Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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eigentümlich blöd

Xenia, Monday, 01.09.2003, 17:18 (vor 8192 Tagen) @ Arne Hoffmann

Als Antwort auf: Neue Frauen braucht das Land! von Arne Hoffmann am 31. August 2003 11:31:03:

Xenia diesmal über die Frage: FEMINISMUS UND BACKLASH – was war zuerst da?

Ja, dies ist eine ernstgemeinte Frage, denn des Öfteren frage ich mich, ob nicht der backlash schon da war, bevor eine Feministin an einem Ort auftauchte, bzw. der backlash begibt sich an Orte, wo er behauptet, dass der Feminismus dort gewesen sei (und als Beweis zartlila Tünche anführt), obwohl sich keine Feministin drum schert, jemals dahin zu kommen – wozu auch, wenn schon einer von dieser Sorte Mensch da war, wie z.B. David Schah.

Von wunderlichen Dingen wird einem da erzählt, eine EU-Kommissarin fühlt sich von leichtbekleideten Frauen in die Ecke gedrängt und will diese Konkurrenz mittels eines Gesetzentwurfes ausschalten (wie perfide, har!). Und wenn die Bild-Zeitung dagegen protestiert, dann muss dieser Vorschlag ja schlecht sein. Wieder einmal geht es darum, die Degradierung der Frau zum Sexobjekt in den Medien ein für alle mal zu entfernen – ein Vorhaben, an dem sich schon viele Frauen die Zähne ausgebissen haben, leider wird das wohl auch der „hübschen Anna“ passieren. Ja genau, das ist die Frau mit der Angst vor weiblicher Konkurrenz. Sobald das Gespräch auf dieses Vorhaben kommt, kann man sich sicher sein, dass von irgendwoher der Schrei: Das ist ja Zensur! Kommt. Und noch viel sicherer kann man sich sein, dass es den Frauen ganz persönlich angelastet wird, wenn sie es wagen, eine solche Darstellung von Frauen zu verbieten. So sicher wie das Amen in der Kirche, werden diese Frauen als Spielverderber und verklemmt bezeichnet werden – überspitzt ausgedrückt: die brauchen sich nur mal wieder einen Minirock anziehen und durch die Stadt gehen, wenn ihnen dann ein Mann hinterher pfeift, geht es ihnen wohl gleich wieder besser – oder der Lieblingsspruch mancher Männer: du brauchst nur mal wieder richtig durchgefickt zu werden...
Also bringt der Gute Schah da nicht viel neues, wenn er von ntv.de zitiert: „Ist es schon wieder soweit, dass Frauen in Rüschenblusen und strengen Kostümen anderen Frauen vorschreiben wollen, was geht und was nicht?“ Natürlich beantwortet Schah diese Frage mit einem eindeutigen JA!
Interessant, was in so eine einfachen Fragesatz, der ja dazu auch noch rhetorisch gemeint war, nech Herr Schah, da hätten Sie gar nicht erst drauf antworten müssen, was in so einem Fragesatz alles drinsteckt. Erinnern wir uns zurück, denn waren wir ja eben noch bei der Werbung bzw. den Medien im Allgemeinen gewesen, denn die wollte Diamantopoulou ja mal an die Kandare nehmen. Aber plötzlich ist die Rede davon, dass schlecht gekleidete Frauen anderen Frauen etwas vorschreiben wollen..... also entweder suchen sich die Models neuerdings selber aus, wie sie in einem Werbespot auftreten, oder Herr Schah vermischt hier ganz genüsslich öffentlich mit privat, Darstellung einer Frau mit, im weitesten Sinne, Selbstinszenierung einer Frau. Das ist ein Unterschied. Es geht bei Diamantopoulous Gesetzesinitiative nicht darum, Frauen eine Kleiderordnung vorzuschreiben, sondern darum, die Medien auf Sexismus zu kontrollieren. Offenbar ist das eine Art Sakrileg, etwas, wovor viele Mänschen erschrocken zurückzucken und zitternd den Finger drauf richten: Zääänsur!
Nun ja, schönes Wetter heute, lieben Sie Brahms?
Am Besten sind dabei immer jene Leute, die dann die harmlosesten Fernsehspotts anführen, oder besser noch, Spots, wo der Mann als Trottel dasteht – ja, meine Lieben, dann tut mal was dagegen, dann hebt eure Hintern, die vermutlich an Bürosesseln kleben, die wiederum vor Schreibtischen stehen, auf denen wiederum ein PC steht, auf dem gerade ein Artikel für „eigentümlich frei“ geschrieben wird. Warum wird dann dieses Gesetz nicht endlich mal mitgetragen? Das wäre die halbe Miete, noch ein paar Jahre Sensibilisierung der Öffentlichkeit und ein Präzedenzfall, und die schlechte Darstellung von Männern kann genauso hops gehen – wo ist das Problem?
Angst um Meinungsfreiheit? Der Samstagnacht Porno hat dieselbe Bedeutung wie die Bücher von Erich Kästner z.B.? Wie schnell mann doch bereit ist, feministische Schriftstellerinnen eine polemische und gehässige Art zu unterstellen, aber niemand sage etwas gegen Pornos! Beschneidung von Meinungsfreiheit! Zääänsur!
Besonders wenn es dann um eine Diskussion der Frauenkleidung geht, wohlgemerkt, es ist lediglich eine Diskussion, es hat noch niemand ein Gesetz gefordert, dass Frauen Textilien bis über den Bauchnabel vorschreibt. Aber Kleider machen Leute, und so ist es also nicht verkehrt darüber nachzudenken, warum eigentlich 12jährige Mädels bauch- und fast pofrei herumlaufen. Genauso wäre die Frage angebracht, warum Politiker eigentlich immer die gleichen Anzüge tragen... Und wenn Frau Schwarzer hundertmal sagt, Frauen sollten dies oder jenes nicht tragen, wen juckt’s? Die handvoll EMMA-Leserinnen? Sicherlich nicht. Alle anderen Frauen? Auch nicht. Aber natürlich wittert der Mann hier wieder mal die Bevormundung und ja, doch auch die Ausbeutung von unschuldigen Frauen durch die pösen Lobbyistinnen, wie z.B. jene EU-Beamtinnen in Brüssel (wovon leben EU-Beamte eigentlich, von Luft und Liebe?) Die leben ja von Steuergeldern, potztausend, von jenen Steuern, die aus der „freiwilligen Arbeit von Models, Pornodarstellerinnen und Sexarbeiterinnen, die Dienstleistungen anbieten, für die es einen Markt gibt“ resultieren. Was für eine wundervolle Arbeitswelt, in denen alle Frauen den Job machen, den sie lieben, der ihnen niemals gesundheitlich schadet, und eines wussten wir ja immer schon: Frauen sind ja eh dauergeil, und jene, die eben im Pornographiegeschäft arbeiten, geben es ja nur halt zu. Und was wir auch schon immer wussten: Models bestimmen, was sie tragen, bei wem sie arbeiten und wie begehrt sie gerade sind, Pornodarstellerinnen führen selber die Kamera und schreiben die Drehbücher, und Sexarbeiterinnen, hinter denen sich wohl hauptsächlich Prostituierte verbergen, haben niemals Geldmangel und können sich immer den besten freier der Welt aussuchen, ganz abgesehen davon, dass ihr Zuhälter sie immer sehr zuvorkommend behandelt. Und diese Rosa-Kuschelbär-Welt wollen die pösen Frauen aus Brüssel zerstören, indem sie alles kaputt machen wollen, weil sie Pornographie und Prostitution beschränken und vielleicht sogar ganz verbieten wollen – und damit bösartig und perfide den vielen Sexarbeiterinnen die Lebensgrundlage entziehen – und das alles nur, weil eine Frau in Brüssel keine leichtbekleideten Damen mag, allerhand!
Pathetisch fragt Schah nun ob es denn diesen Feministinnen wirklich um Menschenwürde ginge, oder genau diese nicht mit Füßen getreten würde, wenn Männer pauschal als schwanzgesteuerte Vergewaltiger diffamiert würden. Dass es in erster Linie um die Menschenwürde der Frauen dabei geht, ist wohl an Herrn Schah vorbeigegangen und scheint ihm auch herzlich egal zu sein, wenn er sich nur darüber mokieren kann, dass Männern nur noch unterstellt würde, dass sie Frauen als Lustobjekt sehen würden, besonders, wenn sie die äußerlichen Reize einer schönen Frau zu würdigen wissen würden. Soll das heißen, ein Man würdigt die Schönheit einer rau, indem er sie als prostituierte in Anspruch nimmt? In dem Fall kann ich auf die Menschenwürde des Herrn Schah durchaus verzichten. Dummerweise sind nun mal, so ziemlich alle Freier Männer – wann macht sich die Männerbewegung da mal selber Gedanken drüber, egal was hinterher dabei herauskommt. Auch über Pornokonsum sich Gedanken zu machen, wäre ein Thema für die Männerbewegung, aber sich stattdessen nur immer auf dieses eine zu berufen: Männer werden so schlecht dargestellt, ist verdammt schwach. Unbestritten hat der Mann im Feminismus keinen guten Leumund. Bedeutet das jetzt, dass wir alles so lassen müssen wie es ist und nur noch den Ruf der Männer zu polieren haben? Ist der gute Ruf der Männer gleichbedeutend mit der totalen Legalisierung von Prostitution und Pornographie?

Xenia


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