Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Staatsgläubigkeit

Garfield, Thursday, 24.03.2011, 19:07 (vor 5413 Tagen) @ Bero

Hallo Bero!

Primäre Aufgabe der Post ist der schnelle und zuverlässige Transport von Gütern.

Ja, da hapert es ja auch schon lange. Zufällig war es so, daß ich in der Zeit, als bzw. nachdem die Post privatisiert wurde, viele Briefkontakte hatte. Anfang der 1990er Jahre war es noch so, daß mir nie ein Brief verloren gegangen ist. Dann wurden Mitte der 1990er Jahre nach und nach in ganz Deutschland automatische Sortier-Zentren eingeführt. Von da an verschwanden immer wieder mal Briefe. Ich nehme an, die sind dann wohl in den Maschinen irgendwo hängen geblieben, und weil zu wenig Personal da war, wurde das nicht bemerkt, und die Briefe wurden dann wahrscheinlich so zerfetzt, daß sie nicht mehr zustellbar waren.

Seit der Privatisierung haben wir hier den Standard E+1. Das ist es, was mich als Postkunde vor allem interessiert.

Mich interessieren als Postkunde keine Standards. Ich möchte sicher sein, daß ein Brief, den ich aufgebe, ankommt. Und daß ein Brief, der mir geschickt wird, ebenfalls ankommt. Das ist aber heute weniger sichergestellt als früher. Ich habs auch schon mehrmals erlebt, daß Briefe mit wirklich wichtigen Unterlagen oder Dingen verschwunden sind. Z.B. ein Brief mit einer neuen EC-Karte, den meine Bank mir zugeschickt hatte.

Da kannst du mir jetzt soviele Standards und Normen aufzählen, wie du willst - das ist für mich vollkommen irrelevant.

Die Preise sind gestiegen, richtig.

Das habe ich erwähnt, weil früher immer wieder behauptet wurde, daß Privatisierung zu Preissenkungen führen würde. Das ist jedoch definitiv nicht der Fall, obwohl die Deutsche Post massiv Personal abgebaut hat.

Meine Erfahrung in den ausgelagerten Postfilialen ist, dass die Kompetenz der Mitarbeiter erstaunlich gut ist...

Dann hast du Glück. Das ist nämlich Glückssache. Es gibt kleine Kioske, wo der Chef in den Hauptgeschäftszeiten, wenn auch der Postschalter offen ist, immer selbst im Laden steht. Der kennt sich dann üblicherweise gut aus, weil er das ja ständig macht. In Läden, wo tagsüber immer Aushilfskräfte arbeiten, sieht das aber ganz anders aus. Die kriegen mal kurz erklärt, wie man das System startet und runterfährt und wie man ein Paket annimmt. Und wenn du da mit einem Wunsch kommst, der etwas ausgefallen ist, und gerade niemand da ist, der sich damit auskennt, dann stehen die vollkommen im Wald.

Beispiel Telekom: ist dieses immer noch nicht voll privatisierte Unternehmen im Vergleich mit seinen Mitbewerbern (etwa vodafone, O2, Kabelbetreiber) eher für bessere oder schlechtere Effizienz und Service bekannt?

Na ja, die Konkurrenten der Telekom sind ja auch private Firmen, die auch fleißig im Personal sparen. Im übrigen haben die auch lange auf Kosten der Telekom fleißig gespart. Anfangs war es ja noch so, daß die Telekom Anschlüsse kostenlos einrichten mußte. Wenn dann jemand zur Konkurrenz kam und da einen ganz neuen Anschluß haben wollte, dann sagte man ihm, daß das leider etwas kostet, daß er es aber auch deutlich günstiger haben kann, wenn er erstmal zum T-Punkt geht, sich von der Telekom gratis den Anschluß einrichten läßt und danach zur Konkurrenz wechselt.

Die Telekom steht im Vergleich zur konkurrenz recht gut da, aber nicht, weil sie so überragend tollen Service hat, sondern weil der Service bei den - schon immer privaten - Konkurrenten teilweise wirklich grottenschlecht ist.

Ich weiss nicht, ob du das Kostenmanagement bei Behörden kennst?

Ich glaub dir ja gern, daß das bei Behörden problematisch ist. Das wiegt aber die Nachteile durch Privatisierung nicht auf.

Im übrigen werden auch Staatsbetriebe heute in der Regel wie Privatfirmen geführt, nur dass der Staat eben die Anteile hält.

Ja, aber der Staat hat dann eben auch die Möglichkeit, da stärker Einfluß zu nehmen. Letztendlich legen ja die großen Anteilseigner fest, was oberste Priorität hat. Wenn die sagen, daß der Gewinn am wichtigsten ist, dann ist das so und wird entsprechend nach unten kommuniziert. Wenn dagegen - bei gefährlichen Anlagen - die Sicherheit oberste Priorität hat, dann ist das eben auch so, und dann kann auch mal Sicherheit vor Gewinnstreben kommen.

Wie gesagt, du scheinst dir da einige Illusionen über die Abläufe in staatlichen Betrieben zu machen. Von dem Schlendrian und der Schlamperei dort ganz zu schweigen.

Schlamperei gibt es auch in der Privatwirtschaft. Du hast ja selbst gerade geschrieben, daß staatliche Firmen genauso von Managern geleitet werden. Und große Konzerne entwickeln sich sowieso hin zu ähnlichen Zuständen, wie es sie in staatlichen Behörden gibt.

Und das geschah merkwürdigerweise in einem System, in dem alles staatlich war und es nach deiner Theorie keine Nachklässigkeiten aus Kostengründen geben dürfte.

Das war in der Sowjetunion. Die Sowjetunion war eine offene Diktatur, die sich nicht sehr um die Sorgen und Nöte der Bevölkerung scherte und wo sich die obersten Parteibonzen für die Avantgarde des Proletariats hielten. Wenn da jemand das Vertrauen der hohen Funktionäre gewonnen hatte, dann hatte der absolute Narrenfreiheit. Da gabs doch auch mal jemanden, der ernsthaft behauptete, man könne z.B. aus einem Gerstenkorn eine Weizenpflanze ziehen. Natürlich konnten da auch Atomphysiker machen, was sie wollten, wenn sie das vor den Parteifunktionären nur plausibel erklärten.

Wir leben zwar prinzipiell auch in einer Diktatur, aber nicht in einer offenen. Hier ist die Politik gezwungen, dem Volk vorzugaukeln, daß sie in seinem Interesse handelt. Das kann durchaus Korrektur-Effekte haben, die in der Sowjetunion so überhaupt nicht möglich waren.

Hätten wir tatsächlich eine Demokratie, dann wäre das noch einfacher.

...ein Privatunternehmen hat naturgemäss jedes erdenkliche Interesse an zuverlässiger Sicherheit. Denn eine Havarie schadet dem Unternehmen ganz direkt, durch Kosten und Imageverlust, bis zum Ruin bei der Grössenordnung wie jetzt in Fukushima.

Ja, aber du siehst doch, daß es immer wieder solche Unglücke gibt und daß die immer wieder durch unterlassene Vorsichtsmaßnahmen zumindest mit verursacht werden. Manchmal werden sie sogar einzig und allein dadurch verursacht.

Oft war es vorher so, daß Sicherheitsmaßnahmen nach und nach eingespart wurden. Das ging zunächst gut, also hoffte man, es würde weiter gut gehen. Die Anweisungen dafür kamen mit Sicherheit auch gar nicht von ganz oben. Von ganz oben kam dann immer nur die Anweisung, daß man effizienter werden müsse, daß also mehr Reibach fließen muß. Ja, und dann überlegt man in den mittleren bis unteren Führungsetagen, wie man das hinbekommen kann. Jeder will vor seinen Vorgesetzten gut dastehen, also fängt man an zu tricksen. Manchmal ist es auch einfach nur so, daß man soviel Personal abgebaut hat, daß die Arbeiter ganz unten einfach keine Zeit mehr haben, um alle Sicherheitsvorschriften zu beachten. Sowas wird noch dadurch begünstigt, daß man Betriebswirtschaftler anstelle von Ingenieuren auf Führungsposten setzt. Die sehen dann nur noch ihre Excel-Listen und wissen überhaupt nicht mehr, was sie anrichten, wenn sie die Leute an der Basis zu sehr unter Druck setzen. So geschehen vor der Katastrophe mit der BP-Bohrinsel.

Das staatliche Töpfchen für die Beseitigung von Katastrophenfolgen dagegen wird nie leer, ganz egal, wie viel verbraucht wird.

Davon profitiert ja die Privatwirtschaft genauso. In Japan setzt man jetzt auch Feuerwehr und Armee ein.

In Behörden und in der Politik sitzen auch Leute, die um ihre guten Posten fürchten müssen, wenn in ihrem Verantwortungsbereich etwas Schlimmes passiert. Bei so einer Katastrophe wie der jetzt in Japan kann das auch nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Deine (typisch deutsche, seit Kaisers Zeiten) Staatsgläubigkeit

Ich bin nun wirklich nicht staatsgläubig. Ich denke nur, daß der Staat manchmal das kleinere Übel ist, verglichen mit der privaten Wirtschaft, wo immer nur der Reibach zählt.

Freundliche Grüße
von Garfield


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