Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat

ein weiterer Andreas, Tuesday, 28.12.2004, 21:59 (vor 7708 Tagen) @ Paul

Als Antwort auf: Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat von Paul am 28. Dezember 2004 17:38:56:

Diese Ungleichverteilung von Vermögen ist übrigens typisch für alle freien Märkte und auch unter dem Namen "Pareto-Prinzip" oder "80/20-Regel" bekannt ...

Das Pareto-Prinzip ist aber etwas anderes. Als Pareto-optimal gilt bei gegebener Ausgangsverteilung der Güter ein durch Tausch erfolgter Endzustand, bei dem kein Individuum noch besser gestellt werden kann, ohne ein anderes schlechter zustellen. Grundlage ist hierfür, daß die Individuen für die einzelnen Güter unterschiedliche Nutzenpräferenzen haben. Der eine hat im Ausgangszustand viel Brot, und wenig Äpfel, hat aber einen großen subjektiv empfundenen Nutzen aus Äpfelverzehr und nur einen sehr geringen aus Brotverzehr. Beim anderen mag es genau umgekehrt sein. Er hat im Ausgangszustand viele Äpfel und wenig Brot, aber eine große Präferenz zu Brot und eine geringe zu Äpfeln. Wenn beide tauschen, eine gewiße Anzahl Brot gegen Äpfel, stehen sie nachher gemessen an ihren jeweiligen Präferenzen beide besser da. Der optimale Zustand heißt "Pareto-Optimum."

Die Allokationstheorie hat nachgewiesen, daß bei vollkommenem Wettbewerb (keine Markteintrittsbarrieren, vollkommene Information aller Marktteilnehmer etc. pp.) jedes Wettbewerbsgleichgewicht (Angebot = Nachfrage) ein Pareto-Optimum ist und umgekehrt jedes Pareto-Optimum über den Wettbewerb zu erreichen ist.

Der Haken an der Sache liegt in der Willkürlichkeit der Ausgangsverteilung. Das Pareto-Optimum, dass durch Wettbewerb erreicht wird ist abhängig von der Ausgangsverteilung der Güter. D.h. es gibt so viele Pareto-Optima wie Ausgangsverteilungen. Wenn ein Bettler und ein Millionär etwas zu tauschen beginnen, dann endet das in einem Endzustand, der zwar noch fast genau einseitig in der Güterverteilung ist wie der Ausgangszustand, aber dennoch ein Pareto-Optimum darstellt. Der Wert der Pareto-Sichtweise ist also ein sehr begrenzter, da relativer. Die Pareto-Überlegung ist sozial blind

Unabhängig davon stimme ich Dir aber zu Deinen 80/20-Aussagen inhaltlich zu. Das sehe ich genauso.

Wobei man speziell bei der Wirtschaft dagen muss, dass alle Versuche, diese Ungleichverteilung durch Umverteilung zu beseitigen, oft zu grösseren Problemen führen. M.E. ist das deswegen nicht unbedingt sinnvoll. Sinnvoll ist aber durchaus, am unteren Ende der Range regulierend einzugreifen, ursprünglich war das ja auch die Idee hinter der sozialen Marktwirtschaft.

Ja. Genau da ist die Schwierigkeit. Und da genau setzt die wohltuende regulierende Kraft eines gesamtgesellschaftlichen Grundkonsenses ein, der das, was der Wettbewerb aufgrund seiner sozialen Blindheit nicht zu bewerkstelligen in der Lage ist, schafft: sozialer Ausgleich im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Einbindung ansonsten egoistischer auseinanderstrebender Partikularinteressen. Das Rußland der Nach-Sowjet-Ära leidet am Mangel an einer solchen Gemeinschaftsidee. Deshalb gibt es dort die Abramoviche auf der einen Seite und die Armenheere auf der anderen. Bei uns ist diese Gemeinschaftsidee dabei sich aufzulösen, bzw. an Bindungskraft zu verlieren - und das auf allen gesellschaftlichen Ebenen, nicht nur in der Wirtschaft und im Geschlechterverhältnis.

Aber zurück zum Thema Paretoprinzip und Geschlechterkampf: Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, daß die "sexuelle Revolution" ihren Anfang ausgerechnet in der "linken Ecke" nahm? Denn die sexuelle Revolution kann - hier stimme mit Houllebecq überein - durchaus als nichts andere verstanden werden als eine Deregulierung des Partnermarktes, etwas, was konzeptionell dort ("links") eigentlich nichts zu suchen hat.

Ja vollkommen kurios. Auf dem Gebiet des Geschlechterverhältnisses betätigen sich die Linken de facto als Radikal-Thatcheristen wohingegen kulturkonservative Kreise wie beispielsweise die katholische Kirche de facto als Sozialisten aggieren. Ball paradox.

Umgekehrt assoziert man mit dem rechten Teil des politischen Spektrums - der eher marktliberalistischen Ideen aufgeschlossen ist - eine wesentlich rigidere Sexualmoral.

Da hat aber schon Theodor von Hayek, der geistige Mentor von Frau Thatcher darauf hingewiesen ("Verfassung der Freiheit"), daß die Liberalität im seinen Sinne nichts mit Wertkonservativität zu tun habe. Der Liberale will die Kräfte entfesseln, da er aus dem freien Spiel die maximale Segenswirkung erwartet. Der Konservative will an bewährten, traditionellen Verfahrensweisen festhalten. Das ist durchaus ein Gegensatz. Daß die Konservativen Parteien in Europa liberale Position verfechten - jedenfalls auf dem Wirtschafts- und Sozialpolitik - zeigt, daß es keinen Konservativismus mehr gibt. In den 80er Jahren war Labour sozialistisch und die Torries liberal, Konservatismus gab's in England gar nicht mehr. Bei uns waren während der Kohl-Ära SPD und CDU sozialistisch. Jetzt ist die SPD liberal geworden, die CDU hinkt hinterher und die FDP hat das Problem, wie sie unter lauter liberalen überhaupt noch ein Profil behalten soll. Lafontaine und die CSU wollen sozialistisch bleiben.

Was steckt dahinter? Ist es eine Art von Kompensation? Berichten ehemaliger DDR-Bürger zufolge gab es im Osten ja angeblich eine wesentlich grössere sexuelle Freizügigkeit als hierzulande.

Kann ich mangels Erfahrung nix zu sagen. Würde aber durchaus ins Bild passen.

< Und andererseits sind die Länder, in denen marktliberalistische Ideen im Bereich Wirtschaft am weitesten umgesetzt sind - USA und Grossbritannien - diejenigen mit einer eher rigiden Sexualmoral. Zufall?

Das stimmt ganz und gar nicht. Die Engländer sind weitaus kopulationsfreundlicher als die Deutschen. Da ist ein Swingen und Bettenhüpfen, von dem sich der Kontinentaleuropäer gar keine rechte Vorstellung macht. Nichts ist falscher als der Slogan no sex, we're british. Das Gerücht ist wahrscheinlich mit Blick auf die vergangene viktorianische Oberschicht entstanden. Mit dem heutigen England hat das gar nichts zu tun.

Bei den Amerikanern ist es ganz ähnlich! Die Sex- und Porno-Feindlichkeit in der öffentlichen Debatte und in den Medien steht in krassem Gegensatz zur zwangslos, sich verschwendenden Sexualpraxis der Bevölkerung. Niemals würden die nackt oder oben ohne baden, aber im Sexualverhalten sind sie weitaus offener und experimentierfreudiger als die Deutschen. Sie haben viel Sex und unterdrücken nur das ständige Gerede und die öffentliche Darstellung desselben.

Daß das auf uns als Paradoxon wirkt hat meiner Einschätzung nach die Ursache in unserer unterentwickelten Sexualpraxis. Wir brauchen die Pornografie als Krücke, als Ersatz für den unzureichend ausgelebten Sexualwunsch. Deshalb sind bei uns an jeder Tankstelle meterweise die Zeitschriftenregale mit nacktem Fleisch gefüllt. Der Feminismus mit seiner Sexfeindlichkeit fördert so die tieferen Ursachen der Pornoneigung.

Ich habe auch immer wieder von Untersuchungen gehört, die auf einen Zusammenhang zwischen dem Maß sexueller Frustration und Neigung zu politischer Radikalität hinweisen. Das paßt ins Bild. Die klassischen angelsächsischem Demokration haben die freizügigste SexualPRAXIS.

Gruß

Andreas


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