Re: Der Eisberg
Als Antwort auf: Re: Der Eisberg von Garfield am 02. September 2003 14:23:14:
Hallo Garfield!
Ein paar Gedanken zu deinen Ausführungen, denen ich im Grundsatz großenteils zustimme.
Die Katastrophe beim "Aufbau Ost" geht in der Tat zu Lasten der Treuhand. Sie hätte die in der Ex-DDR gegebenen, sehr schwierigen Voraussetzungen berücksichtigen und das Wohl der Menschen zur Richtschnur ihres Handelns machen müssen. Stattdessen war es ein einziger Skandal von menschlicher Niedertracht und Gier, eine Schande sondergleichen!
Dennoch möchte ich anregen, zu unterscheiden zwischen "reich" und "reich", zwischen "Kapitalismus" und "Kapitalismus". Es brächte nämlich nichts, wenn man da alles undifferenziert in einen Topf würfe.
Man muß zum Beispiel unterscheiden zwischen Kapitlalgesellschaften (v.a. Aktiengesellschaften) und Personengesellschaften. Auch wenn beides "kapitalistische Unternehmen" sind, sind sie etwas ganz und gar Unterschiedliches.
Aktiengesellschaften neigen in der Tat tendenziell dazu, eine Volkswirtschaft als reinen "Selbstbedienungsladen" zu betrachten, den sie mit allen Tricks ausplündern, die eben nicht verboten sind. Das liegt u.a. an der anonymen, apersonalen Struktur, in der der Vorstand sich nicht vor der Belegschaft (oder gar der Bevölkerung), sondern nur vor den Aktionären verantworten muß. Allerdings gibt es auch hier Unterschiede, die in der Persönlichkeit des jeweiligen Vorstandsvorsitzenden begründet liegen. Heinrich von Pierer (Siemens-AG) zum Beispiel ist durchaus bemüht, der Belegschaft und der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung Rechnung zu tragen, während andere einen eiskalten Kurs des "Shareholder value" fahren. Man muß auch da immer differenzieren.
Umgekehrt gibt es bei den Personengesellschaften natürlich auch die "Luftikusse", die gerade in Zeiten wie der Abwicklung der DDR-Wirtschaft auf Beutezug gehen. Es wäre vordringliche Aufgabe staatlichen Handelns gewesen, das zu unterbinden und es ist in der Tat ein dramatisches Krisenzeichen, daß dies immer weniger ausreichend geschieht.
Man darf aber nicht vergessen, daß das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft nicht aus solchen Verbrechern besteht, sondern daß es sehr, sehr viele verantwortungsbewußt handelnde Unternehmer gibt. Über die wird aber meist nicht in den Medien berichtet. Diese Persönlichkeiten sind jedoch wirklich unverzichtbar und sie haben immense Verdienste für die Allgemeinheit erworben.
Es gälte, diese Leute zu stärken, stattdessen werden sie gewürgt und vielfältig belastet und benachteiligt, während die Kapitalgesellschaften, gerade durch rot-grün(!), sagenhafte Privilegien und Sondervegünstigungen erhalten haben (Beispiele: Freistellung von Veräußerungsgewinnen, Geltendmachen von virtuellen "Verlusten" etc. pp.). Die Sozialdemokraten sind heute (ebenso wie der DGB) geschichtlich bedingt die eigentlichen Interessenvertreter des deutschen Großkapitals geworden - und gerade diese schreckliche Verbindung aus verantwortungslos vagabundierendem Kapital einerseits und bürokratisch-subalternem, inkompetentem Kofferträgertum seitens der gegenwärtigen Regierung ergibt dieses ganz besonders brisante und gefährliche Amalgam.
Es hat übrigens auch in der Vergangenheit durchaus immer wieder Fälle gegeben, in denen Belegschaften einen Betrieb übernommen und in Eigenverantwortung weitergeführt haben (z.B. Zapf (Umzüge), Porst (Foto), Erwitte (Zement) u.v.a.). Die sind aber ausnahmslos mit der Zeit entweder pleite gegangen oder wurden wieder reprivatisiert, weil es zum Führen eines Unternehmens einfach eine Vielzahl von sehr komplexen Qualifikationen, Erfahrungen und auch eine sehr spezifische Persönlichkeitsstruktur braucht, die ein abhängig Beschäftigter in aller Regel nicht besitzt.
Dennoch hätte in dem von dir angeführten Beispiel ein solcher Versuch wohl unterstützt werden sollen, da die gesamtgesellschaftlichen Kosten einer Schließung gewiß höher waren, als eine angemessene Unterstützung als Starthilfe für einen Belegschaftsbetrieb. Es gibt schließlich kein "unumstößliches Gesetz", das solche Versuche immer und unter allen Umständen zum Scheitern verurteilen würde. Zumal in der Tat bei viel windigeren "Unternehmern" viel Steuergeld sinnlos von der Treuhand verpulvert wurde. Eine regelhafte Lösung des "Aufbau-Ost"-Problems wäre das Belegschaftsmodell aber meiner festen Überzeugung nach keinesfalls gewesen. Da herrscht, glaub ich, schon auch eine ziemliche Blauäugigkeit bei manchen Leuten... 
Es ist dringend nötig, die Strukturen der sozialen Marktwirtschaft, die ja immer noch den inneren Kern der deutschen Wirtschaft ausmachen, entschlossen zu stärken und gegen die vielfältigen Degenerationserscheinungen im Wirtschaftsleben gnadenlos hart vorzugehen, bis hin zu Vermögensbeschlagnahmungen und hohen Haftstrafen - von mir aus auch gerne mit Eisenkugel am Bein und Ratten in der Zelle. Es sind wirklich unglaubliche Schäden, die da oft angerichtet werden.
Ich greife jetzt nochmal die "Erbschaftssteuer" auf. Es geht mir bei meinen Bedenken nicht darum, "reiche Leute" zu schonen, sondern Produktivkapital vor der Vernichtung zu bewahren. Ich sagte ja, daß Geld und Sachwerte (Aktienvermögen) besteuert werden sollen, und zwar durchaus reichlich (mit angemessenen Freigrenzen). Das ist völlig in Ordnung, denn es liegt in der Tat nicht im sozialen Interesse, unproduktive Couponschneider zu alimentieren.
Mit einem ererbten Betrieb verhält es sich jedoch völlig anders! Ich möchte das einmal einem "simplen" Beispiel verdeutlichen, was ich meine: nimm an, jemand erbe "ein Pferd und eine Kiste Gold". Dann soll der Staat das Gold durchaus besteuern und z.B. die Hälfte davon einkassieren. Es wäre aber idiotisch, wenn er auch ein halbes Pferd einkassieren würde - weil "halbe Pferde" nunmal keine Pferde sind, auch keine halben.
Genau so etwas geschieht bei uns jedoch in der Regel beim Vererben von Betrieben innerhalb der Familie. Dann werden nämlich die Couponschneider erst erzeugt, die eigentlich garkeine sind. Genau dann wird nämlich das Geld aus dem (fiskalisch) notwendig gewordenen Verkauf eines Betriebes am Kapitalmarkt angelegt und die Erben leben eben unproduktiv von den Zinsen. Obwohl sie das vielleicht überhaupt nicht wollten. Würden sie mit ihrem tradierten Wissen den Betrieb weiterführen, dann könnte der Betrieb weiter expandieren und es entstünden neue Arbeitspläzte, während ein fremder Käufer eines solchen Betriebes sich eben oftmals nicht anders verhalten wird, als seinerzeit beim Erwerb von "Ostbetrieben".
Wenn du dich für Wirtschaft interessierst, Garfield, dann schau dir doch auch die Unterschiede an. Es gibt nicht "den" Kapitalismus, der per se böse ist. Ich fände es fatal, wenn einfach alles in den einen Topf "Tod den Reichen" geworfen würde und am Ende vielleicht gar wieder so ein desaströses Katastrophen-System herauskäme wie zum Beispiel die sozialistische Planwirtschaft. Etwas lebensunfähigeres und menschenwidrigeres hat es niemals gegeben, deswegen ist die sozialistische Ökonomie ja auch so kläglich an sich selber zugrunde gegangen.
Es gibt schon Alternativen, Garfield, sowohl zum "Raubtier-Kapitalismus" als auch zur Planwirtschaft. Aber die beruhen immer auf der freien Initiative von Individuen, die nunmal unterschiedliche Begabungen und unterschiedliche Erziehung haben und deshalb auch nicht alle gleich reich (bzw. arm) sind. "Unternehmer sein" ist zuerst mal eine (eher seltene) persönliche Begabung, darüber hinaus beruht es auf Erfahrungen und Traditionen, die man nicht im BWL-Studium erwirbt, sondern in die man hineinwachsen muß.
Insofern spielt das "Vererben" schon eine immense Rolle, auch für die Gesamtgesellschaft.
Auch das Vererben von Produktivvermögen, nicht nur das Vererben von Genen.
Meint der Nick
gesamter Thread:
- Neue Frauen braucht das Land! -
Arne Hoffmann,
31.08.2003, 14:31
- Nachtrag -
Arne Hoffmann,
31.08.2003, 14:43
- Re: Nachtrag - gaehn, 31.08.2003, 15:02
- Re: Neue Frauen braucht das Land! -
hotstepper,
31.08.2003, 15:18
- Re: Neue Frauen braucht das Land! - Arne Hoffmann, 31.08.2003, 15:54
- Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Nick,
31.08.2003, 16:02
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie - Garfield, 01.09.2003, 14:41
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Rüdiger,
01.09.2003, 21:33
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Garfield,
02.09.2003, 12:11
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie - Manfred, 02.09.2003, 12:59
- Eigentümlich "frei" im 19. Jahrhundert - Lars, 05.09.2003, 01:13
- Re: Noch'n Nachtrag: "EigentümlichFrei" über die Zerstörung der Familie -
Garfield,
02.09.2003, 12:11
- Der Eisberg -
Nick,
02.09.2003, 14:57
- Videoclip - Nick, 02.09.2003, 16:20
- Re: Der Eisberg -
Garfield,
02.09.2003, 17:23
- Re: Der Eisberg -
Nick,
03.09.2003, 16:52
- Re: Der Eisberg -
Garfield,
03.09.2003, 19:56
- Re: Der Eisberg -
Nick,
04.09.2003, 13:13
- Re: Der Eisberg - Garfield, 04.09.2003, 15:16
- Re: Der Eisberg -
Nick,
04.09.2003, 13:13
- Re: Der Eisberg -
Garfield,
03.09.2003, 19:56
- Re: Der Eisberg -
Nick,
03.09.2003, 16:52
- eigentümlich blöd -
Xenia,
01.09.2003, 17:18
- eigentlich nicht -
gaehn,
01.09.2003, 18:08
- Re: eigentlich nicht -
Manfred,
01.09.2003, 19:07
- Re: eigentlich nicht -
Lars,
03.09.2003, 01:57
- "Zumutbar"? -
Lars ,
03.09.2003, 02:17
- Re: "Zumutbar"? - Garfield, 03.09.2003, 12:28
- "Zumutbar"? -
Lars ,
03.09.2003, 02:17
- Re: eigentlich nicht -
Lars,
03.09.2003, 01:57
- Na na! -
Lars,
03.09.2003, 01:51
- Re: Na na! - Jolanda, 03.09.2003, 02:28
- Re: Na na! -
gaehn,
03.09.2003, 11:32
- Re: Na na! -
Jolanda,
03.09.2003, 11:43
- Re: Na na! -
gaehn,
03.09.2003, 11:59
- Re: Na na! - gaehn, 03.09.2003, 12:00
- Re: Na na! -
gaehn,
03.09.2003, 11:59
- Re: Na na! -
Jolanda,
03.09.2003, 11:43
- Re: eigentlich nicht - Nick, 03.09.2003, 13:45
- eigentlich doch - Xenia, 09.09.2003, 17:49
- Re: eigentlich nicht -
Manfred,
01.09.2003, 19:07
- Re: eigentümlich -
XRay,
02.09.2003, 00:40
- Re: eigentümlich - Xenia, 09.09.2003, 17:51
- Plädoyer für die völlige Anerkennung von Pornographie und Prostitution -
Lars,
03.09.2003, 01:38
- Re: Widerspruch -
XRay,
05.09.2003, 01:00
- Re: Widerspruch - Lars, 05.09.2003, 01:38
- Re: Plädoyer für die völlige Anerkennung von Pornographie und Prostitution -
Xenia,
09.09.2003, 17:53
- Re: Plädoyer für die völlige Anerkennung von Pornographie und Prostitution - Lars, 09.09.2003, 19:36
- Re: Widerspruch -
XRay,
05.09.2003, 01:00
- Re: eigentümlich TABU-frei -
Karel,
04.09.2003, 20:39
- Wo? - Xenia, 09.09.2003, 17:54
- Eigentümlich Unrühmlich - MalSehen, 09.09.2003, 18:16
- eigentlich nicht -
gaehn,
01.09.2003, 18:08
- Nachtrag -
Arne Hoffmann,
31.08.2003, 14:43