Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Heimat und Modernität

Ruth Teibold-Wagner, Wednesday, 27.10.2004, 18:46 (vor 7771 Tagen) @ gibsmir

Als Antwort auf: Re: Erhobenen Hauptes mit offenem Blick in die Augen schauen von gibsmir am 27. Oktober 2004 10:40:56:

Hallo,

Du hast natürlich recht mit Deiner Definition des Konservativen. Konservativ heißt natürlich zunächst einmal "bewahrend".

Die meisten heutigen Konservativen sehen sich in ihrem Selbstverständnis jedoch nicht NUR als "Bewahrende". Man kann sie nicht auf die EINE, bewahrende Seite statisch reduzieren. Sie sehen sich selbst als "moderne" Konservative oder "Neo-Konservative", die der Moderne gegenüber offen sind.

Im Begriff des Neo-Konservativismus bildet der Widerspruch, den Du richtig erkannt hast, eine Einheit:
"Laptop UND Lederhose." "Wir können alles. AUSSER Hochdeutsch."
Wir sehen in diesen bekannten neo-konservativen Werbe-Mottos jeweils eine innere antithetische Spannung, die in einer Synthese gebündelt ist.

Die Synthese lautet ungefähr so:
"Wir sind heimatverwurzelt, wir wollen unsere Heimatidentität erhalten, UND wir klimpern zugleich als global player locker und virtuos auf dem Laptop und exportieren unsere Produkte in alle Welt."

So ungefähr ist das seit langem Konsens innerhalb des konservativen Diskurses. Natürlich sind die beiden Mottos nur Schlagworte, in denen eine ganze komplexe Haltung wie in einem Brennglas verdichtet ist.

Nach dieser Definition von konservativ ist das, was du behauptest ganz einfach ein Widerspruch, da kannst Du dir noch so eine tolle Theorie zusammenstricken. Du hast natürlich recht, daß der Versuch der Grünen, die Schöpfung zu bewahren, sehr konservativ ist. Was mich dabei wundert ist, daß die konservativen Parteien genau in diesem Punkt genau das Gegenteil von konservativ sind mit ihrer "Nach-mir die Sintflut"-Politik und die Grünen massiv angreifen bei der kleinsten umweltpolitischen Maßnahme.

Da kommt die innere Spannung zum Vorschein, von der ich sprach, und die Du als unauflösbaren Widerspruch interpretiertest. Diese Spannung in sich aufzunehmen und mit ihr zu spielen, ist etwas sehr Produktives. Eine solche Dialektik erzeugt Dynamik und Vitalität.

Es gibt viele Konservative, die gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie sind. Andere sind dafür. Da verläuft nach konservativer Ansicht gar nicht die Front zwischen den Lagern. Die eigentliche Front verläuft nach Auffasssung der Konservativen nicht in solchen politischen Einzelfragen, sondern in grundsätzlichen Wert-Fragen.

Warum beansprucht ihr Rechten eigentlich immer "Heimatverbundenheit" für euch? Ich selbst sehe mich politisch in der Mitte bis leicht links stehend an, und ich beanspruche auch für mich, meine Heimat zu lieben.

Niemals würde ich sagen, dass "Linke" (was immer das ist) ihre Heimat nicht lieben könnten. Heimat darf nicht vereinnahmt werden, das sehe ich auch so. Heimat-Vereinnahmung ist etwas sehr schlechtes, sie grenzt aus, statt integrierend zu wirken. Aber es gibt sehr viele Linke, die ihre Heimat vergessen haben oder sich sogar für sie schämen.

Und zwar vor allem die Menschen und die Natur darin, weniger das abstrakte Gebilde "Deutschland".

Sehe ich auch so.

Wie könnt ihr Rechten euch "heimatverbunden" nennen, wenn ihr nur den "Standort Deutschland" liebt, aber die Natur und die Menschen darin vor die Hunde gehen laßt?

Richtig, Heimat ist mehr als nur "Standort". Aber sie ist natürlich AUCH Standort.

Nicht nur eine Region, Landstrich oder ein Dorf kann Heimat sein, sondern gerade auch eine Stadt, ein "Kiez", ein "Revier". Moderne Heimat ist nicht abgegrenzte, verklärte Idylle wie im 19. Jahrhundert. Moderne Heimat besitzt Dynamik und Offenheit.

Moderne Technologie muß im 21. Jahrhundert auch immer den Anspruch der Nachhaltigkeit erfüllen, die veralterte "Dreckschleudertechnologie" aus dem 20. Jahrhundert ist keine moderne Technologie.

Kein Dissens meinerseits.

Ich finde die Diskussion übrigens sehr gelungen und auch wichtig.

Gruß
Ruth


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