Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Unverständnis

Nick, Monday, 20.12.2004, 02:52 (vor 7717 Tagen) @ Thomas Lentze

Als Antwort auf: Unverständnis von Thomas Lentze am 19. Dezember 2004 22:33:48:

Hallo Thomas!

Ich werde versuchen, dein Unverständnis aufzuklären, soweit das möglich ist.

Der von dir nur zum Teil zitierte Satz von mir lautet vollständig: "Ich pfeif auf jede "Sicherheit", die mir der Staat erzwingt, sondern ich bestehe auf meiner Freiheit." Freiheit im politischen Sinn heißt (für mich jedenfalls) immer noch zuerst "Freiheit vom Staat" und nicht "Freiheit durch den Staat", wie sich das gerade in Deutschland der normale Michel so gerne vorstellt - und regelmäßig damit in die Katastrophe geschlittert ist. Aber bevor er hineingeschlittert ist, hat er natürlich noch jedesmal gemault, falls jemand "seinen Staat" zu heftig angegangen hat.

Ich bestreite klipp und klar, daß mir "der Staat" Freiheit verschafft, sowenig wie Sicherheit, ganz besonders nicht vor seinem eigenen "Einfallsreichtum" im Menschenverwursten - und erst recht nicht mit einer so notorisch staatsgläubigen Bevölkerung, wie die in Deutschland.

Was wir hier in diesen Foren am Beispiel staatsfeministischer Exzesse diskutieren, das hat für mich eine allgemeinere Dimension, die ich für sehr bedrohlich halte für die Freiheit jedes einzelnen Menschen. Ich sehe die Gefahr einer Durchbürokratisierung des gesamten Lebens - auch und gerade des privaten Lebens. Unsere gegenwärtig Regierenden sind ja aufgewachsen mit dem Slogan "Das Private ist politisch"; heute machen sie halt ernst damit. Es ist mir nicht neu, daß solche Fundamentalkritik, gar noch gegen den Staat ("huch!") reflexhaft den Verdacht auslöst, ich hätte bestimmt "was zu verbergen" oder "plante Betrug". Ich übergehe solche Insinnuierungen deshalb einfach. Das ist wie da Wetter: meistens schlecht :-((

An den Kopf gefaßt hatte ich mir konkret angesichts der Idee, jetzt quasi bei jeder Geburt in Deutschland automatisch einen Zwangstest durchzuführen bzw. sich dafür einzusetzen und dies zu fordern. Andreas d.A. hat in seinem Posting alles Nötige zu grundsätzlichen ethischen Aspekten dazu gesagt, dem ich mich vollkommen anschließe (index.php?id=38030).

Im übrigen ist klarzustellen, daß man von mir nicht die Unterordnung meiner Argumentation unter die bereits eingetretenen Folgen einer systematischen Chaotisierung der deutschen (Innen-)Politik abverlangen kann, die seit längerem aus ideologischen Gründen vorangetrieben wird und der ich nie zugestimmt habe (Stichworte: Untätigkeit angesichts der demografischen Entwicklung, Zerstörung der Familien, Aufweichung von zentralen Begriffen wie z.B. dem der Ehe, Feminismus, Multikulti, Europaerweiterung bis an die Grenzen von Iran und Irak, später vielleicht bis zum Amur und zur Sahara?) usw. usf.

Ich muß mir auch keine Lösungen ausdenken etwa für moralische Probleme, zum Beispiel für die, die sich aus der Auflösung des Prinzips Ehe ergeben, welch letzteres ich befürworte und für eine humane Gesellschaft als unverzichtbar ansehe. Wenn völlig zuchtlos Kinder gezeugt und wahllos in die Welt geworfen werden (unter dem Applaus bestimmter ideologischer Kreise, die "meinungsbildend" sind), dann führt das nun mal zu einem vielgestaltigem Chaos, das eben nicht beherrschbar ist, zu staatlich (oder vom Ex) alimentierten "Alleinerziehenden" als "neuer Lebensform", zu ungeheuer viel Leid auf allen Seiten, zu psychischer Zerrüttung von Kindern und Jugendlichen usw. - und eben nebenbei auch zu solchen perversen "Sozialhilfeerschleichungs-Phänomenen" durch unwahre Vaterschaftsanerkennungen. Ich muß mir nicht unbedingt eine Lösung für dieses gigantische Chaos ausdenken (ich weiß nämlich auch keine), erst recht nicht, wenn die Änderung der Ursachen eh kein Thema zu sein hat. Ich kann auch einfach sagen, daß solche chaotischen Entwicklungen eben Folge von falsch verstandener "Freiheit" sind und deshalb irgendwann garnicht mehr zu lösen sind. Damit macht man sich zwar nicht beliebt, das weiß ich genau und kenne die Schähettikettchen, die dafür bereitliegen, es ist aber trotzdem die Wahrheit.

Tut mir leid, aber ich erkenne nun mal einen ausgeprägten Hang zum Wahnsinn und zur forcierten Selbstzerstörung in der politischen und der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung meines Landes, noch ausgeprägter, als er auch in den anderen europäischen Ländern natürlich bereits stattfindet. Deshalb habe ich oft eine fundamentale Kritik. Ich erkläre mich nicht dazu bereit, mich in meinen Aussagen nur auf das zu beschränken, was angenehm ist und auf ein artiges Akzeptieren des bereits "Erreichten" hinausliefe. Auch wenn andere sich dazu verpflichtet fühlen mögen - und sich damit von außen alle Themen samt der Argumente diktieren lassen - ich tu's halt nicht, sondern denke lieber selbständig.

Zu dem oft zitierten Satz: "Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.", antworte ich ganz lakonisch: "Kontrolle zerstört jedes Vertrauen!" Will heißen: ich sage damit, daß mir eine Gesellschaft lieber ist, in der eben nicht so viel kontrolliert werden "muß". Ich liebe die Freiheit, und zwar die des Einzelnen, nicht die von "Gruppen". Ich muß mir also keineswegs zwangsläufig bloß Gedanken darüber machen, welche neuen Kontrollen ich denn nun für "wünschenswert" oder nötig halte, "wo ja sowieso schon alles so verfahren und durchbürokratisiert ist und man eh nichts dagegen machen kann". Ich halte eine solche unwürdige Grundeinstellung für typische Sklavendenke. Kurt Tucholski hat mal gesagt: "Niemals sollst du so tief sinken, von dem Kakao, durch den dich einer zieht, auch noch zu trinken." Von meinen Eltern habe ich vor langer Zeit gelernt, daß das unwürdig ist. Diese Lehre hat sich immer bewährt.

Ich darf also auch ganz fundamental kritisieren (und tue es), daß unsere gesellschaftliche Entwicklung systematisch darauf abzielt, die Liebe und das Vertrauen unter den Menschen zu zersetzen und die solcherart zerstörten zwischenmenschlichen Beziehungen, welche das Leben immer eigentlich durchaus selbständig zu organisieren in der Lage waren (und wären), durch staatliche Kontrollmechanismen zu ersetzen. Das hat System. Das ist gefährlich. Das endet in einer totalitären Gesellschaft. Auf dem Weg ist schon eine bedenkliche Strecke zurückgelegt worden. Die Sensibilität für die Gefahren indes ist sehr, sehr unterentwickelt (um es zurückhaltend zu formulieren). Viele finden es eben toll, daß sie von freien Subjekten immer mehr zu versklavten Objekten blöder Staatskampagnen degenerieren. Man denke z.B. an Amnesty International und deren "Frauenkampagne"; war hier ja eine Weile lang Thema...

Es gibt inzwischen einen ganzen Zoo von perversen Ideengebäuden, die sich irgendwelche entzündeten, kranken Gehirne (ganz "pluralistisch") ausgedacht haben. Feminismus ist - ich sag es immer wieder! - nur eine Spielart davon. Es werden sich immer verdrehter Machtgier, Perversion, Unterwürfigkeit und Verantwortungslosigkeit zu den irrsinnigsten Bündnissen zusammenschließen, wenn wir nicht zurückkehren zum "menschlichen Maß". Das ist dem Menschen vorgegeben, aber nicht aufgezwungen. Und deshalb wird das, was ich sage, wohl nicht mehr mehrheitsfähig sein. Ich sag es aber trotzdem - und sei es nur zur Schändung der grölenden, feixenden, dekadenten Meute! Ich bin so erzogen worden, daß ich da nie nachgebe. Ich persönlich finde, daß es eine gute Erziehung war...

Aus all solchen Gründen ist es nun mal sehr, sehr schwer, mich zu irgendeiner "konstruktiven Mitarbeit" bei anliegenden ideologischen Konzepten zu bewegen, die andere zwar durchaus für wichtig halten mögen, die ich aber nun mal als hochgefährlich einschätze (Beispiel bei einem forennahen Fall: Gendermainstreaming - ich bin fundamental dagegen, wie jeder weiß, der hier schon länger dabei ist).

Ich denke, daß das nun meinen Hintergrund ausreichend erhellt, von dem aus ich mich politisch zu Wort melde (jedenfalls solange das noch geht). Außerdem gehört dazu natürlich mein christlicher Glaube und das dazugehörige Menschenbild, das meiner kritischen Sicht konstitutiv zugrunde liegt.

Nick


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