Re: Der Eisberg
Als Antwort auf: Der Eisberg von Nick am 02. September 2003 11:57:59:
Hallo Nick!
In vielen Punkten stimme ich dir zu. Ein paar Kleinigkeiten kann ich jedoch so nicht stehen lassen: Die Katastrophe beim "Aufbau Ost" hatte ihre Ursachen nicht im Atheismus vieler Ostdeutscher und auch nicht in deren Unerfahrenheit mit der Marktwirtschaft oder in einer den Ostdeutschen (und den Deutschen überhaupt) immer wieder unterstellten Passivität, wenn es darum geht, sich selbstständig zu machen.
Dafür mal ein Beispiel aus dem real abgelaufenen "Aufbau Ost":
Da wurde ein ostdeutsches Werk von der Treuhand für einen eher symbolischen Spottpreis an einen privaten Investor verkauft. Wie viele Werke im Osten war es nicht gerade modern ausgestattet, aber auch nicht vollkommen veraltet. Der Investor sah es ohnehin nur als Steuer-Abschreibungs-Möglichkeit und als Quelle für Fördermittel an und investierte deshalb auch nichts in moderne Ausrüstung. Den Arbeitern und Angestellten war das nur recht, denn Modernisierung hätte bedeutet, daß noch mehr von ihnen entlassen werden. Deshalb akzeptierten sie weiter niedrige Löhne für härtere Arbeit.
Schließlich liefen die Fördermittel aus, so richtig effektiv war die Produktion aufgrund der fehlenden Investitionen auch nicht, und so war dann der Investor bald verschwunden und mit ihm das gesamte Geld-Vermögen des Unternehmens (also auch die Fördermittel).
Das Werk hatte zwar noch Aufträge und hätte weiter produzieren können, aber es war kein Geld mehr da. Rohstoffe, Strom, Löhne und Gehälter usw. müssen aber bezahlt werden.
Die Treuhand beschloß einfach, das Werk dann eben zu schließen. Die Arbeiter und Angestellten protestierten dagegen. Sie wollten die Produktion in Eigenregie weiter führen, aber sie brauchten dafür eben Geld. Die Treuhand weigerte sich aber, das dafür nötige Geld zu investieren. Merkwürdigerweise war das vorher bei dem Luftikus von Investor gar kein Problem gewesen. Der hat anstandslos zig Millionen bekommen. Jetzt aber war das auf einmal nicht möglich. Klar - die Arbeiter und Angestellten konnten eben nicht die dafür nötigen Schmiergeld-Summen aufbringen. Und wer schlecht schmiert, der fährt eben auch schlecht.
Die Banken wollten auch keinen Kredit geben, aber die Beschäftigten des Werkes gaben trotzdem nicht auf. Sie besetzten den Betrieb und produzierten weiter, solange es noch ging. Sie starteten diverse Aktionen und schalteten auch Medien ein. Es nützte alles nichts - das Werk wurde geschlossen.
Initiative allein nützt nämlich gar nichts. Man braucht immer auch erst einmal Geld. Dieses Geld haben aber nur wenige.
In dem von mir geschilderten Fall kam dann noch etwas dazu: Selbst wenn die Staatskasse randvoll gewesen wäre und die Treunhandanstalt noch viel mehr Geld zum Verschenken bekommen hätte: Diesem Werk, das von keinem Manager oder reichen Investor, sondern von seinen Beschäftigten in Eigenregie geführt wurde, hätte man auch dann keinen Pfennig gegeben. Schon aus Prinzip nicht. Denn wo käme der Kapitalismus hin, wenn sowas Schule machen würde? Wenn in jedem Betrieb, der pleite ist, die Arbeiter und Angestellten einfach in Eigenregie weiter arbeiten würden? Und wenn das womöglich tatsächlich funktionieren würde? Wie sollte man dann noch die fetten Gehälter in diversen Führungsetagen rechtfertigen? Und - noch schlimmer - was wäre, wenn das Volk angesichts dessen dann auch noch auf die Idee kommt, daß man das politische System genauso reformieren könnte?
Das wesentliche Problem in Deutschland besteht darin, daß unsere Gesellschaft darauf ausgelegt ist, den politischen Führern und den von ihnen gegen Schmiergeld und sonstige Zuwendungen oder auch einfach nur aus wahltaktischem Kalkül geförderten Interessen-Verbänden als riesiger Selbstbedienungsladen zu dienen.
Berufs-Feministinnen sind nur eine von vielen Gruppen, die in unserer Gesellschaft schmarotzen. Da gibt es den Asylbewerber, der sich hier mehrmals unter verschiedenen Namen angemeldet hat und so mehrfach Leistungen kassiert. Da gibt es den Abgeordneten, der ganz legal eine vierstellige Summe Arbeitslosengeld quasi als Taschengeld neben seinen fetten Dienstbezügen kassiert. Da gibt es den Arbeitslosen, der schwarz arbeitet und dann zusammen mit dem Arbeitslosengeld mehr verdient als seine legal arbeitenden Kollegen. Da gibt es den Unternehmer, der Schwarzarbeiter beschäftigt und durch Schmiergeldzahlungen sicher sein kann, daß er von jeder Kontrolle des Arbeitsamtes vorher erfährt. Da gibt es den Sozialhilfeempfänger, der sich Möbel oder sonstige Einrichtungsgegenstände vom Sozialamt finanzieren läßt und sie dann verkauft. Da gibt es den Spitzenmanager, der monatlich ein sechstelliges Gehalt einsackt, das er nicht mal erarbeiten könnte, wenn er 48 Stunden am Tag arbeiten würde. Da gibt es den Börsen-Spekulanten, der mit einem Mausklick mehr verdienen kann als ein normaler Arbeiter oder Angestellter in seinem ganzen Leben. Da gibt es den Sportler, der jährlich ein Einkommen in zweistelliger Millionenhöhe hat, dem ebenfalls keine entsprechende Leistung gegenüber steht. Da gibt es den Großkonzern, der seine Produktionsanlagen längst ins Ausland verlagert hat und hier in Deutschland nur noch ein Forschungszentrum unterhält, weil er dafür nämlich staatliche Fördermittel bekommt, so daß er also mit deutschen Steuergeldern Produkte entwickeln kann, die dann im Ausland produziert werden. Und so weiter und so fort...
Und wer finanziert das alles? Jährlich wird in Deutschland die Summe der erbrachten Dienst- und Produktionsleistungen veröffentlicht. Es wird auch jährlich errechnet, wieviele Menschen in Deutschland erwerbstätig waren. Nun braucht man nur mal die Summe der erbrachten Produktions- und Dienstleistungen durch die Zahl der Erwerbstätigen teilen. Dann kann man sich die Differenz zwischen dem eigenen Netto-Einkommen und diesem Durchschnittsanteil ansehen. Und dann hat man eine gute Motivation, um darüber nachzudenken, wo diese Differenz wohl geblieben ist...
Wie du schon richtig geschrieben hast, besteht das Problem nun darin, daß es eine wachsende Zahl von Schmarotzern gibt, während die Zahl der produktiven Mitbürger sinkt. Anstatt nun endlich mal die Zahl der Schmarotzer zu senken, versucht man natürlich lieber, den Produktiven noch mehr Geld aus den Taschen zu ziehen. Denn die politische Führungsschicht schmarotzt ja selbst fleißig mit. Also ist sie natürlich daran interessiert, daß alles möglichst so bleibt, wie es ist und wird auch freiwillig nichts anderes beschließen.
Und was Erbschaftssteuern angeht: Die sind wirklich nötig, wobei man natürlich immer bestimmte Freibeträge unangetastet lassen sollte. Denn wenn jemand ein Millionen-Vermögen erbt, dann kann er allein von den Zinsen leben. Nun stell dir mal vor, dieses Vermögen wächst durch Zinsen immer weiter an und es wird immer nur an eine einzelne Person weiter vererbt. Und diese Person verpraßt es auch nicht, sondern läßt es weiter wachsen. Dann kommt so allein durch Zinserträge so immer mehr Vermögen in den Besitz weniger Personen, und zwar ganz ohne daß diese Personen irgendetwas dafür tun müssen. Somit muß ihr Einkommen zwangsläufig von anderen erarbeitet werden. Darüber hinaus ist es denkbar, daß auf diese Weise einige wenige Personen irgendwann so einen hohen Vermögensstand ereichen, daß ihnen quasi alles gehört. Sämtliches Land, sämtliche Immobilien, sämtliche Produktionsanlagen... Und das alles eben ohne daß sie dafür einen Finger krumm machen müssen. Zwar hat irgendwann mal einer ihrer Vorfahren durch eigene Arbeit den Grundstock für dieses Vermögen zusammen getragen, aber danach könnte es sich ohne Erbschafts- und sonstige Steuern ganz ohne Arbeitsleistung seiner Besitzer nach dem Schneeballprinzip "ganz von allein" (oder treffender: durch die Arbeit anderer) immer weiter vermehren, bis auch die ursprünglich für diesen Kapital-Grundstock geleistete Arbeit bald in keinem akzeptablen Verhältnis mehr zur Vermögenssumme steht.
Erbschaftssteuern sind eine gute Möglichkeit, um solches Schmarotzertum zumindest zu erschweren. Aber auch so klappt das oft nicht. Denn man kann ja schon zu Lebzeiten Besitz auf die Nachkommen übertragen, oft ohne daß dann Steuern fällig werden. Zwar gibt es auch Vermögenssteuern, aber es gibt ja auch schwarze Konten im Ausland...
Dann hast du noch christliche Werte erwähnt. Ich bin zwar Atheist und halte nichts von Religion, aber diese christlichen Werte sind Regeln, die sich über Jahrtausende hinweg als sinnvoll erwiesen haben. Gerade auch in Bezug auf Familien.
Was wir brauchen, ist Idealismus auf allen Ebenen. Momentan ist es sehr modern, nur noch an sich selbst und an die eigene Selbstverwirklichung zu denken. Insbesondere für Frauen; aber auch vor Männern hat dieser Trend nicht haltgemacht. Früher sah man es so, daß ein Paar zusammen arbeiten und einander unterstützen sollte, daß eben nicht jeder zuerst sich selbst, sondern immer zuerst die gemeinsame Sache sieht. Leider hat das früher auch nicht immer funktioniert, aber heute funktioniert es ganz offensichtlich noch viel seltener. Heute lassen sich Paare gleich beim nächstbesten Problemchen scheiden und es ist kein wirklicher Zusammenhalt mehr da.
Aber vielleicht ändert sich das, wenn es den Deutschen wieder schlechter geht und wenn immer mehr Menschen wieder auf die Unterstützung ihrer Angehörigen angewiesen sind. Die Türken in Deutschland machen uns schon lange vor, wie das funktionieren kann. Wenn da jemand z.B. einen Laden aufmachen möchte und dafür Geld braucht, dann geht er nicht unbedingt gleich zur Bank. Dann fragt er erstmal in seiner Verwandtschaft nach und leiht sich da überall Geld. Manchmal reicht das sogar schon, und er kann dann ohne zinsungünstigen Kredit von einer Bank seinen Laden aufmachen. Der Zusammenhalt ist in türkischen Familien oft viel stärker als in deutschen.
Nur woher soll im Moment dieser Idealismus kommen, der eben nötig ist, um die eigenen Interessen auch mal zurückzustellen? Politiker und Wirtschaftsbosse machen uns vor, wie man sich fröhlich selbst bedienen und sich dabei noch mit Ehrungen und öffentlicher Anerkennung überhäufen lassen kann. Also ist es doch klar und logisch, daß Millionen Menschen diesen schlechten Beispielen im Kleinen nacheifern.
In weiten Teilen der Bevölkerung ist schon die Einsicht da, daß wir sparen müssen und daß es so wie bisher nicht weiter geht. Nur wenn sie dann sehen, daß immer nur bei ihnen gespart wird, während anderswo Mißwirtschaft und Korruption fröhlich weiter laufen und der einzige sichtbare Beitrag der Politiker darin besteht, daß mal eine Diätenerhöhung für die Bundestagsabgeordneten gnädigerweise um ein paar Monate verschoben (und nicht etwa ausgesetzt!) wird, dann kann man natürlich nicht viel Verständnis aus der Bevölkerung erwarten. Wenn man nicht mit gutem Beispiel vorangeht, wird man also keinen Bewußtseinswandel erreichen.
Aber unseren Spitzen-Politikern ist das eigentlich auch völlig egal. Sie haben sich das System ja so eingerichtet, daß sie auf jeden Fall ausgesorgt haben und selbst nach einem Rauswurf noch auf Kosten der produktiven Bevölkerung weiter schmarotzen können. Ganz egal, wie sehr sie in ihrer Amtszeit versagt haben.
Ich denke schon, daß man das System theoretisch jetzt noch reformieren könnte. Praktisch werden die Mächtigen im Lande das aber nicht zulassen. Also steuern wir weiter munter auf das Chaos zu...
Freundliche Grüße
von Garfield
gesamter Thread:
- Neue Frauen braucht das Land! -
Arne Hoffmann,
31.08.2003, 14:31
- Nachtrag -
Arne Hoffmann,
31.08.2003, 14:43
- Re: Nachtrag - gaehn, 31.08.2003, 15:02
- Re: Neue Frauen braucht das Land! -
hotstepper,
31.08.2003, 15:18
- Re: Neue Frauen braucht das Land! - Arne Hoffmann, 31.08.2003, 15:54
- Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Nick,
31.08.2003, 16:02
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie - Garfield, 01.09.2003, 14:41
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Rüdiger,
01.09.2003, 21:33
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Garfield,
02.09.2003, 12:11
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie - Manfred, 02.09.2003, 12:59
- Eigentümlich "frei" im 19. Jahrhundert - Lars, 05.09.2003, 01:13
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Garfield,
02.09.2003, 12:11
- Der Eisberg -
Nick,
02.09.2003, 14:57
- Videoclip - Nick, 02.09.2003, 16:20
- Re: Der Eisberg -
Garfield,
02.09.2003, 17:23
- Re: Der Eisberg -
Nick,
03.09.2003, 16:52
- Re: Der Eisberg -
Garfield,
03.09.2003, 19:56
- Re: Der Eisberg -
Nick,
04.09.2003, 13:13
- Re: Der Eisberg - Garfield, 04.09.2003, 15:16
- Re: Der Eisberg -
Nick,
04.09.2003, 13:13
- Re: Der Eisberg -
Garfield,
03.09.2003, 19:56
- Re: Der Eisberg -
Nick,
03.09.2003, 16:52
- eigentümlich blöd -
Xenia,
01.09.2003, 17:18
- eigentlich nicht -
gaehn,
01.09.2003, 18:08
- Re: eigentlich nicht -
Manfred,
01.09.2003, 19:07
- Re: eigentlich nicht -
Lars,
03.09.2003, 01:57
- "Zumutbar"? -
Lars ,
03.09.2003, 02:17
- Re: "Zumutbar"? - Garfield, 03.09.2003, 12:28
- "Zumutbar"? -
Lars ,
03.09.2003, 02:17
- Re: eigentlich nicht -
Lars,
03.09.2003, 01:57
- Na na! -
Lars,
03.09.2003, 01:51
- Re: Na na! - Jolanda, 03.09.2003, 02:28
- Re: Na na! -
gaehn,
03.09.2003, 11:32
- Re: Na na! -
Jolanda,
03.09.2003, 11:43
- Re: Na na! -
gaehn,
03.09.2003, 11:59
- Re: Na na! - gaehn, 03.09.2003, 12:00
- Re: Na na! -
gaehn,
03.09.2003, 11:59
- Re: Na na! -
Jolanda,
03.09.2003, 11:43
- Re: eigentlich nicht - Nick, 03.09.2003, 13:45
- eigentlich doch - Xenia, 09.09.2003, 17:49
- Re: eigentlich nicht -
Manfred,
01.09.2003, 19:07
- Re: eigentümlich -
XRay,
02.09.2003, 00:40
- Re: eigentümlich - Xenia, 09.09.2003, 17:51
- Plädoyer für die völlige Anerkennung von Pornographie und Prostitution -
Lars,
03.09.2003, 01:38
- Re: Widerspruch -
XRay,
05.09.2003, 01:00
- Re: Widerspruch - Lars, 05.09.2003, 01:38
- Re: Plädoyer für die völlige Anerkennung von Pornographie und Prostitution -
Xenia,
09.09.2003, 17:53
- Re: Plädoyer für die völlige Anerkennung von Pornographie und Prostitution - Lars, 09.09.2003, 19:36
- Re: Widerspruch -
XRay,
05.09.2003, 01:00
- Re: eigentümlich TABU-frei -
Karel,
04.09.2003, 20:39
- Wo? - Xenia, 09.09.2003, 17:54
- Eigentümlich Unrühmlich - MalSehen, 09.09.2003, 18:16
- eigentlich nicht -
gaehn,
01.09.2003, 18:08
- Nachtrag -
Arne Hoffmann,
31.08.2003, 14:43