Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Religion?

Nick, Tuesday, 23.12.2003, 12:02 (vor 8080 Tagen) @ Peter

Als Antwort auf: Re: Religion? von Peter am 22. Dezember 2003 23:02:24:

Hallo Peter.

...insgesamt mehr Gründe, als ich hier vernünftigerweise diskutieren könnte.

Ich auch nicht. Mir ging's aber nicht um die "Geschichte Asiens", sondern um ihre meiner Ansicht nach z.T. idealisierte und naive Rezeption hier im Westen.

An unseren Früchten müssen wir uns erkennen lassen. Wobei ich glaube, dass eine Gesamtbilanz weder für Christentum noch für Buddhismus so schlecht ausfällt.

Das sehe ich haargenau so. Für beide. Und hatte es ja auch genau so geschrieben. Die Differenz hatte ich woanders gemacht.

Feminismus ist, und da stimme ich dir zu, keine Zufallserscheinung sondern Teil der Zeitströmung, die alte Formen wegspült. Aber gleich gegen die ganze Zeitströmung zu sein, fiele mir nicht ein, denn sie gibt dem Einzelnen viele neue und gute Möglichkeiten zur Entwicklung. Er hat damit größere Verantwortung für sich selber, und das ist gut.

Das sehe ich nun völlig entgegengesetzt. Zunächst: der Feminismus spült eben nicht nur Formen, sondern Inhalte weg; der Archetyp der Liebe selbst wird zum Kalkül, zum Zweck, zur Ware. Und allgemein: die angeblich "guten Möglichkeiten zur Entwicklung des Menschen" sehe ich nicht; das halte ich für eine auf tönernen Füßen gebaute, geradezu lebensgefährliche Illusion. Statt "größerer Verantwortung für sich selbst" erkenne ich weithin das gerade Gegenteil, nämlich eine gewaltig um sich greifende Verödung, Verzweckung, Entfremdung und Kollektivierung fast aller Menschen. Und das wäre, wenn es denn zutrifft, eben nicht "gut".

(Disneyland:) Warst du schon mal da? Ich noch nicht, aber wenn meine Kinder es mal wollen, würde ich wohl reingehen - und erwarten, dass sie nicht an die Mickey Mouse glauben.

Das ist jetzt schon etwas arg polemisch, oder? "Disneyland" ist hier doch erkennbar eine Metapher für eine weltweite, fiktionale Trivialkultur, die den Menschen gleichschaltet und ihm "Unterhaltung" bietet, aber eben keinen inneren Halt. Und das beklage ich - weil so eine totale Entäußerung ans Banale nicht gut gehen kann. Und objektiv unnötig ist. Das reale Disneyland selbst ist unwichtig, egal, nebbich... warum soll man da nicht mit den Kindern hingehen, wenn man schon mal da ist.

Das christliche Abendland ist tot. Irgendwann zwischen dem dreißigjährigen Krieg und dem siebenjährigen Krieg muss es geschehen sein, die französiche Revolution war nur noch der Grabstein. Das Abendland brachte es alleine noch auf einige Jährchen mehr, bis es im europäischen Bürgerkrieg von 1914 bis 1945 gewaltsam unterging, nicht ohne aktive Mithilfe konservativer Abendlandfürsprecher aus deutschen Landen.

...mit denen ich jetzt in deinen Augen identifiziert bin? Ich kenne das verbreitete Bedürfnis zu "schubladisieren" - und baue doch lieber mal prophylaktisch vor: hast du ein inneres Bild von mir mit Pickelhaube und Monokel, oder so? Man weiß ja nie... :-))

Deine formale Analyse der Entwicklung vom ersten Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) bis zum zweiten (1914-1945) teile ich - aber das Ergebnis sehe ich nicht als fait accomplis. Die Glut unter der Asche ist noch heiß - und sehr lebendig. Der Verlust, wenn sie tatsächlich erlösche, wäre für alle viel zu groß, als daß ich das einfach so hinnähme. Und die Hoffnung auf menschliche Einsichtsfähigkeit, Lernvermögen und Umkehr mag ich nicht durchweg aufgeben.

Welche Alternative gäbe es denn realiter auch? In der Tat nur noch "Globalisierung" - und zwar verstanden als endgültiger weltweiter Siegeszug des vulgärsten Kapitalismus: Vernutzung des Menschen für abstrakte Unersättlichkeit und hemmungslose Gier. Siehst du die radikale Entwertung des Humanen denn nicht?

Meine Mentalität ist da anders: wenn ich vor eine inakzeptable Wahl gestellt werde, dann wähle ich nicht, dann kämpfe ich. Mit allem, was mir zur Verfügung steht. Der "Ort" dafür ist natürlich nicht v.a. hier im Internet...

Das Christentum ist, Gott sei Dank, nicht an das Abendland gebunden und wird, so hoffe ich, auch weiter Menschen begeistern und ihnen gute Wege weisen, in Freiheit und jenseits von Hass- und Misstrauensideologien wie dem Feminismus.

Dem stimme ich natürlich gelassen und mit ruhiger Zuversicht zu. Aber: eben gerade deswegen lege ich auch "ein gutes Wort" ein, unser demoliertes Abendland nicht so leichthin aufzugeben, als wäre es irgendwelcher wertloser Dreck und Abscheu (warum denn nur, um Himmels Willen?!), sondern diese "guten Wege" auch hier wieder aufmerksamer zu suchen und vom überwucherten Dornengestrüpp freizumachen. Diese Wege existieren nämlich nach wie vor. Und andere stehen uns nicht wirklich zur Verfügung, meine ich. Illusionäre Hoffungen auf "irgendwas" - oder gar auf "Versprechungen des Marktes" - sind keine akzeptable Alternative für mich.

Wenn ich damit Verärgerung auslöse, nun, dann tut es mir leid; aber ich sehe es so - und sage es deshalb auch so. Ich kann nur meine eigene Ansicht vertreten, nicht die von anderen Leuten.

Es gibt keinen Grund zu sagen, was alle sagen. Und für andere keinen Grund, meinen Ansichten zuzustimmen.
Aber drüber nachdenken kann man ja mal, oder? Mehr will ich hier schließlich nicht... :-)

Herzlichen Gruß an dich
vom Nick

P.S.: Frohe und gesegnete Weihnachten!


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