Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: "Höllisches Patriarchat und himmlisches Matriarchat"

Maesi, Tuesday, 12.10.2004, 22:14 (vor 7786 Tagen) @ Sven

Als Antwort auf: "Höllisches Patriarchat und himmlisches Matriarchat" von Sven am 12. Oktober 2004 08:46:59:

Hallo zusammen

"Höllisches Patriarchat und himmlisches Matriarchat"
[...]In der Zwischenzeit zerbröckelt diese biologische Sicht von Geschlechteridentität. Allerdings thematisieren das nicht so sehr die Geisteswissenschaften, sondern Politikentwürfe für das zukünftige Europa. Mit der Politik des Gender Mainstreaming wird dem polarisierten Geschlechterverständnis ganz pragmatisch zu Leibe gerückt. Beide Welten, die der Frauen und der Männer, sollen gleichermaßen untersucht und mit Hilfe von Politik verändert werden. Das abwechslungsreiche Verhältnis beider zueinander soll wieder an die Stelle unversöhnlich phantasierter Polarität treten.

Aus Sicht der Biologie gibt es beim Menschen zwei Geschlechter; beide sind zu dessen Fortpflanzung notwendig. Das soziale Geschlecht fusst bekanntlich auf dem 'kleinen' biologischen Unterschied geht aber weit ueber diesen hinaus. Die Einfuehrung des Begriffes 'soziales Geschlecht' oder in Neudeutsch 'gender' mag aus sozialwissenschaftlicher Sicht sinnvoll sein; sie bringt uns in der politischen Debatte aber nicht wirklich weiter, weil dort schon immer vornehmlich vom sozialen Geschlecht die Rede war - auch wenn das nicht explizit so bezeichnet wurde. In der Praxis wird wohl lediglich der Begriff 'sex' durch 'gender' ersetzt, ansonsten bleibt alles wie gehabt.

Weshalb ausgerechnet Gender Mainstreaming (GM) dem polarisierten Geschlechterverstaendnis pragmatisch zu Leibe ruecken soll, kann ich ueberhaupt nicht nachvollziehen - hier teile ich Eugens Meinung voll und ganz. Gerade der Mainstreaming-Ansatz postuliert, dass das vorherrschende Geschlechterbild allgemeine Gueltigkeit bekommen soll; soweit also bereits jetzt ein polarisiertes Geschlechterverstaendnis in der Gesellschaft vorherrscht, wird der GM-Ansatz dieses noch zementieren und verstaerken. Fast zwei Generationen lang waehrende einseitige Skandalisierung, Hysterisierung und Frauenopferkult sind nicht spurlos an der Gesellschaft voruebergegangen, und das wurde systematisch von genau jenen betrieben, die heute in den Gleichstellungsstellen hocken, sich als verantwortlich fuer die vorherrschende Geschlechterpolitik zeichnen oder sich in den Medien als Gewaltexperten aufspielen. Die praktische Durchfuehrung von GM wird logischerweise in deren Haende gelegt werden und es gehoert eine gehoerige Portion Naivitaet dazu zu glauben, dass mit dem Zuschanzen von noch mehr Macht an diese ideologisch taktierende Gruppe sich etwas aendern wird.

Sofern es den Maennern laengerfristig gelingt, in der durch GM aufgeblasenen Gleichstellungsbuerokratie ihre Interessenvertreter einzubringen, werden diese keineswegs zusammen mit den Fraueninteressenvertretern haendchenhaltend harmonisch ueber neue Loesungsmoeglichkeiten meditieren. Eingedenk der Tatsache, dass die Maenner jahrzehntelang als Suendenboecke diffamiert und politisch ueber den Tisch gezogen wurden, wird vielmehr knallhart um Kompromisse gefochten werden; und natuerlich werden alle Interessenvertretungen versuchen, ihre eigene Klientel zu mobilisieren und auf die offiziellen 'Parteilinien' einzuschwoeren. So laeuft seit jeher in menschlichen Gesellschaften der Prozess des Interessenausgleichs zwischen verschiedenen Anspruchsgruppen und es besteht keinerlei Grund zu glauben, dass das zwischen den Geschlechtern ploetzlich anders sein wird.

Die in bestimmten Bereichen der soziologischen Forschung vorgenommene, ideologisch bedingte Aufspaltung in die beiden Geschlechter und deren strikt getrennte (oftmals sogar voellig einseitig frauenzentriert vorgenommene) Betrachtung ist ein wissenschaftlicher Suendenfall; durch das Instrument des GM wird die ideologische Einflussnahme auf die Wissenschaften keineswegs beseitigt sondern sogar noch verstaerkt. Der Geschlechterforscher wird sich inskuenftig mehr denn je mit politisch-ideologischen Erwartungshaltungen konfrontiert sehen; sofern die Maenner sukzessive ihre eigenen Interessenvertreter in den betreffenden politischen Gremien einzubringen vermoegen, werden neben den bestehenden feministischen zunehmend auch diverse maskulistische Ideologien auf die Forschung Einfluss nehmen.

Fazit: Durch die Einfuehrung von GM wird die Geschlechterforschung zum Spielball der diversen politischen Interessengruppen. Allenfalls wird eine durch GM kurzfristig verstaerkte feministisch-ideologische Einflussnahme auf Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die Maenner schneller dazu bringen, ihre eigenen Interessen zu formulieren und wahrzunehmen; dadurch wird das Pendel (nach kurzfristiger Verschlechterung) langfristig wieder zugunsten der Maenner zurueckschwingen. Da man im GM-Ansatz alles unter dem Geschlechteraspekt betrachtet und nach diesen Massstaeben Privilegien, Foerderungen, Pflichten, Lasten usw. auf die Geschlechter aufteilt, wird es IMHO zu einer weiteren geschlechterpolitischen Polarisierung der Gesellschaft kommen, der sich kaum jemand entziehen kann - und diese bleibt bestehen, solange GM existiert. Mit der konsequenten geschlechterspezifischen Einfaerbung der gesamten Politik wird man also genau jenen 'Kriegsschauplatz' zwischen den Geschlechtern schaffen und systematisch erweitern, den man vorgeblich verhindern will. Wie schlau es ist, zuerst einen 'Krieg' zu entfachen, um nachher einen 'Waffenstillstand' schliessen zu koennen, muss jeder selbst beurteilen; ich halte jedenfalls nichts davon, befuerchte jedoch, dass inzwischen die Ereignisse eine derartige Eigendynamik entwickelt haben, dass die 'logische' Entwicklung nur noch schwer aufzuhalten ist - wenn ueberhaupt.

Gruss

Maesi


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