Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Argumentationen

Andreas (der andere), Thursday, 17.07.2003, 19:00 (vor 8238 Tagen) @ Maria

Als Antwort auf: Das gibts ja nicht von Maria am 16. Juli 2003 14:00:39:

Vor ein paar Tagen hatte ich mit den verschiedenen Analysen und Deutungen Artemisia Gentileschi's "Judith" zu tun. Es handelt sich um ein ausgesprochen brutales Bild, und die Enthauptungsszene ist mehr als drastisch dargestellt.

Dieses Bild wurde vor einiger Zeit als eine "Ikone" der Frauenbewegung gehandelt. Es erfuhr dabei Umdeutungen gemäß der feministischen Doktrin. Die Enthauptung (ursprünglich selbstverständlich in einem ganz anderen Kontext) wurde symbolisch zu einer "emanzipatorischen Befreiung"; die Tat selbst erfuhr eine schönfärberische Umdeutung. Einige verstiegen sich sogar dahingehend, dem Mord als solchem eine durch die kulturellen und historischen Umständen gerechtfertigt erscheinende Legitimation zugestehen zu wollen. Der in bestimmte Umstände eingebettete Mord sei also nicht so schlimm wie einer, der diese Begleitumstände nicht aufzuweisen hätte ...

Aber Ursache und Tat sind zwei ganz verschiedene Sachen, auch wenn sie sich überschneiden und miteinander zu tun haben. Eine Bewegung, die gegen gesellschaftliches Unrecht vorgehen will, darf sich selber nicht zur legitimatorischen Instanz anderen Unrechts machen und dieses dann, "aus der Situation gesehen", als weniger schwerwiegend einstufen. Das wäre unethisch. Es gibt keinen gerechtfertigten Mord, keine Umstände, die ihn weniger schlimm machen würden. Einen Menschen zu töten bleibt immer eine verurteilungswürdige Tat, und ohne Ausnahme.

Ich denke, Maria weist da auf etwas wichtiges hin: Wenn wir so einem Verbrechen eine Rechtfertigung verleihen wollen, weil "in Wahrheit ja die Mutter dafür verantwortlich" war (auch eine Spekulation übrigens, denn die wirklichen Umstände dieses speziellen Falles kennt hier wohl niemand), dann bedienen wir uns derselben Mittel wie diejenigen, die wir eigentlich dafür kritisieren wollen, und unsere Sache wäre letztendlich um keinen Deut besser. - Damit soll nicht gesagt sein, daß es sich nicht tatsächlich so oder so zugetragen haben kann. Aber das sind wie gesagt zwei verschiedene Dinge, und die ethische Frage darf keinen Kompromiß eingehen.

Freundliche Grüße

Andreas


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