Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: @ Nick (spätes Reply)

Emmalein, Tuesday, 27.04.2004, 23:45 (vor 7955 Tagen) @ Andreas (der andere)

Als Antwort auf: Re: @ Nick (spätes Reply) von Andreas (der andere) am 27. April 2004 18:15:42:

Hi, Andreas,

1. Das Leben der Wehr- und Sprachlosen (aber auch aller anderen) ist nicht verhandelbar.

Das ist so nicht richtig; es war in der Geschichte immer wieder verhandelbar. Behinderte wurden in vielen Kulturen (z. B. Sparta) direkt nach der Geburt getötet. In vielen Ländern gibt es die Todesstrafe für bestimmte Delikte. Und es gibt kein Verbot für das Töten im Krieg, im Gegenteil, es gibt teilweise Doktrinen über "gerechte Kriege".

2. Die Fragen nach "emanzipatorischer Selbstbestimmung" und "Recht auf Leben" müssen unbedingt entkoppelt werden und dürfen nicht als übergreifender Themenkomplex behandelt werden.

Die Erlaubnis zu einer Abtreibung hat wenig mit emanzipatorischer Selbstbestimmung, als vielmehr mit dem Wunsch zu tun, Leben zu retten. Wie, fragst Du Dich - Leben retten? Indem man Leben zerstört, oder das zumindest zulässt?

Frauen, die legal nicht abtreiben dürfen, tun es illegal. Denn die Gründe, weswegen sie abtreiben, sind nicht durch das Verbot beseitigt. Die existieren weiter - und sorgen dann dafür, dass sich die betreffenden Frauen an sogenannte "Engelmacherinnen" wenden. Solche Menschen gibt es in fast allen Kulturen. Ihre Existenz wird meist eher verschwiegen behandelt. Und die Methoden fordern oft Frauen als Todesopfer, zusätzlich zu den Kindern.

Nun gibt es vielleicht Menschen, die sagen, dass solche Frauen den Tod verdient hätten, weil sie ja Leben vernichten wollen. Aber sind solche Menschen wirklich daran interessiert, Leben zu retten -oder haben die andere Ziele? Meiner Ansicht nach eher letzteres.

Selbstbestimmung kann nur dann wahrgenommen werden, wenn man die Konsequenzen seines Handelns vorher abschätzen kann. Abtreibung als Option bedeutet - abgesehen von wirklichen Vergewaltigungsopfern - das Gegenteil, da sie von der Notwendigkeit, vorauszudenken, (scheinbar) befreit und statt dessen die "Konsequenzen" der Bedeutungslosigkeit anheim gibt. Die Verbindlichkeit dieser "Konsequenzen" allein ist es aber letztlich, die unsere Selbstbezeichnung als "zivilisierte und menschliche Gesellschaft" rechtfertigen würde. Eine Entscheidung wie die "Fristenlösung" hat daher nicht nur Auswirkungen auf das Leben der Ungeborenen, sondern auf die Verfaßtheit unserer Gesellschaft im Ganzen.
Ethik ist nicht verhandelbar!

Ethik ist nach Auffassung von vielen, auch von mir (ich bin KOnsensethikerin) eben doch verhandelbar - und sie war auch immer wieder Verhandlungssache. Mit dem Brustton der Überzeugung nannte sich unsere westliche Gesellschaft zivilisiert, obwohl das Schlagen von Kindern nicht als Gewalttat galt (Kinder vertragen ab und zu eine Tracht Prügel war die Auffasung). Sie nannte sich zivilisiert, obwohl sie Schwarze als Nicht-Menschen und Sklaven behandelte. "Zivilisation" ist als Begriff relativ. Unter Zivilisation verstehen viele Unterschiedliches.

Unser gesamtes Rechtssystem beruht letztlich darauf, dass Ethik verhandelbar ist. Denn Gesetze werden vom Parlament gemacht, das das Volk wählt. Diese Gesetze folgen ethischen Vorstellungen, die sich auch mit der Zeit geändert haben. Heute haben wir ein Wahlrecht für alle deutschen Bürger in Deutschland, kein Drei-Klassen-Wahlrecht mehr.

Ethik wandelt sich, Werte wandeln sich, Normen wandeln sich. Panta rei (Alles fliesst)

Es grüsst diogenetisch
das Emmalein


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