuchs, und damit wuchs auch ihre wirtschaftliche Macht. Sie konnten so immer mehr Druck auf ihre Zulieferer ausüben. Natürlich waren sie bestrebt, trotz niedriger Verkaufspreise hohe Gewinne zu erzielen, und das geht nur mit niedrigen Einkaufspreisen. So stieg also der Preisdruck bei den Unternehmen, die mit Waren des täglichen Bedarfs zu tun hatten, sehr schnell an. Mit dem Ergebnis, daß die die Automatisierung ihrer Produktion noch mehr vorantrieben oder aber die Produktion ins billigere Ausland verlagerten.

Das erhöhte die Arbeitslosenzahlen weiter, die Nachfrage nach billigen Produkten erhöhte sich noch mehr, was dann wiederum den Kostendruck in der Wirtschaft verschärfte...

Unternehmen, die mit der Produktion von Luxusgütern (und damit meine ich jetzt nicht nur den Rolls Royce, sondern auch z.B. Platten bzw. später CD's, Fernseher usw.) beschäftigt waren, spürten die Krise zunächst weniger. Denn viele Menschen, die noch Arbeit hatten und neuerdings in den billigen Supermärkten einkauften, investierten das so gesparte Geld in zusätzliche Luxusgüter. Dort stieg der Absatz also weiter, und es war auch weiterhin Spielraum für Preiserhöhungen da.

Die Automatisierung nahm derweil immer weiter zu und schlug sich in weiter wachsenden Arbeitslosenzahlen nieder. Anfangs gab es noch Bereiche, die davon weitgehend verschont blieben, aber in den 80er Jahren weitete sich dieser Prozeß auf immer mehr Branchen aus, und zunehmend waren nun auch Menschen mit mittlerer oder sogar mit hoher Qualifikation betroffen. Wenn die nun arbeitslos wurden, belasteten sie die Arbeitslosenkassen natürlich besonders stark, da sie vorher im Beruf gut verdient hatten.

Dann kam die Wiedervereinigung. Für die westliche Wirtschaft bedeutete sie vor allem die Öffnung des ostdeutschen Marktes. Vielleicht haben die Politiker der Kohl-Regierung wirklich daran geglaubt, daß dieser ostdeutsche Markt als Katalysator für ein neues Wirtschaftswunder wirken könnte. Es gab ja im Osten immerhin 17 Millionen Menschen, die mehrheitlich nur darauf warteten, endlich massenweise westliche Produkte konsumieren zu können. Deshalb tauschte man die DDR-Mark auch zu einem für die DDR-Bürger recht günstigen Kurs um. Man wollte ihnen ein gewisses Startkapital verschaffen, das dann verkonsumiert werden konnte.

Das funktionierte soweit auch noch, als dann aber immer mehr Menschen im Osten arbeitslos wurden und dann auch nicht mehr viel Geld zum Ausgeben hatten, ging auch ihre Konsumwut schnell wieder zurück. Und westliche Unternehmen machten nur wenig Anstalten, ernsthaft im Osten zu investieren. Oft reichten die Produktionsanlagen im Westen völlig aus, um den Bedarf der Ostdeutschen noch mit zu befriedigen. Im Westen wurden Anfang der 1990er Jahre dann auch zeitweise wieder neue Arbeitsplätze geschaffen. Da aber im Osten noch mehr Arbeitsplätze vernichtet wurden, stiegen die Arbeitslosenzahlen insgesamt doch munter weiter.

Und jetzt haben wir eben die Situation, daß es immer mehr Arbeitslose und damit auch immer mehr Sozialfälle gibt, und daß das alles immer weniger finanzierbar ist. Das führt logischerweise dazu, daß einerseits die Sozialleistungen immer weiter gekürzt werden, während die dafür zu zahlenden Beiträge gar nicht oder nur unwesentlich sinken, und daß sich die Steuerlast immer weiter erhöht. Verschärft wird das noch dadurch, daß sich unsere Politiker diverse Privilegien zuschanzen, daß wir ein Heer von Berufsfeministinnen durchfüttern müssen usw. Aber letztere Faktoren haben die Krise nicht verursacht.

Wie wird das nun weitergehen? Da immer mehr Menschen immer weniger Geld haben, verstärkt sich der Kostendruck in der Wirtschaft immer weiter. Allein schon deshalb werden immer mehr Menschen entlassen. Nicht nur wegen der Lohn- und Sozialkosten, sondern weil Maschinen nun einmal 24 Stunden am Tag durcharbeiten können und das häufig auch noch sehr präzise. Parallel dazu wird zunehmend Produktion ins Ausland verlagert.

Das verschärft die Situation immer weiter, die Sozialleistungen werden weiter sinken, die Steuern weiter steigen. Damit wird sich die Kriminalität erhöhen, was auch der Wirtschaft noch zusätzlich schaden wird. Die Steuerlast wird weiter steigen, was immer mehr Menschen zur Schwarzarbeit zwingen wird. Damit wiederum verschärft sich dann alles noch weiter.

Soweit, so schlecht. Und, Carlos, wie würdest du diese Probleme lösen?

Freundliche Grüße
von Garfield


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