Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Geschlechterrollen- von mir aus auch Identität ;-)

Anti-Sexistin, Saturday, 07.02.2004, 19:09 (vor 8034 Tagen) @ susu

Als Antwort auf: Re: Geschlechterrollen von susu am 07. Februar 2004 16:14:51:

Hallo Anti-Sexistin

Hallo susu,

na endlich mal jemand, der zumindest Thema/Rhema draufhat! Wie definierst Du Deine Semantik: w oder m? *malneugierigfrag*

Das juristische Geschlecht ist aber eine der Einflußreichsten Konstruktionen von Geschlecht, es findet seine Anwendung in Geschlechtsdimorphen juristischen Regelungen. Somit macht es durchaus Sinn, auf bestehende Ungleichbehandlungen von Männern und Frauen (nach juristischer Definition) hinzuweisen und gegen sie vorzugehen, auch wenn diese Konstruktion epistemologisch auf wackeligen Beinen steht.

D'accord. Auf andere Diskurse will ich dabei ja nicht verzichten in Sachen kritischer Reflexion, aber wie es mir hier zunächst scheint, liegt diesem Forum sehr viel an der Juristerei. Alte PR-Regel: Hole die Zielgruppe immer da ab, wo sie steht."

Mir gehen sowohl frauen- als auch männerfeindliche Witze auf den Keks. Sie sind langweilig und funktionieren immer nach demselben Muster.
Doch durch die Überbetonung des Gender/Sex wird dieser auch immer weiter festgeschrieben.

Das stimmt, die Frage ist, wie der Reifizierung von Gender (eine detailierte Betrachtung des biologischen Kenntnisstandes zeigt, das sex ohnehin kein sinnvoller Analysebegriff mehr ist)

sowieso nicht. Weder genetisch noch hormonell, hirnforschungstechnisch schon gar nicht...

und der Geschlechtsspezifischen Diskriminierung entgegenzutreten ist. Meiner Meinung nach geht das nur dann, wenn wir Anerkennen, daß es die Konstrukte "Mann" und "Frau" gibt, die zwar keine transhistorische, aber eine sozio-kulturelle Daseinsform bilden.

Kein Prob. Aber hier scheinen das viele entgegen sämtlicher Kenntnisstände doch noch zu naturalisieren.

In diesem Zusammenhand weise ich den stehenden Terminus "doing gender" zurück und ersetze ihn durch "being done gender", um die Kontextorientiertheit dieser Daseinsform zu betonen.

Völlig d'accord.

Wenn ich also von Männer- respektive Frauenbewegung spreche, meine ich die Bewegung der "gemannt werden/wordenden" bzw der "gefraut werden/wordenden". Nach Klarstellung dieser Begrifflichkeiten, ist es möglich mit dem Geschlechtskonstrukt umzugehen, ohne es zu reifizieren.

Völlig d'accord. Allerdings würde ich noch gerne ergänzen, daß ich nicht bei jedem Gedanken, den ich hege ein per se weibliches, mit Kant gesprochen transzendentale Apperzeption mitdenke, insofern empfinde ich Sexismus auch als reduzierend.

Man sollte das Problem endlich mal für alle möglichen Geschlechter beim Kern angehen: dem juridischen Mechanismus, der überhaupt erst gender und sex gestaltet. Wer das jetzt nicht versteht, kann es ja bei Judith Butler nachlesen.
Es ist kein rein juristischer Mechanismus, denn Gender wird in verschiedenen Kontexten divergent konstruiert. Kritik an diesem Konstrukt ist primär Diskurskritik und darf sich nicht auch den juristischen Diskurs beschränken (auch wenn dieser einen der kritikwürdigen Diskurse darstellt).
Die Männerrolle ist garantiert so einengend wie die Frauenrolle.

Bekannt.

Huch! Rollentheorie? Ich verweise kurz auf Connell et.al. wo sich eine umfassende Kritik an der Anwendung des rollentheoretischen Instrumentariums auf Gender findet. Rolle ist als Analysebegriff tot, let´s talk identity.
Aber ernsthaft noch die Bundeswehr unter geschlechtlichem Gesichtspunkt zu diskutieren, wo es doch viel fortschrittlicher ist, überhaupt über die Abschafffung der Wehrpflicht zu diskutieren, was nun wirklich eigentlich liberal ist, klingt in meinen Ohren wie in Diskussionen von vor über 30 Jahren. So geht das nicht. Upgraded Euch mal.

Bekannt.

So wie ich die Mehrheitsverhältnisse hier kenne ist eine starke Mehrheit für die Abschaffung der Wehrpflicht und die Einführung einer reinen Berufsarmee. Du hast Recht: Das ist eine Diskussion von vor 30 Jahren (Mitlerweile sogar seit 47 Jahren, solange gibt es die Wehrpflicht in der BRD). Wenn die Wehrpflicht futsch ist, hat die Diskussion ein Ende (und es sieht ja so aus, als wäre das in den nächsten Jahren drin).
Auch was den Feminismus angeht, ist er schon längst in Frauenstudiengängen überholt. Gender studies sind heute in, was einer Pro-Männer-Bewegung überhaupt nicht widerspricht.
Predige ich seit 3 Jahren. Hört wer auf mich? (Ja, durchaus *g*)

Versteht Dich jemand? *g*

Da solltet Ihr Euch vielleicht mal ein paar ideologische Grundlagen holen und dann auf in den gemeinsamen Kampf gegen Sexismus jeglicher Art.
Auf die Barrikaden in den Köpfen!
Sexismus trifft - da gebe ich den Maskulinisten Recht - auch Männer. Doch Maskulinismus schreibt genauso wie der Feminismus Geschlechterrollen als gegeben fest, die längst schon Produkte von Machtstrukturen sind und zugleich auch noch ein ganzes Individuum allein auf seine überbetonten Geschlechtseigenschaften festnagelt.
Kommt darauf an, wie du Feminismus und Maskulinismus definierst. Butler bezeichnet sich selbst als Feministin. Connell rechnet sich dem "progressive mens movement" zu. Rikki Anne Wilchins gar beides (und ich stimme zir da bei). In den Kontexten dieser Bewegungen kann die Produktion von Bedeutungen durch Machststrukturen erkannt, benannt und somit selbst Objekt des Diskurses werden. Somit ist es möglich aus diesen Bewegungen heraus eine fundamentale Kritik an der Geschlechterdichotomie zu üben. In beiden gibt es essentialitialistische Strömungen, in beiden gibt es genauso Strömungen die klar anti-essentialistisch ausgerichtet sind (letztere untergliedern sich wiederum in monoistische und pluralistische Teilströme, wobei die Männerbewegung noch keinen starken monoistischen Flügel besitzt).

Ich befreie gerne den Mann in mir, wenn ich nicht darauf reduziert werde.

Genau das ist doch Sexismus - egal ob gegen Männer, Frauen, Schwule, Lesben oder Neutren - in seinem Grundprinzip.
Kein Mensch ist Neutrum. Zumindest ist is momentan nicht denkbar einen Menschen als Neutrum zu beschreiben, weil dies im Kontext dieser Gesellschaft eine Abwertung bedeutet. Statt "Neutren" wäre "der ganze Rest der Menschheit" angebrachter.

Nope, einige Transsexuelle mit bisexueller Ausrichtung bezeichnen sich als Neutren. Ist eine Szene-Begriff.

Insofern würde ich den Quatsch mit einer Frauen-/Männerbewegung mal gleich lieber lassen, sondern eine gemeinsame Anti-Sexismus-Bewegung für alle - egal, wie sie geschlechtlich wahrgenommen werden möchten - anzugehen. Denn ob Männer- oder Frauendiskriminierung, der sexistische Mechanismus ist in allen Fällen derselbe.
Weiter noch: Jede Form der Diskriminierung eines (binär gedachten) Geschlechts zieht zwangsweise (!) die Diskriminierung des anderen nach sich.

Logisch. Nur mach das mal dem Tanz um den Phallus hier klar.

Was eine erfrischende alltagspraktische Utopie wäre: über Sachen reden zu können und produktiv zusammenzuarbeiten, ohne sich am Geschlecht aufzuhängen. Sexismus gibt es auf vielen Seiten. Er funktioniert nach dem selben Muster wie Rassismus: Die Eigenschaft eines Menschen wird hervorgehoen und negativ oder positiv reduziert und mythologisiert.
Wobei weder Geschlecht, noch Rasse Eigenschaften eines Menschen sind, sondern vielmehr Eigenschafts-Cluster, die durch einen Reduktionsprozess zu einem keinerlei Aussagen mehr erlaubenden Begriff zusammengefasst werden.

Neben zahlreichen anderen Eigenschaftsclustern. Ich hoffe, wir haben alle Umox. Mich langweilt es etwas, ständig diese weiblich/männlich-Sache zu diskutieren. Egal über welche anderen Dinge man auch immer diskutiert, die meisten Gespräche werden entweder psychologisiert oder auf solche Geschlechtsidentitäten zurückgebrochen. Wie öde!

Insofern finde ich Maskulinismus genauso daneben wie Feminismus, weil er dieselben Unterdrückungsstrukturen einer sexistisch/rassistischen Matrix nur weiter festschreibt. Das Ziel wäre doch vielmehr eine Entsemantisierung von künstlich überbetonten Merkmalen oder locker gesagt: ein bißchen bi schadet nie. Die Ismen enthalten ja per se schon eine Verabsolutierung einer bestimmten Sache. Insofern schreibt Maskulinismus genauso Althergebrachtes wieder fest wie auch der Feminismus.
Nicht zwingend, siehe oben. Es gilt jedoch bestimmten semantischen Fallen aus dem Weg zu gehen.
Dagegen anzugehen kann nur in Interesse eine/r jeden liegen, der oder die sich aufgrund der Geschlechtsrolle benachteiligt fühlt. Und nur von jenseits der Geschlechterrollen ist Gleichberechtigung in Theorie und Praxis durchsetzbar. Das geht jedoch nur, wenn man gemeinsam gegen die gängigen sexistischen Mechanismen vorgeht, statt sie in so partiellen Bewegungen wie Maskulinismus/Feminismus zu wiederholen, festzuschreiben und zu ritualisieren. Erst wenn es nicht mehr um Geschlecht geht, kann Gleichberechtigung gelebt werden.
...Rollentheorie...grrr... Ansonsten natürlich Zustimmung.

Meinst Du ernsthaft, ich pelle mich samstags aus dem Bett und lese meine Posts noch Korrektur? Aber schön, daß Du das für mich machst. Ich habe ein gesundes Maß an Faulheit.

Die Dichotomisierung der Geschlechterrollen (Frauen, das schöne Geschlecht, das dienende, Frau ist nur was Wert, wenn sie Mann und Kinder hat etc.) verläuft entlang des gleichen diskriminierenden Mechanismus wie bei Männern (Männer sind blöd, Vergewaltiger, Ausbeuter). Beides sind sexistische Mechanismen.
Beides sind sich gegenseitig bedingende Mechanismen. Also keinesfalls nur parallele Strukturen, sondern verschaltete Formen von Sexismus. Ich würde jetzt gerne sagen, daß das das Prinzip der Zwangsheterosexualität ist, aber dann muß ich zum zig-tausendsten Mal wem erklären, daß dieser Begriff nichts mit Heterosexualität im Umgangssprachlichen Sinne zu tun hat...

Völlig d'accord....schön, daß Du es noch ergänzt.

Wenn Ihr die wieder festschreiben mögt, indem ihr Frauen, die Unterhalt für die Kinder einfordern als Abzockerinnen seht oder es Frauen neidet, daß sie vielleicht mal in ein Management Jöbchen kommen (in Deutschland sind nur 5% Frauen im Top-Management z.B.) baut Ihr nur weitere Eskalationsschemata auf, die den Sexismus, gegen den Ihr selbt auch was habt, nicht an der Wurzel packt, sondern selbst wiederholt - und diesmal von der anderen Seite her. Ergebnis würde nur dann wieder ein Feminismus sein, der sich noch weiter radikalisiert und verrennt, woraufhin die Maskulinisten noch weiter abdrehen.
Ein Satz, den du dir merken solltest: Wer in der Mitte der Straße steht, kann von Autos aus beiden Richtungen überfahren werden. Der passt fast immer, aber mit der Zeit bekommt mensch Übung im Ausweichen *g*.

Ein bißchen bi schadet nie und reloaded nicht die Matrix. *g*

Unausweichlerische Grüße

Anti-Sexistin

susu


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