Re: Der Eisberg
Als Antwort auf: Re: Der Eisberg von Nick am 04. September 2003 10:13:34:
Hallo Nick!
Du hast natürlich Recht, wenn du schreibst, daß gerade die Erkenntnis, daß man edel, hilfreich und gut sein sollte, den Menschen ausmacht. Die Fähigkeit, uns über unsere Instinkte zu erheben, ist ja gerade das, was uns von weniger entwickelten Tieren so sehr unterscheidet.
Trotzdem wirken diese alten tierischen Instinkte tief in uns weiter. Es gibt Menschen, die es meist schaffen, darüber zu stehen. Andere Menschen schaffen das leider oftmals nicht.
Wenn man nun den Menschen keine allgemeingültigen Regeln gibt und ihnen also keine Grenzen setzt, dann wird es immer wieder Menschen geben, die ihren niederen Instinkten folgen, sich dadurch Vorteile verschaffen und die übrigen Menschen, die versuchen, weiter den hohen Idealen zu folgen, dadurch benachteiligen.
Die Wirtschaft ist dafür ein gutes Beispiel. Wenn man jetzt sämtliche Ideen der Neoliberalen verwirklichen und der Wirtschaft keinerlei Einschränkungen mehr auferlegen würde, dann hätten wir vermutlich schon in 10 Jahren Zustände wie im 19. Jahrhundert. Auch wenn es weiterhin Unternehmer geben würde, die verantwortungsbewußt handeln, ihren Mitarbeitern deshalb weiterhin akzaptable Gehälter zahlen, umweltbewußt produzieren würden usw., dann könnten die sich am Markt gegen die Unternehmer, die alle diese Rücksichten sofort fallen lassen würden, doch gar nicht behaupten. Zwar würden anfangs noch einige Menschen darauf achten, daß sie z.B. nur Produkte kaufen, die umweltschonend hergestellt wurden. Aber da die Einkommen sinken würden, könnten sich auch immer mehr Konsumenten solche Rücksichten einfach nicht mehr leisten. Schon jetzt ist es so, daß das Interesse an umweltschonenden Produkten in vielen Bereichen sehr nachgelassen hat. Such mal nach Recycling-Papier für Drucker - da findest du in vielen Schreibwarengeschäften gar nichts mehr. Weil kaum noch jemand danach fragt.
Wir würden also eine Situation schaffen, in der Egoisten sich voll austoben und riesige Gewinne einfahren könnten, während alle übrigen Menschen nur noch die Wahl zwischen zwei Alternativen hätten: Entweder auch alle Rücksichten fallen zu lassen oder aber mit ihren hohen Idealen unterzugehen.
Klar - irgendwann würde so ein System zusammen brechen oder aber müßte eben reformiert werden, indem man doch wieder Regulierungen einführt. Aber bis dahin würde sehr viel Schaden angerichtet werden, der sich dann nicht einfach von heute auf morgen wiedergutmachen ließe.
Ich denke, solange Menschen nicht alles Lebensnotwendige ohne großen Aufwand selbst produzieren können, solange sie also weiterhin unter dem Zwang stehen, ihren Lebensunterhalt irgendwie sichern zu müssen, wird man sie immer wieder dazu zwingen müssen, den positiven Idealen möglichst weitgehend zu entsprechen. Denn sonst werden sie immer wieder massenweise in Versuchung geraten, ihren primitiven Instinkten zu folgen.
Sieh dir nur mal die menschliche Geschichte an. Sie ist eine Abfolge von Kriegen, Gemetzeln und Völkermorden. So manche Erfindung hat sich nur deshalb auf unser Leben ausgewirkt, weil man festgestellt hat, daß sie sich militärisch verwenden läßt und dann nur deshalb dazu bereit war, Geld für die weitere Entwicklung dieser Technologie zu geben.
Raketen gab es in China schon vor Jahrtausenden. Die Kreuzfahrer berichteten über feuerspeiende Töpfe, die mit lautem Getöse durch die Luft flogen - also haben die Araber offenbar auch Raketen eingesetzt. Später setzte man sie auch in Europa bei Festen als Träger für Feuerwerkskörper ein. Seit dem 19. Jahrhundert gab es dann Forscher, die davon träumten, mit Raketen ins Weltall zu fliegen. Sie kamen allesamt nicht weit, weil kaum jemand Interesse an ihren Forschungen zeigte und ihnen so immer wieder Geld fehlte. Im Ersten Weltkrieg setzte man Raketen von Jagdflugzeugen aus gegen Ballons und Luftschiffe ein. Ansonsten hielt man sie militärisch für sinnlos und hielt es deshalb auch nicht für nötig, viel Geld in die Raketen-Forschung zu investieren.
Das änderte sich erst in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Und zwar nicht etwa deshalb, weil die deutsche Regierung plötzlich ihr Herz für die Forschung entdeckt hätte. Nein, das hatte einen ganz anderen Grund: Laut Versailler Vertrag durften in Deutschland keine großkalibrigen Geschütze mehr gebaut werden. Die deutschen Militärs suchten nach einem Ausweg und fanden ihn. Da man Raketen noch nach dem Ersten Weltkrieg für militärisch kaum verwendbar hielt, wurden sie im Versailler Vertrag auch nirgends erwähnt. Also beschloß man, sich auf die Entwicklung von Raketen zu konzentrieren, um so schwere Geschütze zu ersetzen, ohne dabei den Versailler Vertrag verletzen zu müssen. Damit die Siegermächte nicht mißtrauisch werden und Deutschland womöglich einen Vertrag aufzwingen, der auch den Bau großer Raketen verbietet, konzentrierte man sich erst einmal auf zivile Projekte. So baute Opel 1928 ein Auto mit Raketenantrieb, und es gab auch Versuche, Raketen zur Post-Beförderung einzusetzen. Tatsächlich ging es aber immer nur um die militärische Verwendung. Als der Krieg ausbrach, stoppte Hitler zunächst viele Forschungsarbeiten an neuen Waffen. Als sich dann aber abzeichnete, daß der Krieg sich länger hinziehen würde als geplant und als die Lage dann auch immer schlechter wurde, wurden die Arbeiten wieder intensiviert. So kam es dann, daß während des Zweiten Weltkrieges von Deutschland aus die erste Rakete ins Weltall geschossen wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Amerikaner zunächst nicht die Absicht, die deutsche Raketen-Technologie wesentlich weiter zu entwickeln. Der Krieg war ja vorbei, und man glaubte jetzt wieder zur Tagesordnung übergehen zu können. Zwar holte man Wernher von Braun und andere deutsche Raketen-Experten in die USA, aber man internierte sie dort nur, ohne ihre Kenntnisse irgendwie zu nutzen. Es ging eigentlich nur darum, sie nicht in die Hände der Sowjets fallen zu lassen.
Dann wurde aber bekannt, daß die Sowjets sich ebenfalls deutsche Experten ins Land geholt hatten und schon emsig dabei waren, die deutschen Forschungen weiter zu führen. Schon in der Kriegszeit hatten die Sowjets einige Fortschritte in der Raketentechnologie gemacht und z.B. auch ein Raketenflugzeug gebaut. Kleinere Raketen hatten sie auch überaus erfolgreich gegen die deutsche Wehrmacht eingesetzt. Mit Hilfe der deutschen Experten konnten sie auf dieser Grundlage ihre Arbeiten an der Raketentechnologie enorm beschleunigen.
Das alarmierte die Amerikaner, und nun auf einmal kamen Wernher von Braun und sein Team doch noch zum Einsatz. Nun auf einmal war Geld für die Weiterführung ihrer Arbeiten da.
Um den Gegner jeweils abzuschrecken, mußte man natürlich die eigenen technologischen Fortschritte immer wieder öffentlichkeitswirksam demonstrieren. Da man schlecht Raketen auf den Gegner abschießen konnte, brauchte man irgendeine andere Möglichkeit. Da bot sich dann die Raumfahrt an. Schon lange träumten Forscher und Buchautoren davon, daß der Mensch irgendwann mal ins Weltall fliegt. Bis kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges war das für keine Regierung der Welt ein Grund gewesen, Geld in entsprechende Forschungen zu investieren. Nun auf einmal wurde Geld investiert.
In Ost und West ließ man Wissenschaftlern und Ingenieuren also freie Bahn, mit den bekannten Ergebnissen. Als das Wettrüsten und auch dieser technologische Wettstreit beiden Seiten langsam zu teuer wurde, begann man mit ernsthaften Abrüstungsverhandlungen. Und nun auf einmal flossen auch die Mittel für die Weltraumforschung immer spärlicher. Wernher von Braun plante bereits, ein Raumschiff zum Mars zu schicken, aber er bekam dafür keine Unterstützung mehr. Als er versuchte, Druck zu machen, wurde ihm mit Unterlagen aus der Nazi-Zeit gedroht. Er war ja SS-Mitglied, und man konnte ihm durchaus auch eine gewisse Mitverantwortung für die schlechte Behandlung von KZ-Häftlingen in den deutschen Raketen-Produktions-Anlagen anhängen. Nach dem Krieg hatten die Amerikaner Unterlagen über Wernher von Braun verschwinden lassen. Jetzt drohten diese Unterlagen ihm doch noch zum Verhängnis zu werden, und ihm blieb nichts anderes übrig, als sich verbittert zurückzuziehen.
Seitdem stagniert die Weltraumforschung weitgehend. Zwar hat man noch die ISS gebaut, aber die Technologie an sich wird kaum noch weiter entwickelt. Und daß Menschen in 20 Jahren auf den Mars fliegen, kann ich mir absolut nicht vorstellen. Weil es momentan keinen Konflikt in der Welt gibt, der Forschungen in die Richtung ankurbeln könnte.
Und ohne die beiden Weltkriege und den Ost-West-Konflikt wäre die Weltraumtechnologie überhaupt niemals so weit entwickelt worden.
Mit Computern sieht das genauso aus. Als Konrad Zuse den ersten Computer baute, wollte man ihm dafür noch nicht einmal ein Patent geben. Man hielt seine Erfindung für unwichtig. Erst als man dann im Zweiten Weltkrieg merkte, daß man Computer prima zur Entschlüsselung gegnerischer Codes verwenden konnte, war auf einmal Geld dafür da. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die US-Regierung die Gelder für Forschungen auf dem Gebiet komplett streichen. Man entschied sich schließlich dagegen, und das entscheidende Argument dabei war: "It has won the war!"
Auch da zeigte sich also immer wieder deutlich, daß Menschen oftmals eben mehr ihren niederen Instinkten als ihren hohen Idealen folgen. Den enormen technologischen Fortschritt im 20. Jahrhundert haben wir vor allem den beiden Weltkriegen und dem darauf folgenden Kalten Krieg zu verdanken. Ich will nicht behaupten, daß viele Technologien sonst gar nicht entwickelt worden wären. Aber die Entwicklung wäre auf jeden Fall wesentlich langsamer verlaufen, und ich glaube wirklich, daß viele Technologien im Anfangsstadium stecken geblieben wären, einfach weil niemand Geld dafür investiert hätte.
Und so ist das eigentlich überall. Die Evolution erfolgt nach dem "Zwangsprinzip". Eine Art entwickelt sich also nur dann weiter, wenn sie durch äußere Umstände dazu gezwungen wird. Dieses "Zwangsprinzip" scheinen wir so tief verinnerlicht zu haben, daß wir uns eben auch nur dann weiter entwickeln, wenn wir dazu gezwungen werden - z.B. durch Kriege oder Konflikte.
Ich weigere mich aber, anzunehmen, daß Entwicklung nur durch Kriege oder Konflikte möglich ist. Es muß auch andere Möglichkeiten geben, um die Entwicklung voranzutreiben. Eben durch entsprechende Rahmenbedingungen, also durchaus durch Regulierungen des Staates. Leider tut sich da aber in Deutschland momentan nicht viel. Ganz im Gegenteil: Es gibt in Deutschland Gruppierungen, die sehr technologiefeindlich sind und leider auch immer wieder Einfluß auf die Entscheidungen der Regierung nehmen.
Offenbar geht es uns immer noch zu gut...
Freundliche Grüße
von Garfield
gesamter Thread:
- Neue Frauen braucht das Land! -
Arne Hoffmann,
31.08.2003, 14:31
- Nachtrag -
Arne Hoffmann,
31.08.2003, 14:43
- Re: Nachtrag - gaehn, 31.08.2003, 15:02
- Re: Neue Frauen braucht das Land! -
hotstepper,
31.08.2003, 15:18
- Re: Neue Frauen braucht das Land! - Arne Hoffmann, 31.08.2003, 15:54
- Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Nick,
31.08.2003, 16:02
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie - Garfield, 01.09.2003, 14:41
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Rüdiger,
01.09.2003, 21:33
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Garfield,
02.09.2003, 12:11
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie - Manfred, 02.09.2003, 12:59
- Eigentümlich "frei" im 19. Jahrhundert - Lars, 05.09.2003, 01:13
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Garfield,
02.09.2003, 12:11
- Der Eisberg -
Nick,
02.09.2003, 14:57
- Videoclip - Nick, 02.09.2003, 16:20
- Re: Der Eisberg -
Garfield,
02.09.2003, 17:23
- Re: Der Eisberg -
Nick,
03.09.2003, 16:52
- Re: Der Eisberg -
Garfield,
03.09.2003, 19:56
- Re: Der Eisberg -
Nick,
04.09.2003, 13:13
- Re: Der Eisberg - Garfield, 04.09.2003, 15:16
- Re: Der Eisberg -
Nick,
04.09.2003, 13:13
- Re: Der Eisberg -
Garfield,
03.09.2003, 19:56
- Re: Der Eisberg -
Nick,
03.09.2003, 16:52
- eigentümlich blöd -
Xenia,
01.09.2003, 17:18
- eigentlich nicht -
gaehn,
01.09.2003, 18:08
- Re: eigentlich nicht -
Manfred,
01.09.2003, 19:07
- Re: eigentlich nicht -
Lars,
03.09.2003, 01:57
- "Zumutbar"? -
Lars ,
03.09.2003, 02:17
- Re: "Zumutbar"? - Garfield, 03.09.2003, 12:28
- "Zumutbar"? -
Lars ,
03.09.2003, 02:17
- Re: eigentlich nicht -
Lars,
03.09.2003, 01:57
- Na na! -
Lars,
03.09.2003, 01:51
- Re: Na na! - Jolanda, 03.09.2003, 02:28
- Re: Na na! -
gaehn,
03.09.2003, 11:32
- Re: Na na! -
Jolanda,
03.09.2003, 11:43
- Re: Na na! -
gaehn,
03.09.2003, 11:59
- Re: Na na! - gaehn, 03.09.2003, 12:00
- Re: Na na! -
gaehn,
03.09.2003, 11:59
- Re: Na na! -
Jolanda,
03.09.2003, 11:43
- Re: eigentlich nicht - Nick, 03.09.2003, 13:45
- eigentlich doch - Xenia, 09.09.2003, 17:49
- Re: eigentlich nicht -
Manfred,
01.09.2003, 19:07
- Re: eigentümlich -
XRay,
02.09.2003, 00:40
- Re: eigentümlich - Xenia, 09.09.2003, 17:51
- Plädoyer für die völlige Anerkennung von Pornographie und Prostitution -
Lars,
03.09.2003, 01:38
- Re: Widerspruch -
XRay,
05.09.2003, 01:00
- Re: Widerspruch - Lars, 05.09.2003, 01:38
- Re: Plädoyer für die völlige Anerkennung von Pornographie und Prostitution -
Xenia,
09.09.2003, 17:53
- Re: Plädoyer für die völlige Anerkennung von Pornographie und Prostitution - Lars, 09.09.2003, 19:36
- Re: Widerspruch -
XRay,
05.09.2003, 01:00
- Re: eigentümlich TABU-frei -
Karel,
04.09.2003, 20:39
- Wo? - Xenia, 09.09.2003, 17:54
- Eigentümlich Unrühmlich - MalSehen, 09.09.2003, 18:16
- eigentlich nicht -
gaehn,
01.09.2003, 18:08
- Nachtrag -
Arne Hoffmann,
31.08.2003, 14:43