Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Der Eisberg

Nick, Thursday, 04.09.2003, 13:13 (vor 8190 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: Der Eisberg von Garfield am 03. September 2003 16:56:26:

Hallo Garfield!

Du sagst, man müsse den Menschen so sehen, wie er ist. Das ist wahr! Aber wie ist er denn wirklich, der Mensch? Ist er wirklich nur ein Tier? Nichts weiter?

Woher kommen dann diese "schönen Ideale", und warum hat der Mensch ihnen zu allen Zeiten mit ungleich tieferer Hingabe und Sehnsucht nachgestrebt, als dem reinen Fressen und Ficken? Ja, sie setzen sich nicht von alleine durch - sie sterben aber auch nicht aus.

Woher stammt denn eigentlich diese Aufforderung: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut"? Ich meine jetzt nicht Goethe - welche tiefe menschliche Sehnsucht drückt sich denn darin aus? Sehnsucht nach was eigentlich?

Gewiß, du hast natürlich recht, der Konjunktiv verweist darauf, daß der Mench nicht so "ist". Aber er ist auch nicht nicht so! Denn er weiß aus sich, daß er so sein sollte, auch darauf verweist ja der Konjunktiv. Und das genau unterscheidet ihn vom Tier. Karl Kraus kommentiert das Ganze, wie immer kurz und trocken wie ein Furz: "Würde ist die konditionale Form von dem, was einer ist."

Ich denke, der Mensch ist wirklich beides, Garfield, er ist "Tier" und "Geist", er ist Kreatur - aber eben auch begabt mit jenem göttlichen Funken, der über seine Kreatürlichkeit hinausweist.

Denn der Mensch kann "ICH" sagen! Und er muß einfach herausfinden, was das eigentlich in seiner ganzen Tiefe bedeutet: "ICH". Er kann nicht anders, bei Strafe seines(!) Untergangs, er muß danach suchen...

Weißt du, Garfield, in meinen Augen besteht der existentielle, der wahre Verlust unserer abendländischen Kultur darin, daß den meisten von uns der Sinn für diesen "Funken" völlig abhanden gekommen ist, der doch hier in Europa 1000 Jahre lang ein so strahlend leuchtendes Feuer war. In diesem elementaren Verlust sehe ich den tieferen, den eigentlichen Grund für unser hilfloses Versinken im Chaos. Denn wir wissen einfach nicht mehr, wer "wir" sind.

Du hattest geschrieben, daß wir Idealismus bräuchten. Ja, ich stimme voll zu. Nichts brauchen wir dringender. Aber woher, wenn nicht aus diesem Funken, sollte er denn kommen? Ich fürchte, die materialistische Sicht allein führt nicht weiter, als bis zum nächsten Futtertrog. Und das ist dem Menschen offenbar einfach zu wenig. Das hält er nicht lange aus. Da wird er verrückt.

Du sagst, der freie Mensch wähle immer den Egoismus? Er wäre aber ein Sklave, wenn er es nicht anders könnte und es wäre keine Wahl, weil er nicht frei wäre. Ich glaube jedoch, der Mensch ist auf bestürzend radikale Weise frei: das ist das Zeichen seiner Würde. Das bedeutet aber, daß er wirklich wählen muß, mit allen Konsequenzen, die sich aus seiner Wahl ergeben und daß er seine Entscheidung verantwortet. Auch die Wahl, ein Schwein zu sein. Deshalb kann der Mensch auch nicht zu seinem Glück gezwungen werden. Und auch Gott ist kein netter Opa, der am Ende alles zum Kinderjoke erklärt. Unsere Wahl wird anerkannt. Deswegen ist es für mich, für dich, für uns alle... so immens wichtig, wie jeder wählt.

"Fressen kommt vor der Moral"? Dieser Satz von Brecht ist evident falsch, auch dann, wenn man ihn dialektisch betrachtet, denn er vermischt zwei ganz verschiedene Dinge, zwei unterschiedliche Ebenen, zwei "Welten".

Sagt der Nick


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