Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Naja ...

Dirk, Sunday, 21.12.2003, 23:00 (vor 8082 Tagen) @ Lars

Als Antwort auf: Naja ... von Lars am 20. Dezember 2003 14:24:04:

Hallo Lars,

nimm es nicht persönlich, aber ich mußte mal meinem Frust wieder Luft machen. Ist gut fürs Herz.<g>

Sicher ist auch im Bereich der Religionen nicht alles einseitig als Frauenunterdrückung zu sehen, aber einem Sachverhalt kommt man doch zumindest im Islam und im früheren Christentum nicht vorbei: Der Mann muss sich dort gewiss den Ge- und Verboten der Religionsausleger fügen, aber niemals muss er sich den Befehlen EINER FRAU fügen (außer vielleicht als Kind denen der Mutter). Die Frau dagegen muss sich ebenfalls den Ge- und Verboten der (ausschließlich männlichen) Religionsausleger fügen UND dann auch noch der unmittelbar häuslichen Autorität ihres Ehemannes.

Ganz so einseitig ist auch das nicht zu sehen. Natürlich gab es derartige Vorschriften im frühen Christentum und im Islam. Aber welche Frau hält sich schon ernsthaft an die Vorschriften ihres Mannes? Das glaubst Du doch wohl selber nicht. Gerade in den betreffenden Ländern sind 12 Stunden Arbeitstage keine Seltenheit. Dazu kommt noch der Arbeitsweg und 6 bis 8 Stunden Schlaf. Was meinst Du wieviel Zeit da noch zum „Befehle“ geben da ist? Im Endeffekt bestimmt die Frau voll- und eigenständig was in der Familie gemacht wird. Seine Vorschriften muss sie de facto nur sehr grob berücksichtigen. Und Frauen finden immer Ausreden, weshalb dieses oder jenes nicht gemacht werden konnte. Im Übrigen hat sie während der 12 oder mehr Stunden freie Hand, freie Zeit- und Arbeitseinteilung - ohne dass sie Anordnungen erhält. Ganz im Gegensatz zu ihrem Mann der als erwachsene Person (!) beliebig viele Befehle und Vorschriften seines Arbeitgebers zu berücksichtigen hat - und zwar den ganzen Tag lang. Und das auch nur in Friedenszeiten. Im Krieg ist es um Großenordnungen schlimmer. Insofern geht es ihm auch was das Thema „Vorschriften“ betrifft nicht besser sondern eher schlechter als seiner Frau. Auch wenn eine Frau, die Vorschriften bekommt, das verständlicher Weise als lästig empfindet.

Diese ist zwar mit der unerfreulichen Pflicht verbunden, den Lebensunterhalt für die Familie ranzuschaffen (sowie der Haftung für Verfehlungen seiner Frau(en)/Kinder) - und das kommt in der Tat in der öffentlichen religionskritischen Debatte zu kurz -, aber er hat zumindest noch "seine eigenen 4 Wände", in die er sich zurückziehen kann.

Machst Du Witze? Mal abgesehen von dem Stress einer beruflichen Tätigkeit meinst Du doch nicht ernsthaft, dass es gerechtfertigt ist, dass er für die Verfehlungen und Straftaten seiner Familie zur Rechenschaft gezogen wird. Insbesondere dann, wenn er gar nicht da ist und deshalb nicht einschreiten konnte. Im übrigen kommt das in der Debatte nicht zu kurz. Nachteile von Männern werden mit einer derartigen Frechheit und gegen jede Logik geleugnet, daß es noch zu mild wäre, von Ignoranz zu sprechen. Und wie, bitte schön, soll er sich in seine eigenen vier Wände zurückziehen, wenn er seiner Berufstätigkeit nachgeht oder wegen seiner Frau im Knast sitzt? In die eigenen vier Wände zurückziehen kann wohl eher die Frau (mit all den Einschränkungen, die eine streng ausgelegte Religion allen Menschen aufbürdet).

Und sie muss diese Befehle von ihrem Ehemann entgegennehmen, was wiederum völlig unvereinbar ist mit unserer modernen Vorstellung von der Liebesheirat.

Na, so weit her ist es mit der Liebesheirat bei uns aber auch nicht. Da im letzten Jahr bei uns knapp 400.000 Ehen geschlossen und mehr als 200.000 Ehen geschieden wurden, kann mit den Liebesheiraten auch nicht alles in Butter sein. Da würde man es sich wünschen, daß die Leute mehr den Verstand als das Gefühl einschalten würden! Und sieh Dir mal viele „intakte“ Ehen nach der Liebesheirat an. In wie vielen Familien erteilt die Frau regelmäßig ihrem Mann Befehle? Es dürfte die Mehrzahl betreffen. Und wenn es nur um solche Sätze geht wie „Wir müßten mal wieder...“, was nichts anderes bedeutet als „Es wird Zeit, daß DU das endlich erledigst.“, dürften es wohl fast alle sein.

Von daher ist es schon verständlich, wenn einem beim Stichwort Islam zuerst einmal die Situation der Frauen einfällt.

Nein, ist es eben nicht. Niemand behauptet, daß die Situation der Frauen dort toll ist, aber die der Männer ist es auch nicht. Doch der Grund, weshalb einem bei diesem Stichwort zuerst die Situation der Frauen einfällt, ist die einseitige und ignorante Berichterstattung, mit der man regelmäßig berieselt wird.

Du übersiehst dabei, daß im Falle der Erwerbslosigkeit oder der kriegsbedingten Erwerbsunfähig des Mannes die Frau in den islamischen Gesellschaften ja genauso arm dran ist wie ihr Mann! (Oder wenn ihr Mann sie verstößt!)
- Dem steht der Nachteil gegenüber, auch in den eigenen vier Wänden (man male sich die psychologische Situation aus!) quasi rechtslos und auf Gedeih und Verderb vom Mann (der die Frau verstoßen kann!) finanziell abhängig sein.

Kommt Dir das nicht irgendwie bekannt vor? In Deutschland und anderen westlichen Zivilisationen kann eine Frau grundlos die Scheidung einreichen, die Kinder mitnehmen, die Kleinen dem Vater entfremden und obendrein dem Mann auch noch finanziell das Fell über die Ohren ziehen. Alles legal oder zumindest straffrei geduldet. Und wenn ich mir das „Gewaltenschutzgesetz“ ansehe, das praktisch ausschließlich zu Gunsten der Frauen ausgelegt wird, steht der Mann in Deutschland rechtlos in seinen eigenen vier Wänden da. Wir haben in Sachen Familien-, Sozial- und Scheidungsrecht de facto islamische Zustände, nur mit umgekehrten Vorzeichen! Nur, daß man das hierzulande nicht als Benachteiligung der Männer sondern als „Gleichberechtigung“ bezeichnet.

Wenn man außerdem mal bedenkt, daß im islamischen Bereich ja die Mehr-Kinder-Familie die Regel ist, und das Hausfrau&Mutter-sein bei MEHREREN Kindern unter den dortigen Bedingungen ein Full-Time-Job ist

Das ist der einzige Punkt, an dem ich Dir vollkommen Recht gebe. Allerdings ist das keine unzumutbare Härte, denn die Berufstätigkeit ist auch ein Full-Time-Job. Und im übrigen haben deutsche Frauen statistisch gesehen 1,2 Kinder und damit definitiv keinen Full-Time-Job. Und ich weiß wovon ich rede, denn ich war mit meinem Kind auch zu Hause. Mit einem Kind ist es Fun, erst ab zwei Kindern wird es anstrengender.

Ich jedenfall würde lieber als Mann denn als Frau im Iran leben (wenn es denn schon sein müßte)!
Zumindest in Friedenszeiten würde ich in islamischen Gesellschaften niemals mit der Frau tauschen wollen.

Natürlich haben Frauen Nachteile in der islamischen Gesellschaft. Niemand der klar denken kann, wird das leugnen. Sie haben aber auch Vorteile und nicht nur in Kriegszeiten. Und Männer haben auch Nachteile in Friedenszeiten. Der Hauptgrund, weshalb Du Dir nicht vorstellen kannst zu tauschen, ist vermutlich recht simpel: Der Lebensstandard in den hier betrachteten Ländern liegt, egal ob für Frauen oder Männer, um Größenordnungen schlechter als bei uns. Wenn man aber als Beispiele arabische Staaten mit vergleichbaren oder besseren Lebensbedingungen als bei uns wählt (z.B. VAE oder Oman), sieht die Sache schon anders aus. Trotz aller Nachteile, die Frauen im Islam besitzen, behaupte ich, daß es jeder Frau in diesen Ländern mit gehobenen Lebensstandard besser geht als den Männern in Deutschland und anderen feministisch verseuchten Gebieten.
Und selbst wenn man den umgekehrten Fall betrachtet (Ein Mann aus diesen Ländern würde mit einer Frau bei uns tauschen), wäre er nicht so schlecht bedient und würde sich sicherlich recht gut arrangieren. Er würde zwar eine Reihe von islamischen Rechten verlieren, andere Rechte jedoch hinzu gewinnen. Gleichzeitig wäre er nahezu aller Pflichten entledigt. Mal abgesehen vom biologisch bedingten Kinderkriegen. Aber dafür kann man niemand verantwortlich machen. Nicht einmal die Männer und das will in Deutschland schon etwas heißen.

Was mich aber am meisten ärgert ist folgendes: Es werden einseitig die Benachteiligungen der Frauen in den Ländern der dritten Welt beklagt und hervorgehoben. Und anschließend kommt der logische Salto: Weil, wie man ja an den Beispielen eindeutig sieht, Frauen WELTWEIT benachteiligt werden, müssen Maßnahmen ergriffen werden, um Frauen zu fördern. Allerdings meinen die Feministinnen dann Fördermaßnahmen hierzulande, wo Frauen ohnehin schon beliebig bevorzugt werden. Und so ein Verhalten ist in meinen Augen ein krasser Fall von Sozial-Schmarotzertum.

Gruß Dirk


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