Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Auch kein Männerparadies.

Garfield, Tuesday, 30.12.2003, 10:59 (vor 8074 Tagen) @ Rüdiger

Als Antwort auf: Re: Auch kein Männerparadies. von Rüdiger am 29. Dezember 2003 20:13:05:

Hallo Rüdiger!

Was du hier schreibst, hat weniger mit Unterdrückung von Frauen zu tun, dafür aber mehr mit anderen Sitten, die in anderen Ländern nun einmal herrschen.

In islamischen Ländern ist es häufig üblich, daß unverheiratete Frauen nicht außerhalb des Elternhauses übernachten dürfen. Deshalb findet man in Ägypten auch kaum Frauen auf Nildampfern. In Hotels dagegen arbeiten sie sehr wohl.

Das hat auch bestimmte Gründe, und zwar genau dieselben, die früher auch hierzulande dafür gesorgt haben, daß man bei unverheirateten Frauen streng auf Jungfräulichkeit achtete. Kinder waren nämlich auch früher nicht billig. Zwar gab es im Mittelalter keine Schulpflicht, und aus dem einfachen Volk konnte auch niemand studieren. Die Kinder mußten also sehr früh ins Berufsleben einsteigen und lagen den Eltern somit nicht so lange auf der Tasche wie heute. Dafür gab es aber auch nicht die heutige Unterstützung in Form von Kindergeld usw. Nur alleinstehende Frauen mit Kindern erhielten zuweilen Unterstützung von der Kirche oder von kommunalen Einrichtungen, aber auch das war ihnen keineswegs sicher. Kinder waren also auch damals schon ein wesentlicher Kostenfaktor, zumal man in der Regel mehr Kinder hatte als heute. Dazu kam dann noch, daß man Töchtern bei der Heirat eine Mitgift mit in die Ehe geben mußte. Bei Söhnen mußte dagegen manchmal ein Brautgeschenk finanziert werden (und in der arabischen Welt ist es häufig noch heute üblich, daß der Vater dem Sohn und seiner zukünftigen Familie ein Haus baut oder finanziert, sofern er sich das leisten kann).

Aus diesen und auch aus evolutionsbedingten Gründen war damals kein Mann scharf darauf, ein Kind zu finanzieren, das nicht sein Kind war.

Heute ist das für viele Männer hierzulande kein Thema, da dann der echte Vater in der Regel Alimente zahlen muß. Sowas gab es früher nicht. Da hatte jede Mutter eines unehelichen Kindes üblicherweise das Recht, dieses Kind ein Jahr nach der Geburt (wenn es also nicht mehr gestillt werden mußte) einfach beim Vater abzugeben, der dann verpflichtet war, für das Kind zu sorgen. Und wenn eine verheiratete Frau fremdging und von ihrem Liebhaber schwanger wurde, ließ sich häufig nicht nachweisen, daß das Kind nicht von ihrem Ehemann war.

Wenn sie aber schon vor der Ehe schwanger war und mit ihrem zukünftigen Ehemann noch keinen Sex hatte, war ja klar, daß das Kind nicht von ihm war. Dann zeigte natürlich kein Mann viel Neigung, sich das Kind eines anderen Mannes und die damit verbundenen Kosten aufzuhalsen. Die Hochzeit fiel dann also in der Regel aus, und die Eltern hatten das Problem, ihre Tochter anderweitig unter die Haube zu bekommen. Wenn sie das nämlich nicht schafften, mußten sie sie in der Regel bis an ihr Lebensende ernähren, falls sie wenig Neigung zeigte, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten. Es gab dann nur noch ein Mittel, um sie doch noch zu verheiraten: Eine deutlich höhere Mitgift.

Das alles ließ sich vermeiden, wenn man darauf achtete, daß die Tochter eben nicht vor der Ehe schwanger wurde. Dann konnte man darauf verweisen, daß sie noch Jungfrau ist, und dann war auch keine so hohe Mitgift nötig. Den Eltern sparte das viel Mühe und vor allem viel Geld.

Heute ist das hierzulande nicht mehr nötig und deshalb mittlerweile auch kein Thema mehr. In vielen islamischen Ländern sieht das aber noch anders aus. Da gibt es viele Sozialleistungen, die für uns selbstverständlich sind, gar nicht. Da müssen die Eltern teilweise nach wie vor eine Mitgift finanzieren, und so achten sie eben auch mehr darauf, daß ihre Töchter als Jungfrauen in die Ehen gehen. Das geht keineswegs nur von den Vätern aus, sondern mindestens genauso sehr auch von den Müttern. Durchgesetzt wird es meist von den Brüdern, die von der Gesellschaft dazu vergattert werden, auf ihre Schwestern aufzupassen. Das erscheint dann auf den ersten Blick so, als würden die Männer die Frauen ja ganz furchtbar unterdrücken. Tatsächlich resultiert das aber aus gesellschaftlichen Regeln, die immer auch von Frauen geprägt wurden.

Natürlich erscheinen uns solche Sitten oft befremdlich. Aber manche Moslems finden einige Verhältnisse hierzulande genauso merkwürdig. Wenn man in einem völlig anderen Kulturkreis aufgewachsen ist, versteht man vieles eben nicht oder falsch. Man sollte sich dann aber davor hüten, etwas, das man nicht versteht, pauschal zu verurteilen. Man muß immer erst einmal überlegen, wieso es eigentlich so ist. Denn es gibt für fast alles einen Grund.

Übrigens arbeiten in arabischen Ländern sehr wohl auch Männer im Dienstleistungssektor. In ägyptischen Hotels sieht man mehr männliche als weibliche Angestellte, vor allem in Putz-Jobs. Frauen habe ich dort vor allem als Kellnerinnen gesehen, oder als Betreuerinnen oder Animateurinnen für Touristen (letztere waren dann oft aber Europäerinnen, wegen der Sprachkenntnisse).

Daß in manchen reichen Öl-Ländern ausländisches Dienstpersonal beschäftigt wird, hängt wohl mehr damit zusammen, daß das entweder sehr kleine Länder sind, wo der größte Teil der Bevölkerung vom Öl-Reichtum profitiert oder aber daß die Reichen dort aus verschiedenen Gründen Dienstpersonal aus dem Ausland bevorzugen.

Ob die Männer in der islamischen Welt besser dran sind, möchte ich bezweifeln. Beispielsweise wird immer kritisiert, daß Frauen in islamischen Ländern Schleier tragen müssen. Erst einmal stimmt das so nicht für alle islamischen Länder. Und dann ist es auch so, daß die Männer dort prinzipiell genauso herumlaufen. Die tragen dort auch meist weite, schleierartige Kleidung und auf dem Kopf einen Turban. Weil solche Kleidung im dortigen Klima und in den dort häufig vorkommenden Wüstengebieten am angenehmsten ist. Außerdem ist es oft keineswegs so, daß die Frauen Schleier oder Kopftücher nur gezwungenermaßen tragen. In Deutschland klagen immer wieder islamische Frauen dafür, überall Kopftücher tragen zu dürfen! Sie sehen das als Teil ihrer Kultur.

Aber ähnliche Regeln gibt es doch hierzulande auch. Versuch mal, nackt durch eine deutsche Stadt zu gehen. Es würde mich mal interessieren, wie weit du kommst, und ob du dann am Ende "nur" ein Bußgeld berappen mußt oder gleich vor Gericht landest und auch obendrein noch in der Kartei für Sexualstraftäter registriert wirst, inklusive DNA-Daten.

Nun wirst du vielleicht einwenden, daß das doch etwas anderes wäre. Aber wieso sollte das etwas anderes sein? Es ist genau dasselbe. Hier bei uns ist es eben üblich, daß man nur bekleidet an die Öffentlichkeit geht. Nackt außerhalb der eigenen Wohnung oder außerhalb von FKK-Gebieten herumzulaufen gilt als unschicklich und wird entsprechend geahndet. In manchen islamischen Ländern gilt es eben für Frauen als unschicklich, unverschleiert an die Öffentlichkeit zu gehen. Oder es gilt für Männer als unschicklich, keinen Bart zu tragen.

Aus feministischer Sicht ist das natürlich Frauenunterdrückung. Aber was ist aus feministischer Sicht keine Frauenunterdrückung? Wenn Frauen im knappen Mini herumlaufen, ist das laut Alice Schwarzer auch frauenfeindlich.

Sicher ist es nicht gerade als positiv zu werten, wenn eine Frau gegen ihren Willen einen Schleier tragen muß. Aber ist es positiv, wenn ein Mensch, der gern nackt herumläuft, hier in Deutschland dazu gezwungen wird, Kleidung zu tragen? Es gibt tatsächlich Menschen in Deutschland, die sich dafür einsetzen, überall nackt herumlaufen zu können. Auf viele Menschen wirkt das befremdlich - genauso wie manche Moslems es befremdlich finden, wenn eine Frau keinen Schleier oder kein Kopftuch tragen möchte.

Wenn es hierzulande absolut frei zugehen würde und es keinerlei ungerechtfertigte Zwänge gäbe, dann hätten wir das Recht, uns über solche Bräuche in anderen Ländern aufzuregen. Aber solange es so etwas hier bei uns auch gibt, haben wir kein Recht dazu. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Freundliche Grüße
von Garfield


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