Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Re: Religion?

susu, Sunday, 21.12.2003, 05:57 (vor 8083 Tagen) @ Arne Hoffmann

Als Antwort auf: Religion? von Arne Hoffmann am 19. Dezember 2003 22:56:57:

Hallo Arne

in den letzten Tagen bin ich von einer religionskritischen Zeitschrift gebeten worden, mal wieder einen Artikel zum Thema Männerrechte zu schreiben. Wir wissen aber noch nicht ganz, wie wir das aufziehen sollten. Eine der Fragen, die mir im Laufe unseres Schriftwechsels gestellt wurden, fand ich ganz spannend: "Sind Ihre Forderungen ein Indiz dafür, dass wir tatsächlich in einer vollkommen säkularen Gesellschaft leben, oder könnten Sie sich vorstellen, dass auch Männer in religiös geprägten Gesellschaften ähnliche Forderungen überhaupt stellen müssten?" Nun, wenn ich an die großen Weltreligionen denke, fällt mir in erster Linie Frauenunterdrückung ein. Kennt sich hier jemand gut genug aus, dass er weiß, ob und wo es im religiösen Zusammenhang Benachteiligung von Männern gibt?

Die Frauenunterdrückung des Christentums (ich bin auf dem Gebiet an ehesten bewandert) ging einher mit einer sich z.T. noch stärker äußernden Unterdrückung "verweiblichter" Männer. So gab es im Mittelalter eine Verfolgung männlicher "Sodomiten" (also: Homosexueller), nicht aber weiblicher. Auch der christliche Anti-Semitismus wurde u.a. mit der Begründung, jüdische Männer seien verweiblicht, legitimiert (dieser Gedankengang hielt sich bis in die Neuzeit. Selbst Freud, der selbst Jude war, kam zu diesem Ergebnis). Ergebnis dieser Form von Haß waren die diversen Pogrome.

Ich würde allerdings erklären, daß die Regelementierung des Geschlechts in einer Religion nur so stark ist, wie ihr Machtanspruch. Politische Religiösität mischt sich am liebsten in die privatesten Angelegenheiten ihrer Subjekte ein: Deren Sexualität und Geschlecht. Je weniger eine Religion (oder eine Teilgruppe einer Religion) politische Macht hat, oder haben will, desto weniger wird sie diese Bereiche einschränken. Eine Kirche, die noch immer den Anspruch hat, die Welt zu regieren (urbi et orbi) kann keine schwulen Bischöfe haben. Eine islamistische Regierung, wie das Taliban-Regime, muß den Frauen Vollschleier vorschreiben und den Männern Steinung für Rasur in Aussuicht stellen.

Ein gutes Beispiel dafür, daß Geschlechterdichotomie ein Machtinstrument ist, dessen sich auch Religionen gern bedienen ist der Übergang der christlichen Urkirche zur Staatsreligion des römischen Reiches. Die Urchristen erlaubten das Priesteramt für alle, kaum daß das Christentum annerkannt war, waren nur noch Männer zugelassen. Und zwar seit immer. Noch heute beruft sich die katholische Kirche auf ihre Tradition, in der es nie weibliche Priester gegeben habe...

susu


gesamter Thread:

 

powered by my little forum