Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Geschlechterrollen

Anti-Sexistin, Friday, 06.02.2004, 21:05 (vor 8035 Tagen)

Ich fände es klasse, wenn es einmal einfach nicht ums Geschlecht geht, daß von Geburt an juristisch in den Paß gelegt wird, sondern man endlich mal lernen würde, sich menschlich zu begegnen. Ich finde, hier regt Ihr Euch über Sachen auf, über die sich Frauen heute ebenso gut aufregen können und dies auch tun: z.B. frauenfeindliche Werbung, die es ebenfalls noch überall gibt.

Mir gehen sowohl frauen- als auch männerfeindliche Witze auf den Keks. Sie sind langweilig und funktionieren immer nach demselben Muster.

Doch durch die Überbetonung des Gender/Sex wird dieser auch immer weiter festgeschrieben.

Man sollte das Problem endlich mal für alle möglichen Geschlechter beim Kern angehen: dem juridischen Mechanismus, der überhaupt erst gender und sex gestaltet. Wer das jetzt nicht versteht, kann es ja bei Judith Butler nachlesen.

Die Männerrolle ist garantiert so einengend wie die Frauenrolle. Aber ernsthaft noch die Bundeswehr unter geschlechtlichem Gesichtspunkt zu diskutieren, wo es doch viel fortschrittlicher ist, überhaupt über die Abschafffung der Wehrpflicht zu diskutieren, was nun wirklich eigentlich liberal ist, klingt in meinen Ohren wie in Diskussionen von vor über 30 Jahren. So geht das nicht. Upgraded Euch mal.

Auch was den Feminismus angeht, ist er schon längst in Frauenstudiengängen überholt. Gender studies sind heute in, was einer Pro-Männer-Bewegung überhaupt nicht widerspricht. Da solltet Ihr Euch vielleicht mal ein paar ideologische Grundlagen holen und dann auf in den gemeinsamen Kampf gegen Sexismus jeglicher Art.

Sexismus trifft - da gebe ich den Maskulinisten Recht - auch Männer. Doch Maskulinismus schreibt genauso wie der Feminismus Geschlechterrollen als gegeben fest, die längst schon Produkte von Machtstrukturen sind und zugleich auch noch ein ganzes Individuum allein auf seine überbetonten Geschlechtseigenschaften festnagelt. Genau das ist doch Sexismus - egal ob gegen Männer, Frauen, Schwule, Lesben oder Neutren - in seinem Grundprinzip. Insofern würde ich den Quatsch mit einer Frauen-/Männerbewegung mal gleich lieber lassen, sondern eine gemeinsame Anti-Sexismus-Bewegung für alle - egal, wie sie geschlechtlich wahrgenommen werden möchten - anzugehen. Denn ob Männer- oder Frauendiskriminierung, der sexistische Mechanismus ist in allen Fällen derselbe.

Was eine erfrischende alltagspraktische Utopie wäre: über Sachen reden zu können und produktiv zusammenzuarbeiten, ohne sich am Geschlecht aufzuhängen. Sexismus gibt es auf vielen Seiten. Er funktioniert nach dem selben Muster wie Rassismus: Die Eigenschaft eines Menschen wird hervorgehoen und negativ oder positiv reduziert und mythologisiert. Insofern finde ich Maskulinismus genauso daneben wie Feminismus, weil er dieselben Unterdrückungsstrukturen einer sexistisch/rassistischen Matrix nur weiter festschreibt. Das Ziel wäre doch vielmehr eine Entsemantisierung von künstlich überbetonten Merkmalen oder locker gesagt: ein bißchen bi schadet nie. Die Ismen enthalten ja per se schon eine Verabsolutierung einer bestimmten Sache. Insofern schreibt Maskulinismus genauso Althergebrachtes wieder fest wie auch der Feminismus.

Dagegen anzugehen kann nur in Interesse eine/r jeden liegen, der oder die sich aufgrund der Geschlechtsrolle benachteiligt fühlt. Und nur von jenseits der Geschlechterrollen ist Gleichberechtigung in Theorie und Praxis durchsetzbar. Das geht jedoch nur, wenn man gemeinsam gegen die gängigen sexistischen Mechanismen vorgeht, statt sie in so partiellen Bewegungen wie Maskulinismus/Feminismus zu wiederholen, festzuschreiben und zu ritualisieren. Erst wenn es nicht mehr um Geschlecht geht, kann Gleichberechtigung gelebt werden.

Die Dichotomisierung der Geschlechterrollen (Frauen, das schöne Geschlecht, das dienende, Frau ist nur was Wert, wenn sie Mann und Kinder hat etc.) verläuft entlang des gleichen diskriminierenden Mechanismus wie bei Männern (Männer sind blöd, Vergewaltiger, Ausbeuter). Beides sind sexistische Mechanismen.

Wenn Ihr die wieder festschreiben mögt, indem ihr Frauen, die Unterhalt für die Kinder einfordern als Abzockerinnen seht oder es Frauen neidet, daß sie vielleicht mal in ein Management Jöbchen kommen (in Deutschland sind nur 5% Frauen im Top-Management z.B.) baut Ihr nur weitere Eskalationsschemata auf, die den Sexismus, gegen den Ihr selbt auch was habt, nicht an der Wurzel packt, sondern selbst wiederholt - und diesmal von der anderen Seite her. Ergebnis würde nur dann wieder ein Feminismus sein, der sich noch weiter radikalisiert und verrennt, woraufhin die Maskulinisten noch weiter abdrehen.

Der Kampf ist nur sinnvoll, wenn er kein Geschlechterkampf ist.

Gruß

die Anti-Sexistin


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