Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Geschlechterrollen

Stadtmensch, Saturday, 07.02.2004, 10:10 (vor 8035 Tagen) @ Anti-Sexistin

Als Antwort auf: Geschlechterrollen von Anti-Sexistin am 06. Februar 2004 19:05:35:

Geschlechterrollen
06. Februar 2004 19:05:35 - Anti-Sexistin
Ich fände es klasse, wenn es einmal einfach nicht ums Geschlecht geht, daß von Geburt an juristisch in den Paß gelegt wird, sondern man endlich mal lernen würde, sich menschlich zu begegnen. Ich finde, hier regt Ihr Euch über Sachen auf, über die sich Frauen heute ebenso gut aufregen können und dies auch tun: z.B. frauenfeindliche Werbung, die es ebenfalls noch überall gibt.

Falsch. Diese Art der Werbung ist zum einen ein zentraler Wirtschaftsaspekt. Der Spruch »Sex sells« kommt nicht von ungefähr. Menschen, die sich für diese Werbung zur Verfügung stellen, werden dafür bezahlt. Für sie gilt der Vorwurf »diskriminierend« nicht. Ob sich denn ein Geschlecht diskriminiert fühlen muss, solange sexualisierte Werbung existiert, ist strittig. Weder werden die Männer alle zu Vergewaltigern, die sexistische Werbung sehen, noch will die Mehrzahl der Frauen auf »sexualisierte« Produkte (und somit deren Bewerbung) verzichten.

Mir gehen sowohl frauen- als auch männerfeindliche Witze auf den Keks. Sie sind langweilig und funktionieren immer nach demselben Muster.

Ja, stimmt.

Doch durch die Überbetonung des Gender/Sex wird dieser auch immer weiter festgeschrieben.

In dieser Absolutheit nicht korrekt. Sex ist ein Grundbedürfnis wie Essen und Trinken. Ein Narr, der denkt, man könne dies aus dem Alltag ausblenden. Erotische Spannung dient oft als Katalysator für menschliche Interaktion und Kommunikation. Komplikationen, die sich aus diesem Spannungsfeld ergeben, sind Motor und Motivation, halten Dinge in Bewegung und vermeiden emotionalen, psychologischen Stillstand. Letztendlich: Durch Reibung entsteht Wärme.

Man sollte das Problem endlich mal für alle möglichen Geschlechter beim Kern angehen: dem juridischen Mechanismus, der überhaupt erst gender und sex gestaltet. Wer das jetzt nicht versteht, kann es ja bei Judith Butler nachlesen.

Bloß nicht! Warum sollten die Menschen erst Bücher lesen um zu wissen, wie sie sich verhalten sollen? Ich finde es anmaßend. Hat nicht jeder Mensch einen persönlichen Zugang zu den Dingen, die ihn bewegen, ein eigenes Erklärungsmuster? Auch wenn er daraus die (nach Butler oder Marx oder Fromm oder Freud oder Mahatma Ghandi oder wasweißich) falschen Schlüsse zieht, so sind es doch seine eigenen Schlüsse und Konsequenzen. Die als »wissenschaftlich falsch« zu deklarieren, ist zumindest unhöflich.

Die Männerrolle ist garantiert so einengend wie die Frauenrolle. Aber ernsthaft noch die Bundeswehr unter geschlechtlichem Gesichtspunkt zu diskutieren, wo es doch viel fortschrittlicher ist, überhaupt über die Abschafffung der Wehrpflicht zu diskutieren, was nun wirklich eigentlich liberal ist, klingt in meinen Ohren wie in Diskussionen von vor über 30 Jahren. So geht das nicht. Upgraded Euch mal.

Du vergisst, dass vor dreißig Jahren Frauen angefangen haben, frauenspezifische Gesetze zu fordern. Wer hat diese Gesetze gemacht/umgesetzt: vorwiegend Männer. Auf die Wehrpflicht bezogen, hat aber gerade eine »Frau« Limbach sich unehrenhafte Verdienste erworben. Oder eine Kerstin Müller, die unaufgefordert darüber nachdenkt, ob unsere Jungs nicht mal schnell im Sudan einmarschieren sollten.

Auch was den Feminismus angeht, ist er schon längst in Frauenstudiengängen überholt. Gender studies sind heute in, was einer Pro-Männer-Bewegung überhaupt nicht widerspricht. Da solltet Ihr Euch vielleicht mal ein paar ideologische Grundlagen holen und dann auf in den gemeinsamen Kampf gegen Sexismus jeglicher Art.

Dasselbe wie bei Butler oben. Es kann keine oktroyierte Ideologie geben, die auch nur ansatzweise solche Probleme löst. Gäbe es diesen Effekt überhaupt, wäre es in der Menschheitsgeschichte nie zu den Katastrophen gekommen, die es gab. Auch sind die Transporteure dieser Gender-Blase diesselben, die schon für rein frauenbezogene Dinge eintraten. Ihre Profession basiert darauf, dass sie sich als »unterdrückte Gruppe« erklären. Wenn sie sich durch ihre Positionierung als Opfer einer patriarchalischen Unterdrückung definieren, welches Interesse sollten sie dann daran haben, diese »Unterdrücker« in ihre Bestrebungen mit einzubeziehen?

Sexismus trifft - da gebe ich den Maskulinisten Recht - auch Männer. Doch Maskulinismus schreibt genauso wie der Feminismus Geschlechterrollen als gegeben fest, die längst schon Produkte von Machtstrukturen sind und zugleich auch noch ein ganzes Individuum allein auf seine überbetonten Geschlechtseigenschaften festnagelt. Genau das ist doch Sexismus - egal ob gegen Männer, Frauen, Schwule, Lesben oder Neutren - in seinem Grundprinzip. Insofern würde ich den Quatsch mit einer Frauen-/Männerbewegung mal gleich lieber lassen, sondern eine gemeinsame Anti-Sexismus-Bewegung für alle - egal, wie sie geschlechtlich wahrgenommen werden möchten - anzugehen. Denn ob Männer- oder Frauendiskriminierung, der sexistische Mechanismus ist in allen Fällen derselbe.

Zu simpel. So wie hier beschrieben, bedeutet »Anti-Sexismus« dasselbe wie »Anti-Sex«. Das ist naiv. Denn Sex ist ein zentraler Bestandteil unseres Alltags. Oder machst du dich nicht schön, bevor du auf die Straße gehst? Ich schon und ich stehe dazu. In gewissen Grenzen ist diese Form sexuellen Verhaltens ja auch äußerst belebend, herzerwärmend und prickelnd. Auf ihm basiert vieles, was wir tun oder lassen. Es ist in meinen Augen viel, viel problematischer für ein herzliches und menschliches Zusammenleben, wenn man diese Mechanismen aus ideologischen Gründen ausblendet. Vor allem: es funktioniert überhaupt nicht.

Was eine erfrischende alltagspraktische Utopie wäre: über Sachen reden zu können und produktiv zusammenzuarbeiten, ohne sich am Geschlecht aufzuhängen. Sexismus gibt es auf vielen Seiten. Er funktioniert nach dem selben Muster wie Rassismus: Die Eigenschaft eines Menschen wird hervorgehoen und negativ oder positiv reduziert und mythologisiert. Insofern finde ich Maskulinismus genauso daneben wie Feminismus, weil er dieselben Unterdrückungsstrukturen einer sexistisch/rassistischen Matrix nur weiter festschreibt. Das Ziel wäre doch vielmehr eine Entsemantisierung von künstlich überbetonten Merkmalen oder locker gesagt: ein bißchen bi schadet nie. Die Ismen enthalten ja per se schon eine Verabsolutierung einer bestimmten Sache. Insofern schreibt Maskulinismus genauso Althergebrachtes wieder fest wie auch der Feminismus.

Alltag ohne sexualisierte Aspekte ist für mich kein Ziel. Es ist todlangweilig. Mehr habe ich an dieser Stelle eigentlich dazu nicht zu sagen.

Dagegen anzugehen kann nur in Interesse eine/r jeden liegen, der oder die sich aufgrund der Geschlechtsrolle benachteiligt fühlt. Und nur von jenseits der Geschlechterrollen ist Gleichberechtigung in Theorie und Praxis durchsetzbar. Das geht jedoch nur, wenn man gemeinsam gegen die gängigen sexistischen Mechanismen vorgeht, statt sie in so partiellen Bewegungen wie Maskulinismus/Feminismus zu wiederholen, festzuschreiben und zu ritualisieren. Erst wenn es nicht mehr um Geschlecht geht, kann Gleichberechtigung gelebt werden.

Im Gegenteil. Erst wenn geschlechtliche Erwartungen und deren Missverständnisse ausgesprochen werden, hat man erst die Möglichkeit, sich der »Rituale« bewusst zu werden. Das »bloß nicht reden über Sex« hat u.a. die christliche Kultur dazu benutzt, Menschen zu gängeln und emotional zu strangulieren. Wollen wir das? Es gibt ein Leben vor dem Tod!

Die Dichotomisierung der Geschlechterrollen (Frauen, das schöne Geschlecht, das dienende, Frau ist nur was Wert, wenn sie Mann und Kinder hat etc.) verläuft entlang des gleichen diskriminierenden Mechanismus wie bei Männern (Männer sind blöd, Vergewaltiger, Ausbeuter). Beides sind sexistische Mechanismen.

In dieser Form nicht existent. Zwar gibt es die Haltung wie »die Männer sind..« oder »die Frauen sind..«. Aber fragt man die z.B. Frauen, wer denn aus ihrem persönlichen Umfeld »frauenfeindlich« ist, herrscht oft plötzliches Schweigen. Auch zeigt das Wort »Herrin« (keine männliche Entsprechung übrigens), dass Frauen mitnichten nur »dienend« wahrgenommen werden. Es mag sein, dass manche Menschen glauben, Frauen sollten häufiger als »Herrin« wahrgenommen werden. Doch dazu braucht es eben auch entsprechende Frauen. Das hat Konsequenzen: trotz Milliarden-Förderung für rein frauenspezifische Karrieren hat sich der Anteil leitender Frauen nicht wesentlich erhöht. Wer meint, dies habe ausschließlich und überhaupt nur damit zu tun, dass böse, männliche Seilschaften die armen Frauen am Aufstieg hindern, hat für mich nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Wenn Ihr die wieder festschreiben mögt, indem ihr Frauen, die Unterhalt für die Kinder einfordern als Abzockerinnen seht oder es Frauen neidet, daß sie vielleicht mal in ein Management Jöbchen kommen (in Deutschland sind nur 5% Frauen im Top-Management z.B.) baut Ihr nur weitere Eskalationsschemata auf, die den Sexismus, gegen den Ihr selbt auch was habt, nicht an der Wurzel packt, sondern selbst wiederholt - und diesmal von der anderen Seite her. Ergebnis würde nur dann wieder ein Feminismus sein, der sich noch weiter radikalisiert und verrennt, woraufhin die Maskulinisten noch weiter abdrehen.

Bitte informiere dich. Speziell die Themen »Scheidung, Unterhalt, Sorgerecht« sind hier oft und gründlich diskutiert worden. Die Schlüsse, die daraus zu ziehen sind, sind wohlbegründet. Nur soviel: Fakt ist, dass Scheidungen in der Hauptsache von Frauen eingereicht werden. Da stellt sich schon die Frage, ob diese wirklich nicht kleine Anzahl Scheidungswütiger überhaupt etwas davon verstanden hat, was es heißt, solch ein Langzeitprojekt wie Familie auf den Weg zu bringen.

Der Kampf ist nur sinnvoll, wenn er kein Geschlechterkampf ist.

Ich mag nicht »kämpfen«. Schon gar nicht mit/gegen/ohne/apart von dem anderen Geschlecht.
Gruß

die Anti-Sexistin

Gruß Stadtmensch


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