Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: TOLERANZ - was ist das eigentlich?

Nick, Thursday, 28.10.2004, 09:36 (vor 7771 Tagen) @ Rüdiger

Als Antwort auf: Re: TOLERANZ - was ist das eigentlich? von Rüdiger am 27. Oktober 2004 21:47:19:

Hallo Rüdiger,

ja, das ist ein schlimmes, ein im Wortsinne tödliches Problem, daß die europäischen Strukturen zumal dermaßen schwach im Geiste geworden sind, daß sie die Kraft verloren haben, die eigenen Werte zu bewahren und zu verteidigen. Das hat sich seit damals (vor 70 Jahren, "Stalin" etc.) wirklich um Größenordnungen verschlechtert. Der Nationalstaat hatte wenigstens noch gewisse Möglichkeiten des Selbstschutzes, auch wenn die gegenüber der stalinistischen Gewaltherrschaft natürlich ungleich geringer waren. Aber man konnte sich doch immerhin verteidigen und bewahren. Es zeigt sich, daß die bürokratisierte EU das überhaupt nicht mehr kann. Sie ist gegen Bedrohungen von außen (z.B. Islamismus, Terror etc.) ebenso ungeschützt, wie gegen die totalitären Vorstöße, die von innen her vorgetragen werden.

Jüngstes Beispiel für letzteres: das Scheitern / Kapitulieren Barrosos vor dem EU-Parlament wegen des italienischen EU-Kommissars Rocco Buttiglione! Das ist ein wirklich sehr tiefreichender, bedeutender Skandal, mit ganz, ganz weitreichenden Implikationen. Im Kern ist es die Aufkündigung der Toleranz und der erste massive - und erfolgreiche! - Versuch, links-grün-feministischen Mainstream als Staatsideologie in Europa durchzusetzen! Die Sozialisten und die Grünen sind (mit einem Teil der Liberalen) damit durchgekommen, einen Mann ausschleißlich wegen seiner Religionszugehörigkeit abzuschießen - und das ungeachtet dessen, daß es mal eben 200 Millionen Katholiken in der EU gibt! Ein sagenhafter Coup! Wenn das die neue Geschäftsgrundlage bleiben sollte, dann hieße das nichts anderes als: "Katholiken dürfen ab sofort kein hohes politisches Amt mehr in der EU bekleiden!" Denn Buttiglione ist einzig und allein deswegen abgelehnt worden, nicht etwa wegen der Politik, die er gemacht hat und macht.

Man muß also inzwischen gewissermaßen schwul oder feministisch sein und eine Vergangenheit als Politchaot und Straßenkämpfer aufweisen können, um noch "salonfähig" zu sein für Führungsaufgaben in Europa! Wie atemberaubend unverschämt und v.a. hochgefährlich das ist, begreift man ganz gut, wenn man die Sache einfach mal umdreht: "Umgang auf Wechselseitigkeit" also. Stell dir vor, ein EU-Kommissar würde abgelehnt, "weil er schwul ist" - oder meinetwegen, "weil sie eine Frau ist". Wäre das so herum denkbar? Eben! Das ist jedoch haargenau analog. Nur mit dem winzigen Unterschied, daß es so besonders viele Schwule und Feministinnen garnicht gibt in Europa. Trotzdem beanspruchen sie inzwischen nicht nur die Mehrheit, sondern sogar die absolutistische Definitionsmacht.

Da braut sich etwas Hochgefährliches zusammen, das in Richtung bürokratische, totale Diktatur geht. Besonders besorgniserregend dabei ist, wie wenig die Tragweite des Geschehens seitens der Gesellschaft überhaupt noch wahrgenommen wird. Die Fähigkeit, die Realität angemessen wahrzunehmen, ist offenbar grundlegend beschädigt. Ich gewinne immer mehr den Eindruck, daß die Denkfähigkeit selbst zerstört ist, daß mit dem Gehirn gewissermaßen nur noch "gezappt" wird, eine freie Assoziation von dummen Slogans, wilden Schlagworten und zusammenhanglosen Gedankenfetzen, die sich wahllos und bunt aneinanderreihen wie ein flimmernder MTV-Clip für spastisch zuckende, einfältige Minderjährige - und das Ganze wird dann "Denken" genannt. Es ist schier zum Verzweifeln! Aber wahrscheinlich ist das eben nur der Vorhof zur alsbaldigen Notschlachtung...

War noch was? Ach so, ja, das hier:

"Anfangs forderte das Christentum religiöse Toleranz von den "Heiden", kaum aber war die christliche Religion im Römischen Reich Staatsreligion geworden, wollte man von Toleranz nichts mehr wissen, und die Verfolgung der Nichtchristen begann ...."

Die Christen forderten v.a. erst mal, daß sie nicht mehr zur allgemeinen Belustigung in Arenen gepfählt und den Löwen vorgeworfen werden. Wenn man das schon Toleranz nennen will, daß das bitte unterbleibt, naja... Sie selbst haben diese grausamen Veranstaltungen in Rom aber beendet und eben nicht auf ihre Gegner angewandt. Daß auch ein christlich gewordenes Imperium aber selbstverständlich Realpolitik betrieben hat und betreiben mußte, ist für mich eine so offenkundige Selbstverständlichkeit, daß ich mich immer wieder über diesbezügliche Stereotypen wundere (Slogan-Denken?). Aber ich begreife inzwischen, daß dahinter eigentlich ein Kompliment steckt: noch immer erwartet man nämlich von den Christen, daß sie um Lichtjahre bessere Menschen sein mögen, als alle anderen Leute. Das ist zwar völlig unrealistisch, weil Christen nun mal auch nur Menschen sind, kein bißchen anders oder besser als andere. Aber das christliche Ideal hat die Welt eben dennoch geprägt und ganz subtil, aber tief und nachhaltig umgestaltet. Die Kraft des Guten, die darin liegt, gegen jede Wahrscheinlichkeit und in einem Ozean von Tränen und Blut, Wahnsinn und Verzweiflung, wird also mit solchen stereotypen Anfragen im Grunde nicht widerlegt, sondern kraftvoll bestätigt. 2000 Jahre geht das jetzt schon so... :-)

"Was ist verkehrt daran, wenn man (à la francaise) eine strikte Trennung von Kirche und Staat und eine religiös neutrale Schule will?"

Daran ist gar nichts verkehrt, im Gegenteil, das ist sogar Voraussetzung und Quelle jeder Toleranz, daß es so zugeht, und eben nicht "staatsreligiös". Exakt deswegen ist es aber gerade so überaus bedenklich, wenn jetzt eine neue, säkulare "politische Staatsreligion" versucht, sich zu absolutistischen Höhen aufzuschwingen (s.o.: "Buttiglione"). "Trennung von Kirche und Staat" bedeutet ja nicht, wie es die Anhänger dieser links-grünen Genderreligion gerne hätten "Abschaffung der Kirche durch den Staat". Darauf läuft es aber im Prinzip hinaus. Ich finde es z.B. nicht in Ordnung, wenn zwar ein Schwuler als Schwuler zum Unterricht vor seine Klasse treten darf - nicht aber eine katholische Nonne als Nonne. Wo liegt das Problem, hier sauber zu unterscheiden? Wo liegt das Problem, die Gefahren für die Freiheit aller Bürger zu erkennen, wenn diese "säkulare Religion" verbindlich werden sollte?

Herzlicher Gruß
vom Nick


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