Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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NPD begeht auch den Fehler, eine "Verschwörung" zu bemühen

Paul, Tuesday, 21.09.2004, 18:20 (vor 7807 Tagen) @ Guildo

Als Antwort auf: Re: Die Verlierer der Gesellschaft wählten Radikale von Guildo am 21. September 2004 13:06:37:

Hi Guildo,

es ist der Tat interessant, diese Thesen beschreiben nicht nur die Probleme der Globalisierung relativ gut, es ist eben auch eine Seltenheit, daß diese so deutlich ausgesprochen werden. Allenfalls von Gruppen am linken Rand des politischen Spektrums ist man dies gewöhnt. Auch dort allerdings mit einer kruden, menschenverachtenden Ideologie im Schlepptau.

Aber die NPD unterliegt, ebenso wie eigentlich auch alle linke Gruppierungen einem gewaltigen Irrtum: Es ist eben keine "Verschwörung" von bösen Kapitalisten, die hinter der Globalisierung und den damit verbundenen Problemen steckt. Im Gegenteil, es ist so, daß es zu diesen Problemen vor allem deshalb kommt, weil _keine_ Absprachen (jedenfalls keine konstruktiven) von Unternehmen und Staaten aufgrund gegenseitiger Konkurrenz geben kann. Ausnahmen in bestimmten Branchen bestätigen wie immer die Regel.

Das klingt zuerst vollkommen unlogisch, ist es aber nicht. Denn man muß sich klar sein, daß der Prozess des Lohndumpings und Sozialabbaus mir nur dann Vorteile (egal ob als Staat oder Unternehmen) bringt, solange es noch irgendjemanden gibt, bei dem dieser Prozess weniger fortgeschritten ist, und an den ich die (billiger) erzeugten Produkte verkaufen kann (d.h. ich brauche ein Exportland, in dem die Bevölkerung über eine relativ hohe Kaufkraft verfügt). Diese Abnehmerländer werden aber ebenfalls verschwinden, da diese längerfristig auch nur zwei Alternativen haben: Sie machen beim Dumping mit, dann sinkt die Kaufkraft deren Bevölkerung ebenfalls. Oder sie verweigern sich dem Dumping, dann verarmen sie aufgrund fehlender Wettbewerbsfähigkeit.

Nun ist es aber spieltheoretisch so, daß die Teilnahme am "Dumping" zumindest einen kleinen Vorteil bietet: Sie ist _relativ_ zur Konkurrenz eine etwas günstigere Strategie, als sich dem globalen Wettbewerb zu verweigern, sofern man nicht weiß, wie sich die Konkurrenz verhält und aufgrund des Wettbewerbs in der Regel auch keine Absprachen mit der Konkurrenz möglich sind (was in der Realität der Fall ist). Dies gilt für Unternehmen ebenso wie für Staaten.

Nennen wir mal die zwei Strategien "Globalisierungteilnahme" und "Globalisierungsverweigerung", und überlegen, wohin sie uns führen, wenn wir _nicht_ wissen, was die Konkurrenz macht (in diesem speziellen Fall aus der Pespektive von Staaten)

"Globalisierungsteilnahme" führt bei
a) Globalisierungsteilnahme der anderen Staaten zu
--> Kurzfristig: Keine Veränderung der Wettbewerbsitutation zu anderen Staaten
--> Langfristig: Vernichtender Wettbewerb zwischen den Staaten
b) Globalisierungsverweigerung der anderen Staaten zu
--> Kurzfristig: Wettbewerbsvorteilen gegenüber der anderen Staaten
--> Langfristig: Andere Staaten fallen aufgrund deren Verarmung infolge von Wettbewerbsunfähigkeit als Nachfrager weg

"Globalisierungsverweigerung" führt bei
a) Globalisierungsteilnahme der anderen Staaten zu
--> Kurzfristig: Wettbewerbsnachteilen im Vergleich zu anderen Staaten
--> Langfristig: Verarmung infolge von Wettbewerbsunfähigkeit
b) Globalisierungsverweigerung der anderen Staaten zu
--> Kurzfristig: Keine Veränderungerung der Wettbewerbsituation
--> Langfristig: Keine Veränbderung der Wettbewerbsitutation

Wenn man sich alle Varianten anschaut, sieht man sofort, daß die einzige Strategie, die mir kurzfristig Vorteile bringen kann "Globalisierungsteilnahme" ist - aber auch nur, solange die Konkurrenz sich der Globalisierung verweigert. Sobald alle diese Strategie fahren, führt diese insgesamt zu einem vernichtenden Wettbewerb.

Ein Unternehmen oder Staat wird allerdings die Strategie wählen müssen, die unabhängig von dem, was die anderen tun, die günstigste ist, und zwar deswegen, weil es aufgrund des Wettbewerbs untereinander keine Vertändigung über die für ALLE beste Strategie gibt. Erschwerend kommt hinzu, daß sowohl in Politik und Unternehmen aufgrund der Wettbewerbssituation auch immer kurzfristiger gedacht wird, also nur bis zu den nächsten Wahlen oder in Bezug auf den "Shareholder value". Wenn man nur die kurzfristigen Ergebnisse der Strategien anschaut, sieht man nämlich, daß "Globalisierungsteilnahme" kurzfristig _mindestens_ ein neutrales Ergebnis bringt, "Globalisierungsverweigerung" _maximal_ ein neutrales Ergebins.

Das ganze sind keine bahnbrechend neuen Überlegungen, und ich wette, daß diese den meisten Verantwortlichen und Wirtschaft und Politik bekannt sind. Allerdings ist es kaum möglich, eine Lösung für dieses Dilemma zu finden, da es unmittelbar mit einer der Grundvoraussetzungen für ein marktwirtschaftliches System, nämlich dem Wettbewerb zusammenhängt. Der Wettbewerb ist nicht nur der Grund, warum dieses System lange Zeit das beste und anpassungsfäähigste aller denkbaren Systeme war, er ist jetzt ironischerweise auch der Grund, warum das System aufgrund veränderter "Umgebungsvariablen" ("Globalisierung" wurde ja primär aufgrund technischer und gesellschaftlicher Veränderungen erst möglich) vor einer seiner schwersten Krisen steht.

Gruss,
Paul


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