Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Das Guillotine-Prinzip

Nick, Friday, 15.10.2004, 13:58 (vor 7784 Tagen) @ Maesi

Als Antwort auf: Re: Das Guillotine-Prinzip von Maesi am 14. Oktober 2004 20:00:37:

Hallo Maesi!

Die verklärende Losung "Liberté, égalité, fraternité", die heute jedem so geläufig ist als angebliches Motto der französischen Revolution (und wie sie ja auch auf jeder französischen Euro-Münze abgedruckt ist), ist eine Nachdichtung von 1871, ein reiner Mythos also, der mehr als ein ganzes Menschenalter später erfunden wurde. Den Zeitgenossen war das am Ende des 18. Jahrhunderts genauso unbekannt, wie den Eidgenossen der angebliche Wilhelm Tell und der angebliche Geßlerhut. Aber (offizielle) Geschichte ist halt immer das, was nachher mythologisch drüber erzählt wird - bloß bei dem Tell weiß man's wenigstens noch, während man es bei der "Großen Revolution" inzwischen tatsächlich ganz 'vergessen' hat.

Wenn es überhaupt einen solchen Dreiklang gab, dann lautete er: "Liberté, égalité, propriété" (Freiheit, Gleichheit, Eigentum). Von Brüderlichkeit war nirgendwo eine Spur zu finden, nicht nur nicht im "Wohlfahrtsausschuß" mit seiner geölten Mordmaschine, sondern schon in der ganzen Zielsetzung der Erhebung. Der wahre Vorgang war einfach die Übernahme des absolutistischen Staates durch die besitzenden Bürger. Semikolon. Passend gemacht für's richtig große Geschäft. Punkt.

Die "Großen Revolution" ist - neben der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung - der Gründungsmythos der Moderne schlechthin. An dem kann also einfach nicht gerüttelt werden. An den wird man zäh weiterglauben, solange die Sache andauert. Dabei wäre es sehr lohnend, über die Wirkungsgeschichte dieses Mythos nüchterner nachzudenken. Alle Ideologien der Moderne gründen letztlich darauf... und dennoch erscheinen sie den Zeitgenossen post festum stets als Negation der "eigentlichen" Freiheit. In Wahrheit aber ist "doktrinärer Idealismus gepaart mit Maßlosigkeit" gar nicht die "schlimmstmögliche" - sondern meistens die Standard-Kombination gewesen. Und die ist jederzeit reaktivierbar. Wir wohnen dem gerade wieder mal bei, in Europa sogar noch rasanter, als in den USA, fürchte ich...

Die von dir angesprochene Entkoppelung von Freiheit und Verantwortung diskreditiert in der Tat jede Behauptung einer angeblichen Emanzipation als alberne Farce. Bloß stört das halt kaum einen. Die meisten kommen sich nun mal fürchterlich frei vor. Was will man dagegen machen? Dabei könnte man heute doch mit gutem Recht von geistiger Massentierhaltung reden. Es kommt aber eben nicht auf die Wahrheit, sondern nur auf das "gute Gefühl" an. Und dafür war allemal eine Farce völlig ausreichend.

Ob die Neigung zum Terror im Menschen drinsteckt? Doch, ich fürchte leider schon. Das Gegenteil steckt zwar genauso drin, aber das kümmert die meisten ja nicht so besonders. Das hat es sowieso um so schwerer, je ordinärer und primitiver die Reizworte sind, die den Terror herausrufen. Gerade das hat sich jedoch eher zum noch Minderen entwickelt: selbst der Pathos ist inzwischen offen vulgär. Inzwischen denkt jeder Hanswurst, er sei jemand ganz Großartiges, auf den die Weltgeschichte seit Jahrtausenden gewartet und jetzt unbedingt Rücksicht zu nehmen hätte - und merkt gar nicht, daß das nur das Betäubungsgas ist, das ihn auf dem Weg zum Schlachthof ruhigstellt.

Daß das Ganze wieder mal Terror gewesen ist, das erfahren die meisten Leute sowieso immer erst, wenn er wieder vorbei ist. Und daß sie sich daran beteiligt hätten, das wollen sie sowieso niemals nie nicht wahrhaben... vorher schon gleich gar nicht.

Gruß vom
Nick


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